Einleitung
Ich verbeuge mich vor meinen Lamas und vor Manjushri, dem Beschützer.
Ich verbeuge mich vor Dir, oh Schützer Manjushri. Du hast die Netze des Greifens nach wahren Identitäten durchtrennt. Das strahlende Licht deines Schwertes des tiefen Gewahrseins durchdringt alle drei Bereiche. Du bist die Gesamtheit des weitreichenden Wissens aller Siegreichen Buddhas.
Die vielen Fahrzeuge Buddhas sind grenzenlos und die diversen Traditionen der verschiedenen Dharma-Praktiken sind weitreichend, jenseits aller Vorstellung.
Buddhas sind voll erleuchtete Wesen, die von jeglichem Missverständnis (Unwissenheit) gänzlich erwacht sind und alle guten Eigenschaften, die es zu erlangen gibt, erlangt haben. Es gibt tausend Buddhas, die während dem gegenwärtigen Weltalter universale Lehrer sein werden, doch im Grunde gab es und wird es zahllose solche Wesen geben, weil das Universum unzählige Zyklen durchgeht, in denen sich alles zunächst entfaltet, andauert, zusammenbricht und dann zur Ruhe kommt. Auf diese Weise gibt es zahllose Weltalter, in denen sich Buddhas manifestieren. Darüber hinaus lehren und arbeiten innerhalb dieser Zyklen viele weitere erleuchtete Wesen zum Wohle aller auf einer bescheideneren Ebene und oft anonym, ohne unbedingt Religionen in der Welt ins Leben zu rufen.
Die Lehren der Buddhas sind bekannt als der Dharma und sie wurden verschiedenen „Fahrzeugen“ zugeordnet. Ein buddhistisches Fahrzeug wird als etwas definiert, das zu einer Beendigung von Leiden durch das Erlangen von Befreiung oder Erleuchtung führt. Erstere wird erlangt, wenn emotionale Schleier überwunden werden, welche die Befreiung von unkontrollierbar sich wiederholender Wiedergeburt, Samsara, verhindern. Für Letztere müssen auch kognitive Schleier überwunden werden, welche Allwissenheit verhindern. Diese Fahrzeuge können entweder verbale Erklärungen sein, welche zu diesen Zielen führen, wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, oder die Objekte dieser Erklärungen, also das Befolgen und Entwickeln dieser Pfade und der Arten des unterscheidenden Gewahrseins.
Die drei Drehungen des Dharma-Rades
Auch wenn es unmöglich ist, sie alle gänzlich zu beschreiben, werde ich versuchen, einige dieser Traditionen kurz zu erklären, um ein paar ihrer Unterschiede aufzuzeigen.
Der Löwe des Shakya-Klans, der allwissende Meister, drehte das Dharma-Rad an drei getrennten Anlässen. Mit dem ersten Drehen sprach er, um nicht-verdienstvolles (Verhalten) abzuwenden; mit dem nächsten, um die Sicht wahrhaft existierender Identitäten zurückzuweisen; und mit dem letzten, um jegliche Grundlagen für solche Sichtweisen zu unterbinden.
Shakyamuni, der löwengleiche Weise des Shakya-Klans, ist der vierte und derzeitige Buddha des gegenwärtigen Weltalters. Er lebte während dem sechsten Jahrhundert v. u. Z. als Sohn einer Königsfamilie in Indien. Nachdem er erkannt hatte, wie allumfassend und beängstigend die Leiden von Krankheit, Altern und Tod sind, entsagte er seinem Leben des Luxus eines Prinzen und suchte nach einem beständigen Ende allen Leidens. Er erkannte, dass falsches Wissen zu Unsicherheit führt, wodurch störende Emotionen hervorgerufen werden, was karmisches Potenzial für zwanghafte Wiedergeburten aufbaut, und dass dies die grundlegende Ursache allen Leidens ist. Darüber hinaus verstand er, dass man, wenn man diese Ursache beseitigt, frei von ihren Resultaten ist. Indem er es selbst umsetzte, erreichte er selbst eine vollständige Beendigung allen Leidens und erlangte im Alter von 35 Jahren seine volle Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum in Bodh Gaya. Danach unternahm er umfangreiche Reisen durch Indien und lehrte oder „drehte das Dharma-Rad“, bis er in seinem 81. Lebensjahr verstarb, womit er die Vergänglichkeit demonstrierte. Es wurde vorhergesagt, dass seine Lehren der Pfade zur Beendigung 5000 Jahre andauern werden, worauf ein äußerst langes dunkles Zeitalter folgt, bevor der nächste universale Buddha Maitreya kommen wird.
Buddha drehte dreimal das Dharma-Rad und gab damit drei Runden von Übertragungen der Sutra-Lehren, die sich in ihrer Thematik und nicht in ihrer zeitlichen Abfolge unterschieden. Die Erklärung hier folgt Aryadevas „Abhandlung in Vierhundert Versen“ (tib. bZhi-brgya-pa’i bstan-bcos kyi tshig-le’ur byas-pa, Skt. Catuḥśataka-śastra-kārika) (VIII.15):
Zunächst wenden wir uns von nicht-verdienstvollen (Handlungen) ab; in der Mitte wenden wir uns vom (Greifen nach einem groben) „Selbst“ ab; und schließlich wenden wir uns von allen Sichtweisen (wahrhaft begründeter Existenz) ab. Jeder, der (diese Stufen des Anleitens eines Schülers) kennt, ist weise.
Buddha Shakyamunis erstes Drehen des Dharma-Rades fand im Deer Park in Sarnath mit „Dem Dharma-Rad-Sutra“ (tib. Chos-kyi ’khor-lo’i mdo, Skt. Dharmacakra Sūtra) statt. Darin lehrte er den ethischen Pfad von Ursache und Wirkung. Sind wir grausam, handeln destruktiv und erschaffen Leiden um uns herum, sind wir es selbst, die letzten Endes leiden. Sind wir andererseits gute Menschen, benehmen uns ethisch und bauen damit durch die eigene Güte positive Kraft (Verdienst) auf, erfreuen wir uns daran glücklich zu sein.
Mit dem zweiten Drehen, dem „Sutra des weitreichenden Unterscheidens“ (tib. ’Phags-pa shes-rab-kyi pha-rol-tu phyin-pa, Skt. Prajñāpāramitā Sūtra), das am Geierberg außerhalb von Rajgir gelehrt wurde, widerlegte Buddha die falsche Vorstellung, begrenzte Wesen würden wahrhaft begründete Identitäten haben und beseitigte damit ihre Täuschung des Greifens nach einer solchen. Es ist dieses Greifen, das uns antreibt, uns selbst zu beweisen, defensiv zu sein, aggressiv zu handeln oder nach Befriedigung zu trachten – all dies führt zu noch mehr Unzufriedenheit und Schmerzen. Erkennen wir, dass wir niemals eine wahrhaft begründete Identität hatten und es somit nichts gibt, was wir beweisen oder weshalb wir uns unsicher fühlen müssten, beseitigen wir das falsche Wissen, welches zu zwanghaftem Verhalten führt und beenden somit das Leiden, das wir erfahren.
Das dritte Drehen fand in Vaisali mit dem „Sutra des Enthüllens dessen, was beabsichtigt wurde“ (tib. dGongs-pa nges-’grel, Skt. Saṃdhinirmocana Sūtra) statt. Einige Meister ordnen diesem Drehen auch das „Sutra über den Mutterleib eines So-Gegangenen“ (tib. De-bzhin gshegs-pa’i snying-po mdo Skt. Tathāgatagarbha Sūtra) zu, welches auf Maitreyas „Weitest gehendem immerwährenden Kontinuum“ (tib. rGyud bla-ma, Skt. Uttaratantra) basiert. Darin wird die beständige Buddha-Natur in allen begrenzten Wesen, die reine darauf basierende Grundlage ihrer Gedanken, die frei von allen geistigen Fabrikationen wahrhaft unabhängiger Existenz ist, gelehrt. Zu diesen Lehren gehören fortgeschrittene Meditationstechniken, mit denen man erkennt, dass es keine substantielle, wahrhaft existierende Grundlage für störende Geistesfaktoren und verzerrte Sichtweisen gibt, nämlich durch das Gewahrsein der reinen Buddha-Natur.
Je Tsongkhapa betrachtet dieses Sutra jedoch als Teil des zweiten Drehens. Daher besteht laut ihm das eigentliche dritte Drehen nur aus dem siebten Kapitel des Samdhinirmochana Sutra, in dem Buddha die Chittamatra-Lehrsysteme begründetet, dass manche Phänomene eine wahre Existenz haben und andere nicht. Auf dieser Basis vertritt er somit, dass das zweite Drehen, welches die Prasangika-Madhyamaka-Lehrsysteme begründet, das höchste ist. Indem er dies tut, streitet Je Tsongkhapa nicht die Gültigkeit der Lehren zur Buddha-Natur des Tathagatagarbha Sutra und des Uttaratantra ab. Er klassifiziert sie lediglich als Teil des zweiten und nicht des dritten Drehens.
Die drei höheren Schulungen und die drei Körbe
Der Inhalt dieser drei Lehrreihen sind die drei höheren Schulungen, und ihre spezifischen Worte sind die buddhistischen Schriften, die in zwölf Kategorien klassifiziert werden.
Die Worte von Buddha Shakyamuni wurden nicht während seinem Leben niedergeschrieben. Ein Jahr nach seinem Tod trat ein Konzil von 500 Älteren in Rajgir zusammen, an dem all seine Reden von drei seiner führenden Schüler aus dem Gedächtnis vorgetragen wurden. Daraufhin gab es eine Abfolge von sieben Bewahrern der Lehren und auf diese Weise wurde die Integrität seiner exakten Worte bewahrt. Nach 110 Jahren wurde das zweite Konzil in Vaishali abgehalten, um die monastische Gemeinschaft von jenen zu reinigen, welche die Anordnungen Buddhas nicht strikt einhielten. Fünfzig Jahre später wurde ein drittes Konzil in Pataliputra (im heutigen Patna) unter der Schirmherrschaft von König Ashoka einberufen, das größtenteils verantwortlich für die Verbreitung des Buddhismus in Indien und Ceylon war. In dieser Zeit wurden die Worte Buddhas in vier verschiedenen nordindischen Sprachen übermittelt, von denen manche klassisch und andere eher umgangssprachlich waren. Im letzten Konzil wurden alle vier rezitiert. Obgleich verschiedene Schüler eine Sprache der anderen vorzogen, waren alle vier den Worten Buddhas treu und die Lehren waren noch immer vollständig und unverändert. Schließlich wurden aus den vier Linien der mündlichen Übertragung achtzehn und es verging viel Zeit, bevor die Lehren Buddhas niedergeschrieben wurden.
Am Anfang wurden sie nur mündlich von aufeinanderfolgenden Generationen von Schülern weitergegeben. Die frühsten Lehren, die es in geschriebener Form gab, waren jene des Hinayana oder bescheidenen Fahrzeugs, in denen es um Methoden zum Erlangen der Befreiung geht. Von den achtzehn Übertragungslinien, die entstanden, waren die herausragendsten des Hinayana der Sarvastivada, der sich von Nordindien nach Zentralasien ausbreitete, und der Theravada oder die Doktrin der Älteren, den es noch heute gibt. Die Texte des Ersteren erschienen auf Sanskrit, während jene des Letzteren in der mittelindischen Sprache erschienen, die als Pali bekannt ist. Im Hinayana-Fahrzeug werden die frühsten geschriebenen Worte des Buddhas auf reine Weise bewahrt.
Die Lehren des Mahayana oder umfassenden Fahrzeugs zu den Mitteln des Erlangens der vollen Erleuchtung der Buddhaschaft wurden einer ausgewählten Gruppe von Schülern gegeben und waren zunächst nicht so weit verbreitet wie der Hinayana. Als sie schließlich mehrere Jahrhunderte nach Buddhas Tod aufgezeichnet wurden, erschienen sie auf Sanskrit und einer Auswahl mittelindischer und vermischter Sprachen.
Die Lehren des Tantrayana oder Fahrzeugs der Tantra-Lehren der speziellen Mahayana-Methoden zum Erlangen der Buddhaschaft wurden von allen am geheimsten gehalten. Für Jahrhunderte wurden sie mündlich übertragen und erst viel später in der Geschichte des indischen Buddhismus wurden sie weithin bekannt.
Diese drei Fahrzeuge gründen somit alle gleichermaßen auf den direkten Lehren Buddhas einer oder mehrerer der drei Drehungen des Dharma-Rades. Entsprechend der verschiedenen Veranlagungen und Neigungen der Menschen, lehrte Buddha auf geschickte Weise eine breite Auswahl an Methoden, damit alle ihre Ziele erreichen konnten. Das Unterscheidungsvermögen, das erforderlich ist, um Missverständnisse zu durchbrechen und eine wahre Beendigung der Leiden zu erlangen, muss letztendlich dasselbe sein. Somit ist die Leerheit (Leere), die von den meisten fortgeschritten Praktizierenden jeder dieser Fahrzeuge verwirklicht wird, dieselbe. Was sich unterscheidet, ist die Art von Geist, mit der sie verwirklicht wird.
Für jene, die meinen, dass man sich letztendlich selbst befreien muss, und die sich somit in erster Linie auf ihre eigene spirituelle Reise konzentrieren, lehrte Buddha das Hinayana-Fahrzeug. Mit dieser Motivation überwindet man mit dem Verwirklichen der Leerheit die Hindernisse, welche der Befreiung entgegenstehen, und man erlangt die Stufe eines Hinayana-Arhats.
Es gibt zwei Arten, wie man dies bewerkstelligen kann. Als ein Shravaka, ein Hörer der Lehren, stützt man sich während des gesamten Pfades auf einen Guru oder spirituellen Lehrer. Als ein Pratyekabuddha, ein Alleinverwirklicher, betritt man hingegen die letzten Stufen auf sich allein gestellt und ohne die genaue Anleitung eines Gurus. Darüber hinaus belehren Shravaka-Arhats offen andere, wie sie ein ähnliches Ziel erreichen können, während Pratyekabuddha-Arhats andere nur durch Gesten belehren.
Obgleich alle letztendlich ihr eigenes Missverständnis beseitigen müssen, haben andere dennoch den starken Wunsch, anderen so gut es geht auf ihren individuellen Wegen helfen zu können. Solche Menschen werden Bodhisattvas genannt. Durch die zusätzliche Kraft so einer Mahayana-Motivation, überwindet man mit der Verwirklichung der Leerheit sowohl die Hindernisse, die der Befreiung entgegenstehen, als auch jene, die Allwissenheit verhindern. Somit erlangen Bodhisattvas die volle Erleuchtung eines Buddhas – einen Zustand, mit dem sie in der Lage sind, anderen am wirksamsten zu helfen.
Für jene mit einer Mahayana-Charakter, die so vom Leiden anderer bewegt werden, dass sie sich schnellstmöglich die Erleuchtung wünschen, lehrte der Buddha die Tantrayana-Methoden zum schnelleren Erlangen eines Buddhakörpers und eines Buddhageistes durch das gleichzeitige Praktizieren der Ursachen für beide. Darüber hinaus deuten die fortgeschrittensten dieser Lehren an, wie man ein enormes Maß an positiver Kraft (Verdienst) schnell aufbauen und die subtilste Ebene des Bewusstseins erreichen kann. Mit solch einer starken Motivation, direkten Methode und Ansammlung positiver Kraft führt die Verwirklichung der Leerheit durch die subtilste Ebene des Bewusstseins für die Bodhisattvas zur erleuchteten Stufe eines Buddhas noch in diesem Leben.
Zu verschiedenen Zeiten wurden Buddhas Worte bezüglich dieser Fahrzeuge von verschiedenen Linien ihrer mündlichen Übertragung zusammengestellt, welche auf deren Rezitieren beim ersten buddhistischen Konzil zurückgeht. Diese verschiedenen Sammlungen sind bekannt als der Tripitaka oder die drei Körbe. Die Pali-Version war jene, die aus der Theravada-Linie des Hinayana-Fahrzeugs hervorging, welche sich im vierten Jahrhundert v. u. Z. von Indien nach Ceylon und dann weiter nach Burma, Thailand, Kambodscha und Laos verbreitete.
Die verschiedenen Ausgaben der chinesischen Kanons wurden viel später, zwischen dem ersten Jahrhundert v. u. Z. und dem sechsten Jahrhundert u. Z. übersetzt. Sie wurden aus Sanskrit- und Gandharan-Versionen der Sarvastivada-Hinayana-, Mahayana- und Tantrayana-Texte erstellt, die man in dieser Zeit in Indien und den kulturellen Gebieten Indiens, dem modernen Kaschmir, Pakistan, Afghanistan, Russland und dem chinesischen Turkestan fand. Von China verbreitete sich die Nutzung dieser Kanons nach Korea, Japan und Vietnam.
Mit der Übersetzung des tibetischen Tripitaka wurde im siebten Jahrhundert u. Z. begonnen, meist von indisch-sprachigen Texten aller buddhistischen Traditionen, die man zu der Zeit in Nordindien, Nepal und Kaschmir fand. In der Zeit war bereits ein großer Teil der direkten Lehren Buddhas in Indien niedergeschrieben worden und somit ist der tibetische Kanon der umfangreichste, was seine Größe betrifft. Einige Übersetzungen wurden auch aus den chinesischen Texten erstellt. Aus Tibet verbreiteten sich diese Versionen weiter zurück nach China und in die Mongolei, Mandschurei, nach Turkestan und Sibirien, sowie in die Himalaya-Regionen von Ladakh, Indien, Nepal, Sikkim und Bhutan.
Die Inhalte der verschiedenen „Tripitaka“ können in die drei höheren Schulungen unterteilt werden. Der „Korb des Sutra“ befasst sich hauptsächlich mit der Schulung in höherer Konzentration, der „Korb des Vinaya“ mit jener in höherer Disziplin, und der „Korb des Abhidharma“ mit der Schulung in höherer Unterscheidung (Weisheit). Um das Missverständnis, die Wurzel des Leidens, zu durchtrennen, benötigt man alle drei: ethische Selbstdisziplin, Konzentration und Unterscheidungsvermögen.
Dies Körbe können weiter in die zwölf Kategorien von Schriften unterteilt werden. Der „Korb des Sutra“ umfasst fünf Klassen von Hinayana-Texten und zwei des Mahayana. Die Fünf sind:
- Sutras, die darstellen, was der Buddha in kurzer und zusammengefasster Form zu sagen hatte;
- Geyas, Verse, die Buddha in und am Ende seiner Sutras vortrug;
- Vyakaranas, die Offenbarungen Buddhas zur Vergangenheit und Prophezeiungen über die Zukunft;
- Gathas, zwei- bis sechszeilige Verse; sowie
- Udanas, freudvolle Preisungen, die Buddha zum Wohle der Langlebigkeit seiner Belehrungen verkündete.
Die zwei Mahayana-Klassen dieses ersten Korbes sind:
- Vaipulyas, Darstellungen der weitreichenden und tiefgründigen Aspekte solcher Themen, wie die sechs Vollkommenheiten und zehn Bodhisattva-Ebenen; und
- Adbhutadharmas, welche Beschreibungen Buddhas von solch wundersamen Dingen wie unterscheidendes Gewahrsein, außerphysische Kräfte und heiliger Taten der Buddhas, Pratyekabuddhas und Shravakas sind.
Der „Korb des Vinaya“ beinhaltet drei Klassen von Hinayana-Texten und einen des Mahayana. Das sind jeweils:
- Nidanas, Regeln, die von Buddha für Ordinierte aufgestellt wurden und sich darauf beziehen, welche Handlungen eine Übertretung ihrer Gelübde ausmachen;
- Avadanas, Lehren mit Beispielen zum leichteren Verständnis; (10)
- Itivrttikas, Geschichten aus alten Zeiten, die Buddha erzählt hat; und
- Jatakas, Geschichten schwieriger asketischer Übungen, die der Buddha in seinen früheren Leben ausführte, während er sich im Verhalten der Bodhisattvas übte.
Der „Korb des Abhidharma“ umfasst die letzte Kategorie der Schriften:
- Upadeshas, welche für die Fahrzeuge des Hinayana und Mahayana gelten. In diesen weist Buddha auf die genaue Bedeutung der Werke im „Korb des Sutra“ hin, indem er die individuellen und allgemeinen Definitionen von Dingen spezifiziert.
Sutra- und Tantra-Lehren
Was die Mahayana-Lehren der geheimen Tantras betrifft, so gehören sie laut manchen zu den inneren Lehren des Abhidharma (bezüglich der Schulung in höherem unterscheidenden Gewahrsein). Es ist jedoch korrekter, den „Korb des Tantra“ als eine Kategorie für sich zu betrachten.
Werden die Sutras von den Tantras unterschieden, wird der Begriff „Sutra“ benutzt, um sich auf alle zwölf Kategorien der Schriften im Allgemeinen zu beziehen. Dieses Wort kann sich jedoch auch auf die fünf Kategorien des „Sutra-Korbes“ im Gegensatz zu den anderen zwei Körben beziehen, oder im beschränktesten Sinne nur auf die erste der zwölf Kategorien.
Obgleich der Buddha die Tantras zur gleichen Zeit übermittelte, wie er die Prajnaparamita-Sutras lehrte, gehören die Tantras zu keinem der drei Drehungen des Dharma-Rades.
Die Lehren des Buddha, die ins Tibetische übersetzt wurden, umfassen über einhundert gesammelte Bände, doch ihr tatsächlicher Umfang ist nicht zu ermessen. Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Kommentare zu diesen Texten, wie die „Mahavibhasa Shastra“, die zur Hinayana-Tradition gehört, und, was die Mahayana-Kommentare betrifft, jene der vielen indischen Pandits, wie „Die sechs Ornamente des südlichen Kontinents“ und „Die zwei wundersamen Gurus“. Was die geheimen Tantra-Lehren betrifft, so gibt es Kommentare aller vier Tantra-Klassen, fortgeschrittene Meditationen (Sadhanas) und mündliche Lehren jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Durch die große Güte der alten Übersetzer und Pandits wurden mehr als zweihundert Reihen solcher Bände von Kommentaren ins Tibetische übersetzt. Es sind diese Texte, die damit die Grundlage des Buddhismus in Tibet bilden.
Die Sammlung Buddhas direkter mündlicher Lehren des „Tripitaka“, die ins Tibetische übersetzt wurde, wird als der Kangyur (tib. bKa’-’gyur) und die indischen Kommentare als der Tengyur (tib. bsTan-’gyur) bezeichnet. Diese letztere Sammlung umfasst Werke, in denen es nicht ausschließlich um buddhistische Themen geht, sondern auch um solche Gebiete, wie Medizin, Astrologie, Logik, Kunst, Sanskrit-Grammatik und Poesie, die gemeinsam mit den nicht-buddhistischen Traditionen Indiens studiert werden. Die indischen Meister, welche diese Kommentare verfasst haben, lebten ungefähr in der Zeit vom ersten Jahrhundert v. u. Z. bis zum elften Jahrhundert u. Z..
Viele, aber nicht all ihre Werke, wurden ins Tibetische übersetzt und manche sind nicht mehr in ihrem ursprünglichen Sanskrit oder den mittelindischen Sprachen vorhanden. Das liegt daran, dass der Buddhismus nach dieser Zeit durch die türkischen Invasionen in Indien ernsthaft geschwächt wurde und einen Niedergang erlebte, wodurch viele Texte verlorengingen.
Buddhas Lehren hinsichtlich ethischer Selbstdisziplin, Konzentration und unterscheidendem Gewahrsein umfassen eine große Bandbreite von Themen, von denen viele schwer zugänglich und nicht direkt verständlich sind. Da der Buddha die Unterschiede in den Fähigkeiten und Ebenen der Komplexität der Menschen erkannte, nutzte er geschickte Mittel, um Themenbereiche auf eine Weise zu unterrichten, die für andere nachvollziehbar war. Hätte er Dinge ausschließlich mit der subtilsten und detailliertesten Tiefe beschrieben, wäre kaum jemand in der Lage gewesen, deren Bedeutung zu verstehen. Aus diesem Grund lehrte der Buddha aufeinanderfolgende Ebenen von Theorien und Erklärungen, um seine Schüler allmählich an die tiefsten Erkenntnisse heranzuführen. Der Buddha erkannte, dass man durch einen Vorgang des Eliminierens lernt oder sich der Wahrheit durch Ausschließen annähert. Indem er stufenweise Ebenen der Erklärung anbot, gab er somit zunächst ganz allgemeine Beschreibungen und präzisierte sie dann, um genauer in seinen Erklärungen zu werden.
Was scheinbar solide Materie betraf, wies der Buddha seine Schüler zum Beispiel zunächst an, alle physischen Objekte als aus Teilchen bestehend zu sehen. Hatten sie sich daran gewöhnt, die Dinge so zu betrachten und hatte ihr Greifen etwas nachgelassen, fuhr der Buddha damit fort, über die Natur der Teilchen, deren Bezug zum Geist, die vorgefassten Meinungen und so weiter zu lehren. Auf diese Weise führte er sie zu den tiefgreifendsten Verwirklichungen der Leerheit.
Diese Erklärungen, die der Buddha gab, kennt man in fortlaufender Reihenfolge als die Systeme des Vaibhashika, Sautrantika, Chittamatra (auch Yogachara oder Vijnanavada), Madhyamaka-Svatantrika und des Madhyamaka-Prasangika, obwohl sie nicht unbedingt in dieser Reihenfolge dargelegt oder niedergeschrieben wurden. Die ersten zwei werden als die Hinayana-Lehrsysteme eingeordnet und die letzten drei als Mahayana.
Verschiedene indische Meister und Kommentatoren haben sich darin spezialisiert, bestimmte Aspekte dieser Systeme zu erklären. Die Herausragendsten waren bekannt als die Sechs Ornamente des südlichen Kontinents, nämlich Nagarjuna, Aryadeva, Asanga, Vasubandhu, Dignaga und Dharmakirti, sowie die Zwei Wundersamen Gurus, Shantideva und Chandragomin. Die große Vielzahl indischer Kommentare, die im „Tengyur“ übersetzt wurden, umfassen somit die gesamte Bandbreite von Theorien, die von Buddha gelehrt wurden. Wenn man jede dieser Ebenen in ihrer richtigen Reihenfolge studiert, kann man zu den höchsten Verwirklichungen kommen und die Hindernisse überwinden, die der Befreiung und Allwissenheit entgegenstehen.
In Indien gab es keine Unterteilung buddhistischer Texte in alte und neue.
Auch in Tibet gab es keine solche Unterteilung in Bezug auf die schriftlichen Texte des Sutra-Fahrzeugs.
Alte und neue Übersetzungsperiode in Tibet
Da jedoch manche (tantrische) Schriften später ins Tibetische übersetzt wurden als andere, unterscheidet man zwischen ihnen, wobei die Arbeit des Übersetzers Rinchen Zangpo als die Trennlinie angesehen wird. Alle Übersetzungen, die vor seiner Zeit angefertigt wurden, werden als alte Texte (Nyingma) betrachtet und jene von Rinchen Zangpo selbst sowie alle darauffolgenden werden als neue Texte (Sarma) bezeichnet.
Die ersten buddhistischen Einflüsse gab es zwar vielleicht schon bei den Chinesen und im westlichen China, doch offiziell kam der Buddhismus im siebenten Jahrhundert während der Herrschaft von König Songtsen Gampo (tib. Srong-btsan sgam-po) nach Tibet. Dieser berühmte König machte zwei Prinzessinnen zu seinen Königinnen, eine aus China und die andere aus Nepal, und unter seiner Herrschaft wurde der riesige Tsuglagkang Tempel (tib. Tsug-lag khang) in Lhasa errichtet. Er sandte seinen Minister Tonmi Sambhota (tib. Thon-mi Sambhota) nach Indien, um ein Schrift für die tibetische Sprache zu erstellen und kurz darauf begann man mit den ersten Übersetzungen.
Nach einem kurzen Rückgang erlebte der Buddhismus während dem 8. Jahrhundert durch die Bemühungen von König Tri Songdetsen (tib. Khri Srong-lde-btsan), der Shantarakshita aus dem Nalanda-Kloster in Nordindien nach Tibet einlud, neuen Aufschwung. Er schlug wiederum vor, dass Padmasambhava, der auch als Guru Rinpoche bekannt war, folgen sollte, um alle Hindernisse zu vertreiben. Das tat man und daraufhin wurde das erste tibetische Kloster in Samye (tib. bSam-yas) mit Shantarakshita als Abt gegründet.
Kurz darauf fand dort eine berühmte Debatte zwischen Shantarakshitas indischem Schüler Kamalashila und einem chinesischen Mönch mit dem Namen Hoshang Mahayana statt, der einen nihilistischen Standpunkt lehrte. Der Inder wurde als Sieger erklärt und obwohl Hoshang Mahayana vielleicht nicht repräsentativ für eine etablierte chinesische buddhistische Tradition war, suchten die Tibeter von da an in erster Linie ihre Quellen der Lehren in Indien und nicht in China. Es mag sein, dass diese Entscheidung auch beruhend auf politischen Überlegungen getroffen wurde.
Während der Herrschaft des nächsten Königs Tri Ralpachen (tib. Khri Ral-pa-can) wurde das erste Wörterbuch erstellt, um die Übersetzungsbegriffe aus den indischen Sprachen zu standardisieren. Im späten neunten Jahrhundert gab es jedoch während der kurzen Herrschaft des nächsten Königs Langdarma (tib. gLang-dar-ma) eine ernsthafte Verdrängung und Verfolgung des Buddhismus. Viele der Lehren und Linien gingen in den „Untergrund“ oder wurden versteckt.
Während den folgenden eineinhalb Jahrhunderten lebte der Buddhismus allmählich wieder auf und der Vorgang des Übersetzens der Schriften und indischen Kommentare ins Tibetische wurde fortgesetzt. Alle Übersetzungen, von den frühesten bis zu jenen von Pandit Smriti, gehören zur Kategorie „alter Texte“. Die „neuen Texte“ beziehen sich auf jene, die danach in dem neuen, von Rinchen Zangpo (tib. Rin-chen bzang-po) (958–1055) entworfenen System, erstellt wurden. Gemäß seiner Neuerungen wurden alle Sanskrit-Begriffe aufgrund ihrer Wurzeln, Vorsilben und verschiedenen Endungen analysiert und jede Komponente wurde genau durch eine tibetische Entsprechung dargestellt. Darüber hinaus wurde die Sanskrit-Reihenfolge der Worte eingehalten, anstatt der umgangssprachlicheren tibetischen Ausdrucksform. Wegen der Genauigkeit seiner Regeln sind die „neuen Übersetzungen“ so originalgetreu und korrekt, dass viele der verlorenen Sanskrit-Originale nun rekonstruiert werden können.
Während dem früheren Erblühen des Buddhismus wurden fast all die Sutra-, Vinaya- und Abhidharma-Texte, sowie jene der drei äußeren Tantras ins Tibetische übersetzt.
Das bezieht sich auf die Periode vor der Verfolgung von König Langdarma, als die meisten der Sutra-, Vinaya- und Abhidharma-Körbe übersetzt wurden, sowie auch ein Teil des Tantra-Korbes. Dieser spätere „Korb“ hat vier Unterteilungen. Die Kriya-, Charya- und Yoga-Tantra-Texte sind bekannt als die drei äußeren und sie sind es, die in dieser Zeit am häufigsten übersetzt wurden. Die vierte Unterteilung war Anuttarayoga-Tantra.
Gemäß vieler Meister ist die Leerheit, die letztendlich in allen Sutra- und Tantra-Praktiken verwirklicht wird, genau dieselbe; was sich unterscheidet, ist die Art von Geist, mit der sie verwirklicht wird. In den tantrischen Fahrzeugen wird dieses Bewusstsein als glückselig charakterisiert, wobei die genutzte Glückseligkeit und Energie auf den Pfaden ihrer vier Unterteilungen zunehmend größer ist. In den Kriya-Praktiken liegt die Betonung auf der Reinigung durch äußere Rituale. Im Charya-Tantra wird gleichermaßen Gewicht auf äußere physische und verbale Handlungen sowie auf innere yogische Techniken gelegt. Im Yoga-Tantra werden mehr die inneren Vorgehensweisen des Yoga betont. All diese Mahayana-Praktiken können schneller zur Erleuchtung führen als jene, die in den Sutra-Fahrzeugen gelehrt werden. Indem sie die eigene Lebensspanne verlängern, können sie dies sogar innerhalb dieses Lebens bewirken. Die schnellsten Methoden sind jedoch die unübertroffenen inneren yogischen Techniken der vierten oder höchsten Klassifizierung des Tantra, des Anuttarayoga.
Obgleich die Mehrheit der Anuttarayoga-Tantra-Texte – wie Heruka, Hevajra, Kalachakra und Yamantaka – später übersetzt wurden, wurden viele von ihnen auch während der frühen Periode erstellt. Gerade einige der Letzteren wurden von manchen der besten Gelehrten der neuen Periode als ungültig kritisiert. Doch die Unvoreingenommenen und Unparteiischen preisen diese Texte als in der Tat gültig und ich stimmte dem vollkommen zu. Genau wie sie, glaube ich, dass diese (früheren Übersetzungen) fehlerfrei sind, weil sie die genaue Bedeutung der tiefgründigen und weitreichenden Lehren des Kangyur und Tengyur vermitteln und daher ist es mehr als angemessen, ihnen den vollen Respekt zu zollen.
Es hat viele Ausgaben des „Kangyur“ und „Tengyur“ gegeben, wobei eine der frühesten vollständigen Versionen im vierzehnten Jahrhundert von Buton Rinpoche erstellt wurde. In allen von ihnen ist der Lehrstoff in Bezug auf die Sutras, die drei äußeren Tantras und die mit den Nicht-Buddhisten gemeinsam studierten Themen meist gleich. Im Allgemeinen gibt es „alte Übersetzungen“ hinsichtlich dessen, was vor Rinpoche Zangpo vollendet wurde, und „neue Übersetzungen“ hinsichtlich dessen, was noch getan werden musste. Wurde mehr als eine Übersetzung eines Textes erstellt – und nicht unbedingt eine im alten und die andere im neuen Stil – ordnete man sehr oft beide hinzu. Somit beinhalten die grundlegenden Kanons, denen man in allen buddhistischen Traditionen Tibets folgt, Übersetzungen von den alten und neuen Perioden.
Die größte Abweichung in den verschiedenen Ausgaben gibt es in den Texten des Anuttarayoga-Tantra. Verschiedene Ausgaben umfassen unterschiedliche Texte und Kommentare, da viele der Übersetzer sich nicht einig darüber waren, welche Übersetzungen als gültig galten. Der gesamte Korpus der Tantras der „alten Übersetzung“ ist jedoch verfügbar und wurde gesondert als „Sammlung der Nyingma-Tantras“ (tib. rNying ma’i rgyud ’bum) veröffentlicht.
Die Nyingma-Tradition, welche den alten Übersetzungen der (Anuttarayoga-) Tantras folgt, geht von neun stufenweisen Fahrzeugen aus. Werden sie zusammengefasst, können sie als die ursächlichen und resultierenden Fahrzeuge klassifiziert werden.
Beide sind Ebenen der Praxis, auf denen es um das Aufbauen der Netzwerke positiver Kraft und tiefen Gewahrseins geht. Diese zwei Sammlungen sind die Ursachen für das Erlangen von Befreiung und Erleuchtung, und daher werden die Hinayana- und Mahayana-Fahrzeuge, die sich mit den Methoden ihres Ansammelns befassen, als „ursächlich“ bezeichnet. Sie sind auch als die Sutra-Fahrzeuge oder Fahrzeuge der Vollkommenheiten (Paramitas) bekannt. Die resultierenden sind die tantrischen Fahrzeuge, die alle zum Mahayana gehören.
Wenn man ihnen folgt, ist man, auch wenn man noch nicht erleuchtet ist, vollkommen ermächtigt, sich selbst in Formen und Körpern zu visualisieren, die man erlangen wird, wenn die Erleuchtung erreicht ist, sowie Handlungen in der Visualisierung auszuführen, die auf dieser Ebene angemessen sind. Weil man sich hier auf das Resultat oder den Endzustand des Pfades fokussiert und probt, ihn tatsächlich zu erreichen, wird die tantrische Praxis als „resultierendes“ Fahrzeug bezeichnet.
Ursächliche und resultierende Fahrzeuge
Es gibt drei ursächliche Fahrzeuge: jene der Shravakas, Pratyekabuddhas und Bodhisattvas.
Diese sind als die gemeinsamen Fahrzeuge bekannt. Die ersten zwei gehören zum Hinayana und das letzte zum Mahayana. Man bezeichnet sie in dem Sinne als „gemeinsame“, da ihre grundlegenden Lehren von Anhängern der Sutra- und Tantra-Traditionen gemeinsam studiert und praktiziert werden.
Die allgemeine Grundlage für alle buddhistische Praxis ist die Verwirklichung von:
- der Kostbarkeit und Seltenheit einer menschlichen Wiedergeburt, die vollkommen mit den Möglichkeiten ausgestattet ist, eine spirituelle Schulung zu durchlaufen;
- der Unbeständigkeit solch einer Wiedergeburt und der Immanenz des Todes;
- der Möglichkeit einer weniger glücklichen Wiedergeburt ohne die Freiheit für Selbstkultivierung, wenn in diesem Leben keine Bemühungen stattgefunden haben;
- dem Schutz und die Zuflucht (sichere Ausrichtung) vor solch einem furchterregenden Schicksal, die geboten werden, wenn man sich selbst völlig den Buddhas, ihren Lehren und der Gemeinschaft jener anvertraut, die sie gemeistert haben;
- dem Gesetz von Karma oder verhaltensbedingter Ursache und Wirkung, welches erklärt, dass man selbst allein für das eigene Glück oder Leid verantwortlich ist;
- der letztendlich nicht zufriedenstellenden allgemeinen Lebenssituation, wenn sie von Missverständnissen beherrscht ist; sowie
- der Notwendigkeit, die drei höheren Schulungen in ethischer Selbstdisziplin, Konzentration und Unterscheidung zu meistern, um das Missverständnis und Leiden, zu dem es führt, zu beseitigen.
Die besondere gemeinsame Lehre des Hinayana, die in den Shravaka- und Pratyekabuddha-Fahrzeugen ausführlich erklärt wird, ist das Entwickeln von Entsagung, der Entschlossenheit, frei zu sein. Dabei handelt es sich um die Geisteshaltung, des eigenen Leidenszustandes vollkommen überdrüssig zu sein und sich vollends zu verpflichten, das falsche Wissen, Karma und die störenden Geistesfaktoren im eigenen Geisteskontinuum zu beseitigen, die uns zwanghaft antreiben, immer mehr Leiden zu verursachen. Shravakas und Pratyekabuddhas teilen solch eine Motivation und obgleich sich ihre Art der Praxis leicht unterscheidet, erlangen sie dasselbe Ziel, welches Befreiung von unkontrollierbar sich wiederholender Wiedergeburt ist.
Bodhisattvas haben ebenfalls einen entsagten Geist, doch zusätzlich dazu entwickeln sie ein erleuchtendes Streben, das man als Bodhichitta kennt. Mit solch einer Geisteshaltung ist es nicht nur schwer, den eigenen leidvollen Zustand zu ertragen, sondern auch den der anderen. Man fühlt sich verpflichtet, den anderen so gut wie möglich zu helfen und erkennt, dass man dazu nur in der Lage ist, wenn man selbst ein vollkommen erleuchteter Buddha wird und somit strebt man mit aller Macht an, dieses Ziel zu erreichen. Es sind diese Mahayana-Lehren des Bodhisattva-Fahrzeugs, sowie die in ihnen zu findende vollständige Erklärung der Leerheit, welche zusammen mit den Hinayana-Lehren der Entsagung die gemeinsame Grundlage für die gesamte tantrische Praxis bilden. Ohne zumindest ein intellektuelles Verständnis von Entsagung, Bodhichitta und Leerheit, kann man sich auf keinen der tantrischen Pfade begeben. Dieser grundlegende Lehrstoff des Lam-rim oder „Stufenpfades“ wird genauer im zweiten Kapitel dieses Werkes behandelt.
Die resultierenden sind die drei äußeren tantrischen Fahrzeuge und die drei inneren der großen Methoden.
Erstere beziehen sich auf die ersten drei Tantra-Klassen: Kriya, Charya und Yoga, während die drei Letzteren Untergruppen der höchsten Tantra-Klasse, des Anuttarayoga, sind. Im Nyingma-Klassifizierungsschema der alten Übersetzungstexte der letzteren Klasse werden die drei inneren Fahrzeuge Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga genannt. Buton Rinpoche (tib. Bu-ston Rin-chen grub) des vierzehnten Jahrhunderts und frühere Gelehrte der neuen Übersetzungsperiode haben den Anuttarayoga auch in drei Kategorien unterteilt, doch sie beziehen sich auf ihn als Vater-, Mutter- und nichtdualen Tantra. Der unterteilte Lehrstoff ist zwar etwas verschieden, aber die generellen Kriterien für beide dreiteiligen Unterteilungen sind ungefähr die gleichen. Der Mahayoga entspricht den Vater-Tantras, da in beiden der Aspekt der Methode der Anuttarayoga-Lehren und die Umwandlung und Beseitigung der Wutenergie betont wird; der Anuyoga entspricht der Mutter-Klassifizierung wegen dem Aspekt der Unterscheidung (Weisheit) und dem Umwandeln der Begierde; und der Atiyoga entspricht der nicht-dualen Kategorie des vereinten Paares (tib. zung-’jug, Skt. yuganaddha) von Methode und Weisheit, und dem Beseitigen der engstirnigen Missverständnisse.
Diese zwei Unterteilungsschemen sind jedoch nicht genau gleich. Gemäß dem Nyingma-System hat die Anuttarayoga-Praxis drei Teile: die Erzeugungsstufe, die Vollendungsstufe und Dzogchen oder die große Vollkommenheit. Diese bilden eine geordnete Reihenfolge. Auf der ersten Stufe praktiziert man ausführliche Visualisierungen dazu, wie Dinge erscheinen werden, wenn man erleuchtet ist, um das Betrachten und Greifen nach der gewöhnlichen Erscheinung von Dingen zu überwinden. Auf der zweiten Stufe visualisiert man die Energiesysteme des Körpers und praktiziert verschiedene Atemübungen, um die subtilste Ebene des Bewusstseins und der Energie, den so genannten Illusionskörper, für die glückselige Verwirklichung der Leerheit des klaren Lichts zu erreichen. Auf der letztendlichen oder Dzogchen-Stufe erkennt man vollständig das glückselige ursprüngliche vereinte Paar von Leerheit und Erscheinung – also Methode und Weisheit – und erfährt somit auf der Grundlage der Buddha-Natur alles in seiner ursprünglichen Reinheit jenseits aller Dualität.
Alle Anuttarayoga-Tantras umfassen zwar alle drei Praktiken, doch jene des Mahayoga behandeln mehr die Methoden der Erzeugungsstufe, jene des Anuyoga die des unterscheidenden Gewahrseins, welches durch die unübertroffenen yogischen Techniken der Vollendungsstufe erlangt werden, und jene des Atiyoa die des Dzogchen des vereinten Paares nicht-dualer Methode und Weisheit.
Die Gelehrten der neuen Übersetzungsperiode unterteilen Anuttarayoga-Praktiken in nur zwei anstatt drei Stufen: die Entwicklungs- und Vollendungsstufe. Das Erreichen des vereinten Paares von Methode und Weisheit gehört dort zum letzten Schritt der Vollendungsstufe, zuweilen als Vollendungsstufe ohne Zeichen bezeichnet, und wird nicht als getrennte Kategorie gezählt. Wie die alten Übersetzungstexte haben alle Anuttarayoga-Tantras beide Stufen. Hier bezieht sich die Unterteilung in Vater, Mutter und nicht-dual jedoch darauf, welcher Aspekt der Vollendungsstufe am meisten betont wird. In den Vater-Tantras gibt es mehr Einzelheiten zu den Methoden zum Erlangen des Illusionskörpers, während sich die Mutter-Tantras ausführlicher mit dem tiefen Gewahrsein des klaren Lichts befassen, in dem es keine Dualität von Leerheit und dem glückseligen Gewahrsein gibt, das sie verwirklicht. In nicht-dualen Tantras wird die Betonung auf beide Aspekte von Methode und Weisheit der Vollendungsstufe gelegt.
Laut Je Tsongkhapa (rJe Tsong-kha-pa bLo-bzang grags-pa) (14. Jahrhundert) gibt es nur zwei Unterteilungen der neuen Übersetzung der Anuttarayoga-Tantras: Vater und Mutter, wobei die Unterscheidung durch die gleichen Kriterien gemacht wird, die auch Buton Rinpoche nutzt. Des Weiteren betrachtet er beide dieser Klassen als nicht-dual, denn wenn es sich um Anuttarayoga-Tantra handelt, so wird in ihm der Zustand des vereinten Paares jenseits der Dualität von Leerheit und Glückseligkeit gelehrt.
Somit kann man durch die Praxis der Anuttarayoga-Tantras schnell, noch innerhalb dieses Lebens, Erleuchtung erlangen, egal wie sie unterteilt und klassifiziert wird.
Es gibt zwar eine große Anzahl verschiedener Erklärungen, die bezüglich der Theorien, Meditationen, Praktiken und Resultate dieser verschiedenen tantrischen Fahrzeuge gegeben werden können, aber hier werden wir uns nicht weiter mit ihnen befassen.