Das Rad scharfer Waffen: Die drei Gifte überwinden

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Wir haben über Tonglen, das Geben und Nehmen, gesprochen, wie es in den Lehren des Lojong, des Geistestrainings, dargestellt wird. Man kann es zu Beginn dieses Textes von Dharmarakshita finden und auch zu Beginn eines späteren Textes, dem „Geistestraining in sieben Punkten“ von Geshe Chekawa. In beiden Darstellungen liegt die Betonung auf tiefstem Bodhichitta als Weg, das Greifen nach einem Selbst beseitigen oder zerstören zu können. Das ist es, was wir im Grunde mit der Tonglen-Praxis erreichen wollen. 

Natürlich versuchen wir anderen zu helfen, aber um dies tun zu können, ist es notwendig zu erkennen, dass die Ursache ihrer und unserer eigenen Probleme in diesem Greifen nach einem unmöglichen falschen Selbst liegt, nach einer falschen Identität von uns, anderen, des Leidens, von Ursache und Wirkung, von einfach allem. Es stammt aus einer langen buddhistischen Tradition Indiens, welche Nagarjunas Lehren, Shantidevas Lehren usw. umfasst.

In „Das Rad scharfer Waffen“ richten wir uns auf die drei giftigen, toxischen, störenden Emotionen: sehnsüchtiges Verlangen, Wut und Naivität.

Missverständnis bezüglich Liebe und sehnsüchtigem Verlangen 

Hauptsächlich geht es um sehnsüchtiges Verlangen, da es für gewöhnlich in der Meditation und insbesondere in der Konzentration als größtes Hindernis gilt.

Für uns hier im Westen ist es mitunter verwirrend, weil wir Anhaftung für Liebe halten. Hier gibt es jedoch einen Unterschied, vor allem was die romantische Verliebtheit betrifft. Im Englischen hat das Wort „attachment“ (Anhaftung) zwei Bedeutungen, von denen eine positiv ist, wie in der Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Baby. Gibt es diese Art der positiven Anhaftung oder des Gefühls der Verbundenheit zwischen diesen beiden nicht, kann sich das äußerst nachteilig auf die Gesundheit des Kindes auswirken. Reden wir also darüber, Anhaftung zu überwinden, geht es nicht darum, ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen zu beseitigen. Davon ist keinesfalls die Rede. Vielmehr sprechen wir hier über die ungesunde Art der Anhaftung, mit der wir die guten Eigenschaften von jemandem oder etwas überbewerten und nicht loslassen wollen.

Diese destruktive Art der Anhaftung ist etwas ganz anderes als Liebe. Sprechen wir im Buddhismus von Liebe, so definieren wir sie als den Wunsch, andere mögen glücklich sein und die Ursachen des Glücks besitzen. Sie ist bedingungslos; es ist egal, was die andere Person für uns tut oder nicht tut. Es hat nichts damit zu tun, sich an die Person zu hängen und von ihr zu fordern, uns niemals zu verlassen. 

Zwischen einer Person und ihrem Verhalten unterscheiden 

Im Umgang mit anderen gilt es, klar zwischen der Person und ihrem Verhalten zu unterscheiden. Die Person ist eine Zuschreibung ihres Verhaltens, aber auch eine Zuschreibung von allem anderen, wie ihrem Körper, ihrem Geist und so weiter. Handelt sie auf schädliche Weise, sollten wir dieses Verhalten ablehnen und es als etwas betrachten, was sie überwinden muss. Wir lassen jedoch nicht davon ab, uns zu wünschen, die Person möge glücklich sein und damit aufhören destruktiv zu handeln, um keine weiteren Ursachen für Unglück und Leiden zu schaffen.

Es besteht also ein großer Unterschied zwischen einer Person und ihrem Verhalten, und uns geht es darum, die Person nicht mit ihrem negativen Verhalten zu identifizieren und darauf festzuschreiben. Und wenn wir jemanden lieben, wollen wir die Person ebenfalls nicht mit ihrem Verhalten identifizieren und denken: „Ich liebe dich, solange du nett zu mir bist und wenn du nicht mehr nett zu bist, liebe ich dich nicht mehr.“ Darum geht es nicht, wenn wir im Buddhismus von Liebe sprechen. 

Besitzgier 

Die definierenden Eigenschaften von sehnsüchtigem Verlangen bestehen, wie gesagt, darin, die Qualitäten von jemandem überzubewerten, gute Eigenschaften hinzuzufügen, die gar nicht da sind und die negative Seite zu ignorieren. Aus diesem Grund handelt es sich dabei nicht um die Realität der Person. Menschen sind nicht Objekte, die wir besitzen können. Lieben wir jemanden im buddhistischen Sinne, so wollen wir ihn nicht besitzen und denken: „Du bist mein“, und uns dann benehmen, als wäre diese Person unser Besitz. Diese Art der destruktiven Geisteshaltung kann sich in vielen Beziehungen entwickeln, wie in der Familie, indem man denkt: „du bist mein Kind und musst mir gehorchen“ oder bei der Arbeit: „du bist mein Angestellter und musst tun, was ich sage.“

Bei der Besitzgier geht es um „mich“ und „mein“. Sie gründet auf dem Greifen nach einem soliden „Ich“, welches ein solides „Du“ oder ein solides „Ding“ für sich in Anspruch nimmt. Diese Besitzgier ist mit einer der stärksten grundlegenden störenden Geisteshaltungen verbunden, die ich eine „verblendete Auffassung in Bezug auf ein vergängliches Netzwerk“ (tib. ’jig-lta) bezeichne. Der Begriff ist nicht gerade schön, aber es ist nicht leicht, ein Wort aus dem Sanskrit oder dem Tibetischen zu übersetzen. Betrachten wir die Definition, so handelt es sich um eine Geisteshaltung, die auf das Netzwerk unserer sich ständig ändernden Aggregate ausgerichtet ist – den Körper, den Geist, alles was wir wahrnehmen, die Emotionen und so weiter. Diese Geisteshaltung wirft in gewissem Sinne ein Netz über sie und das Netz ist das Konzept eines soliden „Ichs“ und eines soliden „Meins“, welches auf das Greifen nach einem Selbst zurückzuführen ist. 

Eigentlich tun wir das ständig. So werfen wir zum Beispiel das Netz des Konzeptes eines soliden „Ichs“ auf einen Aspekt unserer Aggregate – wie unser Aussehen, unseren Reichtum, unsere Intelligenz oder ähnliches – und betrachten es dann als solide Identität dieses soliden „Ichs“. In ähnlicher Weise werfen wir das Netz des Konzeptes „Meins“ auf andere Aspekte unserer Aggregate – wie eine andere Person, mit der wir zusammen sind, zum Beispiel unseren Partner, unser Kind oder unseren Angestellten – und betrachten sie als etwas, das festgeschrieben zu uns gehört. Das bin „ich“ und du bist „mein“. Wir fangen sie in unserem Netz des Konzeptes eines soliden „Mein“ und halten an ihnen fest, als würden sie sich niemals ändern und stets zu uns gehören. Unser sehnsüchtiges Verlangen gegenüber jemandem und unsere Anhaftung an sie oder ihn gründet auf dieser verblendeten Auffassung und der Besitzgier, die sie mit sich bringt, was auf das Greifen nach einem Selbst zurückzuführen ist.

Eine gängige Variante dieser verblendeten Einstellung tritt auf, wenn wir uns selbst im Spiegel betrachten und erkennen, dass wir zu dick sind und graue Haare bekommen. Wir haben das Netz eines soliden „Ichs“ auf ein anderes Selbstbild geworfen, welches wir für unser „Ich“ halten und danach greifen. Sehen wir jedoch in den Spiegel, sagen wir: „Das bin nicht ich!“ Oder wenn wir uns wiegen und auf die Anzeige der Waage sehen, denken wir: „Das kann nicht sein, das bin nicht ich!“ Wir haben diese ziemlich unrealistische Vorstellung von uns und sie ist ein Teil des Greifens nach einem Selbst.

Von dem Greifen nach einem Selbst freiwerden 

Wollen wir erfolgreich Tonglen oder irgendeine andere Übung ausführen, die darauf abzielt, dieses Greifen nach einem falschen „Ich“ zu beseitigen, ist es notwendig zu erkennen, dass solch ein Greifen zu diesen störenden Emotionen und Geisteshaltungen führt. Wir müssen die störenden Emotionen erkennen und begreifen, dass sie kein Mechanismus dafür sind, einer Sache Sicherheit zu verleihen, denn diese Sache kann man unmöglich sicher machen. Einem soliden, falschen „Ich“ kann man keine Sicherheit geben, weil es nicht existiert, und das Greifen danach führt nur zu Leid.

Was das Praktizieren von Tonglen, welches auf die störenden Emotionen gerichtet ist, schwierig macht, ist, dass wir es nicht tun wollen. Wir greifen nach einem „Ich“, das sein eigenes Leiden nicht erfahren möchte, ganz zu schweigen von dem Leiden anderer. Wir geben nicht einmal zu, dass wir leiden, als gäbe es da ein „Ich“, das getrennt von all dem ist, was wir erleben. Es ist, als wäre unser Leiden ein Raum: Ich gehe in den Raum hinein und erlebe es, und dann verlasse ich den Raum wieder. Oder ich will gar nicht in den Raum gehen und bleibe einfach hier. Man könnte es als ein dualistisches Gefühl bezeichnen; es gibt viele Möglichkeiten, dies zu beschreiben. Es ist, als gäbe es da ein „Ich“, das ganz für sich und getrennt von allem anderen existiert. Daran zu glauben, dies würde der Realität entsprechen, führt dann zu einen Gefühl, nichts damit zu tun haben zu wollen; wir wollen uns nicht mit uns selbst auseinandersetzen; darum geht es.

Wir haben eine feste Gewohnheit und eine starke Tendenz, so zu empfinden. Das ist ziemlich tückisch. Es ist nicht nur so, dass wir es glauben, sondern es fühlt sich auch so an, und das ist es, was es so zwingend macht. Wir haben diese Stimme in unserem Kopf und es fühlt sich so an, als gäbe es da dieses „Ich“ im Inneren, welches redet und klagt: „Was soll ich jetzt tun?“ Dann treffen wir eine Entscheidung, als würden wir im Innern auf einen Knopf drücken und diese Maschine, diesen Körper, bedienen, was ganz sicher nicht so funktioniert. 

Wir haben diese Tendenz: „Ich will dein Leiden nicht auf mich nehmen. Ich will nicht diese giftigen Geisteshaltungen von allen annehmen.“ Dieses Gefühl reift aus karmischen Tendenzen und der Tendenz des Greifens nach einem unmöglichen „Ich“ heran. Was ist es, das uns daran hindert, anderen helfen zu wollen und uns mit ihrem Leiden zu befassen? Es sind all diese verschiedenen Dinge, die wir erfahren und die von unserem schädlichen Verhalten heranreifen.

Karmische Ursache und Wirkung 

Werfen wir einen Blick auf den zweiten Abschnitt des Textes, der sich mit Karma befasst. Karma ist dieser Zwang, der uns antreibt, auf eine Weise zu handeln, die unserem früheren Verhalten ähnelt, und Dinge zu erleben, die dem ähneln, was wir früher getan haben.

Wollen wir dem ein Ende setzen und diese Hindernisse loswerden, die uns davon abhalten, uns selbst und anderen zu helfen, müssen wir zunächst unser destruktives Verhalten ändern. Haben wir das Gefühl, etwas tun zu wollen, sollten wir uns fragen: Ist es hilfreich oder ist es schädlich, wirkt es sich nützlich oder nachteilig aus? Wir haben die Freiheit zu entscheiden, ob wir es tun oder nicht. Wenn es schädlich sein wird, tun wir es nicht. Diese erste Ebene des Beseitigen unseres destruktiven Verhaltens erfordert Selbstbeherrschung. Wir wollen dem jedoch auch etwas Positives – also konstruktives Verhalten – entgegensetzen.

Fehlt es uns an Unterscheidungsvermögen und Selbstbeherrschung, handeln wir aus dieser Zwanghaftigkeit heraus. Es wird so beschrieben, dass ein Impuls uns dazu bringt, tatsächlich eine Handlung auszuführen. Ist der Impuls aktiviert, haben wir keine Kontrolle darüber; wir tun es einfach. Das Hervortreten dieses Impulses können wir nur verhindern, wenn wir lediglich das Gefühl haben, etwas tun oder sagen zu wollen. Unsere zwanghaften Impulse auszuleben, führt zu einer karmischen Hinterlassenschaft in unserem geistigen Kontinuum. 

Es gibt mehrere Varianten der karmischen Hinterlassenschaft, doch es ist nicht notwendig, hier in die Einzelheiten zu gehen. Wir schaffen beispielsweise karmische Tendenzen, unser früheres Verhalten zu wiederholen. Im Westen sprechen wir dabei von neuronalen Pfaden. Stärken wir einen neuronalen Pfad durch wiederholte ähnliche Verhaltensweisen, wird die Tendenz, noch einmal auf diese Weise zu handeln, immer leichter. Auch kommen wir in Situationen, in denen wir erleben, dass uns etwas, das wir mit anderen getan haben, nun auch passiert. Für gewöhnlich sehen wir in unserer westlichen Betrachtungsweise hier keine Verbindung, aber dies ist eine Sache, über die Dharmarakshita in diesem Abschnitt spricht. Es ist diese zweite Art des Reifens, die den Ursachen ähnelt. 

Aspekte der karmischen Hinterlassenschaft 

In der ersten Art des Reifens, die ihrer Ursache ähnelt, reift die karmische Hinterlassenschaft zu einem Gefühl heran, die Handlung wiederholen zu wollen. Wir wollen erneut einen Blick auf unser Telefon werfen; wir wollen nochmal jemanden anschreien; wir wollen etwas auf äußerst selbstsüchtige Weise tun, weil wir es vorher auch so gemacht haben und damit vertraut sind. Es ist fast so, als wäre es unsere Standarteinstellung. Dabei kann es auch um positivere Dinge gehen, wie perfektionistische Verhaltensweisen: wir wollen das Haus noch einmal saubermachen oder den Text zum x-ten Mal durchgehen, obwohl wir ihn schon mehrere Male korrigiert haben. Haben wir jedoch das Gefühl, unsere früheren Verhaltensweisen zu wiederholen, gibt es, wie gesagt, den Raum, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Dieser erste Fall ist etwas leichter.
Im zweiten Fall des Reifens, der seiner Ursache ähnelt, reift die karmische Tendenz ebenfalls zu einem Gefühl heran, etwas tun zu wollen, wie einen Blick auf unser Telefon zu werfen, während wir die Straße überqueren. Wir tun es zwanghaft und was passiert, ist, dass es dazu führt, die Erfahrung zu machen, von einem Auto angefahren zu werden. Es ist ziemlich wichtig, dies in Bezug auf das Reifen dieser karmischen Hinterlassenschaft zu verstehen. Unsere karmische Hinterlassenschaft bringt die andere Person nicht dazu, uns anzufahren. Oft unterliegen wir dem Missverständnis zu denken: „Ich bin verantwortlich für dein Verhalten. Es ist alles meine Schuld.“ Das ist jedoch nicht der Fall.

Die karmische Hinterlassenschaft reift zu unserem Erfahren heran, von einem Auto angefahren zu werden. Und es ist ihre karmische Hinterlassenschaft, die dazu heranreift, uns anzufahren. Reden wir über das Reifen von Karma, geht es darum, was wir erfahren. So erfahren wir zum Beispiel, diese Art von Körper zu haben; das ist eine weitere Sache, die aus der karmischen Hinterlassenschaft heranreift. Wir erfahren, diese Art von Körper zu haben, der alt und gebrechlich wird, und stirbt. Das ist einfach ein Teil des unkontrollierbar sich wiederholenden Aspektes von Samsara.

Wir werden alt, wir werden krank und wir sterben mit diesem begrenzten Körper und dem begrenzten Geist, der nicht in der Lage ist, alles zu verstehen. Als Babys sind wir völlig hilflos, mit einem ausgesprochen ineffizienten Körper, den wir zu diesem Zeitpunkt haben. Eigentlich ist es unfassbar, dass so ein begrenzter Körper und Geist überhaupt funktionieren können; auf der anderen Seite unterliegen aber diese Art von begrenztem Körper und Geist zahlreichen Mängeln. Wir haben diesen Begriff „fühlendes Wesen“. Ein Buddha ist kein fühlendes Wesen, nicht jemand mit einem begrenzten Geist oder wie ich gern sage, mit einer „begrenzten Hardware“.

Kommen wir aber zurück zu diesem Reifen, das der Ursache dessen ähnelt, was wir erfahren. Wir geraten in Situationen, in denen wir Dinge erleben, die denen ähneln, die wir gegenüber anderen getan haben, weil wir Lust dazu hatten und es dann impulsiv getan haben. Auf diese Weise finden wir uns zum Beispiel immer in einer Situation wieder, in der wir uns zu einem Partner hingezogen fühlen, der uns missbraucht, uns andauernd anschreit und so weiter. Warum fühlen wir uns denn zu dieser Person und nicht jener hingezogen? Es ist das Reifen von Karma. Zwanghaft gehen wir diese Art von Beziehungen ein und erleben dann, dass der andere so gemein zu uns ist, uns anschreit und uns nicht gut behandelt.

Auf diese Weise erfahren wir dieses Reifen von Karma. Es ist nicht einfach so, dass wir die Erfahrung machen, wütend zu werden und Menschen anzuschreien, und dies dann immer weiter fortführen. Es ist dieser zweite Aspekt des karmischen Reifens, das seiner Ursache ähnelt, auf den sich Dharmarakshita konzentrieren wird. Wir müssen mehr positive Gewohnheiten schaffen, mehr positive, neuronale Pfade anlegen, damit wir Situationen erleben, in denen Dinge auf einer regulären Basis gut für uns laufen.

Schaffen wir positive Kraft, ist es notwendig, diese positive Kraft der Erleuchtung mit Bodhichitta zu widmen. Dies zu tun, wirkt als Ursache dafür, uns zur Erleuchtung zu bringen, anstatt nur ein nettes Samsara für uns zu schaffen. Es ist wichtig, ein gutes Samsara zu haben, denn wenn wir ständig hungern oder in einem Kriegsgebiet leben, können wir nur wenig tun.

Wir wollen bessere Situationen haben, aber das ist nicht das letztendliche Ziel, sondern nur ein vorläufiger Schritt auf dem Weg. Bodhichitta ist hier wirklich essenziell. 

Schlussendlich läuft es auf die Tatsache hinaus, dass wir selbst unsere größten Feinde sind. Wir sind die Schöpfer unseres eigenen Glücks und die Schöpfer unseres eigenen Unglücks. Die Schuld können wir nicht bei anderen suchen, sondern nur bei uns selbst. Das heißt nicht, es im Sinne eines soliden „Ichs“ zu sehen, dem wir alle Schuld geben und uns dann schlecht und schuldig fühlen. Darum geht es nicht.

Wir sind uns bewusst, dass Selbstbezogenheit das Problem ist, mit der wir denken: „Ich bin der oder die Wichtigste; es muss immer nach meinem Kopf gehen“. Sie beruht auf dem Glauben, dieses „Ich“, das sich immer durchsetzen muss, wäre eine solide Sache.
Dharmarakshita beschreibt es sehr schön: 

(46) Kurzum gleichen die bedauernswerten Leiden, von denen wir wie vom Donner getroffen werden, dem Selbstmord des Waffenschmiedes, der durch das von ihm hergestellte Schwert stirbt. Unsere Leiden der Räder scharfer Waffen kehren durch unsere falschen Handlungen in weiten Bögen zu uns zurück. Lasst uns also künftig stets sorgsam und achtsam sein, niemals auf nicht tugendhafte Weise zu handeln.

In diesem zweiten Abschnitt geht Dharmarakshita dann eine recht lange Liste mit negativen Dingen durch, die uns zustoßen, und beendet ihn quasi mit den Worten, dass wir wie jemand sind, der Schwerter herstellt und durch ein Schwert stirbt, welches er selbst gemacht hat. Das ist die Zusammenfassung.

Ich würde gern etwas Zeit mit einigen Versen dieses Textes verbringen und mit ihnen arbeiten, da wir nicht genügend Zeit haben werden, sie alle durchzugehen. Ich denke, so können wir bestmöglich mit diesem Text arbeiten. Wir können erkennen, wie einige dieser Syndrome, die in jedem dieser Verse erklärt werden, auf uns zutreffen, und uns bewusst darüber werden, was uns davon abhält, anderen mit der Tonglen-Praxis oder auch ganz allgemein helfen zu können. Wir können sehen, dass wir stets in schwierige Situationen geraten, und das hindert uns dann daran, anderen von Nutzen zu sein.

Ich habe ein paar Verse für uns herausgesucht. Nehmen wir uns für jeden von ihnen etwas Zeit, denken über ihn nach und untersuchen, ob er bezüglich unserer eigenen Erfahrung einen Sinn ergibt. Bekommen wir einen Hinweis darauf, woran wir arbeiten sollten?

Grobe und beleidigende Worte benutzen

(14) Wenn uns nur gemeine Worte zu Ohren kommen, dann ist dies das Rad der scharfen Waffen, das aufgrund unserer Vergehen in weitem Bogen zu uns zurückkehrt. Bis jetzt haben wir viele Dinge gesagt, ohne darüber nachzudenken; wir haben andere beleidigt und Freundschaften zerstört. Jetzt wollen wir alle unbedachten Bemerkungen verurteilen.

Hören wir, wie jemand hässliche und gemeine Dinge zu uns sagt, sich lustig über uns macht und uns ständig kritisiert – wenn wir diese scheußlichen Dinge hören, so ist es das Rad scharfer Waffen, welches zu uns zurückkehrt. Es ist das Resultat davon, scheußlich über andere gesprochen zu haben.

Wir sagen gemeine Dinge über andere und geraten dann zwanghaft in Situationen, in denen wir Menschen begegnen, die gemeine Dinge über uns sagen – es fällt auf uns zurück. Wollen wir dieses Syndrom unterbrechen, welches sich ständig wiederholt, ist es notwendig zunächst selbst zu erkennen, dass wir gemeine Dinge über andere Leute reden: „Ich selbst sage gemeine Dinge“. Im Text ist davon die Rede, alle Fehler in unserer Rede in Verruf zu bringen oder zu diskreditieren. 

Anstatt hässliche Dinge zu sagen, sprechen wir auf positive oder zumindest neutrale Weise über andere. Atisha hat es sehr schön in „Ein Juwelenkranz des Bodhisattvas“ ausgedrückt: 

(28) Ich will immer wieder meine Rede prüfen, wenn ich inmitten vieler bin, und meine Geisteszustände, wenn ich alleine bin.

Wir müssen aufpassen, was wir sagen. Wird es etwas Hässliches oder Dummes sein, sagen wir es lieber nicht. Wir halten unseren Mund und versuchen stattdessen, etwas Positives zu sagen.

Untersuchen wir uns selbst: Sagen wir hässliche Dinge zu anderen, besonders wenn sie zu uns etwas Gemeines sagen? Oder denken wir schlecht über andere? Nach dieser Überprüfung entscheiden wir uns dann, alle unbedachten Bemerkungen zu verurteilen.

Ein Beispiel, wie unsere grobe Rede ein Hindernis darstellt 

Was die Voreingenommenheit betrifft, so wollen wir jemandem vielleicht nicht helfen, obwohl er leidet, und sagen: „Du hast es verdient. Du bist kein guter Mensch; du bis faul und gehst deswegen nicht arbeiten; daher musst du nun hungern“. Wir wollen ihm nicht helfen und seine Probleme auf uns nehmen, weil wir diese Tendenz haben, hässliche Dinge über den anderen zu sagen und zu denken. Versucht, dies mit dem zu verbinden, was uns davon abhält, anderen wirklich zu helfen.

Auch ist es natürlich schwer, positiv zu bleiben, wenn uns alle für dumm halten und hässliche Dinge zu uns sagen. Es ist leicht, sich davon entmutigen zu lassen. Dieses Muster wollen wir ändern und das ist der erste Schritt, um diese fortgeschrittenen Praktiken, wie Tonglen, diese Bodhisattva-Praktiken, zu verstehen. 

Geführte Meditation über grobe und beleidigende Worte 

Nehmen wir uns einen Moment Zeit, um über dieses erste Thema, also gemeine Dinge über andere zu sagen, nachzudenken. Dabei geht es nicht unbedingt darum, es ihnen ins Gesicht zu sagen; oft tun wir es hinter ihrem Rücken. Wir sind beispielsweise ziemlich gut darin, hässliche Dinge über die verschiedenen Politiker zu sagen, nicht wahr?

[Pause]

Wie gesagt, ist es ein großer Unterschied, zu erkennen, dass beispielsweise ein Politiker oder jemand anderes etwas Schädliches tut und dem ein Ende setzen zu wollen, oder ob wir etwas Gemeines zu ihm oder über ihn sagen. Das ist etwas ganz anderes, oder? Wir können uns für die Person wünschen, sie möge glücklich sein, während wir gleichzeitig den Wunsch haben, sie möge mit ihren destruktiven Handlungen aufhören. Hier müssen wir unterscheiden.

[Pause]

Versucht zu erkennen, ob wir die negativen Eigenschaften einer Person oder Sache übertreiben, wenn wir hässliche und gemeine Worte gebrauchen. Dieser Aspekt, als unsere motivierende Emotion, ist im Grunde Wut: „Es ist einfach schrecklich. Schlimmer geht es nicht!“ und so sagen wir hässliche Dinge. Wir identifizieren die Person mit dem, was sie tut und sagen: „Du bist so schlecht, einfach furchtbar, denn das, was du tust, ist furchtbar!“ Auf diese Weise werfen wir das Netz von „du“ und „dein“ aus, was das gleiche ist, wie „ich“ und „mein“.

[Pause]

Warum sollten wir anderen helfen wollen, indem wir ihre Probleme auf uns nehmen, wenn wir zwanghaft hässliche Dinge über sie sagen? Das ist ein großes Hindernis in dieser Beziehung.

Wie erwidern wir, wenn jemand verbal wirklich gemein gegenüber uns war? Sagen wir hässliche Dinge über sie oder ihn, wenn sie nicht anwesend sind? Wie gehen wir mit so einer Situation um? Um diese Art von Erfahrung geht es hier.

Denkt über die Erfahrungen mit so einer Person nach, die immer gemein zu uns ist, uns anschreit, kritisiert, sich vor anderen lustig über uns macht und so weiter. Wie sprechen wir über sie im Nachhinein mit andern? 

Können wir es umwandeln und sagen: „nun, diese Person hatte Probleme und verhielt sich daraufhin auf recht unangenehme Weise; sie hat jedoch auch gute Eigenschaften“; und sind wir in der Lage, keinen Groll gegen sie zu hegen und nicht schlecht über sie zu reden?

Sprechen wir schlecht über sie, ist dies eine karmische Ursache dafür, auf Menschen zu treffen, die schlecht über uns reden werden. Das ist das Rad scharfer Waffen, welches wie ein Bumerang auf uns zurückfällt.

Kommentare oder Fragen 

Habt Ihr irgendwelche Kommentare oder Fragen von euren eigenen Überlegungen oder Erfahrungen zu dieser spezifischen Übung?

Ist es fair, karmische Konsequenzen zu erfahren?

Ich glaube, das Reden ist eine Sache, aber wie ich verstanden habe, geht es hier auch um das Denken. Nicht schlecht über andere zu denken, ist ja noch schwieriger. Hinter ihrem Rücken denke ich vielleicht: „Was für ein furchtbarer Mensch.“ Ich denke es, aber ich könnte es auch aussprechen. Ich glaube, das ist das gleiche. Außerdem habe ich über das Reifen nachgedacht, was ja eine lange Zeit brauchen könnte; ich weiß nicht, ob man es eins zu eins umsetzen kann. Vielleicht habe ich mich in früheren Leben in Verleumdung geübt, was jedoch erst jetzt zum Reifen kommt und das finde ich nicht gerade fair. Darüber habe ich nachgedacht. Eigentlich ist es ja fair, weil ich es getan habe. Kann ich dann dieses negative Karma mit dem Ansammeln von Verdiensten ausgleichen? Wäre das fair?

Um das zu beantworten, ist es zunächst notwendig, das große Thema der Verdienste zu verstehen. Auf der Webseite gibt es einen langen Artikel darüber. 

[See: Verdienst: Muss man sich Glück verdienen?]

Bedeutet Verdienst, dass wir uns etwas verdienen müssen, damit es dann fair ist? Diese ganze Vorstellung des Verdienstes deutet darauf hin. Es ist nicht so, dass wir uns etwas verdienen müssen, damit etwas Positives geschieht.

Statt der Begriffe „Sünde“ und „Verdienst“ geht es im Buddhismus um negatives Potenzial und positives Potenzial, um negative Kraft und positive Kraft; ganz einfach um Ursache und Wirkung. Haben wir eine Menge negativer Kraft, sollten wir ihr mit positiver Kraft entgegenwirken; wir wollen jedoch auch irgendwie damit aufhören, noch mehr negative Kraft aufzubauen; wir wollen sie bereinigen.

Um dies zu tun, müssen wir ein Verständnis der zwölf Glieder des anhängigen Entstehens haben. In den buddhistischen Lehren spielt dies eine zentrale Rolle. Die zwölf Glieder beschreiben Samsara, unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburt und unkontrollierbar sich wiederholende Situationen. Wegen dem ersten Link, dieser Unwissenheit, sind wir uns nicht bewusst darüber, dass unsere Vorstellung davon, wie wir und andere existieren, nicht der Realität entspricht. Aufgrund dieser Unwissenheit handeln wir wegen den störende Emotionen, die wir entwickeln, auf störende Weise. Destruktive Handlungen schaffen karmische Hinterlassenschaften, die in zukünftige Wiedergeburten hineinreichen.

Wie kommen sie zur Reife? Um die karmischen Resultate unserer vergangenen Handlungen in einer zukünftigen Wiedergeburt zu erfahren, ist es zunächst notwendig, den Körper, die Aggregate usw. zu entwickeln. Nachdem sie sich entwickelt haben, reift die karmische Hinterlassenschaft in dem Aggregat der Empfindungen. Wir empfinden ein Gefühl des Glücklichseins oder Unglücklichseins. Es gibt auch neutrale Empfindungen, aber sie beziehen sich nicht auf das, was genau zwischen dem Glücklich- und Unglücklichsein liegt. Neutrale Empfindungen beziehen sich auf das, was wir in einigen Zuständen der höheren Dhyana-Konzentration erfahren würden, in denen wir uns tief versunken in Trance-ähnlichen Zuständen befinden, ohne dabei glücklich oder unglücklich zu sein. Darum geht es, wenn von neutralen Empfindungen die Rede ist. Normalerweise empfinden wir jeden Moment ein Gefühl, das sich irgendwo auf dem Spektrum von Glücklichsein oder Unglücklichsein befindet. 

Dann haben wir das, was für gewöhnlich als „Verlangen“ übersetzt wird, wobei das Sanskrit-Wort „Durst“ bedeutet. Wir sterben vor Durst. Vielleicht erleben wir ein wenig Glück, verlangen dann immer mehr davon und wollen nicht mehr davon getrennt werden, weil wir so sehr danach dürsten. Sind wir unglücklich, wollen wir dieses Gefühl, wie einen Durst, loswerden. Wir übertreiben die Qualitäten des Glücklich- und Unglücklichseins. 

Als nächstes haben wir das Wort, was normalerweise mit „Greifen“ übersetzt wird, aber es handelt sich nicht um das gleiche Wort, welches im Tibetischen und im Sanskrit für den Ausdruck „Greifen nach wahrhaft begründeter Existenz“ verwendet wird. Hierbei geht es vielmehr darum, etwas herbeizuführen und ich bezeichne es als einen „Herbeiführer“. Es ist etwas, das ein Resultat herbeiführt. Es gibt viele Untergruppen, aber die wichtigste zielt auf das „Ich“ ab. „Ich möchte nicht von dem Glücksgefühl getrennt werden und ich möchte nicht mehr unglücklich sein. Das Dürsten und die herbeiführende Geisteshaltung lösen das Reifen der karmischen Hinterlassenschaft aus; sie aktivieren sie.

Das ist recht tiefgründig, wenn man darüber nachdenkt und es im gewöhnlichen Leben anwendet. Was geschieht tatsächlich? „Ich habe das Gefühl, etwas tun zu müssen, weil ich so unglücklich bin. Ich habe also Lust, dich anzuschreien und etwas Hässliches über dich zu sagen, weil ich ein Gefühl des Unglücklichseins erfahre. Ich glaube, dass ich mich besser fühlen werde, wenn ich dieses Gefühl irgendwie zum Ausdruck bringe, indem ich dich anschreie.“ Natürlich ist es jedoch nicht so.

Wir denken, dieses solide „Ich“ wird sich dadurch besser fühlen und dadurch wird der Zwang ausgelöst, gewissermaßen etwas Hässliches zu sagen. Das ist der Mechanismus der zwölf Glieder. Es ist unglaublich, wie diese ganze karmische Funktionsweise auf diese Weise beschrieben wird. 

Wo können wir eingreifen? Wir können sagen, dass wir das mangelnde Gewahrsein loswerden müssen; wir müssen die Unwissenheit beseitigen. Das ist wahr. Auf einer praktischen Ebene können wir uns sagen, dass es „nichts Besonderes“ ist, glücklich oder unglücklich zu sein. Das ist der Ausdruck, den der junge Serkong Rinpoche ständig benutzt. „Ich bin glücklich oder ich bin unglücklich; nun, daran ist nichts besonders; was damit?“

Es wird vorübergehen. Alles ist unbeständig. Es ändert sich fortwährend. Wir brauchen dieses Dürsten, Greifen und alles, was daraus resultiert, nicht. „Ich habe Lust nach einem Stück Kuchen“ – na und? Wir müssen es nicht haben. Wir trachten danach und meinen: „Ich bin unglücklich und Schokolade zu essen, wird mich glücklich machen.“ Wir greifen und denken: „Ich bin glücklich, wenn ich bei dir bin. Deshalb verlass mich bitte nicht. Geh nicht weg, denn ich kann ohne dich nicht leben.“ Wir greifen und sind angehaftet, weil wir uns glücklich fühlen und nicht wollen, dass dieses Glücksgefühl weggeht. 

„Ich will immer mehr.“ Aber wie viel leckere Sachen müssen wir essen, um es wirklich zu genießen? Das ist eine sehr interessante Frage. Werden wir wirklich mehr genießen, wenn wir mehr essen? All diese Dinge gilt es in uns zu analysieren. Wollen wir diese Syndrome brechen, ist es notwendig zu erkennen, woran wir arbeiten müssen. 

Es läuft alles auf Folgendes hinaus: Wenn wir aus einem glücklichen oder unglücklichen Gefühl heraus etwas tun wollen, reift das Gefühl des Glücklich- oder Unglücklichseins aus einer karmischen Hinterlassenschaft heran, während der Wunsch es wiederholen zu wollen, aus einer anderen karmischen Hinterlassenschaft heranreift. Man könnte es auf alle möglichen verschiedenen Dinge früherer Leben zurückführen. Ob es fair oder unfair ist, spielt keine Rolle. Es ist einfach das, was passiert.

Uns geht es darum, es nicht in die Tat umzusetzen. Wir sollten mit dem, was wir tun, nicht noch mehr karmische Hinterlassenschaften aktivieren. Haben wir alle Möglichkeiten beseitigt, diese karmische Hinterlassenschaft zur Reife kommen zu lassen und zu aktivieren, können wir nicht sagen, dass uns die karmische Hinterlassenschaft irgendwie beeinträchtigen kann. Etwas kann nur eine Ursache in Bezug auf eine Auswirkung sein. Wenn eine Sache nicht mehr zu einer Auswirkung führt, handelt es sich nicht länger um eine Ursache. Sie ist verschwunden. Beseitigen wir das, was etwas aktivieren wird, um ein Resultat hervorzurufen – auf der tiefsten Ebene wäre dies das Verständnis der Leerheit – dann ist dieses Potenzial kein Potenzial mehr. Es ist nicht mehr da; es ist keine Ursache mehr und so lösen wir uns davon.

Es ist wirklich wichtig, diese zwölf Glieder zu verstehen. Es handelt sich bei ihnen nicht nur um ein intellektuelles Schema. Durch sie bekommen wir einen Hinweis darauf, wie wir mit Karma umgehen können. Wie ändern wir unser Verhalten? Um dies zu erkennen, ist es notwendig, die Praxis der vier festen Ausrichtungen der Vergegenwärtigung in Bezug auf die Gefühle des Glücklichsein und des Unglücklichseins zu erforschen und anzuwenden. Wir erkennen sie im Sinne der Ursachen des Leidens, der zweiten edlen Wahrheit. Unsere Art und Weise, wie wir auf die Gefühle des Glücklich- und Unglücklichseins reagieren, ist der Grund all unserer Probleme. 

Es ist also nichts Besonderes; sind wir glücklich, ist das schön und sind wir unglücklich, ist das nicht so schön. Aber was damit? Wir denken: „Ich habe heute keine Lust zur Arbeit zu gehen.“ Na und, das ist nichts Besonderes; ich gehe trotzdem. So ist es doch, oder nicht? Das ist die Art der Geisteshaltung. „Ich würde gern länger schlafen. Es tut so gut, hier zu liegen, in diesem schönen, warmen und bequemen Bett.“ Und wennschon, wir müssen aufstehen. „Ich möchte in meinem Bett liegenbleiben, weil ich so glücklich hier bin. Aber ich kann nicht und daher bin ich frustriert.“ „Ich, ich, ich; ich Armer, ich muss aufstehen. Ich Armer muss zur Arbeit gehen.“ 

Wenn wir so denken, leiden wir wirklich. Können wir jedoch auf Gefühle des Glücklich- oder Unglücklichseins erwidern, indem wir uns sagen, dass es nichts Besonderes ist, und auf intelligente Weise mit den Dingen umgehen, die notwendig sind, werden wir uns selbst keine Probleme und Leiden schaffen. Wir tun einfach, was getan werden muss. Man könnte dies als nonduales Handeln oder auch auf vielerlei andere Weise beschreiben. Die Dualität würde in dem bestehen, was wir tun müssen, und dem „Ich“, das es nicht tun will. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Art des Handelns zu beschreiben. Der entscheidende Punkt ist jedoch, es einfach zu tun. Gewissermaßen tun wir es mit Weisheit und Mitgefühl.

Es gibt also keinen Grund, warum das Universum fair sein sollte. Ist es fair, dass dein Fuß wehtut, wenn du ihn dir am Tisch stößt. Ist es fair? 

Warum sollte das Universum nicht fair sein?

Warum sollte es? Denken wir, dass das Universum fair sein sollte, meinen wir, es wurde von Gott erschaffen und Gott will, dass alles fair abläuft. Ist es zum Beispiel fair, dass meine Unternehmensinvestition nichts gebracht hat? Das ist einfach die Realität. Das ist Ursache und Wirkung. Gerechtigkeit hat etwas mit einer Art Urteil zu tun und der Schlussfolgerung, dass es einen Richter außerhalb des Systems gibt, der ein Urteil fällt. Die Vorstellung der Fairness und Gerechtigkeit ist tatsächlich auf ein anderes kulturelles Bezugssystem als dem buddhistischen zurückzuführen. Viele Missverständnisse entstehen, weil wir den Buddhismus mit den konzeptuellen Konstrukten unseres eigenen kulturellen Begriffssystems betrachten und versuchen, ihn dort einzuordnen. Aber er passt nicht hinein. Es ist eine Projektion und wir projizieren unsere westlichen Konzepte auf den Buddhismus.

Ein anderes Beispiel der Projektion sind die Verdienste. Verdienst deutet darauf hin, positive Resultate zu verdienen. Wir müssen sie uns verdienen und könnten uns fragen: „Verdient es mein Hund gefüttert zu werden?“ Was muss der Hund tun, um das Recht oder den Verdienst zu erwerben, von mir gefüttert zu werden? Verdient es die Pflanze, bewässert zu werden? Diese Fragen sind einfach albern. Nur weil er da ist, muss der Hund gefüttert werden. Er muss nichts tun, um sein Futter zu bekommen. Das ist Liebe.

Der Hund will einfach gefüttert werden. Übernehmen wir die Verantwortung, ein Haustier zu halten, muss das Tier nichts dafür tun, um sein Fressen zu bekommen. Haben wir ein Baby, muss das Baby nichts tun; ob es unartig ist oder nicht, wir müssen das Baby füttern. Ganz bestimmt denken wir nicht: „Du verdienst es nicht, gefüttert zu werden; die ganze Nacht hast du geschrien und mich wachgehalten, daher werde ich dich bestrafen und dich heute nicht füttern.“ 

Es handelt sich also um ein anderes konzeptuelles Bezugssystem, sich etwas zu erarbeiten, um die Bezahlung zu verdienen. Leider scheint die Vorstellung von Verdienst so zu sein und diesen Beigeschmack zu haben, weswegen ich diesen Begriff vermeide. Würden wir sagen, die Menschen, die das Wort mit „Verdienst“ übersetzen, wären dumm oder schlechte Übersetzer, ist das etwas ganz anderes, als einfach zu sagen, dass dieser Begriff zu Missverständnissen führt und wir daher eine Alternative anbieten, die nicht derart missverstanden werden kann. Wir verurteilen also nicht die Übersetzer, die das Wort „Verdienst“ benutzen, und behaupten sie wären dumm und sagen hässliche Dinge über sie.

Wenn wir damit anfangen, werden auch sie beginnen, gemeine Dinge über uns zu sagen. So funktioniert das und darum geht es hier. Es ist nicht so, dass wir unsere Fähigkeit des Unterscheidens zwischen dem verlieren, was hilfreich und was schädlich ist. Ohne etwas Hässliches über eine schädliche Sache, sowie über die Person, die etwas Schädliches tut, zu sagen, können wir trotz allem unterscheiden, denn es ist wichtig, das zu tun. 

Abstand zu jemandem wahren, der hässliche Dinge zu uns sagt

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein Beispiel mit einer Person ein, die sich ziemlich hässlich benahm und gegenüber der ich Mitleid empfand. Ich hatte das Gefühl, ihr irgendwie helfen zu müssen, was sich jedoch als schwierig erwies, da die Beziehung nicht besonders gut war. Ich denke oder spreche nicht schlecht über sie, aber ich habe die Beziehung abgebrochen. Für mich ist diese Person wie eine Schwester, um die ich mich kümmern muss, auch wenn sie gemein zu mir ist. Das ist ziemlich seltsam. Jetzt habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich seit drei Monaten nicht mit ihr geredet habe und denke, ich sollte mich mal wieder bei ihr melden. Ich kann mich einfach nicht davon lösen. Können sie etwas dazu sagen?

Einer Person im Gegenzug nichts Hässliches zu ihr oder über sie zu sagen, ist sehr hilfreich, was die karmischen Gewohnheiten betrifft, die wir schaffen. Es ist jedoch auch eine gute Strategie, Abstand von der Person zu nehmen, wenn sie gegenüber unserer Hilfe nicht empfänglich ist. Je mehr wir mit ihr zusammen sind, desto mehr geben wir ihr auch die Gelegenheit dazu, weiter hässliche Dinge zu sagen. Um ihr zu helfen, nicht noch mehr negative karmische Konsequenzen anzusammeln, nehmen wir Abstand. Das ist sehr hilfreich und wir wenden uns ja damit nicht von ihr ab und kehren ihr einfach den Rücken zu. Wir können diese Distanz mit der Motivation wahren, ihr dabei zu helfen, noch mehr Leiden zu vermeiden. 

Das Konzept des „sollen“ ist recht schwer. „Ich sollte dies tun, denn wenn ich es nicht tue, bin ich schlecht.“ Können wir das ein wenig loslassen, ist die Frage einfach nur, ob es hilfreich ist, diese Person zu kontaktieren, oder nicht. Du kannst es versuchen und dann sehen, wie sie darauf reagiert, wenn du sie kontaktierst oder du wartest einfach, bis sie mit dir in Kontakt tritt. Vielleicht will sie ja nichts mehr mit dir zu tun haben. Aber ich denke, man sollte es nach einer gewissen Zeit einmal versuchen und dann sehen, wie sie darauf reagiert. Alles entwickelt sich mit der Zeit und Dinge ändern sich. Sich selbst der Person aufzuzwingen, ist nicht hilfreich, besonders wenn man von ihr eine negative Erwiderung bekommt, weil sie nicht dazu bereit ist.

Ich hatte die gleiche Erfahrung. Ich wollte den Kontakt mit jemandem wiederherstellen und habe der Person eine E-Mail geschickt, mit den Worten: „Wie geht es Dir?“ worauf die Person mit einem Wort antwortete: „gut“ und das war's. Die Person wollte ganz klar keinen Umgang. 

Karma ohne vorangegangene Leben erklären

Meine Frage bezieht sich auf karmische Konsequenzen und wie man damit umgeht. Mir ist klar, dass es hilfreich ist, sich mit Dingen auf unterschiedliche Weise auseinanderzusetzen und Gewohnheitsmuster zu ändern. In manchen asiatischen Kulturen wird die karmische Erklärung jedoch missbraucht, um deutlich zu machen, warum Dinge so sind wie sie sind. „Das ist Karma.“ Sie benennen das Problem, wie beispielsweise, dass all diese Kinder unter Hunger leiden und ich kann ihnen nicht sagen, dass sie nicht die richtige Einstellung dazu haben und mit dem Hunger auf konstruktivere Weise umgehen sollten. Sie sehen es nicht als Ursache und Wirkung. Das ist problematisch. Wenn es aber darum geht, Menschen zu befähigen, sich selbst zu helfen, ist es schwierig, Erklärungen über Karma abzugeben und ihnen zu sagen, was sie in früheren Leben getan haben.

Es ist nicht wirklich geschickt damit anzufangen, Dinge im Hinblick auf frühere Leben zu erklären, besonders wenn wir sagen: „Das hast du verdient, sei also still.“ Gibt es aber eine Hungersnot, in der Menschen leiden, hungern oder kein Trinkwasser haben, wie momentan in Puerto Rico, sollten wir ihnen geben, was wir geben können. Will man mit ihnen in so einer Situation über Karma reden, sollte man sie dazu ermutigen, soviel wie möglich mit anderen zu teilen. Die Ursachen der Armut liegen darin, nicht zu teilen, nicht zu geben und nicht freigebig zu. sein Wird also Nahrung und Wasser ausgeteilt, und jeder denkt dabei nur an sich und teilt es nicht mit anderen, werden dadurch noch mehr karmische Ursachen für Armut und Hunger geschaffen. Wenn man gibt, sollte man dies aufrichtig tun und alle Beteiligten dazu ermutigen, mit all den Menschen zu teilen, die leiden. Ich denke, das ist die einzige Möglichkeit, damit auf eine buddhistische Weise umzugehen. Auf keinen Fall sollte man aber sagen, die Person verdiene es nicht, weil sie dieses oder jenes in einem früheren Leben getan hat.

Ob eine Person nun an frühere Leben glaubt oder nicht, uns geht es darum, die Beziehung von Ursache und Wirkung zu erkennen. Karma heißt, dass wir auf bestimmte Weise gehandelt haben und somit die Tendenz haben werden, dieses Verhalten zu wiederholen und in Situationen zu gelangen, in denen uns ähnliches widerfahren wird. Wenn andere beispielsweise nicht mit uns teilen, sollten wir untersuchen: „Ich selbst teile nicht gern und habe die Tendenz, nicht gern zu teilen und Dinge zu horten. Aber dann werden andere auch nicht gern mit mir teilen, was ganz natürlich ist.“

Es ist nicht notwendig zu erkennen, was wir in einem früheren Leben getan haben, um herauszufinden, ob andere nicht mit uns teilen wollen. Was damit einhergeht, ist, selbst nicht mit ihnen teilen zu wollen.

Wir werfen einen Blick nach innen und fragen uns: „Wo bin ich selbst egoistisch und geizig?“ Das gibt uns dann einen Hinweis darauf, wie wir die Situation verbessern können. „Wenn ich mit dir teile, wirst du wahrscheinlich auch mit mir teilen.“ 

Wir können uns damit auseinandersetzen, ohne auf frühere Leben eingehen zu müssen, denn das kann Menschen abschrecken und sie missverstehen es vielleicht und denken, wir würden meinen: „das hast du verdient, sei also still.“ Diese fast selbstgerechte Haltung wollen wir vermeiden.

Das legale System und der Mangel an Gerechtigkeit im Universum

Ich frage mich, warum wir diese Bewertungssysteme haben. In Norwegen haben wir ein Gericht, das eine Wertvorstellung haben sollte, die gerecht und fair ist. Mir ist auch klar, dass das Universum nicht fair sein muss. Ich frage mich, warum wir uns bemühen ein Gerichtswesen zu haben, das objektiv gerecht sein sollte.

Meiner Meinung nach gibt es das Gerichtswesen und die Justiz, um zu verhindern, dass jemand, der viel Leid verursacht, damit weitermacht. Ob das fair ist oder nicht, spielt keine Rolle. Es geht einfach darum, dass wir aus Mitgefühl noch mehr Leiden verhindern wollen. Aus diesem Grund tun wir, was immer notwendig ist, um die Person von ihrem Verhalten zu unterscheiden. Ich würde es nicht so sehen, dass die Person schlecht ist und wir sie bestrafen müssen, sondern dass wir ihr helfen wollen, um noch mehr Leid zu verhindern.

Ich kenne die Gesetzgebung in Norwegen nicht, aber es scheint, dass die Rechtspflege dort weitaus milder ist, als in vielen anderen Ländern, in denen Kriminelle hingerichtet werden oder in fürchterlichen Gefängnissen landen, wo sie geschlagen und vergewaltigt werden und ihnen alle möglichen schrecklichen Dinge widerfahren.

Aus Güte wollen wir dieser Person helfen; und wenn ihre negativen Gewohnheiten so tief verwurzelt sind und es sehr schwer ist, ihr zu helfen, können wir sie zumindest davon abhalten, noch mehr Leid zu schaffen. Aus einer karmischen Sichtweise hat sie sich selbst so großes Leid zugefügt, dass man sagen könnte: „warum sollte man einen sterbenden Hund treten“ und ihn noch mehr leiden lassen? Dafür gibt es keinen Grund. 

Das ist eine etwas persönliche Sache, denn ich stand selbst vor Gericht, weil ich mich gegen einen Polizisten gewehrt habe, der unnötige Gewalt anwandte. Im Grunde habe ich instinktiv um mich geschlagen und nicht darüber nachgedacht, ob die Person es verdient hat oder nicht. Ich habe mich angegriffen gefühlt und hatte Angst. Leute gingen mit Gewalt auf mich los, die stärker und geübter waren als ich und danach weiß ich nicht mehr so richtig, was passiert ist. Wenn ich darüber nachdenke, erscheint mir die Bestrafung vor Gericht unfair. Warum hat der Polizist nicht eine ähnliche Strafe bekommen? Ich habe einfach bemerkt, wie schwer es für mich war, zu hören, das Universum sei nicht fair.

Der Instinkt zurückzuschlagen ist das zwanghafte Verhalten. Wir erwarten, dass es gerecht zugehen sollte: „Wenn ich für das Anwenden von Gewalt negative Konsequenzen erfahren habe, sollte der Polizist ebenfalls dafür verurteilt werden.“ Es sollte fair sein. Aber das Universum ist nicht unbedingt fair und der entscheidende Punkt ist, nicht wütend deswegen zu werden. Es ist einfach so wie es ist. Was kann man da tun? 

Denke an das abhängige Entstehen. Es hängt nicht alles nur von uns ab. Da gibt es den Richter, die Geschworenen, sowie Werte, politische Dinge und allerhand andere Aspekte, warum die Polizei nicht in ähnlicher Weise wie wir für das Anwenden von Gewalt gemaßregelt wird.

Wir können es im Sinne von karmischen Dingen, früheren Leben usw. erklären, wenn das einen Sinn für uns ergibt, oder nicht. Es geht darum, wegen der ganzen Situation nicht in Zorn zu verfallen und uns ganz einfach damit auseinanderzusetzen. Wenn wir jedoch angegriffen werden, ist es eine Sache, sich aufgrund von Wut und Angst zu verteidigen und eine andere, es auf der Basis von Mitgefühl zu tun. Mit Mitgefühl wollen wir, dass der andere damit aufhört, weil es auch für ihn verheerend sein wird. Damit handeln wir nicht aus Zorn und das ist ziemlich schwer. Es ist ausgesprochen schwierig, aber das wäre optimal. Allerdings heißt das nicht, sich von jedem verprügeln zu lassen.

Es ist nicht leicht, hier ein Gleichgewicht zu finden. Ich war im „Kampf- oder Flugmodus“, aber natürlich wäre es besser, sich anders zu verhalten, sollte ich jemals in eine ähnliche Situation kommen. Aber ich habe das Gefühl, ich hatte überhaupt keine Kontrolle über die Situation.

Genau; das ist das große Problem, mit dem wir uns beim Karma konfrontieren. Wir haben Lust etwas zu tun und tun es dann unmittelbar auf zwanghafte Weise. Werden wir gegenüber dem, was in unserem Geist stattfindet, achtsamer, verlangsamt sich das, was geschieht, in gewisser Weise. Zumindest verlangsamt sich unsere Wahrnehmung dessen, was in unserem Geist abläuft, sodass wir unser Urteilsvermögen nutzen können, um zu entscheiden, ob es hilfreich sein wird oder nicht, diesen kräftigen Polizisten zu schlagen. Was wird das bewirken? Es wird nichts bewirken, außer dass ich noch härter geschlagen werde. Vielleicht geht man dann auf friedliche Weise zu Boden, versucht den Kopf zu schützen oder so etwas in der Art.

Es mag nicht fair sein, dass es so ist, aber wenn wir uns in solch einer Situation befinden, müssen wir damit zurechtkommen. Das ist der Punkt. Wir können uns politisch engagieren, um das zu ändern, aber es gibt viele Dinge, die nicht fair sind. Es ist einfach ein Teil von Samsara und das meine ich damit, wenn ich sage, das Universum ist nicht unbedingt fair oder muss nicht nicht unbedingt fair sein. 

Wir versuchen, Veränderungen zu bewirken, um Dinge akzeptabler zu gestalten. Wenden wir uns einem weiteren Beispiel des Textes zu. 

Nicht in der Lage sein, etwas zu beenden 

(21) Wenn wir zuzeiten aus tiefstem Herzen frustriert darüber sind, dass unsere Werke niemals vollendet werden, dann ist dies das Rad der scharfen Waffen des negativen Karmas, das in einem weiten Bogen zu uns zurückkehrt, weil wir bei den Aktivitäten der Heiligen Störungen verursacht haben. Jetzt wollen wir uns von allem Verursachen von Störungen befreien.

Ich denke, dieser Vers ist ziemlich relevant. Sind wir nie in der Lage etwas zu beenden, was wir begonnen haben, weil es stets irgendwelche Unterbrechungen gibt und wir dann nicht fertig werden, ist dies darauf zurückzuführen, andere unterbrochen und davon abgehalten zu haben, das zu beenden, was sie taten. 

Heutzutage tun viele Menschen das mit ihrem ständigen Schreiben von Nachrichten und diesen Dingen. Fortwährend unterbrechen wir andere und meinen, wir wären so wichtig, und natürlich beenden auch wir nicht, was wir tun, weil wir ständig mehrere Dinge gleichzeitig tun. Werden wir permanent unterbrochen und müssen andauernd und auf zwanghafte Weise unser Telefon in die Hand nehmen und die Nachrichten überprüfen, sind wir nicht wirklich in der Lage, irgendjemandem zu helfen. Mitten in einer Tätigkeit bekommen wir eine Nachricht und sind so süchtig danach, dass wir einen Blick darauf werfen und antworten müssen. Hören wir aus einer karmischen Sichtweise damit auf, andere zu stören, wäre dies der Weg, auch andere dazu zu bewegen damit aufzuhören, uns zu unterbrechen. Dann wären wir in der Lage etwas zu erreichen. 

Das ist wirklich wesentlich. Wir sind nicht so wichtig, dass wir jedem erzählen müssen, was wir zum Frühstück gegessen haben oder allen ein Bild von der Sicht aus dem Fenster unseres Busses schicken müssen. Wen interessiert das? Wir denken, es wäre so wichtig: „Ich schicke es dir und du solltest mir einen Like dafür geben und mir auch etwas zuschicken.“ Das wird uns irgendwie ein Gefühl der Sicherheit, Verbundenheit und Liebe geben. Heutzutage gibt es in der Welt dieses wirklich merkwürdige Phänomen, was all diese Nachrichten betrifft, und die Hoffnung, dass es uns mehr Sicherheit geben wird, wenn wir uns verbundener fühlen. Aber das passiert nicht und das ist das Problem. 

Dieser ganze Punkt des Unterbrechens ist ausschlaggebend. In Bezug auf die zehn destruktiven Verhaltensweisen, bezieht sich sinnloses Geschwätz hauptsächlich darauf, einen anderen zu unterbrechen. Im Text bezieht es sich auf Heilige oder jene, die etwas Positives tun. Wir stören andere mit etwas, das sinnlos ist, wir jedoch für sinnvoll halten. Ist es denn wirklich sinnvoll, dass Menschen sehen, was wir zum Frühstück essen, es anerkennen und mögen? Das ist sinnloses Geschwätz. Im Grunde liegt dem das Herbeiführen von Störungen zugrunde. 

Geführte Meditation über das Unterbrechen anderer 

Untersuchen wir uns selbst: Tun wir das selbst auch?

Wenn wir eine E-Mail oder Nachricht senden, oder jemand mit dem Telefon anrufen – ältere Menschen benutzen noch gern das Telefon und wollen sich mit jemandem unterhalten – erwarten wir dann, dass sie alles fallenlassen und mit uns sprechen? Wir schicken eine Nachricht und erwarten, dass der Empfänger alles andere beiseite schiebt und uns sofort antwortet. Werden wir wütend und ungeduldig, wenn er es nicht tut und fragen: „Warum hast du mir nicht geantwortet?“

Es ist schon merkwürdig. Im Kernteam meiner Arbeit gibt es einen Nachrichtendienst, den wir nutzen, um miteinander zu kommunizieren. Eine Person im Team schreibt etwas und stellt ihn dann ab, ohne auf meine Antwort zu warten; ich finde das furchtbar frustrierend. Ich antworte und muss warten, bis er später den Nachrichtendienst wieder einschaltet, einen Blick darauf wirft und dann antwortet. Diese Art von Dingen gilt es zu untersuchen. Betrachte ich mich, dieses solide „Ich“, als so bedeutsam und erwarte, dass der andere alles stehen und liegen lässt, um mir sofort zu antworten, weil ich wichtiger bin als das, was der andere tut? 

Die karmischen Konsequenzen sind dann natürlich, dass wir nie etwas erreichen können, weil wir immer mehreres gleichzeitig tun und ständig unterbrochen und abgelenkt werden. 

[Pause]

Diese Gewohnheit, andere zu unterbrechen, ist eigentlich ziemlich heikel. Es gibt zwei Situationen: Eine, in der wir andere mit etwas Sinnlosem unterbrechen und die andere Sache ist, in einem Team zu arbeiten, in dem man miteinander kommunizieren und den anderen bitten muss, etwas zu tun, damit man selbst mit seiner eigenen Arbeit weitermachen kann. 

Damit habe ich ständig zu tun. Jemand im Team hat eine Frage in Bezug auf die Arbeit, die er oder sie tut, und wenn ich nicht sofort antworte, verzögert sich das, was sie tun. Daraus ergibt sich, zumindest in meinem Fall, dass ich nie wirklich das machen kann, was ich machen will, weil ich die Fragen aller anderen beantworten muss.

Und genauso verhält es sich, wenn ich etwas von ihnen benötige, denn ich will ja auch nicht warten müssen. Es kann wirklich schwierig sein, mit so etwas bei der Arbeit umgehen zu müssen. Man könnte es so machen, dass man keine E-Mails, die etwas mit der Arbeit zu tun haben, nach den festgesetzten Arbeitszeiten oder an den Wochenenden verschickt; aber bei mir gibt es keine festgesetzten Arbeitszeiten. Im Grunde arbeite ich immer und nehme mich auch nicht an den Wochenenden frei. Wenn ich dann etwas am Wochenende tue, habe ich das Gefühl, dass ich es bis Montag vergessen habe, wenn ich die anderen nicht sofort darum bitte.

Schicke ich ihnen dann die E-Mail, nervt es sie vielleicht oder sie sehen sie sich nicht einmal an. Es ist also meine Schuld. An den Universitäten gibt es Bürozeiten und wenn Studenten kommen wollen, um etwas zu fragen, gibt es die festgelegten Zeiten. Außerhalb dieser Bürozeiten können die Studenten nicht kommen und jemanden nerven. Das funktioniert jedoch nicht, wenn man in einem Team arbeitet.

Was diese E-Mails betrifft, so ist es keine schlechte Idee, sie in den Postausgang zu tun und sie dann am Montagmorgen abzuschicken, falls man außerhalb der Arbeitszeiten tätig ist. Man sollte einfach Geduld haben, wenn man über das Wochenende oder spät am Abend keine Antwort mehr bekommt. Das ist ziemlich schwierig. Wir müssen die einzelnen Team-Mitglieder fragen, was ihre Gepflogenheiten sind und diese respektieren.

Eine Sache, an die wir uns zumindest im persönlichen Austausch halten können, der nichts mit der Arbeit zu tun hat, ist, zu fragen: „Bist du gerade beschäftigt?“ oder „Hast du vielleicht einen Moment Zeit?“ Wenn die Person gerade beschäftigt ist, kann man sie darum bitten uns zu sagen, wann es ihr passen würde zu telefonieren oder miteinander zu reden. Meiner Meinung nach ist das eine recht hilfreiche Strategie.

Aber dieses „Ich, Ich, Ich“, das sofort befriedigt werden will – nicht im Sinne eines „Likes“ auf Facebook – sondern mit Hinblick darauf, eine Antwort auf etwas zu bekommen, das notwendig ist, um mit der eigenen Arbeit weitermachen zu können, ist nicht gerade einfach.

In unserer modernen Gesellschaft, in der wir ständig mehreres gleichzeitig tun, ist es äußerst schwer, irgendetwas zu verwirklichen, nicht wahr? Wie gehen wir damit um, wenn sich alle in Multitasking üben? 

Diskussion 

Was ist eure Erfahrung? Wie arbeitet ihr in einem Team? 

Meine Erfahrung ist, dass es eine Sache ist, eine E-Mail zu senden und eine andere, zu erwarten, dass sie gelesen und beantwortet wird. Ich arbeite in der Regierung und nicht in einem privaten Unternehmen. Auch ich bekam Nachrichten und E-Mails von meiner leitenden Angestellten spät am Abend und an den Wochenenden, aber wir hatten eine Vereinbarung. Sie wollte sie einfach nur loswerden, da sie ein riesiges Arbeitspensum hatte und viele Stunden arbeitete. Allerdings erwartete sie nicht von mir, sie sofort zu beantworten. Natürlich musste ich akzeptieren, dass sie der Boss ist, aber ich war mir im Klaren über ihr hartes Arbeitspensum.
Wenn Leute keine arbeitsbezogenen E-Mails am Wochenende haben wollen, sehen sie einfach nicht nach. Ich denke es ist eine Sache der Erwartungen. Meinen sie, dass sie sofort antworten müssen, sind sie frustriert. Man kann sich darauf einigen, dass E-Mails verschickt werden dürfen, damit der Arbeitsfluss nicht unterbrochen wird, aber man nicht von anderen erwartet, sie vor Montag zu öffnen.

Ich denke, dass ist sehr weise. Aber dann müssen wir herausfinden, was für jedes Team-Mitglied funktioniert und was nicht.

Wir können auch den Benachrichtigungston abschalten. Bei mir ist er immer ausgeschaltet, denn sonst fühle ich mich wie in einem Experiment. Niemand sollte diese Benachrichtigungstöne angeschaltet haben müssen.

Schaltet sie einfach an eurem Mobiltelefon oder Laptop ab, damit es nicht klingelt, wenn ihr eine Nachricht bekommt, denn sonst haben wir fast instinktiv das Gefühl, darauf antworten zu müssen. Hier geht es wieder darum, nichts verpassen zu wollen, weil es ja wichtig sein könnte.

Mit meinem Team arbeite ich, wie gesagt, auf ähnliche Weise und meine, dass es ziemlich gut funktioniert. Wir erwarten nicht von anderen, unsere E-Mail am späten Abend oder an den Wochenenden zu lesen, aber wenn es etwas wirklich Dringendes gibt, schreiben wir eine Textnachricht.

Genau, wir müssen eine Vereinbarung treffen. Wenn bei uns die Webseite nicht erreichbar ist, muss ich meinen Techniker kontaktieren, um den Server neu zu starten, denn sonst stände sie das ganze Wochenende nicht zur Verfügung. Es gibt bestimmte Dinge, die äußerst dringend sind. Hier gilt es wiederum, sich an die Zeitpläne und Umstände zu halten. Manche Menschen arbeiten vielleicht nur Abends und nicht am Morgen; das ist individuell verschieden. 

Ich finde, es ist eine gute Idee sich selbst zu disziplinieren. Ich muss nicht sofort etwas sagen, wenn ich es denke, und damit jemanden stören. Habe ich Angst es zu vergessen, schreibe ich es auf und sage es, wenn es gerade passt, anstatt es sofort herauszubringen. Das kann ziemlich störend sein.

Ja, wir können es aufschreiben oder die E-Mail schreiben und in den Postausgang tun, aber noch nicht abschicken. Es gibt gewisse Strategien damit umzugehen. Hier gibt es zwei Seiten: die Zwanghaftigkeit, Menschen zu unterbrechen, weil man etwas schreibt und sofort eine Antwort darauf haben will, und die Zwanghaftigkeit, sich alles anzusehen und auf alles zu antworten, was in unserem Posteingang landet. Es ist schwer, dem zu widerstehen. Sogar, wenn Menschen den Ton abstellen und nicht hören, wenn etwas ankommt, ist es oftmals so, dass sie ständig auf ihr Telefon nach Nachrichten schauen. Das wird wie zu einer Sucht, was recht problematisch ist.

Ein anderes Problem ist, dass wir am Montagmorgen erst einmal mit Überraschungen und Problemen überschüttet werden, wenn wir E-Mails nicht gleich beantworten.

Ich betreue etwa 54 Leute – bei anderen mag es ähnlich sein, wenn sie eine große Gruppe von Menschen betreuen – und wenn ich mich nicht gleich um die Dinge kümmere und sie beantworte, habe ich das Gefühl, dafür bestraft zu werden, weil ich dann 50 E-Mails auf einmal beantworten muss, was wirklich erdrückend ist. Wie kann man da ein Gleichgewicht finden? Es ist sehr schwierig. Je mehr wir dem nachgeben, desto häufiger passiert es. 

Sich mit Karma auseinanderzusetzen ist nicht gerade leicht, aber zumindest haben wir diese Richtlinien im Text, die uns behilflich sein können.

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