Etwas verstehen: Intellektuell vs. Intuitiv

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Intellektuelles versus intuitives Verständnis

Nun werden wir darüber reden, was es bedeutet, etwas intellektuell und etwas intuitiv zu verstehen. Zunächst sollte ich erwähnen, dass es diese Unterscheidung in der Darstellung der Erkenntnistheorie im tibetischen oder indo-tibetischen Buddhismus (denn eigentlich stammt ja alles aus Indien) nicht gibt. Wenn man jedoch die gewöhnlichen Definitionen von einer westlichen Perspektive aus betrachtet, kann man normalerweise herausfinden, wie es in die buddhistische Analyse passen könnte. Das ist wirklich wichtig, denn es gibt so viele Dinge, die wir in unserer westlichen Kultur konzeptuell erfassen, über die jedoch in der buddhistischen Darstellung nicht wirklich gesprochen wird, wie beispielsweise niedriges Selbstwertgefühl, Unsicherheit und diese Dinge.

Wenn wir es im Wörterbuch nachschlagen, handelt es sich, laut Definition, um ein intellektuelles Verständnis; es geht also darum, etwas direkt durch die Kraft logischen Denkens zu verstehen. Vielleicht benutzen wir kein Wörterbuch, um es nachzuschlagen, aber laut Wörterbuch ist dies die Definition. Und es kann sich auf empirisches Wissen aus früherer persönlicher Erfahrung beziehen oder auch nicht.

Empirisches Wissen aus früherer persönlicher Erfahrung wäre einfache Wahrnehmung. Mit anderen Worten haben wir vielleicht Erfahrungen gesammelt, eine bestimmtes Auto zu fahren oder eine gewisse Art von Computer zu benutzen und können dann, anhand dieser Erfahrung, logisch ergründen, wie man ein anderes Auto oder eine andere Art von Computer benutzt. Wir haben also bereits Erfahrungen damit gesammelt oder auch nicht.

Bewusst gehen wir nun direkt eine Kette von Argumenten durch – „Wenn es sich so verhält, dann folgt daraus das,“ usw. – so, wie wir auch analysiert haben, was eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit umfassen würde. Wie weiß ein Buddha etwas? Er hat es durch Logik ausgearbeitet.

Und was ist ein intuitives Verständnis? Wir werfen wieder einen Blick ins Wörterbuch und dort steht, dass es ein Verständnis ist, das sich nicht direkt auf logisches Denken stützt. Es gibt viele Formen von intuitivem Verständnis. In einigen nicht-buddhistischen, spirituellen Systemen wird erklärt, dass intuitives Verständnis mystischen Ursprungs sein kann und aus einer transzendenten Quelle, wie Gott, herrührt. Das wäre eine Form des intuitiven Verständnisses. Daraufhin müssen wir überprüfen, ob es so etwas im Buddhismus gibt? Diese Dinge werden als „mystische Erfahrungen“ bezeichnet.

Im Christentum ist die Rede von der „Gnade Gottes:“ „durch die Gnade Gottes habe ich etwas verstanden.“ Im Buddhismus sprechen wir von einem Verständnis, das auf die Inspiration der Buddhas und unserer spirituellen Lehrer zurückzuführen ist. Inspiration wird oft mit dem christlichen Begriff „Segen“ übersetzt, den ich jedoch für unpassend halte. Es handelt sich also um Inspiration und bedeutet „jemanden zu erheben und zu erleuchten.“ „Adhishthana“ ist das Sanskrit-Wort und bedeutet „auf eine höhere Ebene,” also erhebend. Und „chinlab“ (tib. byin-rlabs) – „chin“ (tib. byin), „aufhellen, erleuchten” – ist das tibetische Wort. Das ist also die Bedeutung und nicht, dass es irgendeiner mystischen Kraft entstammt. Ich denke also, das Wort „Inspiration“ gibt die Bedeutung ziemlich gut wieder.

Wir werden also von den Buddhas, von Manjushri inspiriert – wir rezitieren ziemlich viele Manjushri-Mantras – oder werden durch das Reifen unseres Netzwerks positiver Kraft inspiriert. Wir haben so viel positive Kraft angesammelt, indem wir Gebete oder Niederwerfungen „Ngöndro“ (tib. sngon-’gro, Vorbereitende Übungen) gemacht haben, dass wir Inspiration bekommen, durch die wir die geistigen Blockaden durchbrechen und zu einem Verständnis gelangen können. Das würden wir wahrscheinlich als „intuitives Verständnis“ bezeichnen, denn es wird nicht direkt aus einer Kette von logischem Denken hergeleitet. Es ist etwas, das es im Buddhismus gibt.

Für dieses Wort, das oft mit „Verdienst“ (tib. bsod-nams) übersetzt wird, benutze ich den Begriff „positive Kraft.“ „Verdienst“ (engl. „merit“) klingt, als würde man einen Preis gewinnen, wenn man genug Punkte gesammelt hat und so, mit dem Ansammeln von Punkten, zu einem Verständnis gelangen, aber so ist das nicht. Vielmehr handelt es sich um eine positive Kraft – als würde man eine Batterie aufladen – und je mehr man davon hat, umso besser funktioniert es, die geistigen Hindernisse zu durchbrechen und etwas zu verstehen. Das hat also nicht viel mit Mystik zu tun.

Diese Art des Verstehens finden wir vor allem in der Praxis von Mahamudra und Dzogchen, in denen uns unser Lehrer buchstäblich dabei hilft, „der Natur unseres Geistes von Angesicht zu Angesicht zu begegnen“ (tib. sems-kyi ngo-sprod). „Ngotro“ (tib. ngo-sprod) wird für gewöhnlich als „mit dem Geist bekanntmachen“ übersetzt und da habe ich immer so eine Karikatur im Kopf: „Lieber Alex, darf ich dich mit deinem Geist bekanntmachen. Lieber Geist, das ist Alex.“ Wenn man sich aber die Worte ansieht, geht es darum, dass sie uns helfen, jemandem zu begegnen – das Wort ist „begegnen“ – also dem Geist von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Durch ihre Inspiration und unsere positive Kraft, ist es uns dann möglich, dem Geist zu begegnen. Und wie gesagt müssen wir ihn begreifen, um ihm zu begegnen. Wir können ihn „begreifen,“ wir können ihn „kennen“ und wir können ihn „verstehen.“ Es gibt hier also viele unterschiedliche Ebenen.

Im Dzogchen wird auch von dem innewohnenden „tiefen Gewahrsein“ gesprochen – „Yeshe“ (tib. ye-shes) – das tiefe Gewahrsein, das ein Teil der Natur des reinen Gewahrseins – „Rigpa“ (tib. rig-pa) – des ursprünglichen Geistes ist. Mit anderen Worten werden wir, wenn wir tief genug gehen, der Natur des Geistes begegnen und sehen, dass dieses innewohnende tiefe Gewahrsein eine ihrer Eigenschaften ist, denn durch sie sind wir fähig, alles wahrzunehmen, wenn alle Schleier beseitigt wurden. Auch wenn sie nicht entfernt wurden, können wir durch sie hindurch sehen. Dabei muss man berücksichtigen, dass „Rigpa“ eine Unterkategorie des klaren Lichtes „Ösel“ (tib. ’od-gsal) ist. Mit dem klaren Licht, „Ösel,“ können wir immer noch die Gewohnheit haben, nach wahrer Existenz zu trachten, die ihm zugeschrieben ist. Mit „Rigpa“ ist es nicht so und das ist der Unterschied.

Im Dzogchen ist also davon die Rede, wie dem grundlegendsten reinen Zustand des Geistes tiefes Gewahrsein innewohnt. Wir könnten also sagen, dass das etwas Intuitives ist. Es geschieht durch die Inspiration des Lehrers, der uns hilft, dieser Natur des reinen Gewahrseins von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Wenn wir ihr begegnen, ist dieses tiefe Gewahrsein da und funktioniert. Auf diese Weise wird es erklärt. Und ich denke, wir würden das der Kategorie eines intuitiven Verstehens zuordnen, obwohl es etwas komplexer ist, als einfach nur unser gewöhnliches intuitives Verständnis. Es ist nicht die gleiche Ebene, auf der wir sagen würden: „Meine Intuition sagt mir, dass es morgen Regen geben wird.“

Aber normalerweise sind wir uns nicht bewusst darüber sind, warum wir etwas verstehen, wenn wir etwas auf gewöhnliche Weise intuitiv erleben. Intellektuell – wir haben es durch logisches Denken ausgearbeitet. Intuitiv – wir haben es verstanden, wissen aber eigentlich nicht wie oder warum wir es verstanden haben; wir haben es einfach verstanden. So funktioniert es in etwa, wie wir etwas erfahren. Wenn wir es jedoch analysieren, entsteht es durch unbewusstes logisches Denken. Es kann auf empirischem Wissen beruhen – normalerweise beruht es auf empirischem Wissen aus einer Erfahrung, die wir bereits in diesem oder einem vergangenen Leben gemacht haben.

Hier ein Beispiel: Wir haben einen alten Computer oder Windows XP und nun kommt eine neue Version auf den Markt. Intuitiv wissen wir bereits, wie wir damit umgehen müssen. Warum ist das so? Es beruht auf erfahrungsgemäßem Wissen des alten Betriebssystems. Wir müssen es nicht logisch ausarbeiten, sondern kommen durch unbewussten Analogieschluss damit zurecht. Wir könnten sagen, es wäre intuitiv, aber tatsächlich handelt es sich um einen unbewussten Vorgang, den wir analogisch durchgehen. Oder wenn wir ein neues Auto haben und wissen, wie wir es bedienen müssen. Es ist nicht alles genau gleich, aber entsprechend dem alten Auto, mit dem wir gefahren sind, können wir es einfach. Wir müssen nicht alles bewusst und logisch durchgehen: „Also hier ist der Schlüssel, dort das Gaspedal usw.“ So arbeiten wir unbewusst durch Analogie.

Noch ein einfaches Beispiel: Ich habe mir gerade einen neuen Scanner für meinen Computer gekauft. Normalerweise müsste ich die Anleitung durchlesen, um zu lernen, wie dieses Gerät funktioniert. Ich würde damit ein intellektuelles Verständnis entwickeln, indem ich es durchlese und durch die Worte herausfinde, was es bedeutet. Mein Freund, der mir geholfen hat, den Scanner zu installieren, würde jedoch nie eine Anleitung lesen. Er hat jede Menge Erfahrung mit solchen Gerätschaften und wusste einfach intuitiv, beruhend auf Analogie, wie man diesen neuen Scanner bedient. Das ist glaube ich genau das Beispiel, an das ich dachte.

Es beruht also auf erfahrungsgemäßem Wissen (einfacher Wahrnehmung) oder darauf, sich erst einmal Anleitungen durchzulesen (vorherigem schlussfolgernden Verständnis). Und wenn jemand sehr jung ist, würde man im Buddhismus sagen, dass das Wissen vielleicht aus einem vergangenen Leben stammt. Wie bei diesen jungen Tulkus, die, ohne das es ihnen jemand gezeigt hat, beruhend auf vorangegangener Erfahrung, genau wissen, wie man Vajra und Glocke halten oder die Trommel benutzen muss.

Wie ist es aber mit einem intuitiven Verständnis von Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta? Natürlich könnten wir es auch als etwas sehen, dass durch Erfahrung aus vergangenen Leben ganz leicht für uns ist. Tsenzhab Serkong Rinpoche, mein Lehrer, war einer der Lehrer Seiner Heiligkeit. Er war an der Ausbildung Seiner Heiligkeit als Kind beteiligt und er sagte: „Mit Seiner Heiligkeit war es so, dass man ihm, egal um was es ging, Dinge nur einmal sagen musste, worauf er sie verstand und sich merkte.“ Er musste nichts ausführlicher erklären, sondern es war einfach so, als würde man ihn nur an etwas erinnern. Das ist nichts wirklich Magisches. Vielleicht ist es magisch, oder ungewöhnlich, bei einem kleinen Kind.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber ich habe bereits Erfahrungen damit gesammelt. Als Jugendlicher und junger Mann habe ich ziemlich intensiv Chinesisch studiert, es aber dann nicht wirklich aktiv in meinem Leben als Erwachsener genutzt. Daher kenne ich die Worte nicht einfach automatisch und wenn man mich fragt: „Was heißt das auf Chinesisch?“ kann ich wahrscheinlich keine Antwort darauf geben. Wenn mir aber jemand sagt, was es auf Chinesisch heißt, das chinesische Wort dafür nennt, fällt es mir wieder ein und ich kann es mir ganz einfach merken. Es ist so, dass ich es mir nur wieder in Erinnerung rufen muss. Oder vielleicht erkennen wir jemanden nicht, den wir viele Jahre nicht gesehen haben, aber wenn er uns dann sagt, wer er ist, können wir uns wieder an ihn erinnern. Ich bin mir sicher, dass wir alle das schon einmal erlebt haben.

Die Verlässlichkeit von intellektuellem und intuitivem Verständnis

Sehen wir uns den Unterschied zwischen diesen beiden etwas genauer an. Wir haben untersucht, auf welche Weise wir etwas intellektuell und wie wir etwas intuitiv verstehen und nun geht es darum, die Verlässlichkeit von beidem prüfen.

Sehr oft ist es so, dass die Menschen eines von beiden bevorzugen und dann beispielsweise sagen, intuitives Verständnis sei nicht so gut. Auf der anderen Seite sagen jedoch auch zahlreiche Menschen: „Was, du verstehst es nur intellektuell,“ als wäre das nicht verlässlich. Was halten sie jedoch für zuverlässiger? Wir müssen untersuchen, ob es nur intuitives Verständnis ist. Worauf beziehen sie sich, wenn sie intellektuelles Verständnis abwerten? Oder anders ausgedrückt: Unterscheiden die meisten Menschen zwischen Begreifen und Verstehen, wenn sie diese Kategorien „intellektuell“ und „intuitiv“ benutzen? Ich denke, in den meisten Fällen macht man keinen klaren Unterschied zwischen Begreifen und Verstehen.

In Bezug auf das Begreifen, umfasst ein so genanntes „intellektuelles Verständnis“ normalerweise, dass wir etwas korrekt und entschieden begreifen. Wir haben es durch Logik erarbeitet und haben nun ein intellektuelles Verständnis davon, was Leerheit, was Mitgefühl oder was Bodhichitta ist. Wir haben es korrekt und präzise begriffen. Vielleicht haben wir es nicht verstanden, aber wir haben es durch Logik abgeleitet. Ich würde also sagen, dass man durch ein intellektuelles Verständnis, ein Objekt korrekt und entschieden begreift.

Durch ein intuitives Verständnis von Vergänglichkeit, Leerheit usw. mag man das Objekt korrekt und entschieden begreifen oder auch nicht. Manchmal mag dieses intuitive Gespür (um hier ein übliches Wort zu benutzen) – beispielsweise das intuitive Gespür für Vergänglichkeit – nicht sehr präzise in Bezug auf Korrektheit oder Entschiedenheit sein. Es ist irgendwie wage. Wir könnten auch sagen: „Ich habe ein Gefühl, ein intuitives Gefühl für Vergänglichkeit oder Leerheit.“ Das ist kein korrektes, entschiedenes Begreifen, nicht wahr? Es ist nicht so, als hätten wir es intellektuell durch Logik ausgearbeitet, wobei sich „Intellektuell“ einfach darauf bezieht, etwas durch Logik, durch Argumentation, auszuarbeiten.

Mit anderen Worten beruht beispielsweise unser intuitives Gefühl für Vergänglichkeit auf persönlicher Erfahrung – manche Menschen sterben oder unser Computer geht kaputt – und für gewöhnlich handelt es sich hierbei um eine Vermutung. Wir vermuten, es wäre korrekt, während es tatsächlich ziemlich wage ist. Das ist etwas anderes, als wenn wir es ableiten würden: „Alle Phänomene, die aufgrund von Ursachen und Bedingungen in Erscheinung treten, können nicht andauern. Sie sind vergänglich, da sich die Ursachen und Bedingungen, die sie aufrecht erhalten, ändern.“ Ich denke, das ist ein überaus wichtiges Unterscheidungsmerkmal in Bezug auf die Verlässlichkeit dieses intuitiven Verständnisses. Wenn es irgendwie wage ist und sich nur um eine Art Gefühl handelt, ist es nicht korrekt und auch nicht entschieden.

Mit anderen Worten: Sogar, wenn wir beginnen, etwas intuitiv zu verstehen, ist es notwendig, die Implikationen auszuarbeiten, es wirklich zu analysieren und darüber nachzudenken, damit es verlässlich ist. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ein intuitives Verständnis könnte korrekt und entschieden sein, aber in den meisten Fällen, oder in vielen Fällen, ist es das nicht. Wir müssen es überprüfen. Wir könnten überzeugt davon sein, dass unser vages Verständnis wirklich alles umfasst, aber das ist Selbsttäuschung. Ich erinnere mich daran, als ich vor vielen Jahren ein neues Fax-Gerät gekauft habe und mein Freund intuitiv... er hat sich absolut geweigert, die Anleitung zu lesen und meinte nur: „Ja, ja, ich weiß schon wie es geht,“ und machte es kaputt.

Wenn wir etwas intuitiv verstehen, mögen wir unser intuitives Verständnis in Worte fassen können oder auch nicht und ob wir nun durch das intuitive Verständnis etwas begreifen oder nicht: wir sind eventuell trotzdem nicht in der Lage, es in Worte zu fassen. Beim intellektuellen Verständnis ist es für gewöhnlich einfacher, es mit Worten auszudrücken. Das bedeutet, es ist einfacher, anderen Menschen etwas auf der Grundlage unseres intellektuellen Verständnisses beizubringen, als auf einem intuitiven. Es ist schwer, etwas Intuitives in Worte zu fassen. Wie können wir es dann jemandem vermitteln? Wir könnten es ihm zeigen. Gewiss ist das eine Art des Lernen, besonders wenn es um Kunst oder Dinge geht, die wir mit unseren Händen tun. Wir lernen etwas, indem wir es tun. Wie ist es aber mit Vergänglichkeit usw. Nun, im Zen gibt es Methoden des Lernens, oder vielmehr des Lehrens, die jedoch herausfordernder sind.

Die Tibeter stellen beispielsweise diese unglaublich detaillierten Sand-Mandalas (tib. rdul-phran-gyi dkyil-’khor) her und fegen sie dann am Ende einfach wieder zusammen und streuen den Sand entweder in einen Fluss oder tun etwas anderes damit. Und dadurch lernen wir Vergänglichkeit. Vielleicht verstehen wir es nicht und sind ziemlich schockiert, dass sie das, was sie mit so viel Zeit und Bemühung hergestellt haben, einfach zerstören.

Wir sprachen darüber, etwas zu begreifen, über den Unterschied zwischen intellektuell und intuitiv, und das intellektuell nicht in allen, aber in den meisten Fällen, verlässlicher in Bezug darauf ist, korrekt und entschieden zu sein. Wenn wir nun die Implikationen von Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta verstehen wollen – was notwendig ist, um etwas zu verstehen – können wir sie intellektuell ableiten, also durch logisches Denken ausarbeiten. Indem wir Vergänglichkeit, Leerheit usw. mit den verschiedenen Facetten des Dharma folgerichtig in Verbindung bringen, können wir herausfinden, was mit der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit verbunden ist. Oder wir fragen uns: „Wie weiß ein Buddha bestimmte Dinge? und arbeiten es durch Logik aus.

Nun könnten wir dem natürlich widersprechen und sagen: „Wenn wir es aber nicht erlebt haben, haben wir es auch nicht wirklich verstanden.“ Mit anderen Worten: Auch wenn wir es durch Logik ausgearbeitet haben, verstehen wir es nicht wirklich, wenn wir es nicht selbst erfahren haben. Ich denke, das ist ein gültiger Einwand, aber man müsste es sich genauer ansehen, worin der Unterschied besteht, ob man es erlebt hat oder nicht.

Ein einfaches Beispiel wäre, dass ein Mann folgerichtig alle Implikationen erforschen könnte, die damit zusammenhängen, ein Baby zur Welt zu bringen, aber er hätte nie die Möglichkeit, selbst die Erfahrung zu sammeln und zu wissen, was so eine Geburt wirklich bedeutet. Hat ein Mann nun wirklich ein Verständnis davon? Wenn er es intellektuell versteht, wie es ist, ein Baby zur Welt zu bringen, versteht er es dann tatsächlich? Das sind Beispiele, die wir in Bezug darauf nutzen könnten, Einwände hervorzubringen. Das müsste man dann weiter untersuchen und als Mann habe ich sicherlich nicht alle Antworten darauf.

Aber auf der anderen Seite könnte ich intuitiv verstehen, was es bedeutet, ein Baby zur Welt zu bringen und mit meiner Partnerin mitfühlen und sie unterstützen, wenn sie ein Baby bekommt, jedoch habe ich es selbst nie erlebt. Hier gibt es keine strikten, logischen Richtlinien in Bezug darauf, dass wir es mit einem intellektuellen Verständnis auch erfahren haben müssen. Auch beim intuitiven Verständnis ist es das gleiche. Es gibt also einen weiteren Parameter: die Frage, ob wir es erlebt haben oder nicht. Ich habe es beispielsweise nicht logisch ausgearbeitet, dass die Beckenknochen sich weiten usw. Damit will ich sagen, dass der Parameter der Erfahrung kein unterscheidendes Merkmal zwischen einem intellektuellen und einem intuitiven Verständnis ist. Ich denke, manche Menschen machen diesen Unterschied, beruhend darauf, ob man etwas erlebt hat oder nicht. Wenn man es sich jedoch im Wörterbuch ansieht, besteht der Unterschied darin, ob es durch logisches Denken hervorgerufen wird oder nicht.

Es gibt viele Dinge, die wir nicht vollständig erfassen können, ob wir es nun als „Verständnis“ bezeichnen oder nicht. Das führt uns dahin, wie wir Verstehen definieren. Wie ist es beispielsweise, wenn unser Kind stirbt? Wenn wir das nie selbst erlebt haben, könnten wir mitfühlen und eine Vorstellung davon haben, aber es ist wirklich äußerst schwer, das enorme Leid von Eltern zu ermessen, deren Kind stirbt. Auch wenn man alle Implikationen ausgearbeitet hat und intuitiv mit der Person mitfühlt, hat man es dennoch nicht selbst erlebt und hat kein vollständiges Verständnis davon.

Mit intellektuellem Verständnis haben wir also die Implikationen ausgearbeitet. Intuitiv könnten wir beispielsweise die Implikationen von Vergänglichkeit oder Leerheit verstehen und wie es mit anderen Facetten der Lehren in Zusammenhang steht, ohne es ausarbeiten zu müssen. Und dieses Verständnis mag präzise und entschieden sein oder nicht. Normalerweise erfahren wir das, wenn alles einfach automatisch zusammenpasst und wenn alles klappt. So nehmen wir es wahr. Wir haben all die Implikationen mit mithilfe von Logik ausgearbeitet. Alles passt einfach zusammen. Alles ergibt einfach automatisch einen Sinn für uns und wir würden sagen, dass dies ein intuitiver Prozess ist. Aber ich denke, wir müssten trotzdem sagen, dass es auf einer Art vorangegangener Übung in Analogie, in Lebenserfahrung beruht und das könnte sich auch auf frühere Leben beziehen. Es kann nicht einfach grundlos entstehen. Das würde nicht zum Buddhismus passen, dass Dinge ohne Ursache erscheinen. Die Ursache mag vielleicht nicht offensichtlich sein.

Gewöhnlicherweise ist es jedoch so, dass wir uns auf eine einzelne Sache, wie die definierende Charakteristika der geistigen Aktivität, richten und dann auch auf andere Dinge, wie die Buddhanatur und Bodhichitta, und sie alle mit gleichsetzendem tiefen Gewahrsein (tib. mnyam-nyid ye-shes) verbinden. Erinnern Sie sich, wir haben über die fünf Arten von „Yeshe,“ von tiefem Gewahrsein, gesprochen? Durch eine von diesen fünf Arten setzen wir Dinge gleich, verbinden sie und sehen die Gemeinsamkeiten. Wie bei einem kleinen Kind, wenn wir ihm ein Blatt mit Rechtecken und Kreisen zeigen und ihm dann beibringen, Ähnliches zu finden. Auf diese Weise nutzen wir gleichsetzendes tiefes Gewahrsein; es ist ein ähnlicher Vorgang. Ohne eine formelle Kette von Argumenten verstehen wir diese verschiedenen Dinge – die Natur des Geistes, Bodhichitta usw. – mit diesem gleichsetzenden Gewahrsein, wie all dass zusammenpasst. Es ist schwer zu sagen, ob es sich hierbei um ein intellektuelles oder ein intuitives Verständnis handelt.

Die höchste Ebene der Intelligenz ist eben die, dass man fähig ist, Dinge zusammenzusetzen und das Muster zu erkennen. Beispielsweise konnte Einstein so viele verschiedene Phänomene beobachten und dann ein physikalisches Gesetz, die Relativitätstheorie, daraus ableiten, durch die alles in Verbindung gebracht wird und einen Sinn ergibt. Darum geht es hier, auf einer sehr viel weniger komplexen Ebene. War es nun intuitiv oder intellektuell, was Einstein tat? Es ist schwer zu sagen, aber ich denke im Buddhismus würde man es als „gleichsetzendes tiefes Gewahrsein“ bezeichnen – die Dinge in einen Zusammenhang zu bringen und das Muster zu erkennen.

Emotionales Verständnis

Wie ist es nun mit dem emotionalen Verständnis? Ob wir Dinge, wie Vergänglichkeit, Leerheit, Mitgefühl oder Bodhichitta nun intellektuell begreifen oder verstehen (indem wir uns auf Argumentationsketten beziehen) oder intuitiv (indem wir uns auf andere Dinge beziehen), handelt es sich bei beiden um nichtstatische Phänomene (tib. mi-rtag-pa). Nun, was bedeutet das?

Für gewöhnlich wird nichtstatisch mit „unbeständig“ übersetzt, aber das würde uns nur ein begrenztes Verständnis davon vermitteln, was es wirklich bedeutet. Nichtstatisch heißt, etwas wird durch Ursachen und Bedingungen hervorgerufen und bringt Resultate hervor. Manche Menschen sagen: „Ich habe nur ein intellektuelles Verständnis, empfinde aber rein gar nichts; es hat keine richtige Wirkung hinterlassen.“ Das ist jedoch unmöglich. Auch wenn wir, beruhend auf Logik, ein intellektuelles Verständnis haben, handelt es sich um ein nichtstatisches Phänomen und muss demnach irgendeine Wirkung auf uns haben. Vielleicht ist sie nicht dramatisch, im Sinne von Emotionen, aber es wird etwas bewirken.

Ich beziehe mich hier auf eine Unterweisung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, der es im Zusammenhang mit dem Entwickeln von Mitgefühl erklärt. Laut ihm ist Mitgefühl, welches man auf der Grundlage der Vernunft entwickelt – jeder ist gleich, jeder will glücklich und niemand will unglücklich sein – beständiger, als Mitgefühl, welches nur auf Emotionen beruht. Es steckt nicht viel Beständigkeit darin, zu sagen: „Du Armer.“ Was heißt das? Es heißt, wir werden etwas empfinden, wir werden Mitgefühl haben, wenn wir etwas durch eine Kette von Argumenten – also intellektuell – entwickelt haben. Wir werden vielleicht nicht übermäßig emotional reagieren, aber wir werden Mitgefühl haben. Wir werden das Gefühl hervorbringen.

Dann stellt sich die Frage: Wie wissen wir, dass wir eine Emotion spüren? Wie wissen wir, dass wir irgendetwas spüren? Das ist eine interessante Frage, nicht wahr? Dazu müssten wir uns die Definition einer störenden Emotion (tib. nyon-mongs) ansehen. Durch eine störende Emotion verlieren wir unseren Geistesfrieden und unsere Selbstbeherrschung. Eine positive Emotion sollte also das Gegenteil davon sein: wir sollten zumindest einen gewissen Grad an Geistesfrieden und Selbstbeherrschung haben, wenn wir sie entwickeln. Wir befinden uns nicht unter dem Einfluss von Wut, sondern können jemandem mit Mitgefühl und Selbstbeherrschung helfen. Wir können uns entscheiden, jemandem behilflich zu sein. Wir prüfen also: Empfinde ich tatsächlich etwas? Fühle ich mich ruhiger und friedvoller? Bin ich fähig, auf eine Weise zu handeln, wie ich es gern möchte? Es muss jedoch nicht dramatisch sein und unser Körper muss nicht von chemischen Substanzen durchflutet werden.

Es wird also unseren Geisteszustand beeinflussen, ob wir nun intuitiv ein starkes Mitgefühl spüren oder ob wir es auf der Grundlage der Vernunft ableiten. Aber es ist eine ganz andere Sache, ob wir unser Verständnis auch auf unser Verhalten übertragen oder nicht. Vielleicht empfinden wir jede Menge Mitgefühl, tun jedoch nichts. Haben wir es dann wirklich verstanden, wenn wir nicht dementsprechend handeln? Wir würden es als ein „tiefes Verständnis“ bezeichnen, wenn es nicht nur emotional ist, sondern tatsächlich unser Verhalten beeinflusst. Dann haben wir etwas vollständig verstanden.

Das ist im Großen und Ganzen alles, was ich dazu vorbereitet oder analysiert habe. Natürlich könnte man noch viel weiter gehen und tiefer in diese Thematik eintauchen. Es ist ein bedeutungsvolles Thema, denn wenn wir auf dem spirituellen Pfad voranschreiten wollen, müssen wir ein Verständnis davon haben, was wir tun und es gibt so viele verschiedene Ebenen und so viele Dinge, die es in diesem Zusammenhang zu beachten gilt. Betrachten wir es also als ein Einführung in diese Thematik.

Emotionale Erfahrungen aus früheren Leben

Ist es möglich, wie ich, eine emotionale Erfahrung aus einem früheren Leben zu haben? Nicht intellektuell, sondern emotional?

Ich denke, die Menschen haben sehr oft diese Erfahrungen, dass sie schon seit jüngster Kindheit vor diesem oder jenem Angst haben. Und häufig kann man das nur mit einem Trauma aus einem vergangenen Leben erklären.

Ich habe viele Jahre in Indien mit einem Mönch zusammengelebt, der zwar keine Angst vor Schlangen, Skorpionen oder Ähnlichem hatte, dafür aber vor Fröschen. Wenn irgendwelche anderen Tiere ins Haus kamen, entfernte er sie ohne Probleme. War es aber ein Frosch, musst ich mich darum kümmern. Wo um alles in der Welt kommt das her? Vielleicht war er im letzten Leben eine Fliege, die von einem Frosch gefressen wurde!

Widmung

Lassen Sie uns mit einer Widmung enden. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, all das auszuarbeiten. Es ist ein wichtiges Thema und mir hat es Freude bereitet, alles vorzubereiten und zu erforschen. Und das ist notwendig, wenn wir im Dharma voranschreiten wollen. Außerdem ist es überaus wichtig, sich diesen Dingen mit Freude zu nähern. Wenn wir es genießen und es gern tun, wird es auch funktionieren.

Tsongkhapa weist im „Lam-rim chen-mo,“ in Bezug auf das Entwickeln von Bodhichitta, darauf hin. Wenn es auf der Erfahrung vergangener Leben beruht und man wirklich ein starkes, so genanntes „intuitives Gefühl“ dafür hat, wird das Entwickeln von Bodhichitta viel sicherer und beständiger sein, als wenn man es sich in diesem Leben erst erarbeiten muss. Wenn wir also Freude daran haben, die Leerheit und all diese Dinge zu untersuchen, wird es etwas sehr Beständiges sein. Es geht darum, Spaß dabei zu haben.

Gut, wir enden also mit einer Widmung. Möge alles Verständnis und alle positive Kraft, die daraus entstanden sind, sich immer weiter vertiefen und als Ursache dafür wirken, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erlangen. Und vielleicht werden wir uns dann daran in zukünftigen Leben erinnern.

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