Karma: fortgeschrittene Stufe

Arten von karmischen Folgen: Gebrauch von technischen Begriffen

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Die Chittamatra- und Madhyamaka-Systeme unter Ausschluss der Gelug-Prasangika-Schule

Karmische Impulse und karmische Handlungen

Es gibt keinen gemeinsamen Nenner (gzhi-mthun) für einen karmischen Impuls (las, Skt. karma) und eine karmische Handlung, d.h. es gibt nichts, das beides ist. Alle karmischen Impulse sind Geistesfaktoren (sems-byung, Nebengewahrsein) – nämlich der Geistesfaktor eines Dranges (sems-pa). Einige karmische Impulse gehen einer körperlichen, verbalen oder geistigen Handlung unmittelbar voraus und drängen uns dazu, uns auf diese Handlung einzulassen. Andere begleiten die Handlung selbst in Form des Dranges, die Handlung zu initiieren, aufrechtzuerhalten und sie schließlich zu beenden. Das Karma jedoch ist nicht die Handlung selbst.

Karmische Impulse können konstruktiv (dge-ba, tugendhaft), destruktiv (mi-dge-ba, untugendhaft), oder nicht spezifiziert (lung-ma-bstan, neutral) sein. Die Standardtexte erörtern normalerweise nur die konstruktiven und destruktiven Arten.

Zwei Aspekte der karmischen Kraft und zwei Arten karmischer Kräfte

Wie die karmischen Impulse kann auch die karmische Kraft entweder konstruktiv, destruktiv, oder neutral sein, doch nur die ersten beiden Arten haben spezielle Namen. Sie sind die positive karmische Kraft (bsod-nams, Verdienst) und die negative karmische Kraft (sdig-pa, Sünde). Um die Erörterung zu vereinfachen, werden wir nur über diese sprechen.

Die karmische Kraft hat zwei Aspekte – einen für jede ihrer beiden Phasen:

  • die Handlung selbst, sei es nun eine körperliche, verbale oder geistige karmische Handlung,
  • die karmische Kraft, die die wesentliche Natur einer karmischen Tendenz (sa-bon-gyi ngo-bor gyur-ba) angenommen hat. Diese zweite Phase karmischer Kraft ist sowohl eine karmische Kraft als auch eine karmische Tendenz (sa-bon, Skt. bija). Sie ist weiterhin entweder eine positive oder eine negative karmische Kraft und somit weiterhin entweder ein konstruktives oder ein destruktives Phänomen. Denn wenn etwas eine positive oder eine negative karmische Kraft ist, ist es logisch zwingend, dass es konstruktiv oder destruktiv sein muss.

Wir müssen diese Art von karmischer Tendenz von der zweiten Art karmischer Hinterlassenschaft unterscheiden: den karmischen Tendenzen, die weder eine positive noch eine negative karmische Kraft sind und die somit weder konstruktiv noch destruktiv sind. Sie sind weder als konstruktiv noch als destruktiv festgelegt: Sie sind ethisch neutrale Phänomene.

Beide Arten der karmischen Tendenz sind nicht-statische Abstraktionen (ldan-min ‘du-byas, nicht mit den Kategorien Form oder Bewusstsein übereinstimmende Einflussvariablen), d.h. weder physische Phänomene noch Gewahrseinsarten. Sie entstehen, nachdem die Handlung aufgehört hat. Um das Verständnis zu erleichtern, wollen wir die beiden mit verschiedenen Begriffen bezeichnen. Wir wollen die karmischen Tendenzen, die karmische Kräfte sind, karmische Potenziale nennen – entweder positive oder negative karmische Potentiale. Die karmischen Tendenzen, die keine karmischen Kräfte sind, wollen wir einfach karmische Tendenzen nennen. Als gemeinsamen Oberbegriff für beide Arten von karmischen Tendenzen wollen wir den Begriff karmisches Vermächtnis benutzen.

Um Verwirrung zu vermeiden, wollen wir außerdem den Begriff karmische Energie für die karmische Kraft gebrauchen, die einfach die Handlung ist und nicht deren Hinterlassenschaft. Die erste Phase einer karmischen Kraft ist also die positive oder negative karmische Energie; die zweite Phase ist das positive oder negative karmische Potenzial.

Zwei Arten karmischer Gewohnheit

Es gibt auch zwei Arten karmischer Gewohnheit (bag-chags): anhaltende karmische Gewohnheiten und karmische Vermächtnisse; sie beziehen sich sowohl auf karmische Potenziale als auf karmische Tendenzen. Beide sind nicht als konstruktiv oder destruktiv spezifizierte Phänomene. Der Unterschied ist folgender: Solange wir nicht ihre wahre Beendigung (‘gog-bden) verwirklicht haben, lassen die anhaltenden karmischen Gewohnheiten immerfort kontinuierlich ihre Wirkungen entstehen, während die karmischen Vermächtnisse mit Unterbrechungen ihre Wirkungen hervorbringen, bis sie auf natürliche Weise enden. Anhaltende karmische Gewohnheiten sind nicht als konstruktiv oder destruktiv spezifizierte Phänomene, während unter den karmischen Vermächtnissen nur die karmischen Tendenzen unspezifiziert sind. Der Begriff „bagchag“ (karmische Gewohnheit) wird hier sowohl für die allgemeine Kategorie (karmische Gewohnheit) als auch für ein bestimmtes Element in dieser Kategorie (anhaltende karmische Gewohnheit) benutzt. Als allgemeinen Begriff für die beide Arten karmischer Gewohnheiten wollen wir karmische Latenzen benutzen, damit möglichst wenig Verwechslungen vorkommen.

Zusammenfassend gesagt, gibt es zwei Arten karmischer Kraft: Wir werden sie „karmische Energie“ und „karmisches Potenzial“ nennen. Es gibt auch zwei Arten karmischer Vermächtnisse: Wir werden sie „karmisches Potenzial“ und „karmische Tendenz“ nennen. Und es gibt zwei Arten karmischer Latenzen: Wir werden sie „karmisches Vermächtnis” und „anhaltende karmische Gewohnheit“ nennen.

Andere Verwendungen der Fachbegriffe

Diese Terminologie kann uns auch dabei helfen, den Sinn besser zu verstehen, wenn die Begriffe „sabon“ (Samen) und „bagchag“ (Gewohnheit) in Verbindung mit Dingen wie störenden Emotionen und Geisteshaltungen (nyon-mongs, plagende Emotionen), dem Greifen nach wahrer Existenz (bden-‘dzin) und mit dem, was wir im Westen als „Erinnerungen“ bezeichnen, verwendet wird. Sie sind alle Latenzen (bagchag) und nicht als konstruktiv oder destruktiv spezifiziert.

  • Unter den störende Emotionen und Geisteshaltungen gibt es beide Arten von Latenz: Tendenzen (sabon), die ihre Wirkung mit Unterbrechungen hervorbringen und anhaltende Gewohnheiten (bagchag), die kontinuierlich ihre Wirkung entstehen lassen.
  • Beim Greifen nach wahrer Existenz gibt es nur Vermächtnisse (bagchag); diese sind allerdings immer die Art von Latenz, welche eine anhaltende Gewohnheit ist, da die Wirkung, die sie hervorbringt, dauernd entsteht.
  • Erinnerungen werden nur Latenzen (bagchag) genannt; sie sind jedoch die einzige Art von Latenzen, die Tendenzen sind, denn sie bringen nur mit Unterbrechungen Wirkungen hervor.

Weitere Begriffe

Der Begriff Netzwerk positiver Kraft (bsod-nams-kyi tshogs, Ansammlung von Verdienst) erscheint als Fachbegriff nur in Bezug auf ein erleuchtungsbildendes Netzwerk von positivem Potenzial, das zum Erlangen von Erleuchtung beiträgt, und das mit Bodhichitta aufgebaut wird und in der Erleuchtung resultiert. Aber ich denke, dass man, um die Erklärung des Mechanismus von Karma leichter verständlich zu machen, auch von einem „Netzwerk negativer Kraft“ sprechen kann, und als allgemeinen Begriff für beide die Formulierung von „Netzwerke karmischer Kraft“ verwenden kann. Ein Netzwerk karmischer Kraft würde beide Phasen karmischer Kraft umfassen: die Phase, in der die karmische Kraft eine karmische Energie ist, und die Phase, in der sie karmisches Potenzial ist. Diese sind entweder konstruktiv oder destruktiv.

Mir scheint, der Begriff „Netzwerk” vermittelt ein klareres Verständnis als das Wort „Ansammlung”. Ein Netzwerk verbindet viele verschiedene Punkte, so dass eine Art kollektiver Interaktion stattfindet. All diese Punkte verbinden sich auf verschiedene Weise miteinander.

Als allgemeiner Terminus umfasst der von mir geprägte Begriff karmische Hinterlassenschaft nicht nur die karmischen Vermächtnisse – die karmischen Potenziale, Tendenzen und anhaltenden Gewohnheiten, sondern das gesamte Netzwerk der karmischen Kraft, das beide Phasen karmischer Kraft mit einschließt – nicht nur die Phase des karmischen Potenzials, sondern auch die Phase karmischer Energie während der Handlung selbst.

Das Prasangika-System gemäß Gelug-Tradition

Im Prasangika-Lehrsystem, wie es gemäß der Gelug-Tradition verstanden wird, wird dieselbe Verwendung der Fachbegriffe und deren Durchdringungen akzeptiert, wie es auch im Chittamatra- und den anderen Madhyamaka-Systemen der Fall ist, allerdings mit zwei wesentlichen Unterschieden. Bei beiden handelt es sich um Punkte, in denen das Prasangika-System gemäß Gelug-Tradition der Darstellung des Vaibhashika-Sautrantika-Systems folgt.

Drei Phasen karmischer Energie

Die karmische Energie körperlicher und verbaler Handlungen hat nicht nur eine, sondern zwei Phasen:

  • Die Phase grober karmischer Energie ist die körperliche oder verbale Handlung selbst – technisch gesprochen, die offenbarende Form (rnam-par rig-byed-kyi gzugs) der Handlung. Die Phase geht in diejenige des karmischen Potenzials über, wenn die körperliche oder verbale Handlung endet.
  • Die Phase subtiler karmischer Energie ist die nicht-offenbarende Form (rnam-par rig-byed ma-yin-pa’i gzugs) der körperlichen oder verbalen Handlung. Ähnlich wie eine subtile „Vibration“ setzt sie sich als eine karmische Hinterlassenschaft mit dem geistigen Kontinuum fort, auch wenn die körperliche oder verbale Handlung aufgehört hat. Sie geht in die Phase des karmischen Potentials über, wenn die Absicht nicht mehr vorhanden ist, sich weiterhin in einer ähnlichen Weise zu verhalten.

Im Prasangika-Lehrsystem, wie es gemäß der Gelug-Tradition verstanden wird, wird die Aussage des Vaibhashika-Sautrantika-Systems akzeptiert, die besagt, dass die Phase karmischer Energie bei geistigen Handlungen nur aus einer Phase besteht. Sie geht in die Phase karmischen Potenzials über, wenn die geistige Handlung endet.

Karmische Impulse und karmische Handlungen

Die beiden Phasen karmischer Energie für körperliche und verbale Handlungen sind nicht nur karmische Kräfte, sie sind auch karmische Impulse (Karma).

Bei geistigen Handlungen sind die karmischen Impulse nicht dasselbe wie die karmische Energie (die Handlung des Denkens). Geistige karmische Impulse sind ausschließlich die Geistesfaktoren des Drangs, die jeder körperlichen, verbalen oder geistigen Handlung unmittelbar vorangehen und sie herbeiführen, und diejenigen des Drangs, die jede Art von Handlung initiieren und aufrechterhalten. Wie im Vaibhashika-Sautrantika-System ist auch im Prasangika-System gemäß Gelug-Tradition die geistige karmische Energie (die geistige Handlung) kein karmischer Impuls; sie ist nicht Karma.