Geistesfaktoren, die in der Meditation gebraucht werden

Klar erkennende Meditation

Meditation beinhaltet im Allgemeinen zwei Stufen: klar erkennende Meditation und stabilisierende Meditation. In der klar erkennenden Meditation durchlaufen wir – ebenso wie in dem vorangehenden Denkprozess – eine Reihe von Schritten oder eine Argumentationsfolge, um den Geisteszustand hervorzurufen, mit dem wir uns vertraut machen wollen. Im Falle von Mitgefühl beginnen wir, indem wir an unser eigenes Leiden denken und den Entschluss fassen, uns davon zu befreien. Beruhend auf diesen Überlegungen und dem entsprechenden Entschluss stellen wir uns dann vor, dass wir von einer riesigen Menge Lebewesen umgeben sind, und öffnen unseren Geist und unser Herz – frei von Anhaftung, Abneigung oder Gleichgültigkeit – für ein jedes von ihnen. Während wir all diese Wesen weiterhin im Sinn behalten, durchschreiten wir die Abfolge, die damit beginnt, dass wir uns unsere wechselseitige Verbindung bewusst machen und uns in Erinnerung rufen, dass wir alle voneinander abhängig sind.

Während wir immer noch diese Lebewesen im Sinn behalten, denken wir an all das Leiden, das sie erleben, wie oft sie unglücklich und enttäuscht sind, und daran, dass jegliches Glück, das sie erfahren, niemals andauert und niemals ganz zufriedenstellt. Sie versuchen, glücklich zu sein, aber was auch immer sie versuchen, um sich Glück zu verschaffen - sei es, dass sie unbedingt ihr Aussehen verschönern wollen oder immer mehr Gegenstände anhäufen -, bringt ihnen nur weitere Probleme ein. Wir rufen uns auch ins Gedächtnis, dass wir uns alle gemeinsam in der gleichen Situation befinden und die Hilfe der anderen brauchen, denn wenn jeder nur an sich denkt, werden wir alle leiden.

Auf diese Weise bauen wir Mitgefühl in uns auf. Mit diesem Mitgefühl konzentrieren wir uns auf die riesige Anzahl von Lebewesen mit dem Wunsch, dass sie alle gleichermaßen frei von all ihrem Leiden sein mögen, und mit der Absicht, dass wir persönlich etwas dafür tun werden, um ihre Probleme zu verringern.

In der klar erkennenden Meditation bleiben wir dann weiterhin mit der Aufmerksamkeit bei der enormen Menge von Lebewesen und erkennen – im Sinne von bemerken und begreifen - gleichzeitig all die Einzelheiten und die Punkte, die wir zuvor durchgegangen sind, um Mitgefühl aufzubauen. Zu diesem Zweck enthält unser mitfühlender Geisteszustand den Faktor „subtiles Unterscheidungsvermögen“. Damit erkennen und begreifen wir all diese Punkte bezüglich des Objekts zusammengefasst in einem Geisteszustand. Dieser Geisteszustand beinhaltet eine Art detailliertes Tiefenverständnis, aber ohne all die Punkte einzeln durchzugehen oder sie mental zu verbalisieren. Wenn unsere Unterscheidung dieser Einzelheiten zu schwach wird, gehen wir die Punkte nochmals der Reihe nach durch und bringen erneut Mitgefühl hervor, mitsamt subtilem Unterscheidungsvermögen und Konzentration.

Stabilisierende Meditation

Auf die klar erkennende Meditation folgt die stabilisierende Meditation. Wir bleiben mit der Aufmerksamkeit weiterhin bei der Menge der Lebewesen, aber nun geht unser Hauptaugenmerk mit einem geistigen Faktor einher, der „grobes Feststellen“ genannt wird. Wir stellen damit den allgemeinsten Punkt unseres Objekts fest - in diesem Fall die Tatsache, dass sie alle leiden -, einfach indem wir uns dessen innewerden. Wenn dies nachlässt, gehen wir zurück zum unterscheidenden Erkennen, indem wir wieder mit den Schritten beginnen, mit denen wir diesen Zustand von Mitgefühl hervorbringen.

So verläuft der Meditationsprozess, also der Vorgang, wie wir etwas integrieren und uns daran gewöhnen. Ganz gleich, ob es um eine Art von Meditation geht, in der wir uns auf ein bestimmtes Objekt konzentrieren, oder eine Art von Meditation, in der wir bloß in einem Geisteszustand verweilen, oder um eine Kombination von beiden - die Vorgehensweise mit ihren Abläufen und Einzelheiten ist genau dieselbe.

Klar erkennende und stabilisierende Meditation voneinander unterscheiden

Seine Heiligkeit der Dalai Lama erklärt den Unterschied zwischen klar erkennender und stabilisierender Meditation im Zusammenhang mit der jeweiligen Energie der geistigen Aktivität. Das ist eine hoch gebildete und feinsinnige Erklärung dieses Unterschieds. Bei der klar erkennenden Meditation geht die Energie der Fokussierung in dem Sinne nach außen, dass wir etwas in all seinen Einzelheiten erkennen. Bei der stabilisierenden Meditation geht die Energie der Fokussierung nach innen, da der Schwerpunkt darauf liegt, die Emotion oder das Verständnis nach innen dringen zu lassen, indem man lediglich den wesentlichen Punkt ausfindig macht, zu dem die klar erkennende Meditation hingeführt hat. Die Energie wird also nicht aufgefächert mit Einzelheiten wie in der klar erkennenden Meditation, sondern gebündelt auf den wesentlichen Punkt gelenkt.

Es erfordert ein sehr feines Gespür, den Unterschied zwischen dem Erkennen einer Person mit Mitgefühl - wobei die Energie sich in gewisser Weise auf alle Einzelheiten erstreckt - und der Stabilisierung dieses Mitgefühls, wobei sich die Energie konzentriert nach innen richtet, wahrnehmen zu können. Das ist einer der Vorteile, die sich daraus ergeben, dass man den Geist zur Ruhe gebracht hat. Wenn man imstande ist, all den Lärm, der normalerweise im Kopf abläuft (das ständige Geplapper, die ständigen Kommentare, die ständige Musik auf dem iPod) zumindest in gewissem Maße zur Ruhe zu bringen, dann kann man beginnen, feinfühlig für die inneren Energien zu werden, und merken, in welchem Zustand sich die eigene geistige Energie befindet.

Die beste Art, ein Gespür für die eigene Energie zu bekommen, besteht darin, herauszufinden, ob die Energie ruhig oder chaotisch ist. Ein Kennzeichen dafür, ob man zum Beispiel unter dem Einfluss einer störenden Emotion wie etwa Ärger, Angst, Sorge, Gier oder Arroganz steht oder nicht, besteht darin, dass die Energie in dem Fall nicht friedvoll ist. Wenn man sich mit jemandem unterhält und spüren kann, dass die eigene Energie ein klein wenig aufgeregt ist, ist das ein guter Hinweis darauf, dass irgendeine Art störender Emotion beteiligt ist. Vielleicht versucht man, die andere Person zu beeindrucken oder sie von etwas zu überzeugen, oder eine gewisse Aggression ist beteiligt - jeder dieser Faktoren kann darauf hinweisen, dass im Geist etwas Störendes vorgeht. Sobald man imstande ist, festzustellen, dass irgendetwas nicht stimmt, hat man die Möglichkeit, den Denkprozess aufs Neue einzuleiten – quasi einen Neustart des Geistes zu initiieren und somit die Emotion, welche die Interaktion unterschwellig begleitet, zu verändern und durch heilsamere Emotionen zu ersetzen. Insbesondere im Austausch mit anderen ist es wirklich notwendig, störende Emotionen aufspüren zu können.

Mit der Zeit und mit zunehmender Übung werden wir schließlich feinfühlig genug, um die mehr nach außen gerichtete, weit gefächerte Energie klar erkennender Meditation von der nach innen gelenkten, gebündelten Energie stabilisierender Meditation unterscheiden zu können.

Faktoren, die erforderlich sind, um Konzentration zu erlangen

Die Faktoren, die erforderlich sind, um Konzentration zu erlangen, sind für klar erkennende und stabilisierende Meditation gleich. Shantideva erläutert sie in seinem Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ im Kontext der Entwicklung von ethischer Disziplin. Diese Methoden müssen also zunächst in dem sichtbaren Verhalten, wie man spricht und handelt, entwickelt werden und dann auf den Geist angewendet werden.

Der wesentliche geistige Faktor, den wir in beiden Fällen brauchen und verwenden, heißt „Vergegenwärtigung“. Sie bildet sozusagen den geistigen Klebstoff, der bewirkt, dass man bei einem Geisteszustand oder bei einer Verhaltensweise bleibt. Das Wort dafür ist dasselbe wie für „sich erinnern“, aber es geht nicht um Erinnern in dem Sinne, dass man quasi etwas aus dem Gedächtnis-Ordner holt und es sich in Erinnerung ruft. Das ist hier nicht gemeint. Es geht darum, bei etwas zu bleiben, es im Sinn zu behalten. Wir brauchen eine Art geistigen Klebstoff für das Objekt, auf das wir die Aufmerksamkeit gerichtet haben, und für die Art und Weise, wie der Geist dazu in Beziehung tritt.

Wenn wir mit Vergegenwärtigung meditieren, überwachen wir, wie fest wir etwas im Sinn behalten. Tsongkhapa erklärt, dass wir dabei den geistigen Faktor des groben Feststellens verwenden, um zu bemerken, ob unser Geist – allgemein gesprochen – unter den Einfluss von störenden Emotionen gerät, abschweift oder träge wird. Es ist von Bedeutung, dass Tsongkhapa hier das grobe Feststellen anführt und nicht das subtile Unterscheidungsvermögen. Subtiles Unterscheidungsvermögen wäre zu sehr mit der Überprüfung genauer Einzelheiten beschäftigt, sodass unsere Aufmerksamkeit nicht vorrangig auf das Objekt gerichtet wäre, auf dem der Schwerpunkt liegt. Es ist eine große Gefahr in der Meditation, dass man so besorgt ist, das Objekt aus den Augen zu verlieren und abzuschweifen, dass man sich dabei versteift und verkrampft. Das kann zu großen Problemen führen. Andererseits will man natürlich auch nicht zu entspannt und nachlässig werden; das wäre auch nicht förderlich.

Außerdem brauchen wir Wachsamkeit, die wie eine Art Alarmsystem wirkt. Wenn wir merken, dass wir das Meditationsobjekt aus dem Blickfeld verlieren, schlägt die Wachsamkeit Alarm: Es muss etwas korrigiert werden. Dann bringen wir das Objekt mit Aufmerksamkeit wieder in den Fokus.

Die Fehler, die korrigiert werden müssen

Die beiden Fehler, die wir loswerden wollen, fallen in zwei große Kategorien: „Flatterhaftigkeit des Geistes“ und „geistige Trägheit“. Flatterhaftigkeit des Geistes tritt auf, wenn wir aufgrund von Anhaftung oder Begierde geistig abschweifen. Sie kann in Form von verbalem Denken oder einer Art innerem Film auftreten. In den meisten traditionellen Texten wird diese Flatterhaftigkeit im Zusammenhang mit sexueller Anhaftung erörtert, möglicherweise weil die meisten Zuhörer zu jener Zeit Mönche und Nonnen im Zölibat waren, für die die Überwindung sexueller Begierden ein wichtiges Thema war. Es kann sich aber auch um Anhaftung an Speisen oder Musik oder was auch immer handeln. Geistiges Abschweifen allgemein hingegen kann durch jegliche störende Emotion, jeden Gedanken oder sogar Geräusche oder andere Sinneseindrücke verursacht sein. Geistiges Abschweifen könnte man auch allgemein als „Ablenkung“ bezeichnen.

Es gibt verschiedene Grade von geistiger Flatterhaftigkeit, die mit der Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Objekt oder Gefühl zu tun haben.

  • „Offensichtliche Flatterhaftigkeit“ besteht, wenn man das Objekt völlig aus dem Blick verliert und anfängt, an alles Mögliche zu denken. Die Vergegenwärtigung, der geistige Klebstoff, ist so schwach, dass man das Objekt gänzlich vergisst.
  • „Subtile Flatterhaftigkeit“ besteht, wenn man das Objekt nicht völlig fallenlässt, aber während man daran festhält, besteht gleichzeitig eine unterschwellige Strömung von Gedanken an etwas anderes.
  • Die subtilste Art von geistiger Flatterhaftigkeit besteht darin, dass nicht einmal eine solche unterschwellige Strömung vorhanden ist, jedoch so etwas wie ein leichter Juckreiz auftritt, das Objekt zu verlassen und an etwas anderes zu denken. Dies kann in der Tat dann geschehen, wenn man übermäßig gezwungen am Objekt festhält.

Geistige Trägheit hat etwas mit der Klarheit des Objekts zu tun. Im Falle einer Visualisierung kann das die Erscheinung sein oder im Falle eines Geisteszustandes wie etwa Mitgefühl das entsprechende Gefühl.

  • Die offensichtlichste Form geistiger Trägheit besteht dann, wenn der „die Erscheinung hervorbringende Faktor“ so schwach ist, dass der Geist gar keine Visualisierung bzw. kein Gefühl hervorbringen kann. Damit einhergehen können zwei weitere Faktoren, die „geistige Umnebelung“ genannt werden, nämlich ein Schweregefühl in Körper und Geist oder Schläfrigkeit bis hin zu Schlaf.
  • Die mittlere Ebene tritt auf, wenn zwar eine Erscheinung vorhanden ist, aber der geistige Zugriff darauf nicht fest genug ist und sie daher einen Mangel an Schärfe aufweist. Es geht hier nicht nur um scharfe Fokussierung der Einzelheiten einer Visualisierung, sondern auch eine Emotion, z.B. Mitgefühl, kann verschwommen sein. Es könnte sich nur um ein sehr vages Gefühl handeln: „Liebe und Frieden, ach, ich liebe alle.“ Man bringt ein Gefühl hervor, aber ihm fehlt der spezielle Fokus, der in dem Wunsch besteht, dass ein jeder frei von Leiden und den Ursachen dafür sein möge. Es ist wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass jede Einzelheit, jeder Aspekt des geistigen Zustands, den wir hervorbringen wollen, genau bestimmt ist – es sollte sich nicht bloß um ein vages Gefühl handeln.
  • Subtile geistige Trägheit besteht, wenn der Geist einen scharfen Fokus hat und ein Objekt entstehen lässt, dieses aber nicht mit Festigkeit aufrechterhalten wird und folglich nicht frisch oder lebhaft ist. Es ist wichtig, dass es in jedem Augenblick frisch ist, nicht wie altbackenes Brot, das schon lange herumliegt, hart geworden ist und keinen schönen Anblick mehr bietet.

Wenn von „weggetreten sein“ die Rede ist, kann sich das auf jeden der obigen Fehler beziehen; wir müssen also imstande sein zu merken, wenn einer davon auftritt. Zuerst etabliert man den geistigen Zugriff auf das Objekt. Und dann bleibt man mit Vergegenwärtigung, dem geistigen Klebstoff, dabei.

Das ist der wichtigste Faktor für eine gelungene Meditation: bei etwas zu bleiben, aber weder zu fest noch zu locker. Wenn man z.B. eine Diät macht und an einer Bäckerei vorbeikommt, wo all die leckeren Kuchen im Fenster zu sehen sind, kommt es darauf an, bei der Diät zu bleiben und nicht davon abzulassen; also betritt man nicht den Laden und kauft ein Stück Schokoladenkuchen. Oder auch, wenn jeder am Tisch Eiskrem serviert bekommt, bleibt man fest und lässt nicht von der Diät ab: „Nein danke, ich bin auf Diät.“

Entscheidend ist, etwaigen Mangel an Fokus aufzuspüren: „Besteht ein Fehler in meiner geistigen Platzierung und dem Zugriff auf das Objekt? Ist etwas mit der Art und Weise nicht in Ordnung, wie mein Geist das Objekt oder Gefühl auftreten lässt?“

Wenn wir einen Fehler finden, schlägt die Wachsamkeit innerlich Alarm und die Aufmerksamkeit stellt den Fokus wieder her. Gleichzeitig ist es jedoch wichtig, nicht wie ein übereifriger Polizist zu sein, sodass eine Spaltung zwischen dem aufpassenden „Ich“ und dem meditierenden „Ich“ entsteht. Um eine solche dualistische Meditation zu vermeiden, ist ein gewisses Verständnis der Leerheit des Selbst erforderlich – das Verständnis, dass wir völlig frei davon sind, auf solch eine dualistische Weise zu existieren.

Praktische Anwendung der Fähigkeiten, die in der Meditation geübt wurden

Die Fähigkeit, mit Vergegenwärtigung und Konzentration auf ein Objekt ausgerichtet zu bleiben, ist etwas, das wir auch im Alltagsleben benötigen. Dafür üben wir Meditation: um in der Lage zu sein, die förderlichen Gewohnheiten, die wir damit entwickeln, im Leben anzuwenden. Wenn wir zum Beispiel mit jemandem sprechen oder ihm zuhören, müssen wir ihm unsere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Unsere Aufmerksamkeit muss darauf gerichtet bleiben, und es ist nicht angebracht, ans Essen zu denken oder innerlich zu sagen: „Nun hör schon auf und verschwinde endlich“. Der persönliche Umgang mit anderen, unsere Arbeit, das Studium usw. sind also hervorragende Bereiche, in denen man Konzentration üben kann.

Die vier Stützen

Zwei Ingredienzen, die wir brauchen, wenn wir uns in der Meditation konzentrieren wollen, sind Elan (oft „freudige Ausdauer“ genannt) und Geduld. Elan ist eine starke, fast heroische Anstrengung, etwas Positives zu bewerkstelligen. Geduld ist die Fähigkeit, alle Härten und Schwierigkeiten auszuhalten, ohne sich entmutigen zu lassen oder ärgerlich zu werden. Shantideva erklärt in seinem Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ sechs Faktoren, die uns helfen können, Elan zu entwickeln. Sie werden als die vier Stützen und die zwei Kräfte bezeichnet. Es ist ausgesprochen nützlich, sie zu kennen und einzusetzen.

Der erste wird feste Überzeugung oder festes Bestreben genannt. „Bestreben“ ist ein starker Ausdruck für „Wunsch“ und wird folgendermaßen definiert: fest überzeugt sein vom Nutzen eines Ziels und von den Nachteilen, wenn man es nicht erreicht – sodass das Bestreben, es zu erreichen, nicht ins Wanken gerät oder abgewendet wird. Wenn wir von den verschiedenen Geisteszuständen lesen, die man mit der buddhistischen Praxis erreichen will, werden bei ihrer Darstellung fast immer zuerst die Vorteile aufgeführt, die damit verbunden sind, wenn man sie erreicht, und die Nachteile, wenn nicht. Es ist wichtig, diese zu studieren. Shantideva folgt in seinem Text dieser Darstellungsstruktur. Das erste Kapitel handelt von Bodhichitta. Wir gewinnen die Überzeugung von den Vorteilen, die es hat, diesen Geisteszustand zu entwickeln, und das stärkt uns und lässt uns freudig darauf hinarbeiten. Wann immer wir den Mut verlieren, ist es hilfreich, sich an die Vorteile dessen zu erinnern, was wir erreichen wollen.

Der nächste Faktor ist Standhaftigkeit oder Selbstvertrauen. „Standhaftigkeit“ bedeutet, dass wir unentwegt mit der Praxis weitermachen, was daher rührt, dass wir zuvor überprüft haben, ob wir imstande sind, das erwünschte Ziel zu erreichen, und zu der Überzeugung gelangt sind, dass das der Fall ist. Dann widmen wir uns mit Selbstvertrauen diesem Ziel und bleiben dabei, auch wenn es mit dem Fortschrittsverlauf auf und ab geht - denn das wird tatsächlich passieren. An manchen Tagen läuft alles großartig, an anderen einfach schrecklich. An manchen Tagen können wir es kaum erwarten, loszulegen, an anderen haben wir überhaupt keine Lust zum Üben. Aber wenn wir von den Vorteilen überzeugt sind und Ausdauer haben - die wie eine Art Rüstung beschrieben wird -, dann denken wir: „Das macht nichts. Es ist mir gleich, ob es auf und ab geht - ich werde einfach jeden Tag kontinuierlich weitermachen. Ich weiß, dass es möglich ist, mein Ziel schließlich zu erreichen.“

Während wir über einen längeren Zeitraum hinweg fortschreiten, werden wir allmähliche eine entsprechende Tendenz, konzentrierter zu sein, erkennen und die nächste Stütze aufbauen, nämlich Freude. Wir sind nicht bloß zufrieden mit nur einem bisschen Fortschritt, also finden wir großen Gefallen daran, immer weiter fortzuschreiten, und das verschafft uns ein Gefühl der Befriedigung. Das Resultat davon ist natürlich, dass wir glücklicher werden, denn der Sinn des Ganzen ist ja, Leiden zu beseitigen. Wenn unser Geist weniger abgelenkt, aufgeregt und verstört ist, werden wir natürlich glücklicher sein. Indem wir das erkennen, werden wir ganz begeistert sein, weiterzumachen und noch mehr voranzukommen mit unserem Vorhaben.

Die vierte Stütze wird Ausruhen genannt. Das bedeutet, eine Pause zu machen, wenn man erschöpft ist. Wir tun dies nicht aus Faulheit, sondern um uns zu erquicken. Nichts macht unsere Anstrengungen mehr zunichte, als sie zu sehr zu forcieren - was nur bewirkt, dass wir ausbrennen. Etwas zu sehr zu forcieren bringt tatsächlich die Energien im Körper ins Ungleichgewicht - so als würde man einen Ballon so fest zusammendrücken, dass er platzt. Es ist wichtig, dass wir selbst beurteilen und feststellen können, wann wir eine Weile Ruhe brauchen - und dass wir keine Schuldgefühle deswegen haben! Es ist hilfreich, sich etwas zu suchen, was der Entspannung dient, aber nicht unsere störenden Emotionen vermehrt. Das ist natürlich bei jedem unterschiedlich.

Das sind die vier Stützen für den Elan.

Die zwei Kräfte

Nun zu den zwei Kräften: Die erste ist selbstverständliches Annehmen. Das bedeutet, ganz selbstverständlich zu akzeptieren, was wir üben müssen und wessen wir uns entledigen müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir erkennen unsere reale Situation und akzeptieren naturgemäß die Schwierigkeiten, die zum Beispiel damit verbunden sind, störende Emotionen loszuwerden. Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass wir am Anfang realistisch sind, damit wir später nicht überrascht sind, wie schwierig es werden kann.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama pflegt zu sagen: „Wenn ein buddhistischer Lehrer oder jemand anderes behauptet, buddhistische Methoden seien leicht und schnell, sei sehr misstrauisch gegenüber diesem Menschen und seiner Motivation, denn Buddhismus ist keineswegs einfach oder schnell. Wir sind so an unsere störenden Emotionen gewöhnt, dass wir sie nicht einfach loswerden, so als würden wir eine Tablette dagegen nehmen.“ Ein anderer meiner Lehrer, Geshe Ngawang Dhargye, sagte immer: „Jeder, der sich zu leichten und raschen Wegen hingezogen fühlt, ist im Grunde faul. Er will nicht die harte Arbeit investieren, die tatsächlich notwendig ist.“

Die zweite Kraft besteht darin, die Sache in die Hand zu nehmen. Das bedeutet, die Leitung unserer inneren Vorgänge zu übernehmen und uns dem zu widmen, was wir erreichen wollen. Statt unserer Faulheit oder einer anderen störenden Emotion die Leitung zu überlassen, übernimmt unser Bestreben, ein Ziel zu erreichen, die Führungsposition. Wir sagen uns: „Hör auf, dich wie ein Kleinkind anzustellen. Raff dich auf und tue es einfach!“

Müde oder faul?

Vielleicht fragen wir uns, wie sich Müdigkeit und Faulheit eigentlich unterscheiden lassen. Zuerst einmal ist zu bedenken, dass es verschiedene Arten von Faulheit gibt, zum Beispiel, sich durch belanglose Dinge ablenken zu lassen. Wir sind zu faul, unsere Meditation oder unsere Studien oder was auch immer zu machen, und lassen uns stattdessen vom Fernsehprogramm ablenken oder indem wir im Internet surfen. Des Weiteren gibt es die Faulheit, die darin besteht, etwas auf später zu verschieben, indem man immer denkt, man könne es noch weiter hinausschieben. Und es gibt auch eine Art von Faulheit, die darin besteht, Ausflüchte zu machen, etwa: „Ich kann das eben nicht.“

Wenn wir hingegen müde sind, haben wir immer noch den Wunsch, etwas Bestimmtes tun zu können: „Ich möchte es wirklich tun, aber ich bin jetzt zu schläfrig. Also werde ich mich kurz ausruhen, und ich habe vor, dann mit vollen Kräften weiterzumachen.“ Das hat nichts mit Ausflüchten zu tun oder damit, sich zu wenig um etwas zu kümmern. Im Falle von Faulheit fehlt dieser Wunsch, mit dem man ganz und gar darauf aus ist, weiterzumachen.

Zusammenfassung

Meditation ist nicht einfach und wir müssen aufpassen, wenn jemand behauptet, es gebe schnelle Möglichkeiten, unglaubliche Verwirklichungen zu erreichen, denn im Allgemeinen kommt es nicht dazu.

Unsere Meditation muss ein aktiver Prozess sein, nicht etwas, das stumpfsinnig oder langweilig ist, sondern ein Vorgang, in dem wir dahin gelangen, die Lehren, die wir gehört und überdacht haben, tiefgreifend zu verstehen. Wenn wir Tag für Tag, Jahr für Jahr so vorgehen können, besteht kein Zweifel, dass die Lehren sich uns einprägen werden, und wenn Probleme oder negative Emotionen auftreten, werden wir schließlich mühelos imstande sein, damit umzugehen.

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