Automatisches Greifen nach dem Selbst einer Person

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Wir haben dieses Wochenende über Leerheit im Allgemeinen gesprochen. Wir haben festgestellt, dass es sich dabei um die Abwesenheit unmöglicher Arten zu existieren handelt. Es gibt unmögliche Existenzweisen von Personen – individuellen Wesen -, also bestimmte unmögliche Existenzweisen, die sich nur auf Personen beziehen, und unmögliche Existenzweisen, die auf alle Phänomene, inklusive Personen und Individuen, bezogen werden.

Aufgrund von „mangelndem Gewahrsein“ – oft als „Unwissenheit“ übersetzt – wissen wir entweder nicht, wie die Dinge tatsächlich existieren, oder wir glauben fälschlicherweise, die Projektionen unmöglicher Arten zu existieren würden der Realität entsprechen. Es gibt also zwei Arten, wie mangelndes Gewahrsein beschaffen sein kann: etwas nicht wissen oder fälschlich etwas glauben. Beruhend auf mangelndem Gewahrsein treten alle möglichen störenden Emotionen auf.

Mit dem Verständnis der Leerheit verstehen wir die völlige Abwesenheit eines realen Bezugsobjekts für diese unmöglichen Existenzweisen. So etwas gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben. Je mehr wir imstande sind, uns ohne das Dazwischentreten begrifflicher Vorstellungen auf diese Abwesenheit zu konzentrieren, umso mehr können wir allmählich aufhören, den Unsinn zu glauben, den unser Geist projiziert, und schließlich erreichen, dass der Geist aufhört, so etwas zu projizieren. Wenn wir aufhören, an diese unmöglichen Existenzweisen zu glauben, entwickeln wir keine störenden Emotionen mehr. Wir beseitigen nicht nur die störenden Emotionen, sondern auch störende Geisteshaltungen, störende Geisteszustände usw.

Wenn unser Geist aufhört, all den Unsinn zu projizieren, sind wir fähig, ein Buddha zu werden und imstande zu sehen und zu verstehen, wie die wechselseitigen Beziehungen zwischen allem beschaffen sind, was die Ursache für die Situation eines jeden Wesens ist, was die Wirkung davon wäre, wenn man jemanden etwas lehrt; und somit können wir jedem am besten helfen. Wenn wir also das mangelnde Gewahrsein loswerden können – das entweder im Nichtwissen oder in fälschlichem Wissen besteht – sowie auch die Tendenzen dafür, die dazu führen, dass es immer wieder auftritt, dann erlangen wir Befreiung.

Das bedeutet, wir werden Samsara los – zwanghaft auftretende Wiedergeburten, die die Grundlage für die Probleme der ständigen Erfahrung von Auf und Ab bilden, mit dem wir alle konfrontiert sind, indem wir abwechselnd das „Leiden des Leidens“ – Unglücklichsein – erleben sowie das „Leiden der Veränderung“ – unser gewöhnliches Glück, das nie zufriedenstellt, uns immer wieder enttäuscht, endet usw.

Doch dann bleiben immer noch die Gewohnheiten des mangelnden Gewahrseins übrig, und nur, indem wir uns immer weiter mit der unbegrifflichen Wahrnehmung der Leerheit vertraut machen, können wir uns von diesen Gewohnheiten befreien. Diese Gewohnheiten sind es, die verursachen, dass der Geist unmögliche Existenzweisen projiziert. Noch lange, nachdem wir aufgehört haben zu glauben, dass diese Projektionen etwas Realem entsprechen, wird der Geist dennoch weiterhin solche Projektionen hervorbringen. Wenn wir erreichen können, dass er keine solchen Projektionen hervorbringt, erlangen wir Erleuchtung.

Eine der Hauptursachen für störende Emotionen wie Gier, Anhaftung, Ärger, Feindseligkeit, Stolz, Neid usw. ist natürlich mangelndes Gewahrsein bzw. Unwissenheit – etwa wenn wir glauben, es gäbe ein festes „ich“. Was passiert dann? Ganz einfach ausgedrückt: Wir fühlen uns unsicher in Bezug auf dieses feste „ich“; wir haben das Gefühl, dass wir es absichern müssen. Und wie versuchen wir, es sicherer zu machen? Indem wir uns genug Dinge aneignen, von denen wir meinen, dass sie ihm Sicherheit verschaffen. Also treten Verlangen, Gier usw. auf. Wenn wir die Dinge dann haben, wollen wir sie nicht mehr loslassen – also Anhaftung -, in der Hoffnung, sie würden uns Sicherheit verschaffen. Aber natürlich ist das nie der Fall.

Oder wir empfinden Ärger und Feindseligkeit. „Wenn ich diese Sache nur aus meiner Nähe wegschaffen oder vernichten könnte, dann würde mich das sicherer machen.“ Aber es klappt nicht; wir fühlen uns immer bedroht.

Oder wir sind neidisch: „Wenn ich doch nur das hätte, was diese andere Person hat, dann würde ich mich sicherer fühlen“ oder „Wenn diese Person niemand anderen liebt als mich, dann würde das mich sicherer machen.“ Aber natürlich gelingt es auch auf diese Weise nicht.

Oder wir werden stolz und arrogant. Wir blasen uns auf: „Ich bin der Beste – das müsste mich daher sicherer machen.“ Aber dann argwöhnen wir immer, dass vielleicht jemand anderes besser ist; also sind wir selbst in unserer Arroganz immer noch unsicher. Normalerweise verbirgt sich Unsicherheit dahinter.

All diese störenden Emotionen und Einstellungen bewirken, wenn sie auftreten, dass wir unseren inneren Frieden und die Selbstbeherrschung verlieren. Wenn wir die Selbstbeherrschung verlieren, verhalten wir uns auf allerlei törichte Weise, reden dummes Zeug zu anderen, und das verursacht weitere Probleme – etwa: „Du darfst mich nie verlassen, ich kann ohne dich nicht leben“ – was die andere Person meistens eher in die Flucht treibt.

All diese störenden Emotionen und Geisteshaltungen entstehen aus mangelnden Gewahrsein bezüglich der Realität. Uns ist nicht bewusst, dass unsere Projektionen nicht etwas Realem entsprechen; wir glauben vielmehr, sie wären die Realität, das heißt, wir verstehen sie auf fehlerhafte Weise.

Wir haben festgestellt, dass dieses mangelnde Gewahrsein und die störenden Emotionen durch fehlerhafte Betrachtungsweise genährt werden. Mit einer fehlerhaften Betrachtungsweise projiziert der Geist etwas, das nicht vorhanden ist. Auf Phänomene, die nicht statisch sind, projiziert er, dass sie statisch sind; auf Dinge, die unbeständig sind und enden werden, projiziert er, dass sie immer vorhanden sein werden; auf Dinge, die sich von Augenblick zu Augenblick verändern, projiziert er, dass sie sich nicht verändern, dass sie dauerhaft sind und von nichts beeinflusst werden.

Auf Situationen, die leidvoll sind und Leiden nach sich ziehen, projiziert er, dass das Glück wäre – das ist die zweite Art der fehlerhaften Betrachtungsweisen -, und auf Dinge, wie unrein sind, projiziert er, dass sie rein wären.

Das Wort „Betrachtungsweise“ in dem Ausdruck „fehlerhafte Betrachtungsweise“ bedeutet wörtlich „etwas geistig unangemessen aufnehmen“. dabei wird in Fall etwas projiziert, das nicht mit der Realität übereinstimmt; und das Objekt auf diese Weise in den Geist aufzunehmen bzw. ihm auf solche Weise Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – z.B. als wäre es statisch oder als wäre es etwas Reines - ist eine fehlerhafte Betrachtungsweise.

Die vierte Art der fehlerhaften Betrachtungsweisen besteht darin, dass man meint, es gäbe ein „ich“ oder ein „Selbst“, das von den Aggregaten – Körper und Geist – getrennt wäre, obwohl es so etwas in Wirklichkeit nicht gibt. Es mag wohl Dinge geben, die von unseren Aggregaten getrennt sind und nicht damit verbunden sind, z.B. dieser Tisch hier, wenn ich ihn nicht ansehe, aber beim Selbst, beim „ich“ verhält es sich anders. Aufgrund der fehlerhaften Betrachtungsweise sind wir uns der Realität nicht bewusst, entwickeln störende Emotionen und so weiter.

Fehlerhafte Betrachtungsweisen können entweder auf Lehrmeinungen basieren – jemand könnte sie uns z.B. im Rahmen eines philosophischen oder religiösen Systems oder auch einfach mittels Propaganda oder Werbung beigebracht haben – oder sie können einfach automatisch auftreten. Die vier Arten fehlerhafter Betrachtungsweisen werden nicht als störende Emotionen eingestuft, denn mit ihnen wird etwas projiziert, während die störenden Emotionen selbst nichts projizieren, aber genauso wie es bei den Emotionen auf Lehrmeinungen basierende und automatisch entstehende Arten gibt, gibt es auch auf Lehrmeinungen basierende und automatisch entstehende fehlerhafte Betrachtungsweisen.

Wenn wir die auf Lehrmeinungen basierenden störenden Emotionen beseitigen, beseitigen wir auch die auf Lehrmeinungen basierende fehlerhafte Betrachtungsweise. Wenn wir die automatisch entstehenden störenden Emotionen beseitigen, beseitigen wir die automatisch entstehende fehlerhafte Betrachtungsweise. Beides gehört jeweils zusammen.

Wenn wir uns fragen: „Was sind die Ursachen dafür, dass störende Emotionen entstehen?“, so lautet die Antwort: die fehlerhafte Betrachtungsweise und eine Gewohnheit bzw. Tendenz zu störenden Emotionen, sowie auch die Nähe eines Objekts, das die störende Emotion auslösen kann, z.B. etwas oder jemand, gegenüber dem wir Begierde, Anhaftung oder Feindseligkeit empfinden, und zudem mangelnde Anwendung irgendeines Gegenmittels, um die störende Emotion zu verhindern. All diese Umstände sind erforderlich dafür, dass die störende Emotion auftritt. Das geschieht nicht nur aufgrund von Tendenzen und Gewohnheiten. Doch die Grundursache der störenden Emotionen ist das mangelnde Gewahrsein, und wenn wir dies beseitigen können, werden wir die störenden Emotionen los und damit zusammen wird auch die fehlerhafte Betrachtungsweise beseitigt.

Wir haben unsere Erörterung im Hinblick auf das mangelnde Gewahrsein begonnen, wie Personen, Individuen, existieren, und dabei auf Lehrmeinungen basierende und automatisch entstehende fehlerhafte Betrachtungsweisen unterschieden. Wir haben das beschrieben, was für gewöhnlich als „Greifen nach dem Selbst einer Person“ übersetzt wird, also das Greifen nach einer unmöglichen Seele von Personen. Wenn wir darunter jedoch einfach nur irgendein Selbst oder „ich“ verstehen, geraten wir leicht in das Extrem des Nihilismus. Im Buddhismus wird nicht abgestritten, dass es ein Selbst oder „ich“ gibt. Was widerlegt wird, ist vielmehr eine unmögliche Art von „ich“, eine Art von Seele, die unmöglich existieren kann.

Zuerst arbeiten wir daran, das auf Lehrmeinungen basierenden Greifen nach einem unmöglichen „ich“, einer unmöglichen Seele, zu beseitigen. In diesem Zusammenhang ist im Buddhismus insbesondere von einer fehlerhaften Sichtweise bezüglich der Seele, Atman, die Rede, die in verschiedenen nicht-buddhistischen indischen Systemen gelehrt wird. Dabei geht es um eine Seele bzw. ein „Selbst“ oder „ich“, das bestimmte Eigenschaften in sich vereint, bezüglich derer wir eine fehlerhafte Betrachtungsweise haben.

Wir denken, es gäbe ein „ich“ oder eine Seele, das bzw. die statisch wäre, also etwas, das sich nicht von Augenblick zu Augenblick verändert, sondern immer gleich bleibt, von nichts beeinflusst wird und ein Monolith ist, d.h. ohne Teile ist, entweder so groß wie das ganze Universum oder wie ein winzig kleiner Lebensfunke, und das eine für sich bestehende Entität ist, die in einen Körper und Geist eintritt. Hinsichtlich der Frage, ob es etwas Bewusstes ist oder nicht, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Es tritt bei der Wiedergeburt in Körper und Geist ein, es verlässt sie irgendwann wieder und tritt bei der nächsten Wiedergeburt in einen anderen Körper und Geist ein. Während es sich in einem bestimmten Körper befindet, lebt es innerhalb des Körpers und Geistes, die es besitzt – es lenkt sie, etwa wie an einem Steuerpult, und wandert dann weiter, entweder zu einer neuen Wiedergeburt oder in eine Art Himmel oder in eine Art von befreitem Zustand.

Im Buddhismus ist ganz speziell von so einer Seele die Rede, die die Gesamtheit dieser Eigenschaften aufweist, etwas, an das man nicht automatisch glaubt, sondern das einem jemand beigebracht haben muss. Wir haben darüber gesprochen, dass in den abendländischen Philosophien und Religionen nicht unbedingt eine Seele vertreten wird, die alle diese Eigenschaften aufweist, dass wir aber möglicherweise einige dieser Eigenschaften für gegeben halten, und sich darauf bestimmte Arten fehlerhafter Betrachtungsweisen beziehen. Im Buddhismus werden also auch Sichtweisen in Bezug auf Unmögliches mit abgedeckt, die nicht aus Indien stammen. Mittels Logik können wir verstehen, dass eine solche Art von Seele unmöglich ist. Wenn wir volle Überzeugung gewonnen haben, dass so etwas unmöglich ist, konzentrieren wir uns damit auf die Leerheit, um diese falsche Sichtweise ganz und gar auszuräumen. Wir durchbrechen sie mit der Erkenntnis: „So etwas nicht“.

Wir haben betont, dass im Buddhismus bestätigt wird: Es gibt ein Selbst bzw. ein „ich“ – im Sinne einer Person -, das sich von Augenblick verändert und von vielerlei Faktoren beeinflusst wird. Es ist „ewig“ in dem Sinne, dass es keinen Anfang und kein Ende hat, und es ist etwas Individuelles, und es verändert sich von Augenblick zu Augenblick, wird von Ursachen und Umständen beeinflusst und kann nicht von einem Kontinuum von Körper und Geist getrennt werden. Vielmehr ist es etwas, das einem Kontinuum von Körper, Geist, Emotionen usw. in dem einen oder anderen Leben zugeschrieben werden kann. Es handelt sich um eine Art und Weise, alles zusammenzufassen, was dazugehört, und sich auf das ganze Kontinuum zu beziehen.

Das Beispiel, das ich immer anführe, um das zu veranschaulichen, ist ein Film, sagen wir „Krieg der Sterne“. Es besteht ein Kontinuum von Szenen, eine nach der anderen. Ich meine hier nicht den Plastikfilm, sondern das, was man sich anschaut: einen Film. Dabei spielt sich eine Szene nach der anderen ab. Das Geschehen verändert sich ständig, nichts bleibt dasselbe, und wir beziehen uns auf das Ganze als „Krieg der Sterne“. „Krieg der Sterne“ ist nicht nur ein einziger kleiner Moment davon. Das Ganze spielt sich nicht gleichzeitig ab, aber es gibt den Film „Krieg der Sterne“, und zwar auf der Grundlage des Kontinuums all der Szenen.

Beim Anschauen jeder dieser Szenen sehen wir den Film „Krieg der Sterne“. Sehen wir den gesamten Film gleichzeitig? Nein. Ist „Krieg der Sterne“ nichts als ein Name? Nein, nicht nur der Name, sondern das, worauf sich der Name bezieht. Doch wo ist der Film „Krieg der Sterne“? Es ist nicht nur eine einzige Szene und auch nicht alles auf einmal, denn man kann nicht in einem Moment alles gleichzeitig sehen, aber es gibt einen Film, der „Krieg der Sterne“ genannt wird. Ganz ähnlich ist es auch beim „ich“.

„Ich erkenne „mich“ – hier bin ich.“ Ist „ich“ nur dieser eine kleine Moment? Mein ganzes Leben? Kann man in einem Augenblick mein ganzes Leben erkennen? Nein. Bin ich bloß ein Name – nur der Name „ich“ oder „Alex“? Nein; der Name bezieht sich auf etwas, auf eine Person, und zwar auf der Grundlage des Kontinuums von Körper, Geist, Gefühlen, Erfahrungen usw.

Die Grundlage verändert sich von Augenblick zu Augenblick, sie hat also Teile, in diesem Fall zeitliche Bestandteile, und somit muss man auch sagen, „ich“ habe verschiedene Teile, verschiedene Phasen – Alex als junger Mann, als Mann mittleren Alters usw., in seinem sozialen Leben, seiner akademischen Laufbahn, seinen sportlichen Aktivitäten usw. Er ist kein Monolith, er hat Bestandteile. Nicht wie die simplen Bilder in den Tim-und-Struppi-Büchern: immer derselbe Tim, mal in Tibet, mal in Ägypten, mal in der Schweiz. Es gibt keinen feststehenden, immer gleich aussehenden Alex, der statisch mal in dieser, mal in jener Situation zu sehen ist. Die Bestandteile sind zwar verschieden, aber natürlich auch nicht ohne Verbindung miteinander – ein Kontinuum.

Wir haben nun über die auf Lehrmeinungen basierende Sicht eines unmöglichen „ich“ gesprochen, und es gibt auch eine automatische auftretende Sicht eines unmöglichen „ich“. Aber bevor wir diese beschreiben, ist es vielleicht von Nutzen, ein paar Augenblicke lang zu verdauen, was ich gerade erklärt habe.

Das „automatisch auftretende mangelnde Gewahrsein“ besteht darin, dass man meint, es gäbe ein „eigenständig erkennbares Ich“ – so lautet der Fachausdruck. Das bedeutet: ein „ich“, das ganz für sich wahrgenommen werden kann, ohne dass gleichzeitig eine Grundlage wahrgenommen würde, der das „ich“ zugeschrieben wird. Ich werde das erklären. „Eigenständig“ bedeutet hier: ganz allein für sich, ohne dass zugleich eine Grundlage erscheinen muss. Wörtlich bedeutet der Ausdruck: „ein Selbst, das auf eigenen Füßen steht“, ganz allein für sich. Diese Erscheinungsweise „tritt automatisch auf“, d.h., niemand muss sie uns beibringen. Auch ein Hund hat diese Betrachtungsweise.

Wenn ich z.B. hier neben mich schaue, was erscheint mir da? Mir scheint: „Ich sehe Massimo.“ Mir erscheint nicht etwa Folgendes: Ich sehe einen Körper und dieser Grundlage, dem Körper, schreibe ich die Bezeichnung „Massimo“ zu. Nein, es erscheint so, als würde ich „Massimo“ sehen. Dort drüben sitzt Claudia. „Ich kenne Claudia.“ Wenn ich sage: „Ich kenne Claudia“ – was kenne ich? Kenne ich ihren Geist? Erkenne ich ihr Aussehen? Wenn ich am Telefon ihre Stimme höre, weiß ich: „Ich spreche mit Claudia, ich höre sie.“ Was höre ich denn tatsächlich? Ich höre nicht Claudia, ich höre eine Stimme. Ich höre noch nicht einmal eine Stimme, ich höre die Schwingungen elektronischer Geräte, und auf dieser Grundlage nehme ich die Zuschreibung vor, dass das die Stimme von Claudia ist. Dieser Grundlage schreibe ich zu, dass es Claudia ist. Doch nein, was erscheint, ist: „Ich spreche mit Claudia“, „Ich höre Claudia“ – etwas eigenständig Erkennbares.

Anders ausgedrückt: Wenn wir eine Person sehen oder erkennen oder an sie denken, muss gleichzeitig eine Grundlage erscheinen. Es erscheint uns aber so, also würden wir bloß die Person sehen, die Person an und für sich wahrnehmen. Wenn wir anfangen, das zu untersuchen und darauf achten: „Wie kann ich so etwas nur glauben?“, entdecken wir bald alle möglichen Symptome, die Grundlage für zahlreiche störende Emotionen sind. „Ich Arme/r, keiner mag mich.“ An was denke ich dabei? An einen Körper? An einen Geist? Mitnichten. An mich. „Ich möchte, dass man mich um meiner selbst willen mag – nicht wegen meines Geldes, nicht aufgrund meines guten Aussehens, meines Körpers, meiner Intelligenz.“ Ich will, dass man einfach „mich“ mag – als ob es ein „ich“ gäbe, das losgelöst von meinen Eigenschaften ganz für sich allein gemocht werden könnte, getrennt von all dem. Wir meinen nicht nur, dass es getrennt existieren würde, sondern auch, dass es getrennt wahrgenommen und z.B. geliebt werden könnte – ich verwende dieses Beispiel hier zur Veranschaulichung – , dass also losgelöst von unserem Körper, unserem Geist, unserem Sinn für Humor, von allem, was zu uns gehört, etwas geliebt werden könnte; wir sagen: „Man soll mich um meiner selbst willen lieben“.

„Sie kennen mein wahres Ich nicht, Sie kennen ja nur meine Bücher.“ Wir sagen: „Sie kennen mein wahres Ich nicht“ – so, als würde es ein wahres Ich geben, das man losgelöst von allem dem erkennen könnte. Ist das nicht seltsam? Manchmal drücken wir uns ein bisschen differenzierter aus: „Meine Gefühle sind mein wahres Ich“ oder irgendetwas anderes. „Mein berufliches Leben ist nicht mein wahres Ich.“ „Das ist ja nur ein ganz kleiner Aspekt.“ Es gibt viele Variationen, in denen diese Sichtweise auftaucht. Ihnen liegt die falsche Sichtweise zugrunde, dass das „wahre Ich“ lediglich anhand bestimmter Aspekte erkannt werden könne, anhand anderer Aspekte aber nicht – denn das sei nicht das „wahre Ich“. Das ist die automatisch auftretende Form von Greifen nach einem unmöglichen „ich“ bzw. einer unmöglichen Seele einer Person.

Ich schlage vor, wir nehmen uns ein paar Minuten Zeit, um das zu erkennen und zu verstehen. Wenn von Leerheit die Rede ist, geht es normalerweise um die Abwesenheit eines unmöglichen „ich“ – darum, dass es so etwas nicht gibt, dass es nicht vorhanden ist. Das hat zahlreiche Folgen. Wir sagen oft, dass wir jemanden lieben, aber wir stützen uns für unsere Aussage nur auf einige wenige Aspekte von ihm. Für gewöhnlich sind das die guten Eigenschaften, die wir übertreiben: die negativen hingegen ziehen wir gar nicht recht in Betracht. Wir meinen, wir könnten jemanden nur im Zusammenhang mit bestimmten Teilaspekten kennen, und dann tritt eine fehlerhafte Betrachtungsweise auf: „Das ist ja phantastisch“ – obwohl es sich vielleicht um etwas ganz Gewöhnliches handelt.

Genauso ist es bei der symptomatischen Aussage: „Ich bin heute nicht ich selbst“ oder „Du warst gestern gar nicht du selbst.“ Lassen Sie uns über all das nachdenken.

Gut, haben Sie ein paar Fragen?

Fragen

Was würden Sie raten, um dieses Gewahrsein in den Alltag einzubringen?

Mein Rat ist: Wenn wir, wie im obigen Beispiel, an eine Beziehung zu jemandem denken und meinen: „Ich möchte, dass du mich um meiner selbst willen liebst und nicht aufgrund aller anderen Aspekte“ – innezuhalten und festzustellen, dass das lächerlich ist. Sich klar zu machen: „Das bezieht sich nicht auf etwas Reales; solch ein ‚ich‘ gibt es nicht. Wenn mich jemand liebt, so ist es auf der Grundlage einer Persönlichkeit, dessen, was zu mir gehört, was ich verwirklicht habe, sowie meines Körpers und all der anderen Aspekte.“ Daran ist nichts auszusetzen. Es muss auf dieser Grundlage geschehen, es kann gar nicht anders als auf dieser Grundlage geschehen.

Oder wenn ich jemanden liebe – nun, ich kann nicht einfach bloß die Person lieben, auch wenn es so scheinen mag: „Ich liebe eben einfach dich, ich will dich.“ Wir werden uns mit der Gesamtheit dieser Person abgeben müssen, mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren familiären Beziehungen, ihrem Intelligenzgrad, dem Ausmaß ihrer physischen Kraft usw. Wir bekommen das Gesamtpaket; wir können nicht einfach nur „die Person“ lieben. Oft wollen wir nämlich mit bestimmten Aspekten nichts zu tun haben, leugnen diejenigen, die uns nicht gefallen, und sind nur allzu bereit, sie zu ignorieren. Aber wir können sie nicht ignorieren, sie gehören auch dazu. Es gibt kein „ich“, das wir davon ablösen können, das es getrennt davon geben könnte. Wenn wir uns das klarmachen, wird das Ganze wesentlich realistischer.

Ich kenne einige Leute, die am Tara-Rogpa-Training teilnehmen. Das ist eine Übungsmethode, bei der man Rückschau auf sein ganzes Leben – dieses Leben – hält, indem man von der Gegenwart Schritt für Schritt zurück bis zur frühesten Kindheit geht, anschließend wieder zurück zur Gegenwart und dann nochmals zurück zum Anfang. Dabei erkennt man nicht nur die Veränderlichkeit, die Tatsache dass man sich verändert und von enorm vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst ist. Ich habe das Training nicht selbst gemacht, aber ich könnte mir vorstellen, dass einem dadurch auch klarer wird, was wir gerade besprochen haben: dass das „ich“ dieser ganzen Lebensgeschichte zugeschrieben wird und dass wir nicht tatsächlich „mich“ sehen, wenn wir behaupten, es würde ein „ich“ geben, das getrennt von all dem erkannt werden und losgelöst davon in Funktion sein könnte. Solche Übungen helfen uns, unsere gesamte Lebensgeschichte mit einzubeziehen: alles, was wir gelernt haben, alle, denen wir begegnet sind, alle Erfahrungen, die wir gemacht haben, und die Tatsache, dass das nicht nur für uns, sondern auch für alle anderen gilt.

Ich habe es so verstanden, dass das „ich“ nicht ein Augenblick ist und dass es nicht der ganze Film, in einem Augenblick gesehen, ist, denn das ist unmöglich. Was bleibt denn dann noch übrig? Was ist das „ich“? Ich verstehe, was es nicht ist, aber nicht, was es ist.
Meine zweite Frage betrifft die automatisch auftretende fehlerhafte Betrachtungsweise eines unmöglichen „ich“. Wieso tritt sie automatisch auf? Es muss doch einen Grund dafür geben, warum sie so auftritt.

Zunächst einmal: Was übrig bleibt, ist ein „ich“, das all dem zugeschrieben ist, das sich von Augenblick zu Augenblick verändert und nur auf der Grundlage von etwas wahrgenommen werden kann, dass sich gegenwärtig ereignet: auf Grundlage der fünf Aggregate. Aber genauer darauf einzugehen, was übrig bleibt, führt uns zu unserem nächsten Thema: die Leerheit aller Phänomene, und nur im Zusammenhang mit deren Erläuterung können wir tiefer auf die Frage eingehen: „Was bleibt denn dann noch übrig“ und „Können wir das noch weiter differenzieren?“

Und warum findet das automatisch auftretende Greifen nach dem unmöglichen „ich“ statt? Nun, wie ich gerade erklärt habe: Die Ursachen für diese fehlerhafte Betrachtungsweise sind Gewohnheiten, Tendenzen, Verstärkung von Seiten anderer Menschen, der Einfluss von Gegenständen wie z.B. einem Telefon – man hört nur eine Stimme, ohne jemanden zu sehen usw. Das Erschreckende ist, dass unser Geist fortgesetzt die Erscheinung (eines ich“, das es in Wirklichkeit nicht geben kann) hervorbringt, und zwar schon seit jeher – immer aufgrund vorhergehender Ursachen, wobei jeder Ursache wiederum eine Ursache vorangegangen ist, und immer so weiter.

Ist das nicht seltsam?

Ja, das ist seltsam; das ist Samsara.

In dem Beispiel mit der Beziehung haben Sie von unserem Wunsch gesprochen, dass jemand uns auf bestimmte Weise liebt und wie jemand sein sollte. Ich denke aber, meistens ist es in Partnerschaften nicht so. Wir versuchen schon, die andere Person „ganzheitlich“ zu sehen, indem wir ihre Gesamtheit mit ihren guten und weniger guten Aspekten erkennen und akzeptieren, sehen, dass sie sich von Tag zu Tag verändern kann. Es ist nicht so, dass wir ein Bild von jemandem haben, mit dem wir ihn nur für dies, aber nicht für jenes halten und durch das wir die ganze Zeit getäuscht sind. Meistens versuchen wir in Beziehungen, unsere Freunde oder unseren Partner spontan mit all ihren Aspekten zu sehen und sie nicht aufzuspalten in einen Teil, den ich mag, und einen Teil, den ich nicht will.

Wenn Sie dazu in der Lage sind, ist das wunderbar. Ich denke jedoch, dass es für die meisten von uns so ist, dass eine bestimmte Situation auftritt und – „Du hast gerade das und das gemacht!“, „Du hast mich im Stich gelassen!“ – wir sind genervt und werden ärgerlich. Und dann denken wir nur an dieses Du: „Du hast das getan!“ Wir denken nicht an die ganze Grundlage, wir denken nicht: „Nun ja, möglicherweise hat ihm gerade irgendetwas anderes zu schaffen gemacht“, „Vielleicht fühlt sie sich gerade nicht wohl“, vielleicht dies oder jenes. In dieser Situation tritt vielmehr automatisch die Vorstellung einer eigenständig erkennbaren Person auf. – Wir sagen z.B.: „Ich wünschte, du wärest jetzt hier.“ Was steckt dahinter?

Großes Verlangen.

Einfach „du“. Dabei denken wir nicht an all das andere Zeug die Grundlage usw.

Ich bin noch nicht dazu gekommen, meine Frage zu stellen.

Betrachten wir dieses „ich“: „Ich bin noch nicht dazu gekommen, meine Frage zu stellen“ – was heißt das? Ist mein Körper noch nicht dazu gekommen? Meine Stimme? Nein, einfach „ich“. „Ich“ möchte … Nun frage ich Sie. Wen oder was frage ich da? Frage ich den Körper? Frage ich den Geist? Nein, Sie. Nun werde ich „mich“ ausdrücken. Was drückt jemand aus? Eine Stimme, die von einem Körper namens „Lisa“ ausgeht.

Was die Projektion betrifft – ist es falsch, etwas zu projizieren, oder gibt es falsche und richtige Projektionen? Ich kann z.B. auf etwas, das unbeständig ist, projizieren, es sei beständig, oder „Glück“ auf etwas, das eigentlich Unglücklichsein ist. Das haben Sie auch als fehlerhafte Betrachtungsweise erklärt. Sind Betrachtungsweisen Projektionen? Und sind Projektionen falsch, oder gibt es richtige und falsche Projektionen?

Es tut mir leid, wenn ich Sie verwirrt habe. Ich habe versucht, die Sache zu vereinfachen und deshalb habe ich das Wort „Projektion“ verwendet; ich habe das eigentlich nicht als Fachbegriff verwendet. Es gibt in diesem Zusammenhang verschiedene Fachbegriffe, aber ich habe anfangs eigentlich noch keine genaueren Unterscheidungen gemacht.

Man spricht z.B. von so genannten „Hinzufügungen“. Das bedeutet: Es wird etwas hinzugefügt, das nicht da ist. Das wird mit einem Ausdruck beschrieben, der besagt, dass man einem Pfeil eine Feder hinzufügt, die dort nicht vorhanden war. Es kann sich um etwas handeln, das es unmöglich geben kann und dass es niemals je gegeben hat, z.B. eine unmögliche Art zu existieren. Wir übertreiben die guten Eigenschaften von etwas, wenn wir daran hängen oder Begierde danach empfinden; und wir übertreiben die negativen Eigenschaften von etwas, wenn wir ärgerlich sind und Abscheu empfinden.

Das Gegenteil von Hinzufügung wird „Ableugnung“ genannt. Das heißt: Wir leugnen etwas, das vorhanden ist. Wir leugnen z.B., dass in unserer Beziehung etwas nicht stimmt. Wir leugnen, dass es so etwas wie Tod gibt. Eine Menge Probleme sind durch den geistigen Zustand verursacht, der etwas ableugnet.

Zudem umfasst das weit gefasste allgemeine Wort „Projektion“ auch die „Zuschreibung einer bestimmten Kategorie“ – dies spielt bei der begrifflichen Wahrnehmung eine Rolle. Nehmen wir z.B. die Kategorie „Tisch“. Diese Kategorie gibt es, und es gibt auch einen Namen dafür. Natürlich lautet der Name in verschiedenen Sprachen unterschiedlich, aber es gibt eine Kategorie, die wir (auf Deutsch) „Tisch“ nennen, und sie kann auf den Gegenstand neben mir projiziert bzw. ihm zugeschrieben werden, er kann damit sozusagen etikettiert werden, und ebenso auch der Gegenstand dort drüben, der eine etwas andere Form hat, und desgleichen auch jene Gegenstände, die sich dort vor Ihnen befinden.

Diese „Zuschreibung einer Kategorie“ kann konventionell korrekt oder inkorrekt sein. Wenn ich diesen Gegenstand anschaue und ihn als Tisch auffasse, ist das konventionell korrekt. Jeder hier würde dem zustimmen. Aber wenn ich ihn betrachte und als „Hund“ bezeichne, würden die Leute dem nicht zustimmen, und er könnte auch nicht die Funktion eines Hundes erfüllen. Wenn ich ihn am Gartentor platziere, damit er bellt, wenn Einbrecher kommen, und sie verjagt, wird er das nicht tun; da stimmt also etwas nicht. „Fehlerhafte Betrachtungsweise“ ist ein sehr trockener Fachbegriff, aber er könnte z.B. beinhalten, dass man diesen Gegenstand als einen Hund betrachtet statt als einen Tisch.

Das „ich“ wird den Aggregaten zugeschrieben bzw. ihnen als Benennung zugewiesen.

Richtig, und wir werden noch genauer erkunden, was das bedeutet.

Aber mir ist nicht klar: In psychiatrische Kliniken z.B. findet man viele Menschen, die eine Menge Probleme mit dem „ich“ haben. Also muss doch noch mehr daran sein, als wenn man sagt: Das „ich“ wird den Aggregaten zugeschrieben. Warum gibt es sonst so viele Probleme damit? Diese Menschen zerlegen das „ich“. Ihr „ich“ ist nicht gut strukturiert. Wenn es ihnen halbwegs gutgeht, dann deshalb, weil sie das „ich“ nicht zerlegt haben. Aber sie haben eine Menge Probleme.

Wir müssen auf das zurückkommen, was ich bereits erwähnt habe. Vielleicht habe ich es nicht genügend betont: Es gibt einen Unterschied zwischen dem „konventionellen ‚ich‘“ und dem „falschen ‚ich‘“. Das konventionelle „ich“ ist etwas, das den Aggregaten zugeschrieben wird, und wir werden noch mehr und mehr darauf eingehen, was das eigentlich bedeutet. Es gibt ein zugeschriebenes „ich“ – ein gesundes Ich. Was wir hier im Westen „ein gesundes Ich“ nennen, beinhaltet, dass man sich selbst im Sinne dieses konventionellen „ich“ sieht. Ein „falsches Ego“, ein übertriebenes Ego, beinhaltet, dass man diesem „ich“ etwas hinzufügt, ihm etwas überstülpt, nämlich bestimmte Eigenschaften, die es vermeintlich hat, z.B. dass es „für sich allein wahrgenommen werden kann“ oder „losgelöst von seinen Bestandteilen und Eigenschaften ganz für sich existieren kann“ – also Besonderheiten, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind, und das ist dann ein übertriebenes Ego. Menschen, die viele psychologische Probleme haben, haben oft ein enorm übertriebenes Ego oder sie haben kein gesundes Ego; sie haben also überhaupt keinen Sinn für das konventionelle „ich“.

Ich weiß nicht, ob man im Italienischen diese Unterscheidung macht – im Englischen zumindest gibt es einen Unterschied zwischen „Ego“ und „ich“. „Ego“ bedeutet eine bestimmte Art, sich einer Sache gewahr zu sein, und bei einem gesunden Ego ist das Objekt, dessen es gewahr ist, das konventionelle „ich“. Ein übertriebenes Ego hingegen ist eine Art, sich des „ich“ im Sinne eines „falschen ich“ gewahr zu sein. Auf diese Weise kann man die buddhistische Erklärung mit der westlichen Psychologie zusammenfügen. Das „konventionelle ich“ und das „falsche ich“ sind im Grunde die Objekte eines gesunden Ego und eines übertriebenen Ego. Die Begriffe sind nicht gleichzusetzen; sie stehen jedoch miteinander in Verbindung.

Wenn wir uns tiefer auf den Buddhismus und das Studium des Buddhismus einlassen, ist es daher sehr wichtig, dass wir die Voraussetzungen dafür erfüllen. Die wesentliche Voraussetzung ist, dass wir erwachsene Persönlichkeiten sind und eine Art gesundes Ichgefühl haben. Denn wenn man das „ich“ zerlegt und kein gesundes Ichgefühl hat, dann bleibt nichts übrig. Deswegen wird empfohlen, Leerheit nicht Kindern oder sehr jungen Teenagern zu lehren, die noch kein gesundes, ausgereiftes Gefühl eines individuellen „ich“ entwickelt haben, weil sie zu viel dekonstruieren würden. Diese Warnung hören wir in den Lehren immer wieder, und man kann Gelübde ablegen, Leerheit nicht denjenigen zu lehren, die noch nicht reif genug dafür sind. Denn es besteht die Gefahr, dass sie in ihrer Analyse des „ich“ zu viel widerlegen und das kann zu regelrechten Psychosen führen.

Besteht denn auch eine Gefahr, dass das Ego durch verfrühte oder unsachgemäße Beschäftigung mit der Leerheit noch stärker würde?

Es kann entweder verstärkt werden oder man widerlegt alles.

Sie haben von dem Leiden im Beziehungen gesprochen, das aus den störenden Emotionen resultiert, welche aufgrund der Projektion unmöglicher Existenzweisen der Person bzw. des „ich“ auftreten. Doch es gibt noch eine andere, vielleicht noch tiefer gehende Art von Leiden, die aus einer Art Sinnverlust resultiert, einem mangelndem Gefühl, dass es einen Sinn gibt – ich sehe das an meinen Kindern.

Geht es darum, keinen Sinn im Leben zu sehen? Auch das hat damit zu tun, dass man kein gesundes Gefühl eines konventionellen „ich“ hat. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Man beschäftigt sich mit dem, was meistens „Zuflucht“ genannt wird – ich nenne es die „sichere Richtung im Leben“. Die Richtung, die wir im Leben haben, besteht darin, die wahre Beendigung aller störenden Emotionen zu erlangen sowie all dessen, was Leiden verursacht, und Geisteszustände zu erlangen, die wahre Pfade zur Befreiung sind, nämlich das Verständnis und Erkenntnisse, die nicht nur zu Glück führen, sondern auch zu der Fähigkeit, anderen zu helfen – etwas, was der Buddha vollständig erreicht hat und die spirituelle Gemeinschaft zum Teil. Auf diese Weise hat man eine Richtung – eine sichere Richtung; sie gibt dem Leben einen Sinn.

Der Ausdruck „Zuflucht“ ist dafür zu passiv; er hat eher mit „Schutz suchen“ zu tun, und das vermittelt eigentlich nicht die vollständige Bedeutung. Wenn man im Leben eine Richtung hat und weiß, wohin man geht, trägt das dazu bei, ein Gefühl für das konventionelle „ich“ aufzubauen. Das kann man natürlich wiederum übertreiben – „Ich werde die Welt retten, ich bin der heilige Alex“. Doch die Richtung im Leben ist etwas sehr Grundlegendes. Das ist es, womit wir anfangen – etwas ganz Unerlässliches.

Man braucht Kindern das nicht in Fachbegriffen zu erklären. Aber man kann einfach darüber sprechen, was es für einen Sinn gibt im Leben – „Was ist für dich der Sinn des Lebens?“ – z.B. sich weiterzuentwickeln, sich nicht zu viel zu ärgern usw., so viel zu lernen, wie man kann, damit man anderen helfen kann usw. Wenn man auf diese Weise darüber spricht – und ich meine, das kann ein Kind verstehen, ohne dass dabei von Buddha, Dharma, Sangha und all dem die Rede ist -, dann bekommt das Kind das Gefühl: Ich kann etwas tun, ich weiß, wo ich im Leben hingehe.

Das trägt dazu bei, ein gesundes „ich“ aufzubauen. Man muss so etwas nicht mit Begriffen wie „geistige Zuschreibung“ und „konventionelles ‚ich‘“ erklären. Es trägt dazu bei, ein Gefühl für ein „ich“ mit einer Zielsetzung zu entwickeln. Über die Übertreibung dieser Einstellung kann man sich später noch Gedanken machen. Die Art und Weise, wie man so etwas einem Kind erklärt und darstellt, hängt natürlich vom Alter des Kindes ab. Einem Dreijährigen würde man es nicht auf die gleiche Weise erklären wie einem Zehnjährigen.

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