Absolutismus und Nihilismus im täglichen Leben erkennen Einleitung

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Einleitung 

Wenn wir die Lehren Buddhas in einem Wort zusammenfassen wollten, das beschreiben würde, was uns der Buddha versuchte zu vermitteln, wäre dieses Wort glaube ich „Realismus“. Realismus heißt klar zu erkennen, was die Realität ist, sowie sich von der Unwissenheit und der Verwirrung in Bezug darauf zu befreien. Sind wir hinsichtlich der Realität verwirrt und können sie nicht so recht verstehen oder akzeptieren, schaffen wir für uns und andere jede Menge Probleme.

Die Realität ist jedoch nicht so leicht zu akzeptieren oder zu erkennen. Zunächst müssen wir einsehen, dass das Leben wirklich schwierig ist. Es ist kompliziert und in der Welt passieren so viele Dinge. Und da die Welt durch die Globalisierung, das Internet, die sozialen Medien usw. immer vernetzter wird, scheint unser Leben ständig an Komplexität zu gewinnen. Wenn wir erkennen, dass wir auf so vielen Ebenen miteinander verbunden sind und von jedem und allem, was geschieht, beeinflusst werden, wird die Realität unsres Lebens sogar noch komplizierter.

In unserem Zeitalter der Information steht uns, im Gegensatz zur Vergangenheit, so viel Information zur Verfügung, dass es unser Leben ganz einfach komplizierter macht. Für die meisten von uns ist das einfach überwältigend; es ist zu viel. Wir können all das nicht aufnehmen; wir können es nicht verarbeiten und zusammenfügen.

Sich des Augenblicks gewahr zu sein, ändert nichts an der Tatsache, dass das Leben nicht einfach ist 

Da wir als Menschen mit einer bestimmten Art von Körper und Sinnen ausgestattet sind, besteht die natürliche Weise Dinge wahrzunehmen darin, nur das sehen zu können, was sich vor uns befindet. Unsere Sicht, unser Gehör und so weiter sind in ihrem Wirkungsbereich sehr begrenzt. Und auch wenn viele von uns über Multitasking verfügen, gibt es gewisse Grenzen hinsichtlich dessen, wie viele Dinge wir gleichzeitig tun können.

Betrachten wir die gemeinsame Wirkung des Informationszeitalters und unserer natürlichen biologischen Begrenztheit, wundert es nicht, dass wir das Gefühl haben, im Leben mit zu vielen Dingen zurechtkommen zu müssen. In Bezug auf den Geist und die Emotionen wollen wir Dinge vereinfachen. Wir wollen uns nicht mit der enormen Anzahl an Faktoren konfrontieren müssen, die gleichzeitig in unserem Leben und in der Welt auf uns einströmen. Vielmehr wollen wir sie auf eine kleine Nummer von Dingen reduzieren, die wir bewältigen können – auf unsere Familie, unseren Job, oder auf das, was sich gerade im Moment abspielt. Aus diesem Wunsch der Vereinfachung von Dingen fühlen wir uns zu Praktiken wie jenen der „Achtsamkeit“ oder „Vergegenwärtigung“ hingezogen, in der Dinge stark vereinfacht werden, um „einfach im Augenblick gegenwärtig zu sein“, als würde dieser gegenwärtige Augenblick ganz für sich existieren und nicht durch alles andere beeinflusst werden.

Obwohl das Vereinfachen von Dingen durch die Praxis der Vergegenwärtigung das Leben, oberflächlich gesehen, vielleicht einfacher macht, besteht die Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren. Denn in der Realität ist alles miteinander verbunden und alles, was im Leben geschieht, ist unglaublich komplex. Wollen wir also die Dinge vereinfachen, um das Leben leichter meistern zu können, weil wir glauben, das Leben selbst sei simpel, beruht unser Glaube auf Naivität und Verwirrung hinsichtlich der Realität. 

Wie ich schon erwähnt habe, besteht ein weiterer Aspekt der Realität darin, dass wir begrenzte Wesen sind. Schauen wir uns das Wort, das wir für gewöhnlich mit „begrenztes Wesen“ übersetzen, einmal näher an, sehen wir, dass es sich auf jemanden bezieht, der, verglichen mit dem Buddha, einen begrenzten Geist und einen begrenzten Körper hat. Wir haben also Einschränkungen. Das ist die Realität, solch einen Geist und solch einen Körper zu haben, sogar wenn es sich um einen kostbaren menschlichen Körper handelt. Wir werden müde; wir können nicht alles verstehen; es wird uns zu viel – wir sind eindeutig begrenzt und das ist die Realität. Natürlich können wir die Grenzen, die wir glauben zu haben, etwas überschreiten, aber mit dieser Art von Körper und Geist sind wir begrenzt in Bezug darauf, wie viel wir auf einmal wahrnehmen und wie viel wir auf einmal erledigen können. 

Das mangelnde Gewahrsein, sich vereinfachte Bilder vorzustellen, die der Komplexität des Lebens entsprechen 

In unserem natürlichen Drang, Dinge zu vereinfachen, um mit der Komplexität des Lebens klarzukommen, scheint uns die vereinfachte Form der Realität das zu sein, was real ist. Die Realität kommt uns vor wie dieses begrenzte Bild, mit dem unser Geist im Moment fertig werden kann.

Ist die Rede von Unwissenheit, oder, wie im Buddhismus, von mangelndem Gewahrsein, geht es darum, sich nicht bewusst zu sein, dass die Erscheinungsweise der Dinge nicht deren Daseinsweise entspricht – sie entspricht nicht der vollkommenen Realität, der Komplexität des Lebens. Wir sind verwirrt und meinen, sie würde dem entsprechen. Wir denken: „das ist es“, unsere Vereinfachung, unser kleines Bild der Dinge, unser Bild der Wirtschaft oder Ähnliches, wäre die eigentliche Realität. Wir sind der Meinung, die Realität stimme tatsächlich mit unserem vereinfachten Bild der Dinge überein, und hier fangen wir an, Probleme zu bekommen, denn die Realität entspricht diesem Bild der Dinge nicht. 

Um mit der Komplexität des Lebens zurechtzukommen, haben wir verschiedene Konzepte, wie beispielsweise ein ökonomisches Bild der Dinge. Wir versuchen, Dinge in Worte zu fassen, um zu erklären, was vor sich geht; aber die konzeptuellen Bilder und Worte sind im Grunde ebenfalls sehr begrenzt, wenn wir beispielsweise über die völlige Komplexität allen Lebens oder über alle, im gesamten Universum sprechen. Es ist schwer, die Komplexität des gesamten Lebens in ein paar Worte zu fassen; aber um kommunizieren und irgendwie mit dieser Komplexität umgehen zu können, müssen wir sie verarbeiten. Das ist in Anbetracht unseres begrenzten Körpers und Geistes notwendig.

Die Leerheit und unmögliche Existenzweisen 

Die Leerheit oder Leere bezieht sich auf die völlige Abwesenheit jeglicher Existenz in der tatsächlichen Realität, die unserer vereinfachten Version oder unserem vereinfachten Bild des Lebens entspricht. Diese Existenzweise ist ganz und gar abwesend; es gab sie nie. Die Vereinfachung, die wir vornehmen, indem wir unsere Betrachtung auf nur wenige Faktoren im Leben begrenzen, ist so, als würden wir ein Stück der Realität in Plastik einhüllen, um mit ihr zurechtkommen zu können; schließlich glauben wir dann, unser Bild wäre die Realität. Diese Abgrenzungen, durch die wir Teile des Lebens wie in Plastik verpacken und isolieren, sind jedoch lediglich Projektionen unseres begrenzten Geistes. Auf Seiten der Realität gibt diese Abgrenzung durch ein geistiges Umhüllen von Dingen mit Plastik nicht. Die Leerheit oder Leere ist die völlige Abwesenheit dieser Abkapselung von Dingen; so etwas gibt es ganz einfach nicht.

In unserem begrenzten Geist erscheinen Dinge jedoch auf vereinfachte Weise. Das Problem entsteht, wenn wir glauben, diese Vereinfachung würde der Realität entsprechen. Es ist notwendig damit aufzuhören, daran zu glauben, unsere Projektionen würden etwas mit der Realität zu tun haben. Dennoch sind unsere Projektionen das, was uns durch die Begrenztheit unseres Körpers und Geistes erscheint. Fachlich ausgedrückt handelt es sich um eine fehlerhafte Betrachtung; wir halten etwas Falsches für wahr. Ungeachtet dessen ist es aber notwendig zu erkennen, dass die Dinge so für uns erscheinen und wie eine Illusion sind – sie scheinen wahr zu sein, sind es aber nicht. Aber sie sind das, was in Erscheinung tritt.

Nun ist es wirklich interessant, dass die Dinge für den Einen auf eine etwas andere Weise erscheinen, als für den Anderen. Das können wir an einem kleinen Beispiel betrachten, wie einer Familie, in der es einen Konflikt gibt. Jede Person in der Familie vereinfacht die Situation zu einem Bild und nimmt alles, was in der Familie stattfindet, in Bezug auf das eigene vereinfachte Bild wahr. Beispielsweise meint man dann: „du hörst mir nie zu“ oder „du würdigst mich nie“. Die Situation erscheint für den Mann ganz anders als für die Frau oder für das Kind. Jeder hat eine begrenzte und vereinfachte Sichtweise in Bezug darauf, was vor sich geht, aber so erscheint es nun einmal für jeden von ihnen.

Ein Beispiel der Extreme von Absolutismus und Nihilismus im täglichen Leben 

Da die Dinge für verschiedene Menschen unterschiedlich erscheinen, gilt es zwei Extreme zu vermeiden, wenn wir mit anderen zurechtkommen wollen. 

Beim Extrem des Absolutismus denken wir: „die Weise, wie es sich für mich darstellt, ist die einzig richtige; alle anderen Sichtweisen sind falsch“, „mir ist es egal, was meine Frau oder meine Kinder denken“ und: „so, wie mir das Familienproblem erscheint, so ist es nun einmal“. 

Bei dem anderen Extrem des Nihilismus meinen wir in Bezug auf dieses Beispiel entweder: „die Weise, wie es sich für mich darstellt, zählt nicht“ oder „die Sichtweise der anderen ist die richtige und meine ist falsch.“ Durch diese nihilistische Position leugnen wir sogar die relative Gültigkeit dessen, wie Dinge für uns erscheinen.

Wollen wir diese zwei Extreme vermeiden, ist es wichtig zu erkennen, dass in Bezug auf dieses Beispiel die Sichtweise eines jeden Familienmitgliedes ihre eigene relative Gültigkeit hat. Es ist nicht so, dass eine wahr und alle anderen falsch sind, oder dass unsere Meinung falsch ist oder nicht zählt. Wenn wir mit einer schwierigen Situation in der Familie zurechtkommen wollen, müssen wir die Gültigkeit der Erfahrung eines jeden in Betracht ziehen und uns damit auseinandersetzen, wie sich die Situation für jedes Mitglied darstellt. Denn das Leben ist komplex, nicht wahr? Und wegen unserer Begrenztheit vereinfachen wir unser Leben mit Konzepten und Bilder, wie: „du liebst mich nicht wirklich.“

Auch wenn wir nur die Sichtweisen jeder Person der Familie in Betracht ziehen, existieren sie nicht wie in Plastik umhüllt, isoliert und unabhängig von dem, was in der Gesellschaft geschieht. Es könnte eine wirtschaftliche Krise oder ein Krieg stattfinden, alles mögliche könnte passieren, nicht nur in unserem Land, sondern überall – wie beispielsweise die globale Erwärmung in unserer globalisierten Welt. All diese Dinge haben auf die eine oder andere Weise einen Einfluss auf jeden, und sie können verschiedene Menschen unterschiedlich prägen. Familienprobleme existieren nicht in einem Vakuum, nur für sich.

Betrachten wir es wiederum aus der Sicht der zwei Extreme, spielt beim Absolutismus nur das, was wir in unserer Familie erfahren, eine Rolle und nichts von dem, was in der Gesellschaft passiert, hat irgendeinen Einfluss darauf. Oder beim Nihilismus meinen wir, was in unserer Familie geschieht würde nicht zählen, denn unsere Probleme wären nur auf äußere Faktoren zurückzuführen. Um es realistisch zu sehen, gilt es also die zwei Extreme zu vermeiden. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass es sich bei der Sichtweise einer jeden Person um die Realität handelt, mit der wir uns konfrontieren müssen – um die so genannte „konventionelle Realität“. Sie ist jedoch wie eine Illusion, da sie absolut zu sein scheint, obwohl sie es eigentlich nicht ist; sie ist lediglich relativ.

Meditation zum Erkennen der zwei Extreme im Leben 

Das ist eine vereinfachte Version dieser Thematik, der wir uns zuwenden wollen, aber ich denke, dass es vielleicht hilfreich sein kann, es zunächst aus einer vereinfachten Sichtweise zu betrachten, obwohl auch sie wie eine Illusion ist – das Thema des Vermeidens der zwei Extreme ist nicht so einfach. 

Ich schlage vor, dass wir uns fünf Minuten Zeit nehmen, um über diese Punkte nachzudenken und zu versuchen, sie mit etwas in Zusammenhang zu bringen, was uns in unserem persönlichen Leben emotional belastet. Am einfachsten geht es wahrscheinlich mit einer emotionsgeladenen Beziehung, die wir mit jemandem haben, ob es sich dabei nun um eine familiäre Beziehung, eine Liebesbeziehung oder eine Beziehung zu jemandem auf der Arbeit handelt. Versucht zu berücksichtigen, dass sowohl unsere Sichtweise, wie auch die Sichtweise der anderen Person begrenzt sind und keine von beiden dem Gesamtbild der Realität entspricht. Dennoch ist es notwendig, beide Auffassungen zu respektieren und zu verstehen, woher sie kommen und wie sie entstanden sind. Beide sind wie eine Illusion, denn keine entspricht vollkommen der Realität der Situation – jede ist ein vereinfachtes Bild. Trotzdem müssen wir aber mit diesen verschiedenen Sichtweisen umgehen und sie ernst nehmen, wenn wir die Situation bewältigen wollen. Es ist wichtig, die zwei Extreme zu vermeiden und nicht zu denken, nur unsere Sichtweise wäre gültig oder unsere Sichtweise wäre völlig irrelevant und dumm, und sie dann zu verdrängen. 

Versucht zu verstehen, wie wir die zwei Extreme hier vermeiden wollen. Eine Weise, die Extreme zu formulieren, wäre zu sagen: „meine Sichtweise ist die einzige reale; nur sie zählt und deine spielt keine Rolle“ – damit würden wir die Sicht des anderen leugnen. Oder wir könnten es umgekehrt sehen und sagen: „nur deine Sicht ist gültig und meine spielt keine Rolle.“ Vielmehr gilt es beide Sichtweisen zu respektieren, während wir uns der Begrenztheit beider bewusst sind.

Mit anderen Worten gilt es, sich mit der illusionsgleichen Wahrheit, der oberflächlichen Wahrheit, der konventionellen Wahrheit, der relativen Wahrheit auseinanderzusetzen – wie auch immer wir das übersetzen wollen. Denkt daran, dass das Leben selbst keine Illusion ist – es ist lediglich wie eine Illusion: die Erscheinungsweise von Dingen scheint wahr zu sein, aber das ist eine Täuschung. Es ist jedoch eine Illusion zu meinen, es würde sich um eine wahre Realität handeln, die der Erscheinungsweise von Dingen entspricht – das ist eine Illusion.

Nehmen wir uns etwa fünf Minuten Zeit und versuchen das auf unsere eigene Erfahrung zu beziehen, insbesondere in einer emotionsgeladenen Beziehung. Auf diese Weise werden wir ein Gefühl dafür bekommen, um was es hier geht und welche Bedeutung es hat.

[Meditation]

Die Reihenfolge von Schritten in der Meditation über die Leerheit dessen, wie Dinge für uns erscheinen 

Wir meditieren darüber in der folgenden Reihenfolge: Zunächst beseitigen wir die falsche Vorstellung in Bezug darauf, wie Dinge für uns erscheinen. Es gilt zu widerlegen, dass es sich bei der Weise, wie es für uns erscheint, um eine wahre Daseinsweise handelt und dann ist es notwendig, nicht nur mit unserem Glauben, es würde der Realität entsprechen, völlig aufzuräumen, sondern auch mit der täuschenden Erscheinung dessen. Das ist die Meditation über die „raumgleiche Leerheit“, das eindeutige Verständnis darüber, dass es so etwas wie eine Realität nicht gibt, die der Erscheinungsweise von Dingen eines begrenzten Geistes entspricht. 

Danach könnt ihr euch dann auf „so etwas gibt es nicht“ fokussieren. Tritt dann die täuschende Erscheinung wieder an die Oberfläche, richtet euch mit dem Verständnis darauf, dass die Weise, wie Dinge für uns und andere erscheinen, nur relativ wahr ist. Fachlich ausgedrückt richten wir uns auf die „illusionsgleiche Leerheit“ – wir nehmen Dinge wahr als wären sie in Plastik gehüllt, verstehen aber indirekt, dass sie frei davon sind, tatsächlich in dieser Weise zu existieren, in der sie erscheinen. In diesem Sinne sind sie wie eine Illusion. Nur so können wir ein angemessenes Verständnis davon haben, wie jede dieser Erscheinungsweisen in Abhängigkeit von unzählbaren Ursachen und Umständen entsteht und dann analysieren, was diese Ursachen und Umstände sein könnten.

Die Notwendigkeit, vor der illusionsgleichen Leerheit über die raumgleiche Leerheit zu meditieren 

Ein häufiger Fehler besteht darin zu denken, wir könnten über die illusionsgleiche Leerheit meditieren, ohne zuerst unser Missverständnis mit dem korrekten Verständnis der raumgleichen Leerheit zu beseitigen. Worin liegt hier der Fehler?

Wenn wir über diese zwei Schritte in umgekehrter Reihenfolge meditieren, würden wir damit beginnen, uns zunächst auf die zwei Gesichtspunkte zu konzentrieren, als wäre jeder wie in Plastik eingehüllt oder als würde es sich um zwei Tischtennisbälle handeln. Ohne zunächst ausdrücklich zu widerlegen, dass Dinge unmöglich wie Tischtennisbälle existieren können, besteht die Gefahr darin zu denken, keiner der Tischtennisbälle wäre absolut, und die Illusion wäre, nur einen für absolut zu halten. Wir würden dann die zwei Tischtennisbälle in Konflikt zueinander betrachten, da jeder in Relation zu seinen eigenen Ursachen und Bedingungen steht. Da wir jedoch nicht zuerst das Missverständnis aus dem Weg geräumt haben, mit dem wir meinen, es gäbe tatsächlich eine entsprechende Realität, in der diese zwei Sichtweisen wie Tischtennisbälle existieren, würden wir untersuchen, wie zwei Tischtennisbälle in Abhängigkeit entstehen, obwohl es so etwas wie Tischtennisbälle nicht gibt. 

Daher gilt es zunächst zu verstehen, dass es so etwas wie Tischtennisbälle nicht gibt, und wenn dann Dinge wie Tischtennisbälle erscheinen und wir erforschen, wie sie in Abhängigkeit entstehen, wird unsere Analyse nicht mit dem Glauben an Tischtennisbälle durchtränkt sein. Es ist so, als würden wir in eine neue Wohnung umziehen – zunächst müssen wir all die Dinge ausräumen, die noch dort sind. Wir können nicht einfach unsere Sachen in die mit lauter Kram angefüllte Wohnung bringen und dann später, wenn wir alles eingeräumt haben, den alten Müll entfernen.

Darüber nachdenken, wie sich eine Situation für einen anderen darstellt 

Es ist nicht einfach darüber nachzudenken, wie sich eine Beziehung, die wir mit jemandem haben, für die andere Person darstellt. Wenn ich „Beziehung“ sage, meine ich hier nicht nur eine intime, körperliche Beziehung mit jemanden, sondern alle Beziehungen – in der Familie, mit Freunden oder auf der Arbeit. 

Tatsächlich ist es sehr schwer nachzuvollziehen, wie es wohl sein mag, sich ständig mit uns selbst in einem Austausch zu konfrontieren. Ich glaube die wenigsten von uns haben eine klare geistige Vorstellung davon, wie wir selbst aussehen. In einer Beziehung sehen wir nur die andere Person; wir sehen nicht uns selbst. Das ist eine vereinfachte Darstellung dessen, was geschieht. Es scheint, als wäre der Anblick der anderen Person alles, was stattfindet; als wäre die Realität ein von mir gedrehter Film. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie es aus der Sichtweise der anderen Person aussieht oder wie es sich für jemanden darstellt, der uns beide zusammen betrachtet. Das ist die Begrenztheit, von der ich gesprochen habe, die durch diese Art von Körper und Geist zutage tritt. 

Sich Dinge aus der Perspektive anderer vorzustellen – nicht nur visuell, sondern auch emotional – ist von enormer Wichtigkeit. Shantideva gibt ausführliche Belehrungen dazu im achten Kapitel von „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“. Dort sagt er: Wenn wir besonders arrogant oder eifersüchtig sind, sollten wir versuchen uns vorzustellen, wie sich unsere Verhaltensweise aus der Sichtweise der anderen Person darstellt, die das Objekt unserer negativen Emotion ist.

Hierbei handelt es sich um eine vorläufige Methode zum Überwinden störender Emotionen, die von Shantideva vor dem neunten Kapitel präsentiert wird, in dem es dann um die Leerheit geht. Das ist äußerst geschickt, denn indem wir zunächst vorläufige Maßnahmen zum Überwinden störender Emotionen ergreifen, können wir sie erst einmal schwächen, und durch das Anwenden letztendlicher Methoden zum Überwinden von Unwissenheit, können wir uns dann völlig von ihnen befreien. Shantidevas Methode des Betrachtens anderer Sichtweisen kann jedoch auch angewandt werden, um uns zu helfen die Relativität in unserer Meditation über Leerheit und abhängiges Entstehen zu verstehen und die Extreme von Absolutismus und Nihilismus zu vermeiden. Wir würden sie anwenden, nachdem wir zuerst unsere Missverständnisse durch die Meditation über raumgleiche und illusionsgleiche Leerheit ausgeräumt haben.

Shantidevas Methode des Austauschens unserer Sichtweise mit der von anderen, beruht darauf, zunächst sich selbst mit anderen gleichzusetzen. Das Prinzip hinter diesem Gleichsetzen ist, dass die Sichtweise von uns und anderen gleichermaßen gültig ist. Die Meinung des anderen mag völlig verrückt sein, aber da sie ihm nun einmal so erscheint, müssen wir uns damit auseinandersetzen. So, wie wir unser Leid und das Leid des anderen gleichermaßen ernst nehmen müssen – was das Prinzip des Gleichsetzens von uns und anderen ist – gilt es auch die Sichtweise, wie Dinge für uns und für andere erscheinen, gleichermaßen ernst zu nehmen. Obwohl es wirklich schwierig sein mag, überhaupt nachvollziehen zu können, wie es sich aus der Sicht der anderen Person darstellt, die uns den ganzen Tag sieht, können wir nicht leugnen, dass diese Sichtweise existiert – sie zu leugnen, wäre das nihilistische Extrem.

Mit dieser Herangehensweise des Gleichsetzens und Austauschens von uns und anderen, können wir viel tiefer gehen. Wir können analysieren, um zu verstehen, dass hinter unserer begrenzten Sicht das Greifen nach einem soliden „Ich“ steht. Es ist, als würden wir denken, wir wären die Einzigen, die wirklich real sind und alle anderen wären nicht real, oder wir meinen: „Nur meine Gefühle zählen; deine nicht.“ All die störenden Emotionen ergeben sich aus dieser Denkweise. Wir hängen an unserer eigenen Position. Wir argumentieren voller Wut: „Dein Standpunkt ist falsch“; oder wir sind vollkommen naiv und akzeptieren nicht einmal die Realität der Sichtweise eines anderen. Wir können ziemlich aggressiv sein, es gar nicht hören wollen und einfach voller Sarkasmus Kritik üben. Wir meinen, unser Standpunkt wäre richtig und hängen an ihm. Die drei giftigen störenden Emotionen sind auf dieses Missverständnis zurückzuführen, denn unbewusst denken wir: „Ich bin der Einzige, den es wirklich gibt; du bist nicht real.“

Betrachtungsweise all dessen im Zusammenhang mit den vier Unermesslichen, Tonglen und den sechs Vollkommenheiten

Dann können wir unsere Analyse mit den restlichen Lehren verbinden, was wirklich schön ist. Hier haben wir ganz klar die vier Unermesslichen: unermesslichen Gleichmut – Freiheit von Anhaftung, Ablehnung und Gleichgültigkeit. Wir werden weder Anhaftung verspüren und denken: „meine Sichtweise ist die einzig richtige“, noch Ablehnung empfinden: „ich werde mich gegen die Sicht des anderen sträuben“ oder gleichgültig sein: „mir ist es egal, was der andere sagt“.

Wenn im „Geistestraining in sieben Punkten“ von „Tonglen“, dem Geben und Nehmen, die Rede ist, geht es darum, Anhaftung, Ablehnung und Gleichgültigkeit der anderen auf sich zu nehmen und ihnen die Freiheit von diesen drei Dingen zu schenken. Was die Reihenfolge betrifft, beginnt man zunächst mit sich selbst; das kommt als Erstes.

Wenn man den anderen dann ernst nimmt, kommt als nächstes unermessliche Liebe: „mögest du glücklich sein“, dann unermessliches Mitgefühl: „mögest du frei von Leiden sein“ und schließlich unermessliche Freude: „mögest du nicht nur von gewöhnlichem Leid frei werden, sondern die unendliche Freude der Erleuchtung erlangen.“ Mit diesen vier unermesslichen Geisteshaltungen haben wir eine korrekte Motivation und zusätzlich setzen wir uns mithilfe der sechs weitreichenden Geisteshaltungen, der sechs Vollkommenheiten, mit der Sichtweise der anderen Person auseinander. 

Alles passt zusammen. Wir nehmen beide Seiten ernst und lassen keine außer Acht, sind großzügig, haben ethische Selbstdisziplin, Geduld, Ausdauer, geistige Stabilität (die sich nicht nur auf Konzentration, sondern auch auf emotionale Stabilität bezieht) und unterscheidendes Gewahrsein (um zu erkennen, was tatsächlich geschieht – was hilfreich und was schädlich ist).

Schlussfolgerung 

Ich glaube es ist wichtig, das grundlegende Prinzip der Thematik des abhängigen Entstehens zu begreifen, bevor man sich all den Einzelheiten der Ebenen des abhängigen Entstehens widmet. Im Grunde werden wir lernen, wie wir mit einem korrekten Verständnis der Leerheit und des abhängigen Entstehens die zwei Extreme des Absolutismus und des Nihilismus vermeiden und auf diese Weise auf bestmögliche Weise mit der Komplexität des Lebens zurechtkommen können.

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