Hauptpunkte des Lam-rim-Stufenpfades
Die vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden
Die Grundlage und Basis des Steigerns der eigenen Entschlossenheit, frei (von Samsara) zu sein, dem Wesentlichen der Pfade dieser verschiedenen so erklärten Lehren, besteht darin, die ethische Disziplin der Gruppe von sieben Pratimoksha-Gelübden der Befreiung zu wahren, die (für einen) angemessen ist und über die Schwierigkeit des Erlangens (einer kostbaren menschlichen Form) mit Ruhepausen und Ausstattungen zu meditieren.
Dabei handelt es sich um die Pratimoksha-Gelübde von Laien, vorläufigen Nonnen sowie Novizen und vollordinierten Mönchen und Nonnen.
Sie sind so kostbar wie ein wunscherfüllendes Juwel und in der Zukunft wird es schwierig sein, eine ähnliche Form mit solchen Freiheiten zu bekommen. Dieses Leben ist unbeständig; es wird nicht ewig andauern. Der Tod kommt schnell und man kann nicht vorhersagen, wann man sterben wird. Es kann plötzlich passieren, wenn man noch jung, im mittleren Alter oder ganz alt ist. In jedem Moment gibt es weit mehr Chancen dafür zu sterben, als am Leben zu bleiben. Indem man immer wieder über solche Dinge wie das Verstreichen der Jahre, Monate und Jahreszeiten nachdenkt, sowie darüber, dass Feinde manchmal zu Freunden werden, versucht man stets die Unbeständigkeit im Sinn zu behalten.
Wenn man stirbt, ist es nicht so, dass man in der Sphäre des Raumes verschwindet. Noch werden Menschen stets als Menschen und Pferde als Pferde wiedergeboren. Begrenzte Wesen werden durch die Kraft des karmischen Potenzials, das sie aufgebaut haben, in die verschiedenen Wiedergeburtszustände geworfen. Ob jemand hochgestellt oder niedrig, reich oder arm, stark oder schwach, hübsch oder hässlich wiedergeboren wird, entscheidet sich durch ihre konstruktiven, destruktiven und vermischten karmischen Potenziale. Aus diesem Grund gibt es so viele verschiedene Zustände zwanghafter Existenz.
Alle konstruktiven und destruktiven Handlungen werden jeweils in zehn allgemeine Kategorien zusammengefasst.
Es gibt drei destruktive Handlungen des Körpers: Töten, Stehlen und unangemessenes sexuelles Verhalten; vier der Rede: Lügen, spaltende oder verletzende Worte und Geschwätz; und drei des Geistes: Wunsch, etwas zu besitzen, was anderen gehört, andere verletzen und verzerrte Sichtweisen haben. Die zehn konstruktiven Handlungen bestehen darin, davon abzusehen, eine dieser destruktiven zu begehen und sich aktiv in deren Gegensätze zu üben.
Es gibt vier Arten von Auswirkungen: (1) die Früchte, die in der Form des Wiedergeburtszustandes heranreifen, (2) jene, die ihrer Ursache in der eigenen Erfahrung und (3) im eigenen instinktiven Verhalten entsprechen, sowie (4) jene, die umfassend sind. Es ist eine Kombination dieser vier Arten von Auswirkungen, zu der alle konstruktiven und destruktiven Handlungen als deren jeweilige Früchte heranreifen.
Durch konstruktive Handlungen erfährt man Glück und durch destruktive nur Leid. Im Falle des Tötens kann man beispielsweise (1) in einer der Höllen wiedergeboren werden. Bekommt man danach erneut eine menschliche Geburt, (2) wird das Leben kurz sein, (3) wird man sadistische Antriebe des erneuten Tötens haben und wird (4) in einer Gemeinschaft geboren werden, die häufig von Feinden angegriffen wird.
Hat man jedoch eine bestimmte karmische Handlung nicht begangen, kann man sich sicher sein, keine ihrer Konsequenzen zu erfahren. Darüber hinaus sollte man daran denken, dass eine Handlung, die einmal begangen wurde, nie wirkungslos sein wird. Ihre Früchte werden in gewisser Zeit in jenen heranreifen, welche die Handlung begangen haben (und in niemandem sonst). Man kann die Auswirkungen der eigenen karmischen Handlungen entweder in diesem, im nächsten oder einem der darauffolgenden Leben erfahren. Für ausführlichere Erklärungen zu den verschiedenen Aspekten von Ursache und Wirkung, wie das Karma, für das es gewiss ist, dessen Auswirkungen zu erfahren, jenes ohne solche Gewissheit und dergleichen, sollte man die Sutras, indischen Abhandlungen und deren Kommentare konsultieren.
Ersteres bezieht sich auf Handlungen, die mit Absicht begangen wurden, und letzteres auf unbeabsichtigte.
Die eigentliche Praxis von Ursache und Wirkung, des Aufgebens destruktiver Handlungen und das Ausführen konstruktiver, ist das Herz von Buddhas Dharma, während die vier edlen Wahrheiten und das Gesetz des abhängigen Entstehens dessen wesentliche Punkte zusammenfasst. Durch ihre karmischen Handlungen reisen die wandernden Wesen durch alle sechs möglichen Wiedergeburtszustände, die drei schlechten und die drei besseren.
Erstere beziehen sich auf jene als Höllenwesen, hungrige Geister (preta) und Tiere, und Letztere auf jene als Menschen, Gegengötter (asura) und die drei Klassen der Götter (deva). Die erste Klasse und alle niederen Lebensformen bilden die Ebene der Objekte des Sinnesbegehrens, die zweite die Ebene der ätherischen Formen und die dritte die Ebene der formlosen Wesen.
Kurzum ist nicht einmal ein kleiner Fleck in den drei Ebenen des Sinnesbegehrens, der ätherischen Formen oder formlosen Wesen ohne Mängel. Wesen dort erleiden (im Allgemeinen) durch das Leid des Leidens, das Leid der Veränderung und das alles umfassende Leiden Qualen und werden durch die Leiden in jedem der sechs Klassen der Wiedergeburt überwältigt.
Das erste ist das offensichtliche Leiden solcher Dinge wie Krankheit, Alter und Tod; das zweite ist die Unzufriedenheit, da alle weltlichen Freuden unbeständig sind. Das alles umfassende Leiden ergibt sich daraus, lediglich in Samsara durch die Kraft von Karma und Täuschung geboren zu werden. Weil man einen Körper hat, der krank wird und altert; weil man einen Geist hat, der verwirrt und depressiv wird.
Die Auswirkung von destruktivem karmischen Potenzial ist Leiden, von befleckt konstruktivem karmischen Potenzial eine Wiedergeburt auf einer höheren Ebene und durch unbeirrtes karmisches Potenzial weltlicher vertiefter Konzentration wird man in einen Zustand auf einer der Dhyana-Ebenen (auf der Ebene der ätherischen Formen) oder auf einer der Ebene der formlosen Wesen geworfen. Doch sogar sie haben sich nicht von der Wurzel Samsaras gelöst und so fallen sie wieder in einen (niederen) samsarischen Zustand und werden durch Verlangen und einem Herbeiführer in eine weitere Existenz geworfen.
In Samsara zu bleiben ist somit, als würde man in einer Feuergrube oder einer Grube mit giftigen Schlangen leben. In Samsara zu bleiben ist somit, als würde man in einer Feuergrube oder in einem Nest giftiger Schlangen leben. Man sollte mit seinem Geist also nicht das Glück Samsaras anstreben. Stattdessen sollte man einen vernünftigen Geist hervorbringen, mit der Entschlossenheit, frei von zwanghafter Wiedergeburt zu sein.
Die Grundlage für den Eintritt in den Pfad zur Befreiung von den Leiden Samsaras hängt davon ab, sich selbst einem spirituellen Meister anzuvertrauen.
Qualifikationen eines spirituellen Meisters
Ein Guru sollte die folgenden Qualifikationen haben.
Er sollte seinen Geist durch das Hören vieler Lehren gut gezähmt haben. Er sollte eine reine Moral haben und in dem erleuchtenden Ziel von Bodhichitta gefestigt sein. Er sollte eine korrekt Sicht (der Leerheit) haben, sowie große liebevolle Güte und die Fähigkeit besitzen, alle Verfälschungen in anderen zu durchtrennen. Schließlich sollte er (die Gelübde rein halten und) eng bindende Praktiken von den tantrischen Initiationen fortführen. Solche einem Guru sollte man sich anvertrauen und in Einklang mit seinen Worten so praktizieren, wie er es sagt. Indem man Glauben und Überzeugung (gegenüber seinen guten Eigenschaften) hat, sowie Wertschätzung (gegenüber seiner Güte), kann man alle Ziele erreichen. Daher sollte man sich mit Hingabe einem herausragenden Guru (mit all den oben genannten Qualifikationen) anvertrauen.
Sichere Ausrichtung und Bodhichitta
Die richtungsweisenden Anleitungen eines Gurus sind wie Nektar der Unsterblichkeit. Je mehr man von ihnen hört, desto mehr sollte man über sie nachdenken, meditieren und sie in die Praxis umsetzen, ohne sie jemals zu vernachlässigen. Sie nur zu hören, hat jedoch keinen Nutzen. Es ist wie mit dem Wasser, das den Durst nicht löschen kann, wenn man es nicht trinkt. Daher sollte man sich (für optimale Praxisbedingungen) in eine isolierte Bergregion zurückziehen.
Die sichere Ausrichtung zu nehmen, ist die stabile Grundlage aller Pfade (zur Befreiung und Erleuchtung) und die stabile Grundlage für alle Gelübde. Sie unterscheidet Buddhisten von Nicht-Buddhisten und wird sowohl von Menschen als auch von den Göttern anerkannt. Durch sie werden alle guten Dinge für dieses und zukünftige Leben erfüllt. Daher ist es angemessen, den Geist dem Dreifachen (Juwel) zuzuwenden – den Buddhas, den wahren Lehrern; dem Dharma, dem wahren Schutz; und dem Sangha, den wahren Anführern – und nicht-irreführenden zuversichtlichen Glauben (im Herzen) erzeugen, nicht nur als Lippenbekenntnis. Dann sollte man die Schulungen gut durch die sichere Ausrichtung schützen.
Der Grundpfeiler des Mahayana-Pfades ist das erleuchtende Ziel des Bodhichitta.
Mit diesem Ziel arbeitet man daran, die volle Erleuchtung der Buddhaschaft zu erlangen, um in der Lage zu sein, alle anderen begrenzten Wesen von ihren Leiden zu befreien.
Es ist die Essenz, die aus der Milch des heiligen Dharma geschlagen wird. Ohne dieses Ziel wird jeder Sutra- oder Tantra-Praxis, der man nachgehen mag, jede innere Essenz fehlen, wie dem (hohlen) Stamm eine Platane.
Vielleicht bringt es unmittelbar Früchte, wird aber nach der anfänglichen Ernte keinen Nutzen haben. Um Bodhichitta zu entwickeln, sollte man den Geist wie folgt üben.
Darüber hinaus erstrecken sich fühlende Wesen bis zum Ende des Raumes und in den aufeinanderfolgenden anfangslosen Leben waren diese zahllosen fühlenden Wesen unsere Väter und Mütter in einer grenzenlosen Anzahl von Leben und waren uns jenseits aller Vorstellungskraft von Nutzen. Daher meditieren wir über Liebe und Mitgefühl für alle – Freunde, Feinde und jene, gegenüber denen wir ein neutrales Gefühl haben. Wir entwickeln Gleichmut gegenüber allen und lösen uns davon, manchen nah und anderen gegenüber distanziert zu sein, von manchen angezogen und von anderen abgestoßen zu sein. Wir richten die Handlungen von Körper, Rede und Geist auf das, was konstruktiv ist, haben stets vortreffliche Gedanken, anderen von Nutzen zu sein, und bringen (in diesem Sinne) besondere und edle Gebete dar.
Ein Beispiel solch eines Gebets findet sich in der „Lam-rim-Puja“ (tib. sByor-chos):
Mein Herz wendet sich den zehn Hauptrichtungen zu, in denen der höchste, juwelengleiche Dharma zurückgegangen ist oder sich nicht verbreitet hat. Verpflichtet durch die mächtige Kraft großer Barmherzigkeit, möge ich diesen weitreichenden Schatz enthüllen, der Freude und Hilfe bringt.
Leerheitsverständnis
Die Weise, eine korrekte Sicht der Leerheit im Geisteskontinuum zu erzeugen, besteht darin, sich mit Hingabe zu bemühen, das eigene Netzwerk positiven Potenzials aufzubauen und sich selbst von allen Schleiern zu reinigen. Zu diesem Zweck sollte man die siebengliedrige Puja ausführen, Niederwerfungen und Umkreisungen machen, Sutras lesen, sowie Mantras, Dharanis und die „Erklärung vor den 35 Buddhas“ rezitieren.
Es gibt zwei Gruppen von Schleiern, die es zu überwinden gilt: jene, die Befreiung verhindern und jene, die Allwissenheit verhindern. Erstere bestehen aus unseren störenden Geistesfaktoren (tib. nyon-mongs, Skt. kleśa) und deren Tendenzen, sowie das missverständliche Greifen nach wahrhaft begründeter Existenz. Letztere sind die ständigen Gewohnheiten dieses Missverstehens, welches die Erscheinung selbst-begründeter Existenz hervorbringt.
Um diese Hindernisse zu überwinden, benötigt man ein vollständiges Leerheitsverständnis (tib. stong-pa-nyid, Skt. śūnyatā). Dies erlangt man zum Teil als Resultat der positiven Kraft, die durch konstruktive Handlungen aufgebaut wurde. Dafür sind die vorbereitenden Übungen des Aufbauens und Reinigens wesentlich. In der siebengliedrigen Puja werden die Hauptpunkte dieser Praxis zusammengefasst. Die sieben Glieder sind:
- Niederwerfungen;
- Opfergaben;
- offenes Bekennen früherer destruktiver Handlungen;
- Erfreuen an konstruktiven Handlungen;
- Erbitten der Lehren;
- Ersuchen der Buddhas und Gurus, nicht zu verscheiden; sowie
- Widmen der positiven Kraft.
Weitere vorbereitende Übungen
Andere vorbereitende Übungen können hunderttausend Wiederholungen solcher Praktiken wie Niederwerfungen, Mandala-Opfer, Zufluchtnahme und das Rezitieren von Mantras und „Dharanis“ umfassen. Mantras sind kraftvolle Worte, die aus dem Sanskrit stammen und als Anrufungen benutzt werden, wohingegen „Dharanis“ längere Sätze solcher Anrufungen sind. Für diese Praxis werden jene des Buddhas, der Gurus und die Vajrasattva-Reinigung am häufigsten benutzt. Die genaue Form der vorbereitenden Übungen wird von unserem Guru vorgeschrieben.
Bemüht man sich wirklich beim ernsthaften Anwenden der vier Gegenkräfte, kann man sich von allen negativen Potenzialen, Hindernissen, fehlerhaften Handlungen und gebrochenen Gelübden reinigen. Letztlich sollte man sicherstellen, wiederholte Mandala-Opfer, das Herz des Aufbauens dieses Netzwerks (positiven Potenzials) auszuführen.
Die vier Gegenkräfte werden folgendermaßen angewandt. Um offen die Fehler, die man gemacht hat, einzugestehen, sollte man:
- die eigenen destruktiven Handlungen bedauern;
- versprechen, solche Handlungen nicht wieder zu begehen;
- sich auf die Grundlage von allem Konstruktiven stützen – der sicheren Ausrichtung der Drei Juwelen und Bodhichitta;
- alle positive Kraft widmen, um die eigenen destruktiven Handlungen zu auszugleichen.
Wenn man das Mandala opfert, präsentiert man den erleuchteten Wesen symbolisch das gesamte Universum.
Baut man (dieses Netzwerk positiven Potenzials) zusammen mit der Leerheit auf diese Weise auf, welche durch das unterscheidende Gewahrsein als Fehlen der selbst-begründeten drei Kreise (das Subjekt, das Objekt und die Handlung dieser konstruktiven Taten) erfasst wird, bezeichnet man es als Netzwerk tiefen Gewahrseins. Von einem Netzwerk positiven Potenzials erlangt man die Formkörper eines Buddhas und von einem Netzwerk tiefen Gewahrseins einen Dharmakaya.
Buddhas haben zwei Arten physischer Körper (Rupakaya): den Formkörper (Nirmanakaya) und den Körper vollen Gebrauchs (Sambhogakaya). Ersterer kann aus vielen Formen bestehen und dazu gehört der höchste Nirmanakaya eines universalen Lehrers, wie Shakyamuni Buddha. Letzterer weilt in den Buddhafeldern, ist vollkommen mit allen großen und kleinen Merkmalen geschmückt, lehrt einem Kreis von Bodhisattvas mit unmittelbarer Wahrnehmung der Leerheit den Mahayana-Pfad und lebt bis zum Ende von Samsara.
Buddhas besitzen auch zwei Körper tiefen Gewahrseins: Jnana-Dharmakaya und Svabhavakaya. Ersterer ist der allwissende Geist eines Buddhas, sowie sein vollständiges Wissen bezüglich geschickter und wirksamer Mittel. Letzterer ist die leere Natur seines tiefen Gewahrseins.
Shamatha und Vipashyana
Um Ausdauer bei solchem Aufbauen und Reinigen sowie eine korrekte Sicht (der Leerheit) im eigenen Geisteskontinuum hervorzubringen, ist es notwendig, sich zunächst damit zu befassen, die fünf Hindernisse für die Konzentration aufzugeben, indem man sich auf die acht geistigen Fähigkeiten des Beruhigens stützt, um den Geist durch die neun Stufen des Zur-Ruhe-Bringen-des-Geistes zu schulen und einen still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand (von Shamatha) zu erlangen.
Die fünf Hindernisse, welche uns vom Erlangen einsgerichteter Konzentration (tib. ting-nge-’dzin, Skt. samādhi) abhalten, sind:
- Faulheit;
- Vergesslichkeit;
- Unterbrechungen wegen geistiger Dumpfheit oder Flatterhaftigkeit des Geistes;
- die Unfähigkeit, solche Unterbrechungen zu verhindern; und
- imaginäre Unterbrechungen zusammen mit dem Annehmen unnötiger Gegenmittel.
Sie können durch die acht geistigen Fähigkeiten des Beruhigens überwunden werden:
- respektvoller Glaube an den Nutzen des Erlangens einsgerichteter Konzentration;
- Absicht, dieses Ziel zu erreichen;
- enthusiastische Ausdauer;
- ein Gefühl der Leistungsfähigkeit;
- Vergegenwärtigung;
- Wachsamkeit gegenüber Unterbrechungen;
- Bereitschaft, Gegenmittel anzuwenden; sowie
- Loslassen der Gegenmittel, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben.
Durch das Anwenden dieser Fähigkeiten kann man die neun Stufen des Zur-Ruhe-Bringen-des-Geistes durchlaufen:
- anfängliches Platzieren;
- Platzieren mit Kontinuität;
- erneutes Platzieren;
- enges Platzieren;
- Zähmen;
- Beruhigen;
- völliges Beruhigen;
- Einsgerichtetheit; und
- Platzieren mit ausgewogener Leichtigkeit.
Durch wiederholte Vertrautheit mit einsgerichteter Konzentration, die man auf dieser neunten Ebene erlangt, erreicht man einen Zustand der geistigen Ruhe, weil die Konzentration mit einem Gefühl der Leistungsfähigkeit und erhebender geistiger Freude erfahren wird.
Auf diese Weise wird man in der Lage sein, einen Zustand der vertieften Konzentration mit Glückseligkeit, Klarheit und Nichtkonzeptualität entstehen zu lassen, der sich auf ein stützendes Objekt fokussiert oder ohne eine Stütze ist.
Solche Konzentration kann man entwickeln, indem man sich entweder auf ein visualisiertes Objekt richtet, wie die Form eines Buddhas, oder auf die bloße Klarheit des Geistes, wie in der Mahamudra-Meditation. Wenn man diesen Zustand erlangt, wird man frei von allem geistigen Abschweifen, geistiger Dumpfheit oder Flatterhaftigkeit sein.
Dies wird jedoch nur helfen, die eigenen störenden Geistesfaktoren zu unterdrücken. Daher muss man (um sie vollkommen zu beseitigen) völlig von einer korrekten Sicht der Leerheit überzeugt sein, was man in der „Vipashyana“-Meditation erlangt.
Die anfangslose Wurzel samsarischer Existenz ist das Greifen nach wahren Identitäten, die einem Atman ähneln. Um die Hauptursache dieses Missverständnisses zu beseitigen, muss man definitiv über Leerheit meditieren. Daher sollte man das automatisch auftretende Greifen nach einem Selbst, welches ein „Ich“ als etwas betrachtet, das von einer Ansammlung der fünf Aggregate getragen wird, mit Hingabe und ausführlicher Prüfung analysieren, um es zu zerstören.
Die fünf Aggregat-Faktoren (tib. phung-po, Skt. skandha) sind: Formen physischer Phänomene, Bewusstseinsarten, Empfinden verschiedener Grade von Glücklichsein, Unterscheiden und andere beeinflussende Variablen, die sich auf alles andere beziehen, was unsere Wahrnehmungen ausmacht.
Analysieren wir sie im Einklang mit dem, was auf die Madhyamaka-Argumentationsketten zurückgeht – (wie beispielsweise) ob eine Person und die Aggregate identisch oder vollkommen verschieden sind und so weiter – werden wir zu der eindeutigen Schlussfolgerung kommen, dass Personen keine Identität haben, die einem Atman ähnelt.
Analysieren wir sie im Einklang mit dem, was auf die Madhyamaka-Argumentationsketten zurückgeht – (wie beispielsweise) ob eine Person und die Aggregate identisch oder vollkommen verschieden sind, und so weiter – werden wir zu der eindeutigen Schlussfolgerung kommen, dass Personen keine Identität haben, die einem Atman ähnelt. Außerdem sollten wir all die Teile der Aggregate nach einer Atman-gleichen Identität von Phänomenen prüfen, kurzum wahrgenommene Objekte und ein Geist, der ein Objekt wahrnimmt. Hat man das entscheidende Gewahrsein der Bedeutung des Fehlens einer Atman-gleichen Identität erlangt, wird man zu der eindeutigen Schlussfolgerung kommen, dass allen Phänomenen, kurzum jenen zwanghafter Existenz und jenen des ruhigen Nirvana, ein (selbst-begründetes) Entstehen fehlt.
Dann wird man die Argumentationskette des abhängigen Entstehens nachvollziehen, (dass alle Phänomene frei davon sind, selbst-begründet zu sein, weil) alles ebenbürtig erscheint und (weil) Phänomene von ihrem Zustand des Freiseins (selbst-begründeten) Entstehens ohne Behinderung automatisch entstehen. Wenn (das eigene Begreifen) Erfahrungen des Verstehens hervorbringt, dass es keinen Unterschied zwischen Leerheit und abhängigem Entstehen gibt, vertieft man sich selbst völlig in die Sphäre des Madhyamaka, frei von konzeptueller Fabrikation, nicht-konzeptuell und ohne Verfälschung, so lange man kann, indem man kognitiv an ihnen festhält.
Kurzum, das vereinte Paar des unterscheidenden Gewahrseins eines außergewöhnlich wahrnehmungsfähigen Zustands von Vipashyana und ein still gewordener und zur Ruhe gekommener Zustand von Shamatha, unerschütterlich und einsgerichtet, der das unterscheidende Gewahrsein besitzt, das genau begreift und das zwischen den beiden wechselt: klar erkennende und stabilisierende (Meditation) ist die Bedeutung der Meditation über weitreichende Unterscheidung, die Mutter der Siegreichen, genannt „die korrekte Sicht (der Leerheit).
In klar erkennender Meditation analysiert man die Leerheit des konventionellen „Ichs“ oder eines Phänomens, um das eigene Verständnis darüber zu bestärken. In der stabilisierenden Meditation richtet man die einsgerichtete Konzentration des still gewordenen und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand (Shamatha) auf dieses Verständnis, das man mit dem Geisteszustand von außergewöhnlicher Wahrnehmungsfähigkeit (Vipashyana) erlangt hat.
Von der Meditation, die gut zur Ruhe gekommen ist, ohne von dieser Sicht abzuschweifen, getrennt von den acht Extremen und jeglicher geistiger Fabrikation, sowie reinem Verhalten im Einklang mit dem vortrefflichen Pfad der Bodhisattvas,
Die acht Extreme sind der Glaube an wahrhaft begründete Existenz von Beendigung oder Erzeugen, Auslöschung oder Beständigkeit, Kommen oder Gehen, sowie Unterschied oder Gleichheit. Nagarjuna spricht von ihnen in seinem einleitenden Vers seines Werkes „Wurzelverse zum Mittleren Weg, genannt Unterscheidendes Gewahrsein“ (tib. dBu-ma rtsa-ba’i tshig-le’ur byas-pa shes-rab ces bya-ba, Skt. Prajñā-nāma-mūlamadhyamaka-kārikā).
Die fünf Pfade des Geistes
wird man als Resultat (das Fortschreiten durch) die fünf Pfade des Geistes und zehn Bodhisattva-Ebenen vollenden. Somit wird man Erleuchtung, den höchsten gereinigten Zustand, erlangen und in der Lage sein, spontan die Ziele von sich und anderen zu erfüllen.
Entwickelt man zusätzlich zu der reinen Entschlossenheit, frei von Samsara und dessen Ursachen zu sein (Entsagung), ein erleuchtendes Streben nach Bodhichitta, wird man zu einem Bodhisattva und betritt den ersten von fünf Pfaden des Geistes, der zur vollen Erleuchtung der Buddhaschaft führt. Auf dem ersten, dem Pfadgeist des Aufbauens (Pfad der Ansammlung), entwickelt man neben anderen Dingen einsgerichtete Konzentration. Auf dem zweiten, dem Pfadgeist der Anwendung (Pfad der Vorbereitung), entwickelt man ein konzeptuelles Verständnis der Leerheit. Wenn solch ein Verständnis nicht-konzeptuell wird, verlässt man den Rang gewöhnlicher Wesen, erreicht den Pfadgeist des Sehens und wird zu einem Edlen (Arya). Dies ist auch der Beginn der zehn Bodhisattva-Stufen. Auf dem vierten Pfad, dem Pfadgeist des Sich-Gewöhnens (Pfad der Meditation), auf dem man die noch subtileren Grade von Schleiern überwindet, welche Befreiung und Allwissenheit verhindern, vollendet man diese Stufen. Auf dem fünften, dem Pfadgeist, der keines weiteren Trainings mehr bedarf, erlangt man Buddhaschaft. Davor hat man einsgerichtete Konzentration auf eine nicht-konzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit nur während den dafür bestimmten Meditationssitzungen erlangt. Als ein Buddha befindet man sich zu allen Zeiten in solch einem Zustand. Somit ist man mit vollkommen vollendeter Unterscheidung, Mitgefühl und geschickten Mitteln in der Lage, anderen dabei zu helfen, ihre Leiden zu überwinden.
Die Wichtigkeit eines nicht-sektiererischen Ansatzes in unserer Zeit
Ach, in Zeiten wie diesen, in einem Zeitalter der fünf Arten des Verfalls, sind viele der großen verwirklichten Wesen gestorben und die ganze Welt ist angefüllt mit Menschen wie mir, die nur Unsinn reden.
Während solch einem Zeitalter:
- zerfallen die Körper der Menschen nach einem kurzen Leben;
- entfalten sich störende Geistesfaktoren, wie Begierde, Hass und Engstirnigkeit;
- glaubt niemand an Befreiung, Wiedergeburt, Ursache und Wirkung etc.;
- hat niemand Respekt vor den Drei Juwelen der sicheren Ausrichtung, den Gurus, den eigenen Eltern etc; und
- sind Katastrophen, wie Kriege, Epidemien, Hungersnöte und Dürren allgegenwärtig.
Als der Dharma gedeihte, waren die Götter stets siegreich und die Gegengötter bezwungen.
Heutzutage lachen die Gegengötter voller Freude und die Götter, welche Tugendhaftes vorziehen, haben sich weit zurückgezogen. Die Lehren des Buddhas sind lediglich wie Bilder von Butterlampen. Oh mitfühlende Gurus, nehmt dies zur Kenntnis! Jene von euch, die sich um das Verbreiten und Bewahren der Lehren Buddhas kümmern, sollten eine gemeinsame Bemühung unternehmen, um alle Hindernisse zu beseitigen und diese Texte und Übungen des Dharma zu verstehen, damit ihr sie verwirklichen und selbst lehren könnt. Ohne jemals in der zehnfachen konstruktiven Praxis nachzulassen, solltet ihr wiederholte Bitten und Opfergaben darbringen, um euer Netzwerk positiver Kraft aufzubauen.
Die zehnfachen konstruktiven Übungen sind folgende:
- Abschreiben von Schriften;
- den Drei Juwelen Opfergaben darbringen;
- Großzügigkeit gegenüber den Armen und Kranken;
- Hören von Belehrungen;
- Lesen von Schriften;
- sich die Lehren zu Herzen nehmen und sie in die Praxis umsetzen;
- die Lehren erklären;
- die Sutras rezitieren;
- die Bedeutung der Lehren kontemplieren;
- einsgerichtet über sie meditieren.
Die Gemeinschaft der Buddhisten (Sangha) sollte einander freundlich gesinnt sein und daher gilt es, jegliche spaltende Rede und Sektierertum aufzugeben. Man sollte sich nicht auf eine Seite stellen und zwischen der einen und anderen Sekte unterscheiden. In den Lehren sollten keine Widersprüche (in den zahlreichen Traditionen des Buddhas) erzeugt werden (denn da gibt es keine). Der Dharma sollte nicht herabgesetzt werden (indem man sagt, es gäbe solche Widersprüche). Buddhas Lehren sind so weitreichend und tief wie der Ozean. Verstehe, dass sie alle als Methoden gedacht sind, den eigenen Geist zu zähmen und praktiziere sie ernsthaft. Sei äußerlich friedvoll und entspannt, mit Körper, Rede und Geist stets unter Kontrolle, und innerlich selbstbewusst, stets gewahr und wachsam.
Wie im (zehnten) prophetischen Traum von König Krikin (in dem 18 Leute an einem Tuch ziehen), wurde der Buddhismus von 18 frühen Hinayana-Schulen umkämpft und ging schließlich zurück.
König Krikin (Kri-kin, Skt. Kṛkin) lebte zur Zeit des damaligen Buddhas Kashyapa. In seinem wahrhaft prophetischen Traum zogen 18 Menschen an einem Stück weißem Tuch, konnten es jedoch nicht auseinanderreißen. In ähnlicher Weise zogen 18 frühe Linien nach dem Tod Buddha Shakyamunis an seinen Lehren und stritten miteinander darum, wer richtig lag. Im Grunde hielt jeder an einem Teil der Lehren fest und jeder lag richtig. Einer von ihnen zu folgen, führte zu einer Beendigung der Leiden, denn wie das Tuch kann die Vollständigkeit dessen, was Buddha lehrte, nicht beeinträchtigt werden, egal wie viele Menschen argumentieren, wer der rechtmäßige Besitzer ist. Das Streiten führt jedoch zu Umständen, die der erfolgreichen Praxis des Dharma nicht förderlich sind, und somit geht er zurück.
Sogar im Norden, in Tibet, wurden die Samen des dämonischen Sektierertums in den (Mahayana-Traditionen des) Sakya, Gelug, Kagyü und Nyingma gesät.
Nur die Unwissenden behaupten, dass eine Tradition besser als eine andere ist. Die Verständigen wissen, dass jede ihre Schüler zur Erleuchtung führen kann und sie sich nur in ihren Methoden und der Form ihrer mündlichen Lehren unterscheiden. Es gibt viele Beispiele zahlloser Gurus jeder Tradition, die Erleuchtung erlangt haben. Ist jemand somit äußerst starrsinnig in seinen sektiererischen Sichtweisen, zeigt das, wie wenig er wirklich über den Dharma weiß.
Sektiererische Auseinandersetzungen (leisten dem Dharma keinen Beitrag, sondern) erregen und stören lediglich den Geist der Menschen und führen zu großer Verwirrung und Missverständnis. Vertritt man solche starrsinnigen Sichtweisen, ruiniert man sowohl dieses und alle zukünftigen Leben, indem man sich selbst und anderen das Leid der bedauerlichen Konsequenzen zuführt (den Dharma zu leugnen). Da dies überhaupt keinen Sinn ergibt, sollte man solche sektiererischen Vorstellungen vollständig aufgeben und die Lehren Buddhas bewahren.
Buddha, der einen Zustand frei von allen Ängsten erreichte, verkündete, dass seine Lehren von niemandem außerhalb ihrer eigenen Tradition getrübt werden können. Zum Beispiel wird der Körper eines Löwens von innen durch Würmer und Insekten angegriffen, (doch kein Tier ist in der Lage, ihn von außen zu töten). In ähnlicher Weise werden die Lehren Buddhas nur aufgrund der inneren Mitglieder auseinanderfallen – dies wurde in den Sutras vorhergesagt. Indem wir daran denken und uns stets darüber bewusst sind, gehen wir gegen diese innere Schwindsucht vor, geben sie auf und praktizieren, was angebracht ist. Laien sollten daheim den Drei Juwelen der sicheren Ausrichtung Opfergaben darbringen und ausschließlich daran denken, anderen zu nutzen. Sich zu bemühen, konstruktiv zu handeln, ist der einzige Weg, in diesem und allen zukünftigen Leben glücklich zu sein.
Schlussfolgerung: Glücksverheißende Verse und Schlussformel
Was mich betrifft, so bin ich dem Tode nahe und erfahre die Leiden des Alters. Alles was ich tun kann, ist gute und reine Wünsche für den Erhalt von Buddhas Dharma zu machen. Obgleich ich nicht die Kraft oder Fähigkeit habe, den Lehren direkt zu nutzen, bete ich stets inständig für die Verbreitung des Dharma.
Mögen die Füße Seiner Heiligkeit des Vierzehnten Dalai Lama, Tenzin Gyatso, die Quelle allen Glücks und Wohlergehens von Tibet, dem Land des Schnees, für ein langes und ertragreiches Leben fest verankert sein. Mögen die Lebensspanne, die Taten und konstruktiven Handlungen aller großen Gurus und Meister – der Amitabha Buddha Panchen Lamas, der Gyalwa Karmapas, der Manjushri Sakyapas und all der anderen – für immer anwachsen. Mögen die Staatsoberhäupter, Minister und Menschen des edlen Landes Indien so glücklich und erfolgreich sein, wie in den frühen Tagen dieses Zeitalters. Mögen sich die Lehren des Buddha erneut entfalten. Möge der Klang der großen Dharma-Trommel des „Tripitaka“ im gesamten Universum zu hören sein, bis hin zum höchsten himmlischen Reich, und möge alles glücksverheißend sein.
Dieses Werk mit dem Namen „Die Tür zum Dharma öffnen“ wurde auf Bitten der politischen Abteilung von Sikkim in aller Eile mit reinen Wünschen und guten Gedanken von jenem verfasst, der einen Tulku-Namen Tibets, Jamyang Khyentse, trägt, jedoch im Grunde der ziemlich unwissende Chökyi Lodrö ist. Mögen die Lehren des Buddhas und alle begrenzten Wesen durch die positive Kraft dieses Textes einen Nutzen erfahren.