Überblick der tibetischen Traditionen und ihrer Übertragungslinien

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Nyingma-Tradition

Es gibt drei Übertragungslinien, denen man in der Nyingma-Tradition alter Tantra-Übersetzungen folgt: die entfernte mündliche, die mittlere Schatzlinie und die Linie tiefgreifender klarer Visionen.

Padmasambhava (tib. Pad-ma ’byung-gnas, Skt. Padmasambhava), dessen indischer Guru Shri Singha (tib. dPal-gyi seng-ge, Skt. Śrī Siṃha) war, ist der Autor des Werkes, was als „Tibetisches Buch des Todes“ (tib. Bar-do thos-grol, Befreiung durch Hören auf der mittleren Ebene) bekannt ist und hatte 25 enge tibetische Schüler. Einer der herausragendsten war Vairochana (tib. rNam-par snang-mdzad, Skt. Vairocana), der ebenfalls nach Indien ging, um zu studieren und den großen Übersetzer Vimalamitra (tib. Dri-med bshes-gnyen, Skt. Vimalamitra) mitzubringen. Auf diese großen Meister sind die tantrischen Traditionen des Nyingma, insbesondere jene des Dzogchen, zurückzuführen. 

Die Kama- (tib. bka’-ma) oder mündliche Übertragungslinie von Buddhas Worten bezüglich dieser Tantras stammt von Buddha Shakyamuni und wurde hauptsächlich durch Padmasambhava und Vimalamitra nach Tibet gebracht. Nubchen Sangye Yeshe (tib. gNubs-chen Sangs-rgyas Ye-shes), ein weiterer von Padmasambhavas 25 Schülern, war einer seiner frühesten Meister. Während der Unterdrückung des Buddhismus durch König Langdarma wurde diese Übertragungslinie von solchen Persönlichkeiten wie Vairochana und Vimalamitra bewahrt, die in Osttibet ins Exil gingen und setzt sich bis heute ungebrochen fort. 

Die Terma- (tib. gter-ma) Linie offenbarter Schatzlehren stammt auch hauptsächlich von Padmasambhava, Vimalamitra und Vairochana. Diese Meister hatten das Gefühl, dass sich die Zeiten in Tibet zu sehr verschlechtern und Menschen nicht sehr empfänglich dafür sein würden, die tiefgründigeren Lehren zu empfangen. Daher versteckten sie zahlreiche meditative Anweisungen, die in der Zukunft, wenn die Zeiten förderlicher waren, wiederentdeckt werden würden. Was sie versteckten, kennt man als Terma oder Schatzlehren, und jene, die sie auch heute noch wiederentdecken, werden Tertöns (tib. gter-ston) oder Offenbarer der Schatzlehren genannt. Einer der ersten, der sie wiederentdeckte, war Nyangrel Nyima Özer (tib. Nyang-ral nyi-ma ’od-zer) im 12. Jahrhundert. 

Die Dag-Nang- (tib. dag-snang zab-brgyud) Linie oder tiefgründige Linie der reinen Visionen geht auf meditative Anweisungen und Lehren zurück, die von großen Meistern in ihren Visionen und Offenbarungen von Buddha-Gestalten (tib. yi-dam, Meditationsgottheit) und Gurus der Vergangenheit empfangen wurden. Solche Buddha-Gestalten repräsentieren verschiedene Aspekte des voll-erleuchteten Zustands eines Buddhas. Indem man sich selbst mit einem oder mehreren von ihnen in einem Sadhana oder tantrischen Rezitationspraxis identifiziert, übt man sich darin, auf erleuchtende Weise zu handeln, während man sich selbst in einer erleuchteten Form, die nicht durch eigene gewöhnliche und weltliche Verbindungen verunreinigt ist, visualisiert. Viele der Sadhana-Texte stammen entweder aus einer offenbarten Schatzlehre oder einer klaren Vision. 

Der größte  (snying-thig) Erzeuger des gesamten Nyingtig (tib. snying-thig) oder der innersten Essenz-Lehren des Dzogchen war Longchen Rabjampa (tib. Klong-chen rab-’byams-pa), der im 14. Jahrhundert lebte und bei den meisten der alten und neuen Übersetzungsmeister seiner Zeit studierte. Er systematisierte Lehren, die er in klaren Visionen von Padmasambhava empfing, mit jenen, die ein früheres Mitglied der Linie seines Gurus von den durch Vimalamitra versteckten Schatzlehren offenbarte. 

Jigme Lingpa (’Jigs-med Gling-pa) erläuterte diese Lehren von klaren Visionen weiter, die er von Longchen Rabjampa empfing und verfasste den Longchen Nyingthig (tib. Klong-chen snying-thig, die Herzessenz von Longchenpa), den ausführlichsten Zyklus von Dzogchen-Praktiken. Zu seinen drei Inkarnationen gehörten Dza Patrul Rinpoche (tib. rDza dPal-sprul O-rgyan ’jigs-med chos-kyi dbang-po) und Jamyang Khyentse Wangpo (tib. ’Jam-dbyangs mkhyen-brtse dbang-po). Ersterer war der Autor der richtungsweisenden Anleitungen von „Mein vollkommen vortrefflicher (Samantabhadra) spiritueller Mentor“ (tib. Kun-bzang bla-ma’i zhal-lung, Die Worte meines vollendeten Lehrers), welches die Vorbereitung für das Werk seines Vorgängers und der wichtigste Lam-rim-Text oder Text über den Studienpfad ist, der von den Nyingmapas studiert wird. Letzterer, der vorwiegend in der Sakya-Tradition ausgebildet wurde, war der Gründer der Rime- oder nicht-sektiererischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Einer seiner Reinkarnationen war der Autor dieses gegenwärtigen Textes. Zu seinen Schülern gehörten zwei der größten Eklektiker dieser nicht-sektiererischen Renaissance, Lama Mipam (tib. ’Ju Mi-pham rgya-mtsho) und der Karma-Kagyü-Meister Jamgon Kongtrul (tib. ’Jam-mgon Kong-sprul Blo-gros mtha’-yas Yon-tan rgya-mtsho), die beide enzyklopädische Lehren und Linien aller tibetischen Traditionen zusammensuchten.

Dies sind somit einige der herausragendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Nyingma-Tradition, in denen die drei Linien der Worte Buddhas, der offenbarten Schatzlehren und der klaren Visionen fortwährend miteinander verbunden wurden.

Sarma-Traditionen

Alte Kadam-Schule

Die Sarma-Tradition der neuen Tantra-Übersetzungen wird auch Jowo-Kadam genannt. Zu ihr gehören solch berühmte Lehrer wie Atisha, Gyalwa Dromtönpa und die drei Kadam-Brüder, sowie viele andere außergewöhnliche Lehrer, die ihnen folgten.

Atisha ist auch bekannt als Jowo Je (tib. Jo-bo rje dpal-ldan A-ti-sha), woraus sich der Name dieser Tradition ergibt. Nachdem er durch Indien und bis nach Sumatra gereist war, um die zahlreichen zersplitterten buddhistischen Linien zusammenzutragen, kam er im 11. Jahrhundert aus dem Vikramashila-Kloster in Nordindien nach Tibet, um die Lehren wiederzubeleben und deren Missstände zu beheben. Sein Werk „Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ (tib. Byang-chub lam-gyi sgron-ma, Skt. Bodhipathapradīpa) wurde zum Hauptwerk im Lam-rim-Stil, welches von den Praktizierenden des Kadam und später von jenen des Gelug studiert wurde. 

Dromtönpa war Atishas wichtigster tibetischer Schüler und die drei Kadam-Brüder, die Geshes Potowa (tib. dGe-bshes Po-to-ba Rin-chen gsal), Chengawa (tib. dGe-bshes sPyan-snga-ba Tshul-khrims ’bar) und Phuchungwa (tib. dGe-bshes Phu-chung-ba gZhon-nu rgyal-mtshan), lernten ebenfalls bei ihm. Die Lojong-Lehren oder Lehren der Schulung der Geisteshaltungen (Geistestraining) wurden von jenen verbreitet, die in der Linie von Geshe Potowa folgten.

Es gab drei Übertragungslinien dieser Tradition, die als die alte Kadam-Schule bekannt ist. Die Kadam Zhungpawa (gZhung-pa-ba) -Linie der textlichen Erläuterungen geht auf Geshe Potowa zurück, die Kadam Manngagpa (Man-ngag-pa) der mündlichen Lehren auf Geshe Chengawa, und die Kadam Lamrimpa (Lam-rim-pa) des Stufenpfades auf einen weiteren Schüler von Atisha, Gonpawa (dGon-pa-ba dBang-phyug rGyal-mtshan). Die alte Kadam-Schule gibt es nicht mehr als eigenständige Tradition. Ihre Übertragungslinien und Lehren sind alle mit anderen tibetisch-buddhistischen Traditionen verschmolzen.  

Die Wurzeln der Sakya-, Kagyü- und Gelug-Traditionen waren alle in dieser alten Kadam-Schule verwoben.

Atishas Schüler Gonpawa hatte selbst mehrere namhafte Schüler. Sakya Pandita Kunga Gyaltsen (Sa-skya Pandita Kun-dga’ rgyal-mtshan), eine herausragende Figur der Sakya-Traditionen, studierte mit einem ihrer Schüler. Gampopa (tib. sGam-po-pa bSod-nams rin-chen), eine der Hauptfiguren der Kagyü-Traditionen studierte mit einem weiteren. Darüber hinaus traf der große Übersetzer Marpa (Mar-pa Chos-kyi blo-gros), der Lehrer von Gampopas Guru Jetsün Milarepa (rJe-btsun Mi-la Ras-pa bZhad-pa rdo-rje), während seiner dritten Reise nach Indien ebenfalls auf Atisha und lernte bei ihm. 

Die Gelug-Tradition geht auf Je Tsongkhapa (Tsong-kha-pa Blo-bzang-grags-pa), zurück, der bei Gurus aller tibetischen Traditionen lernte und die drei alten Kadam-Linien wieder miteinander verband. Von einem seiner Kagyü-Lamas, Khenchen Chokyob Zangpo (mKhan-chen Chos-skyob bzang-po), empfing er die Linie deren textlichen Erläuterungen und von einem seiner Nyingma-Lamas, Lhodrag Namkha Gyaltsen (lHo-brag Nam-mkha’ rgyal-mtshan), jene des Stufenpfades und der mündlichen Lehren.

Gelug

Manjushri Je Tsongkhapa, der fest in (allen drei Linien) der alten Kadam-Tradition verankert war, schrieb ausführlich über Vinaya, Sutra, Madhyamaka, Prajnaparamita, Tantra und so weiter; und die (Gelug-) Tradition, die sich von ihm entwickelte, durchdrang die gesamte (tibetisch-buddhistische) Welt.

Je Tsongkhapa war sehr daran gelegen, die monastische Tradition der Ausbildung wiederzubeleben, die ursprünglich durch Shantarakshita von Indien nach Tibet gebracht wurde. In den Klöstern, die er und seine Schüler gründeten, wie Ganden, Sera, Drepung und Tashilhunpo, wurde ein Ausbildungsprogramm etabliert, um sicherzugehen, dass Mönche zusätzlich zu ihrem tantrischen Studium und ihrer Praxis die wichtigsten Sutra-Themen meistern würden. Das stand im Einklang mit Atishas eigentlichem Zweck seines Kommens nach Tibet. Die wichtigsten Themen, die studiert wurden, waren Prajnaparamita, Madhyamaka, Pramana, Vinaya und Abhidharma. 

Prajnaparamita ist das Studium der versteckten Bedeutung der Leerheit innerhalb des Rahmens der Bodhichitta-Lehren des erleuchtenden Strebens. Es befasst sich auch mit den Stufen und Pfaden zur Erleuchtung. Im Madhyamaka gibt es direkte Lehren über die Leerheit und die zehn Vollkommenheiten, nämlich Großzügigkeit, Moral, Geduld, enthusiastische Ausdauer, meditative Konzentration, unterscheidendes Gewahrsein, geschickte Mittel, Wunschgebete, Stärken und tiefes Gewahrsein. Was diese zwei Arten des Gewahrseins betrifft, so ist unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab, Skt. prajñā) oder einfach Unterscheidung ein Gewahrsein dessen, was hinsichtlich der letztendlichen Natur der relativen Realität angenommen und abgelehnt werden sollte. Mit anderen Worten handelt es sich dabei um die Weisheit des Leerheitsverständnisses. Tiefes Gewahrsein (tib. ye-shes, Skt. jñāna) ist ein Gewahrsein des Zustands jenseits aller Dualität oder, genauer gesagt, die Weisheit des Verstehens der Einheit oder Nichtdualität von letztendlicher Leerheit und relativer Erscheinung. Pramana befasst sich mit Logik, dem Geist und der Theorie des Lernens. Im Vinaya geht es um die Regeln der Disziplin und das Gesetz von Ursache und Wirkung und im Abhidharma um Kosmologie und Metaphysik.

Im Einklang mit Buddhas Gebrauch von geschickten Mitteln kann jedes dieser Themen beim Durchgehen der indischen Schulen der Lehrsysteme mit verschiedenen Graden der Komplexität erklärt werden. In Bezug auf Prajnaparamita gibt es beispielsweise eine Svatantrika- und eine Prasangika-Erklärung und obgleich erstere tendenziell wahr ist, ist letztere zutreffender. Somit werden traditionell bestimmte Themen zuerst aus der Sicht einer bestimmten Hinayana- oder Mahayana Schule der Lehrsysteme studiert, die sich darauf spezialisiert hat. Hat man dann ein anfängliches Verständnis darüber durch intensives Debattieren und Meditieren erreicht, wird es verfeinert, indem man zur nächsten Ebene der Erklärung weitergeht. So nähert man sich zum Beispiel Pramana aus der Sautrantika- und Chittamatra-Sicht. Solange man nicht erst einmal ihre Theorien verstanden hat, ist es äußerst schwierig, die feinen Punkte zu würdigen, welche durch die Madhyamaka Prasangikas klar formuliert werden. 

Je Tsongkhapa verfasste zahlreiche Kommentare zu den Werken im Kangyur und Tengyur, auf denen diese Sutra-Studien basieren. Er schrieb auch ausführlich über die Tantras und empfing viele Lehren aus klaren Visionen seiner Buddha-Gestalt (Meditationsgottheit) Manjushri, der Manifestation der Weisheit aller Buddhas. Seine Mahamudra-Lehren bezüglich der Meditationen über die Natur des Geistes ist auf seine Nacharbeit zurückzuführen, in der er das, was er zu diesem Thema von seinen Kagyü-Lamas lernte, mit dem verband, was er in einer solchen klaren Vision empfing.  

Zu seinen berühmtesten Schülern gehörten Gyaltsab Je (rGyal-tshab rJe Dar-ma rin-chen) und Kedrub Je (mKhas-grub rJe dGe-legs dpal-bzang), welche der Reihe nach die Position des Ganden-Thronhalters übernahmen. Der Lama oder spirituelle Meister, der diese Position übernimmt, ist das Oberhaupt der Gelug-Tradition. Ein weiterer seiner Schüler, Gyalwa Gendun Drub (rGyal-ba dGe-’dun-grub), wurde nach seinem Tod als der erste Dalai Lama erkannt. Der Titel Dalai Lama, was soviel bedeutet wie ozeangleicher Meister, wurde im sechzehnten Jahrhundert von dem tumisch-mongolischen Prinz Altan Khan auf Sönam Gyatso (rGyal-ba bSod-nams rgya-mtsho), dem dritten dieser Linie bei seinem Lehrbesuch in der Mongolei übertragen. Danach folgten die Mongolen, die erstmalig im 13. Jahrhundert von Sakya Pandita zum Buddhismus konvertiert worden waren, vorwiegend der Gelug-Tradition.

Als Gushi Khan, der Prinz eines anderen mongolischen Stammes, der Choschuten, im 17. Jahrhundert den örtlichen König Tibets besiegte, übernahm er selbst den Titel König von Tibet und stellte den Fünften Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatso (rGyal-dbang lnga-pa chen-po Ngag-dbang blo-bzang rgya-mtsho), als regierendes politisches und religiöses Oberhaupt des Landes in Lhasa auf. Unter seiner Regentschaft wurde der Potala Palast zu seiner gegenwärtigen Größe erweitert. 

Als ein weiterer mongolischer Stamm, die Dsungar-Mongolen, die Choschuten besiegten, welche in Tibet nominale Macht hatten, nutzte der Mandschu-Herrscher Chinas, Kangxi, die Situation, um die Mongolen ein für alle Mal zu besiegen und in Lhasa den Siebten Dalai Lama wieder aufzustellen. Von dieser Zeit an war Gelug die offiziell unterstützte buddhistische Tradition in ganz China, der Mandschurei, der Mongolei und in Zentralasien. Darüber hinaus begann man das Projekt, den tibetischen Kanon ins Mandschuische zu übersetzen, indem man eine mongolische Schrift nutzte, die dafür modifiziert worden war, um diese zuvor ungeschriebene Sprache zu transkribieren. Das ist zwar eine recht vereinfachte Version der eher komplizierten Geschichte dieser Periode, doch im Wesentlichen geschah es auf diese Weise, dass die Linie Je Tsongkhapas die gesamte tibetisch-buddhistische Welt durchdrang. 

Das monastische Schulsystem der Gelug-Tradition verbreitete sich auch auf andere buddhistische Traditionen in Tibet. Ein Beispiel stammt aus der Zeit des Fünften Dalai Lama, zu dessen Gurus nicht nur der Vierte Panchen Lama, Losang Chökyi Gyaltsen (Pan-chen Blo-bzang chos-kyi rgyal-mtshan), sondern auch ein großer Nyingma-Meister, der Erste Dzogchen Rinpoche, Pema Rigdzin (rDzogs-chen Padma-rig ’dzin) gehörte. Letzterer übertrug dem Fünften Dalai Lama zahlreiche Dzogchen-Ermächtigungen, der dieses Meditationssystem wiederum meisterte und ebenfalls Schatzlehren zum Thema offenbarte, die zuvor versteckt worden waren.

Danach bat der Dzogchen Rinpoche einen gelehrten Geshe oder Meister dieses Schulsystems, mit ihm nach Kham in Osttibet zurückzukehren, um dort die Sutra-Lehren zu etablieren, die bis dahin wenig berücksichtigt worden waren. Der Fünfte Dalai Lama stimmte zu und daraufhin folgte man in den Dzogchen- und Shechen-Klöstern der Nyingmapas einem Ausbildungsprogramm, welches dem der Gelugpas ähnelte. Lama Mipam (19. Jahrhundert) war mit dem Shechen-Kloster verbunden und schrieb, wie Je Tsongkhapa, ausführliche Kommentare und Lehrbücher für Sutra- und Tantra-Studien. Seit dem 17. Jahrundert gibt es in der Linie der Dalai Lamas eine gegenseitige Guru-Schüler-Beziehung mit den Linien der Panchen Lamas und Nyingma Dzogchen Rinpoches.

Sakya

Die Sakya-Tradition wurde von den Fünf Sakya-Patriarchen begründet, welche die Sutra- und Tantra-Lehren vieler großen indischen Pandit-Mahasiddhas, wie Vajrasana, Naropa und Virupa, dem König der Yogis, aufrechterhielten. Diese dynastische Linie der Khon-Familie folgt ebenfalls den Samyak- und Vajrakilaya-Tantrapraktiken der Nyingma-Tradition und viele außergewöhnliche und besondere Lehren der Sakyapas blühen noch heute ohne Unterlass.
Sakya Pandita, das Kronjuwel aller weisen Männer des südlichen Kontinents, besiegte den nicht-buddhistischen indischen Gelehrten (Harinanda) im Debattieren, was zu dieser Zeit keinem anderen der tibetischen Meister gelang, die wir kennen.

Die Sakya-Line geht auf die Kon (‘Khon) -Familie zurück, die für 13 Generationen nach der Zeit Padmasambhavas Anhänger der Nyingma-Tradition war. Die tantrischen Praktiken von Samyak (Yangdag Heruka) und Vajrakilaya, den zwei Meditationsgottheiten der Mahayoga-Klasse alter Übersetzungen (sowie Hayagriva Yangsang) sind Teil ihres Erbes dieser früheren Periode. 

Im 11. Jahrhundert ging ein Mitglied dieser Familie, Kon Konchog Gyalpo (’Khon dKon-mchog rgyal-po), nach Indien, um nach frischem buddhistischen Lehrstoff zu suchen. Vom Übersetzer Drogmi Lotsawa (Brog-mi Lo-tsa-wa Shakya-ye-shes) erhielt er die Lehren des Abts Virupa des Nalanda-Klosters . Dieser Übersetzer hatten einen neuen Stil und war eng mit den Gründervätern anderer Sarma-Traditionen verbunden. Er war einer der Gurus von Marpa, auf den zwölf der Kagyü-Linien zurückgehen, und beide, er und Atisha, der Gründer der Kadam-Schule, waren Schüler des indischen Mahasiddhas (hochverwirklichter Praktizierender) Shantipa.

Als Khon Khonchog Gyalpo nach Tibet zurückkehrte, brachte er Virupas Lamdre-Lehren oder Lehren der „Pfade und deren Resultate“ zum Stufenpfad im Rahmen des Hevajra-Tantras zurück und gründete das Sakya-Kloster. Die Fünf Sakya-Patriarchen (tib. Sa-skya gong-ma lnga), welche tatsächlich die Sakya-Tradition gründeten, waren seine Verwandten und Nachkommen. Die ersten drei, Kunga Nyingpo (Sa-chen Kun-dga’ snying-po), Sönam Tsemo (bSod-nams rtse-mo) und Dragpa Gyaltsen (Grags-pa rgyal-mtshan), sind bekannt als die Drei Weißen Meister, da sie in Weiß gekleidete Laien waren. Die letzteren zwei, Sakya Pandita Kunga Gyaltsen und Chögyal Phagpa (Chos-rgyal ’Phags-pa), waren Mönche in roten Roben und somit als die Zwei Roten Meister bekannt.

Der erste von diesen fünf, Kunga Nyingpo, war der Autor von „Sich von den vier Arten des Klammerns lösen“ (tib. Blo-sbyong zhen-pa bzhi-bral-gyi khrid-yig zab-don gnad-kyi lde’u-mig), einer Lehre, die er in einer klaren Vision von der Buddha-Gestalt Manjushri empfing. Dieser und Virupas Lamdre-Text sind zu den wichtigsten Lam-rim-Texten geworden, welche in den Sakya-Traditionen studiert werden. Er empfing auch viele der neuen Tantra-Linien vom Übersetzer Mal Lotsawa (Mal Lo-tsa-ba Blo-gros grags-pa).

Zu ihnen gehörten jene von Vajrayogini, welche von Marpas Guru Naropa an die Pamtingpa (Pham-thing-pa) -Brüder von Nepal weitergegeben wurden. Vajrayogini ist eine weibliche Buddha-Gestalt der Mutter-Klassifizierung des Anuttarayoga-Tantra. Drei große indische Meister – Naropa, Maitripa und König Indrabhuti – empfingen Lehren in klaren Visionen von ihr, in denen sie in etwas unterschiedlichen Formen erschien. Somit entstanden zusätzlich zu den Aspekten des alten Tantras drei Linien ihrer Praxis innerhalb der neuen Tantras, die genauer gesagt innerhalb der „dreizehn goldenen Lehren der Sakyas“ (tib. Sa-skya gser-chos bcu-gsum) übertragen wurden.

Das kam recht häufig vor und erklärt einige der Unterschiede in den Abbildungen verschiedener Buddha-Gestalten und ihren Sadhana-Praktiken. Viele der tibetischen Traditionen beziehen sich oft auf mehrere Linien der Praxis, die mit einer bestimmten tantrischen Buddha-Gestalt verbunden ist. Die Ermächtigungen für jede von ihnen werden von Generation zu Generation häufig in einer Sammlung von Initiationen für hundert oder mehr Buddha-Gestalten und Linien auf einmal übertragen. Damit wird das Überleben der ungebrochenen Übertragungslinien gesichert. Doch obwohl jede Tradition viele der gleichen Praktiken übertragen mag, liegt nicht die gleiche Betonung auf ihnen allen. Bestimmte Gottheiten und spezifische Formen ihrer Praxis sind zu unterschiedlichen Zeiten populärer. Somit findet man beispielsweise viele der Vajrayogini-Linien gleichermaßen in den Traditionen des Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelug, wobei die Gelug ihre Übertragung direkt von den Sakya-Meistern bekommen haben, doch jede Tradition hat ihre eigenen Sadhanas aus weiteren Offenbarungen erstellt und in unterschiedlichen Zeiten verschiedene Formen dieser Buddha-Gestalt betont. In Übereinstimmung mit Buddhas Methoden diverser und geschickter Mittel haben Gurus jeder dieser Traditionen Erleuchtung durch eine große Vielfalt von Vajrayogini-Praktiken erlangt. 

In Tibet gab es drei große, allgemein anerkannte menschliche Manifestationen von Manjushri: der Nyingma-Meister Longchen Rabjampa, der Gelug-Begründer Je Tsongkhapa und der Sakya Pandita Kunga Gyaltsen, der erste der zwei roten Meister. Dieser Letztere lebte im 13. Jahrhundert und war ein Meister aller bekannten Wissensgebiete, einschließlich Medizin, Logik und Poesie. Er übersetzte zahlreiche Werke zu diesen Themen vom Sanskrit ins Tibetische und viele seiner eigenen Werke wurden wiederum zum Wohle seiner indischen Anhänger ins Sanskrit übersetzt. Sein Ruhm war so verbreitet, dass ein indischer Weiser dieser Zeit, Harinanda, nach Tibet reiste, um in im Debattieren herauszufordern. 

Sakya Panditas Sieg war so ein beachtliches Ereignis, dass man sogar bei den mächtigen Mongolen davon hörte. Godan Khan, der Enkelsohn von Dschingis Khan, lud ihn zusammen mit seinem Neffen Chogyal Phagpa, dem zweiten der zwei roten Meister, in die Mongolei ein. Aufgrund ihres Besuches wurden die Mongolen zum Buddhismus konvertiert und Sakya Pandita wurde zum Vizekönig von Tibet und Guru des Khans im Gegenzug für die mongolische Oberherrschaft. Außerdem entwarfen die zwei roten Meister eine Schrift für die mongolische Sprache und unter ihrer Aufsicht begann man mit der Übersetzung der buddhistischen Schriften aus dem Tibetischen ins Mongolische.

Später hielt Chögyal Phagpa eine ähnliche Position wie Kublai Khan, den sein Onkel mit Godan Khan etabliert hatte. Eine derartige Beziehung zwischen den Sakya-Oberhäuptern und mongolischen Herrschern setzte sich fort, nachdem Kublai Khan seine Eroberung von China vollendet und die Yuan-Dynastie gegründet hatte. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die Sakya-Führer jedoch mit der Schwächung der Mongolen in China als politische Herrscher Tibets von einer Gruppe örtlicher Tibeter abgelöst und danach wurden die Mongolen in China selbst von der örtlichen Ming-Dynastie gestürzt. Die zerstückelten mongolischen Stämme bewahrten zwar weiterhin die Verbundenheit zum tibetischen Buddhismus, doch im 16. Jahrhundert wurde er enorm durch den Besuch des Dritten Dalai Lama bei Altan Khan und dem Verleihen des Titels „Dalai Lama“ gefördert und erneuert.

Es gibt drei Traditionen, welche die Lehren von Sakya Pandita bewahren: die Sakya, Ngor und Tsar,

Die Fünf Sakya-Patriarchen begründeten selbst die Sakya-Tradition, dessen traditionelles Oberhaupt der Sakya Trizin ist. Ngorchen Kunga Zangpo (Ngor-chen Kun-dga’ bzang-po) gründete die Ngor-Tradition, während Tsarchen Losel Gyatso (Tshar-chen Blo-gsal rgya-mtsho) die Tsar-Tradition gründete.

sowie drei zusätzliche Traditionen, die im Sakya selbst verwurzelt sind: die Bulug, Jonang und Bodong. Allerdings gibt es nur kleine Unterschiede in ihren Erklärungen von Sutra und Tantra.

Jonang wurde von Yumo Mikye Dorjey (Yu-mo Mi-skyes rdo-rje) gegründet und Bodong von Bodong Chogle Namgyel (Bo-dong Phyogs-las rnam-rgyal). Die herausragendsten Figuren dieser Linien waren Buton Rinchen Drub (Bu-ston rin-chen-grub), der Begründer des Bulug, und Taranatha (Ta-ra-na-tha) des Jonang. Der Erstere, der im 14. Jahrhundert lebte, ist berühmt dafür, einer der ersten gewesen zu sein, den Kangyur und Tengyur zu kodifizieren und zusammenzustellen. Er war ein Enzyklopädist und tantrischer Meister. Die Linien des Guhyasamaja- und Kalachakra-Tantras wurden beispielsweise durch Je Tsongkhapa von seinen Schülern empfangen. Guhyasamaja ist ein Vater-Anuttarayoga-Tantra; Kalachakra wurde von Buton Rinpoche der nicht-dualen Kategorie zugeordnet, während Je Tsongkhapa es als Mutter-Tantra betrachtete. Es befasst sich nicht nur mit dem gewöhnlicherem tantrischen Lehrstoff, sondern auch ausführlich mit Astronomie, Astrologie, Mathematik und den Energiesystemen des Körpers.  

Taranatha war auch ein Meister des Kalachakra-Systems, sowie ein Autor einer umfangreichen geschichtlichen Darstellung des indischen Buddhismus. Er lebte im 16. Jahrhundert und war einer der freimütigsten Vertreter des Zhentong (gzhan-stong) oder der Lehren der Anderesleerheit, die er in Zusammenhang mit Kalachakra darlegte. Diese Lehren stammen aus dem Uttaratantra, welches Asanga von Maitreya offenbart wurde, verbunden mit Buddha Shakyamunis drittem Drehen des Dharma-Rades mit dem Tathagatagarbha Sutra. Da er damals niemanden in Indien fand, dem er sie anvertrauen konnte, versteckte Asanga sie als eine Schatzlehre. Sie wurden später von Naropa und Maitripa, den indischen Vorreitern der Kagyü-Übertragungslinien offenbart und im 11. Jahrhundert zum Teil von dem Übersetzer Ngog Loden Sherab (rNgog Lo-tsa-ba Blo-ldan shes-rab) nach Tibet gebracht.

Obgleich die Leerheit nur „einen Geschmack“ hat und die Leerheit, wie sie in all den Fahrzeugen Buddhas verwirklicht wird, dieselbe ist, kann man aus zwei verschiedenen Aspekten über sie sprechen. Rangtong (rang-stong) oder Selbstleerheit ist die Widerlegung wahrer unabhängiger Existenz. Es ist die völlige Abwesenheit einer Existenzweise, die es nie gab. Es gab nie etwas, das inhärent mit wahrer unabhängiger Existenz existierte. Die Selbstleerheit postuliert nichts weiter.

Die Anderesleerheit ist eine Weise, über das völlige Fehlen einer wahren Existenz als Grundlage für das Entstehen eines Geist des klaren Lichts zu reden, des tiefen Gewahrseins der Nichtdualität von Leerheit und Erscheinung, der Buddha-Natur, des Dharmakaya oder des alles umfassenden Körpers und des konstruktiven Verhaltens der Buddhas oder dem Kraftfeld, das den Geist auf die Erleuchtung ausrichtet. Sie ist in dem Sinne „anders“, dass sie sich von allen relativen Phänomenen vollkommen unterscheidet.  

Der Zweck des Unterscheidens dieser zwei Aspekte der Leerheit liegt darin, Praktizierende davor zu bewahren, einen der zwei extremen Standpunkte zu vertreten. Für jene, die mit dem Widerlegen inhärenter Existenz vielleicht zum Extrem des Nihilismus neigen, werden die positiven Eigenschaften der Anderesleerheit betont. Doch jenen, die vielleicht dazu neigen, die wahre inhärente Existenz der beständigen Buddha-Natur zuzuschreiben und dergleichen, wird die Meditation über Selbstleerheit empfohlen. Mit einem Gleichgewicht dieser zwei Weisen, die letztendliche Realität zu betrachten, können Gurus ihre Schüler auf einen mittleren Weg zur Erleuchtung führen.

Die Lehren der Anderesleerheit, die in der Jonang-Linie eine ernsthafte Schwächung erfahren haben, wurden von Tsewang Norbu (Tshe-dbang nor-bu), einem Nyingma-Meister des 18. Jahrhunderts, wiederbelebt. Durch die Rime- oder nicht-sektiererische Bewegung des 19. Jahrhunderts wurden sie besonders durch Jamgon Kongtrul Rinpoche weithin populär und sind derzeit in vielen der Nyingma- und Kagyü-Linien zu finden. 

Kagyü

Die Kagyü-Traditionen kamen von Naropa und Maitripa. Marpa, Jetsün Milarepa und Gampopa waren ihre herausragendsten Meister. Auf sie gehen vier große und acht kleinere Traditionen zurück, von denen viele zum großen Teil auf Pagmodrupa, einem Schüler Gampopas, zurückzuführen sind.

Zwölf der Kagyü-Traditionen, die zusammen als der Dagpo-Kagyü bekannt sind, stammen aus der Linie Marpas. Dieser große neuartige Übersetzer des 11. Jahrhunderts reiste dreimal nach Indien, um mit so versierten Meistern wie Naropa, Maitripa und dem Übersetzer Drogmi Lotsawa zu studieren, die alle eng mit den Anfängen der verschiedenen anderen Sarma-Traditionen verbunden waren.

Eine der Hauptlinien, die Marpa nach Tibet zurückbrachte, war die des Mahamudra, des großen Siegels der Leerheit. Diese Lehren, die sich mit der Meditation über die wahre Natur des Geistes befassen, wurden zuerst vom indischen Mahasiddha Saraha in einer klaren Vision von Vajrapani empfangen, der Buddha-Gestalt, welche die Kraft und geschickten Mittel der Buddhas manifestiert. Saraha, ein Guru von Nagarjuna, gab diese Lehren an Luipa weiter, auf dessen klare Visionen eine der Linien der Mutter-Tantra-Praxis von Heruka Chakrasamvara zurückgeht. Irgendwann erreichten sie Naropas Guru Tilopa und wurden von Naropa an Marpa weitergegeben. 

In Tibet übertrug Marpa sie wiederum an den großen Yogi Jetsün Milarepa, der bekannt für seine Hingabe zum Guru war. Von Jetsün Milarepas zwei herausragenden Schülern Rechungpa (Ras-chung-pa rDo-rje grags-pa) und Gampopa, verband Letzterer, der mit einem Schüler von Gonpawa, einem von Atishas Schülern, lernte, die Mahamudra- und Kadam-Lehren und verfasste den „Juwelenschmuck der Befreiung“ (tib. Thar-pa rin-po-che’i rgyan), welcher der wichtigste Lam-rim-Text ist, der in den Kagyü-Traditionen studiert wird. Einer seiner Hauptschüler war Pagmodrupa (tib. Phag-mo gru-pa rDo-rje rgyal-po). Somit bilden Tilopa, Naropa, Marpa, Jetsün Milarepa, Gampopa und Pagmodrupa eine aufeinanderfolgende Guru-Schüler-Linie.

Die vier großen und acht kleineren Kagyü-Traditionen werden so genannt, weil erstere von direkten Schülern Gampopas gegründet wurden, während letztere auf Pagmodrupa zurückgehen. Die vier Großen und deren Begründer sind: 

  • Barom Kagyü – Barompa Darma Wangchug (’Ba-rom-pa Dar-ma dbang-phyug);
  • Pagdru Kagyü – Pagmodrupa; 
  • Kamtsang Kagyü or Karma Kagyü – Erster Karmapa Düsum Khyenpa (Dus-gsum mkhyen-pa); sowie
  • Tsalpa Kagyü – Zhang Yudragpa Tsondru Dragpa (Zhang g.yu-brag-pa brTson-’gru brags-pa).

Die acht Kleineren sind: 

  • Drikung Kagyü – Drikungpa Jigten Gonpo (’Bri-gung-pa ’Jig-rten mgon-po);
  • Taglung Kagyü – Taglung Tangpa Сhenpo Tashi Pel (sTag-lung Thang-pa bkra-shis-dpal);
  • Yelpa Kagyü – Drubthob Yeshe Tsegpa (sGrub-thob Ye-shes brtsegs-pa);
  • Marpa Kagyü – Choje Marpa Drubtob (sMar-pa sGrub-thob Shes-rab seng-ge);
  • Shugseb Kagyü – Gyergom Chenpo (Gyer-sgom chen-po gZhon-nu grags-pa);
  • Drugpa Kagyü or Lingre Kagyü – Lingrepa Pema Dorje (Gling-ras-pa Padma rdo-rje) und Tsangpa Gyare Yeshe Dorje (gTsang-pa rgya-ras Ye-shes rdo-rje);
  • Yazang Kagyü – Zarawa Yeshe Sengge (Zwa-ra-ba sKal-ldan Ye-shes seng-ge); und
  • Tropu Kagyü – Gyaltsa Rinpoche (rGyal-tsha Rin-chen mgon-po) und Kunden Repa (Kun-ldan ras-pa).
Heute gibt es vier, die noch existieren und nicht degeneriert sind. Dabei handelt es sich um die Traditionen des Karma, Drugpa, Drikung und Taglung. Die Linien der anderen befinden sich jedoch derzeit in einem äußerst geschwächten Zustand.

Von den zwölf Dagpo Kagyü-Traditionen sind jene des Karma, Drugpa, Drikung und Taglung heutzutage die am weitest verbreiteten.  

Karma-Kagyü wurde vom Ersten Karmapa Düsum Khyenpa, einem direkten Schüler Gampopas und Gründer des Tsurpu-Klosters gegründet. Einer seiner wichtigsten Schüler war Drogon Sönam Dragpa (’Gro-mgon bSod-nams brag-pa), der auch als Sanggye Rapa (Sangs-rgyas Ra-ba) oder Drogon Rapa (’Gro-mgon Ra-ba), dem Vorgänger der Linie der Situ Rinpoches, bekannt ist. Die Linien der Karmapas und Dalai Lamas werden üblicherweise als die menschlichen Manifestationen von Avalokiteshvara, der Emanation des Mitgefühls aller Buddhas, betrachtet.

Der Zweite Karmapa, Karma Pakshi (Kar-ma Pak-shi), hatte wie Chögyal Phagpa, der zweite der Zwei Roten Meister der Sakyas, einen starken Bezug zum mongolischen Hof des Kublai Khan. Von seiner Zeit an, besonders im letzteren Teil der mongolischen Yuan-Dynastie in China und der darauf folgenden örtlichen Ming-Dynastie, waren die Karmapas häufige Besucher in China und standen unter kaiserlicher Schirmherrschaft.

Der Dritte Karmapa, Rangjung Dorje (Rang-byung rdo-rje), war berühmt dafür, die Dzogchen-Lehren jenen des Mahamudra angepasst zu haben. Er selbst war ein Guru des Nyingma-Meisters Longchen Rabjampa und beide waren Schüler von Rigdzin Kumaraja (Rig-’dzin Ku-ma-ra-dza). Durch die gemeinsamen Bemühungen dieser drei, wurde der „Nyingthig“ oder die Lehren der „innerstes Essenz“ des Dzogchen eine der gemeinsamen Grundlagen der Karma-Kagyü- und Nyingma-Lehren. Der Dritte Karmapa selbst war ein Offenbarer von Schatzlehren, besonders des „Karma-Nyingthig“, einer Gruppe von Dzogchen-Lehren, die man für die Kagyü-Linien als besonders geeignet hielt.

Der Vierte Karmapa Rölpe Dorje (Rol-pa’i rdo-rje) war einer der Gurus von Je Tsongkhapa, dem Begründer der Gelug-Tradition. 

So, wie die Linie der Panchen und Dalai Lamas seit der Zeit des Fünften Dalai Lama eine gegenseitige Guru-Schüler-Beziehung hatte, entwickelte sich auch eine ähnliche Verbindung zwischen den Karmapas und den Linien der Shamar und Situ Rinpoches. Die Shamar Rinpoches, wie die Panchen Lamas, werden als Emanationen von Amitabha Buddha, dem Guru von Avalokiteshvara, betrachtet, während die Situ Rinpoches als Manifestationen Maitreya Buddhas gesehen werden. Der Erste Shamar Rinpoche, Drag Sengge (Zhwa-dmar Grags-seng-ge), war ein Schüler des Dritten Karmapa, sowie seines Dzogchen Gurus Rigdzin Kumararaja. Der Erste Situ Rinpoche, Chökyi Gyaltsen (Ta’i si-tu Chos-kyi rgyal-mtshan), war ein Schüler des Fünften Karmapa Deshin Shegpa (De-bzhin gshegs-pa).

Die Schwarzhutzeremonie der Karmapas und jene der Roten Hüte von den Shamar und Situ Rinpoches sind Beispiele dafür, was man als „Befreiung durch Sehen“ kennt. Hat man eine große und ausreichende Menge an positiver Kraft aufgebaut, kann das Sehen dieser besonders geweihten Hüte, wenn sie von ihren Meistern in tiefer meditativer Versenkung getragen werden, die eigene Befreiung auslösen. Fehlt die voraussetzende positive Kraft, kann dieses Sehen starke karmische Eindrücke im eigenen Geisteskontinuum für die zukünftige Verbindung mit diesen Emanationen Buddhas hinterlassen und eine letztendliche solche Befreiung bewirken. 

Die Drugpa-Kagyü-Linie geht auf Lingre Pema Dorje, einen Schüler von Pagmodrupa des 12. Jahrhunderts zurück, der dafür bekannt war, sich selbst durch die Kraft seiner Meditation von Lepra geheilt zu haben. Diese Kagyü-Linie wurde jedoch im Grunde von seinem führenden Schüler Tsangpa Gyare begründet, der ebenfalls die Dzogchen-Lehren dem Mahamudra anpasste, dessen Formen er von seinem Nyingma-Guru Kharlungpa (mKhar-lung-pa) empfing. Außerdem ist er berühmt als ein Offenbarer von Schatzlehren zum Mahamudra, die von Jetsün Milarepas Schüler Rechungpa versteckt worden waren.

Pema Karpo (’Brug-chen Pad-ma dkar-po), einer Reinkarnation von Tsangpa Gyare des 16. Jahrunderts, war der Erste Drugchen Rinpoche und kodifizierte alle Drugpa-Kagyü-Lehren. Folglich galt der Drugchen Rinpoche als das spirituelle Oberhaupt dieser Tradition, so wie die Karmapas für die Karma-Kagyü. Einer seiner herausragendsten Figuren war der Dritte Khamtrul Rinpoche Kunga Tenzin (Khams-sprul Kun-dga’ bstan-’dzin) des 18. Jahrhunderts – der Erste Khamtrul Rinpoche war ein Schüler eines von Pema Karpos Schülern. Seine Werke über Mahamudra integrieren viele der Dzogchen-Lehren, die von den Werken Longchen Rabjampas gewonnen wurden. 

Die Drikung-Kagyü-Linie wurde von Drikung Jigten Gonpo, einem Schüler von Pagmodrupa, begründet. Er übernahm die Nyingma-Linien von seinem Vater, der ein Meister dieser Tradition war, und war weithin als eine Reinkarnation von Nagarjuna bekannt.  

Der Taglung-Kagyü geht auf einen anderen Schüler von Pagmodrupa zurück, Taglung Tangpa, der ebenfalls ein Schüler von Kadam Geshe Chekawa war. Die Kadam-Linie des „Lojong“ oder der Lehren des Geistestrainings ging von Atisha auf Dromtönpa und dann weiter zu den Geshes Potowa, Sharawa und Chekawa.

Zusätzlich zu den zwölf Dagpo-Kagyü-Linien, die auf Marpa zurückgehen, gab es eine weitere Kagyü-Tradition.  

Der tibetische Yogi Khedrub Khyungpo Naldjor lernte in Indien bei zwei Dakinis, sowie bei Rahulagupta, Maitripa und vielen anderen. Insgesamt lernte er bei 150 Pandit-Meistern und als er nach Tibet zurückkehrte, begründete er die Tradition, die als Shangpa-Kagyü bekannt wurde. Heutzutage wird sie von niemandem mehr gesondert vertreten, doch ihre Linien der Ermächtigungen und mündlichen Übertragungen werden vorwiegend im Sakya und den anderen Kagyü-Traditionen bewahrt.

Dakinis sind eine Art weibliche erleuchtete Wesen, welche günstige Bedingungen und Inspiration für die Meditationspraxis schaffen. Die zwei Dakinis, bei denen Khedrub Khyungpo Naljor (mKhas-grub Khyung-po rnal-’byor) lernte, waren Niguma und Sukhasiddhi. Erstere war eine Verwandte von Marpas Guru Naropa und Letztere eine Schülerin des Sakya-Vorreiters Virupa. Auf sie gehen auch die sechs Yogas von Niguma und die sechs Yogas von Sukhasiddhi zurück. 

Einige der Shangpa-Kagyü-Linien gingen nicht nur in die Sakya- und andere Kagyü-Traditionen über, sondern auch in die des Gelug, von Jagchen Jampa Pel (’Jag-chen Byams-pa-dpal) zu Je Tsongkhapa. Je Tsongkhapas Schüler Khedrub Je empfing vom Shangpa-Meister Namkay Naljor (Nam-mkha’i rnal-’byor) die Ermächtigung und Lehren des sechsarmigen Mahakala, einem kraftvollen Schützer des Anuttarayoga-Tantra. Zusätzlich zu den vier großen tibetischen Traditionen Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelug gibt es noch einige andere.

Weitere tibetische Praxis-Traditionen

Es gibt viele zusätzliche Traditionen der tantrischen Praxis in Tibet, wie beispielsweise das Chöd-Ritual des Abtrennens dämonischer Störungen, die auf die Zhije- oder Besänftiger-Tradition zurückgeht. Sie wurde von der tibetischen Yogini Machig Labdron gegründet und folgt den Lehren des indischen Mahasiddhas Padampa Sanggye. Tatsächlich unterscheiden sich all diese Traditionen jedoch nur im Namen. Im Wesentlichen treffen sie sich alle in einem Punkt: jede von ihnen lehrt Methoden zum Erlangen desselben letztendlichen Ziels, der vollen Erleuchtung der Buddhaschaft.

Wie aus den obigen kurzen Beschreibungen ersichtlich ist, hat sich keine der buddhistischen Traditionen Tibets vollkommen isoliert von den anderen entwickelt. Viele ihrer Wurzeln sind gleich oder miteinander verbunden und im Laufe der Zeit standen sie fortwährend in Kontakt und haben das gegenseitige Wachstum gefördert. Große Meister einer jeden Tradition haben häufig bei Gurus von anderen gelernt und zahlreiche Übertragungslinien und Praktiken werden gemeinsam gehalten, wobei es nur leichte Variationen im Inhalt und Stil gibt. Dennoch haben sie ihre eigenen Besonderheiten und charakteristischen Herangehensweisen an die Meditation.

Unterschiede zwischen den Traditionen bezüglich ihrer Herangehensweise

Es wird zwar allgemein davon ausgegangen, dass sich Sakya und Ganden auf Erklärungen und Nyingma und Kagyü auf die Praxis spezialisiert haben, doch in der Tat wurde von den alten Pandits und Gelehrten gesagt: „Die Nyingmapas waren die Pioniere des Dharma im Land des Schnees (Tibet). Die Kadampas waren die Quelle hunderttausender Bewahrer der Lehren. Die Sakyapas erweiterten und verbreiteten den vollständigen Dharma und die Kagyüpas boten einen geheimen Pfad für die unvergleichlichen Meister des Meditierens. Von den Erklärern vortrefflicher Lehren war Je Tsongkhapa wie die Sonne. Jonangpa Taranatha und Buton waren die zwei großen Meister der weitreichenden und tiefgründigen Tantra-Lehren“, und diese Erklärung entspricht dem, wie es ist.

Obwohl Gurus in jeder Tradition den Dharma verbreiten, indem sie öffentliche Vorträge halten und Schüler auf Meditationsretreats vorbereiten, sind jene des Sakya und Ganden, also des Gelug, im Allgemeinen auf ersteres spezialisiert, während jene des Nyingma und Kagyü sich eher mit letzterem befassen. Alle sind sich jedoch darin einig, dass man für eine effektive Meditation zunächst die Anweisungen und Erklärungen der Lehren korrekt gehört und studiert haben und dann über sie nachdenken sollte, bis man verstanden hat, was sie bedeuten. Ansonsten wird die Meditation voller Zweifel sein und man wird sich fragen, was man da eigentlich tut. Das wird von den großen Gelehrten und Meister-Meditierenden aller Traditionen gleichermaßen bestätigt. 

Darüber hinaus betonen alle die Wichtigkeit, Hindernisse zu beseitigen und einen förderlichen Geisteszustand für intensive Meditation zu schaffen, auch wenn die Arten und Formen des Ngöndro oder der vorbereitenden Übungen sich von einer zur anderen Übertragungslinie und auch innerhalb einer jeweiligen Tradition unterscheiden. Von einer Tradition zur anderen gibt es auch große Unterschiede was den Stil des Rezitierens und die Vorgänge des Rituals betreffen. Tatsächlich kann man innerhalb jeder Linie und sogar innerhalb eines bestimmten Klosters eine große Vielfalt von Stilen finden. Allgemein kann man jedoch sagen, dass die Nyingmapas eine größere Vielfalt in den Ritualen haben, als in irgendeiner anderen der Sarma-Traditionen, doch dabei handelt es sich um oberflächliche Unterschiede.  

Man kann auch feststellen, dass bestimmte buddhistische Fachbegriffe eine große Vielfalt an Definitionen und Anwendungen haben. Man kann zwar generelle Muster erkennen, doch aufgrund der tibetischen Traditionen können keine strikten Trennlinien gezogen werden. Dieses Merkmal wurde zuerst in Indien, insbesondere in den verschiedenen Schulen der Lehrsysteme, entdeckt. So ist die Bedeutung eines Begriffes im Chittamatra-System beispielsweise nicht mit der zu vergleichen, wie man sie im Prasangika-Madhyamaka-Kontext findet. Darüber hinaus haben viele Gelehrte aller Traditionen in Tibet Begriffe beruhend auf ihrer eigenen Meditationserfahrung für jeden dieser Kontexte etwas anders definiert. Sie legten sie in ihren zahlreichen Werken dar und sogar einzelne Autoren haben Dinge in verschiedenen Werken und zu verschiedenen Zeiten in ihrem Leben anders erklärt. Aus dieser Masse an literarischen Werken hat man in jeder Abteilung eines jeden Klosters eigene Lehrbücher und bevorzugte Kommentare ausgewählt. Somit ist klar, dass die Herangehensweise im Buddhismus ganz und gar nicht dogmatisch ist. Steht Praktizierenden eine breite Palette an Kommentaren und Definitionen zur Verfügung, können sie selbst in ihren Meditationen und Debatten mit anderen entdecken, welche davon auf jeder Stufe ihres spirituellen Pfades relevant und hilfreich sind.

Ein nennenswerterer Unterschied zwischen den tibetischen Traditionen findet man in ihren allgemeinen Herangehensweisen an die Leerheitsmeditation, obgleich auch hier jeder Guru jeden Schüler je nach ihren Veranlagungen und Bedürfnissen anders anleiten wird. Generell sollte man jedoch bei den Gelugpas die Betonung darauf legen, eine nicht-konzeptuelle direkte Wahrnehmung der Leerheit zu entwickeln, indem man zunächst die logische Widerlegung der selbst-begründeten Existenz versteht. Nyingma- und Kagyü-Praktizierende gehen das Erlangen dieser bloßen Wahrnehmung durch die Meditation über über die Anderesleerheit an, um die Buddha-Natur und das tiefe Gewahrsein der Nichtdualität von Leerheit und Erscheinung zu verwirklichen. Die Sakyapas betonen im Allgemeinen beide dieser Aspekte der vollständigen Verwirklichung der letztendlichen Realität. Ihre besondere Meditationstechnik besteht in der Untrennbarkeit von Samsara und Nirvana, um den Körper und Geist eines Buddhas direkter zu erlangen, indem sie gleichzeitig Ursachen für beide praktizieren.

Die fortgeschrittensten Methoden zeigen, wie es auch einen Unterschied zwischen alten und neuen Traditionen in Bezug auf die Herangehensweise zum Offenbaren der subtilsten Ebene des Bewusstseins für die glückselige Verwirklichung der Leerheit gibt. Diese subtilste Ebene, die oft als die Buddha-Natur bezeichnet wird, ist die zugrunde liegende Schicht allen Bewusstseins, das durch sie durchdrungen wird. Bei den neuen Tantras liegt die Betonung in erster Linie darauf, sich dessen bewusst zu werden, indem man sich von gröberen Ebenen des Bewusstseins zurückzieht, wie beim Auflösungsvorgang der körperlichen Elemente in der Todeserfahrung, jedoch durch Simulation während der Meditation. In den alten Tantras liegt die Betonung darauf, diese subtilste Ebene direkt im Kontext der gröbsten Ebenen des Bewusstseins zu erkennen und sich ihrer bewusst zu werden, ohne letztere zwangsläufig erst einmal zu beenden. Um dazu in der Lage zu sein, ist jedoch eine genaue Anleitung eines voll qualifizierten Meditationsmeisters erforderlich, sowie eine ständige Vertrautheit mit dieser subtilsten Ebene durch vorangegangene Erfahrung der Auflösungstechniken, die in den neuen Tantras hervorgehoben werden. Um die subtilste Ebene des Bewusstseins zu erkennen, werden die gröberen Ebenen in dieser alten Tantra-Technik zwar nicht beendet, doch die Erfahrung der Meister zeigt, dass die gröberen Ebenen durch die Kraft der Verwirklichung der subtilsten Ebene oder der Buddha-Natur allmählich selbst zu einem Ende kommen. Obgleich sich also die Herangehensweise unterscheidet, ist das Ziel der Erleuchtung, das durch beide Techniken erlangt wird, dasselbe. 

Schatzlehren und die Frage ihrer Gültigkeit 

Die Tradition des Terma oder der spirituellen Schatzlehren der Nyingmas stammt vom großen Lehrer Guru Rinpoche, Padmasambhava von Ugyan. Nachdem er nach Tibet kam und König Tri Songdetsen und seiner Gefolgschaft viele gewöhnliche und außergewöhnliche Lehren erteilt hatte, versteckte er sie, um den Dharma in zukünftigen degenerierenden Zeiten zu bewahren. Im Grunde gab es zwei Arten von Schatzlehren: jene, die in der Erde versteckt wurden und jene, die im Geist versteckt wurden.

Jene, die in der Erde versteckt wurden (tib. sa’i gter), wurden größtenteils von Padmasambhava übertragen, in der Sprache der Dakinis von seiner Gefährtin Yeshe Tsogyal (Ye-shes mtsho-rgyal) verschlüsselt und an bestimmten heiligen Orten in Tibet versteckt. Andere Erdschätze wurden auch vom Pandit Vimalamitra, dem Übersetzer Vairochana und vielen anderen versteckt. Die Geistschätze (tib. dgongs-pa’i gter) waren Lehren, die im Geist der großen Lehrer in früheren Inkarnationen verankert wurden, als sie Schüler von Padmasambhava oder anderer großer Meister waren.

Später offenbarten überragende Wesen, die Inkarnationen (von Guru Rinpoche selbst) waren, die Schatzlehren und sorgten für großen Nutzen und Glück zahlreicher begrenzter Wesen und Buddhas Dharma. Linie, die auf klare Visionen und geflüsterte Lehren zurückgehen, sind in vielen Formen sowohl in den Tradition der alten als auch der neuen Übersetzung zu finden.

Sie sind nicht strittig. Geflüsterte Lehren (tib. gnyan-rgyud) sind Instruktionen, die für spezifische tantrische Praktiken gelten. Sie sollten nicht niedergeschrieben werden und oft gibt es Einschränkungen bezüglich der Anzahl von Schülern, die sie auf einmal empfangen können. Sie sind nicht dasselbe wie Quintessenz-Lehren (tib. man-ngag, Skt. upadeśa), welche Erklärungen aus eigenen Erfahrungen der Gurus zu den Methoden des Verwirklichens bestimmter Punkte der Sutras oder Tantras sind. Diese Letzteren sind in dem Sinne mündlich, dass sie ursprünglich auf eine mündliche Erklärung zurückzuführen sind, jedoch oftmals auch aufgeschrieben wurden. Der Filigranschmuck der Verwirklichungen (tib. mNgon-rtogs-rgyan, Skt. Abhisamayālaṃkāra) von Maitreya ist zum Beispiel eine mündliche Belehrung in schriftlicher Form darüber, wie man Prajnaparamita-Themen organisiert und erkennt. Mündliche Lehren können jedoch weniger formell sein und sind vielleicht nur der persönliche Rat eines Gurus in Bezug auf die eigene Meditationspraxis. In allen tibetischen Traditionen gibt es mündliche und geflüsterte Lehren, sowie jene, die auf klare Visionen von Buddha-Gestalten und früheren Meister zurückgehen. 

Die wenigen Gelehrten, die jedoch die Gültigkeit der Linien infrage gestellt haben, die auf Schatzlehren zurückgehen, sollten den Zweck und die Gründe (für ihre Kritik) hinterfragen, da diese versteckten Lehren durch die drei Standardkriterien als gültig festgelegt wurden.

Alle erkennbaren Phänomene können in jene unterteilt werden, die offensichtlich, verschleiert und extrem verschleiert sind. Offensichtliche Dinge, wie eine Vase, können durch gültige bloße Wahrnehmung erkannt werden; man kann sie sehen. Etwas Verschleiertes, wie dessen Unbeständigkeit, kann jedoch von gewöhnlichen Wesen nur als die Art der schlussfolgernden Wahrnehmung erkannt werden, die sich auf die tatsächlichen Kräften der Logik stützt. Durch eine Argumentationskette wie „die Vase ist unbeständig, weil sie ein Produkt von Ursachen ist“, kann man gültig deren Unbeständigkeit erkennen. Das, was extrem verschleiert ist, wie beispielsweise die Tatsache, dass Reichtum in diesem Leben das Resultat davon ist, sich zuvor in Großzügigkeit geübt zu haben, kann nur von erleuchteten Wesen direkt erkannt werden. Andernfalls kann man die Wahrheit solcher Aussagen nur aus der eigenen Überzeugung in die Gültigkeit ihrer Quelle ableiten.

Erleuchtete Wesen sind jene, die selbst zu solch einer gültigen Quelle geworden sind. Die Kraft ihres Entfaltens großen Mitgefühls hat die Hindernisse beseitigt, die ihre bloße Wahrnehmung der Leerheit verhindern. Solch eine kraftvolle Wahrnehmung der Realität erlaubt es ihnen, alle Hindernisse zu überwinden und die vollkommene Verwirklichung der Allwissenheit zu erlangen. Dies befähigt sie wiederum, anderen bestmöglich zu helfen, da es sie zu Lehrern nicht trügerischer Pfade ähnlicher Ziele macht. Denkt man auf diese Weise nach, kann man gültig schlussfolgern, dass die Lehren erleuchteter Wesen wahr sind, da sie allwissend sind, anderen ausschließlich nützen wollen und keinen Grund haben, andere jemals zu täuschen. Obgleich man somit extrem verschleierte Dinge, wie die Wiedergeburt und den anfangslosen Geist nicht verstehen mag, kann man sich darauf verlassen, dass deren Informationen korrekt sind.

Eine Lehre ist daher als gültig erwiesen, wenn sie die drei Standardkriterien erfüllt. Was über offensichtliche Phänomene ausgesagt wird, darf nicht durch gültige bloße Wahrnehmung widerlegt werden. Die Aussagen darüber, was verschleiert ist, darf nicht durch gültige schlussfolgernde Wahrnehmung, die auf Logik beruht, widerlegt werden, noch Informationen über extrem verschleierte Dinge durch gültige schlussfolgernde Wahrnehmung beruhend auf Überzeugung. Da die Schatzlehren diese Kriterien erfüllen, sind sie ohne jeden Zweifel gültig und man kann sich sicher sein, dass man das Ziel der Erleuchtung erreichen kann, indem man sich auf sie stützt.  

Es ist wichtig den Grund für solche Lehren zu verstehen, sowie für jene, die auf klare Visionen zurückgehen. Wegen sich ändernder Bedingungen, wie religiöser Verfolgung, Kriegen oder ausufernder Skepsis sind bestimmte Zeiten weniger förderlich für die Dharma-Praxis als andere. Das gilt besonders für die tiefgründigeren tantrischen Aspekte, die oftmals fehlinterpretiert oder missbraucht wurden. In solchen Zeiten dachten die großen Meister, dass es besser sei, solche Lehren zu verbergen, als sie offen zu verbreiten. Dies taten sie aus großem Mitgefühl, um zu verhindern, dass jene, die sie verspotten oder verzerren könnten, davor zu bewahren, sich selbst auf verhängnisvolle Weise zu schaden. Verborgene Schatzlehren werden später offenbart, wenn die Zeiten für ihre erfolgreiche und nützliche Praxis förderlicher sind. 

Auch wenn eine bestimmte Praxis nicht verborgen wurde, kann dessen Kraft als effektive Methode zum Beseitigen von Täuschungen und Ansammeln positiver Kraft darüber hinaus ernsthaft beeinträchtigt werden, wenn sie zu banal oder offen praktiziert wurde. Das liegt daran, dass Menschen normalerweise eine Geringschätzung und wenig Respekt für das haben, was leicht zugänglich und allgemein bekannt ist, jedoch das hoch bewerten, was selten und schwer zu erlangen ist. Schätzt man die Lehren, die man bekommt, wie ein kostbares Juwel und hat eine tiefe Achtung davor, wie selten die Gelegenheit ist, sie zu praktizieren, wird man ganz von selbst mehr üben und eine viel bessere Chance auf Erfolg haben. Wenn tantrische Sadhanas und Praktiken zu offen, banal oder abgedroschen geworden sind, werden daher neue in klaren Visionen oder aus verborgenen Schatzlehren offenbart.  

Ein ähnlicher Grund für ihre Offenbarung besteht, wenn die Linie einer Praxis so unnahbar geworden ist, dass sie den Schülern nicht mehr relevant oder kraftvoll erscheint. So, wie Relaisstationen für das Übertragen von Elektrizität und Radiowellen über weite Entfernung notwendig sind, helfen klare Visionen und offenbarte Schatzlehren, die Kraft der Wirkung des Verbreitens von Buddhas Dharma sicherzustellen. Ihre Offenbarung wird nur durch Mitgefühl motiviert und dient dazu, mehr wirksame Methoden zum Erlangen der Erleuchtung zur Verfügung zu stellen. Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama sagte, dass es nicht abwegig ist, weitere in der Zukunft zu erwarten.

Daher begeht jeder, der respektlos gegenüber diesen Lehren ist, einen ernsthaften Fehler, den Dharma zu verleumden. Da die Konsequenzen solch einer destruktiven Handlung äußerst gravierend sind, sollte man sorgfältig sein.

Schatzlehren gibt es nicht nur in der Nyingma-Tradition. Wie oben gesagt wurde, haben zahlreiche herausragende Meister anderer Linien sie ebenfalls offenbart, wie Tsangpa Gyare, der Dritte Karmapa sowie der Fünfte Dalai Lama. Es gibt auch viele Beispiele in Indien, wie die Anderesleerheit-Lehren von Asanga, die von Naropa und Maitripa offenbart wurden.

Nagarjuna offenbarte das „Prajnaparamita Sutra in Einhundert Versen“.

Nagarjuna holte sie vom Grund des Ozeans, wo sie von Manjushri verborgen und in die Obhut der Nagas, den schlangengleichen Beschützern des Dharmas, gegeben wurden.

In ähnlicher Weise haben große indische Mahasiddhas tantrische Schatzlehren aus der Stupa von Ugyan Dhumatala geholt. Somit ist es klar, dass es diesen Brauch auch in Indien gab. Es gibt zwar noch viele andere Beispiele, die ich aufzählen könnte, doch ich möchte es hier dabei belassen.
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