Lehrmäßig-basiertes Greifen nach dem Selbst einer Person

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Wir sprechen über fehlerhafte Betrachtungsweisen. Das, was bei einer fehlerhaften Einschätzung von „mir“, einer Person, eines Selbst – sei es in Bezug auf mich selbst oder andere – unrichtig ist, ist die Betrachtungsweise, dass es ein „ich“ gäbe, welches von Körper und Geist getrennt existiert. In was für einer Verbindung steht das „ich“ mit Körper und Geist? Es kann sich so anfühlen, als gäbe es ein „ich“, das sich im Körper befindet, in meinem Kopf sitzt, so als wäre dies sein Zuhause, – so kann unsere Vorstellung sein, aber sie ist nicht korrekt.

Wir könnten auch meinen, das „ich“ wäre etwas, das einen Körper besitzt und unter Kontrolle hat, ihn benutzt, so als säße das Ich an einem Schaltpult mit einem Computerbildschirm, während über die Augen und über Kopfhörer Informationen geliefert werden und das Ich das zentrale Steuerpult bedient. „Was soll ich jetzt tun?“ oder „Was soll ich jetzt sagen?“ – das Ich drückt dann einen Knopf und daraufhin bewegt sich die Hand und tut etwas oder der Mund sagt etwas usw. „Ich muss mich dazu bringen, morgens aufzustehen. Der Wecker hat geklingelt und ich muss zur Arbeit“ - so als befände sich innen ein „ich“, das nun irgendeinen Knopf drücken und dadurch den Körper nach oben und aus dem Bett bewegen muss. Das ist eine fehlerhafte Sichtweise – aber nichtsdestotrotz die Art und Weise, wie es uns erscheint.

Es ist interessant, das zu untersuchen, denn wir haben bestimmte Arten von Gefühlen, z.B. im Zusammenhang mit den Argumenten, die Frauen anführen, um das Recht auf Entscheidung für oder gegen Abtreibung zu fordern: „Es ist mein Körper, er gehört mir und ich kann damit tun, was ich will. Es ist meine Entscheidung.“ Worauf beruht diese Sichtweise? Es geht dabei vielleicht um ihre Entscheidung und Ziele, aber wir sprechen hier nicht über die Richtigkeit oder Falschheit von Abtreibung, sondern über die Einstellung zum Körper, als wäre er ein Besitz: „Das ist etwas, das mir gehört“ – es gibt also vermeintlich ein „ich“, das man davon trennen kann und das mit dem Körper tun kann, was es will.

Diese Einstellung zu uns selbst oder unserem Körper, die Beziehung zu unserem Körper, kann etwas sein, das uns beigebracht wurde, oder sie kann einfach automatisch auftreten, indem wir das Gefühl haben und daran glauben, dass es so wäre. Das ist eine fehlerhafte Betrachtungsweise. Korrekt ist, dass es ein „ich“ gibt, das einem Körper und Geist zugeschrieben wird, aber es ist keine davon getrennte Entität. So wie der Körper von Augenblick zu Augenblick Veränderungen durchläuft, es also ein Alter gibt, das sich von Augenblick zu Augenblick verändert, und ebenso, wie Körper, Geist und Empfindungen sich jeden Augenblick verändern, während wir Dinge unterschiedlich wahrnehmen und unterschiedliche Handlungen ausführen, genau so gibt es „mich“ – „ja, das bin ich“ -, und es verändert sich gleichfalls von Augenblick zu Augenblick. Es ist nichts, was man davon trennen kann, kein Wesen, das irgendwo da drin sitzt.

Wir haben über verschiedene fehlerhafte Betrachtungsweisen gesprochen, und wir können nun einige davon zusammenfassen. So bestimmen wir die Art von fehlerhafter Betrachtungsweise, die „das Greifen nach einem Selbst, das unmöglich existieren kann“ – kurz: „das Greifen nach einem unmöglichen Selbst“ – genannt wird. Es gibt ein solches Greifen, das auf Lehrmeinungen beruht, und eine automatisch auftretende Art davon. Wenn im Buddhismus von einem auf Lehrmeinungen beruhenden Greifen nach einem unmöglichen „ich“ die Rede ist, geht es um eine bestimmte Vorstellung, die wir vom „ich“ haben können, und die uns beigebracht wurde, insbesondere um Vorstellungen vom „ich“, die von nicht-buddhistischen indischen Lehrsystemen vertreten werden.

In indischen Systemen ist vom so genannten „Atman“ die Rede – ich denke, die Übersetzung, die dem vermutlich am nächsten kommt, ist „Seele“. In diesen Systemen ist also von einer Seele der Rede, und zwar von einer Seele, die von einem Leben zum nächsten geht. Diese Ansicht – dass wir einer Seele haben, die von einem Leben zum nächsten geht – hat man nicht automatisch; sie wird gelehrt. Demgemäß hat diese Seele bestimmte charakteristische Eigenschaften, die sozusagen alle zusammen als „Gesamtpaket“ betrachtet werden. Mit „Gesamtpaket“ meine ich hier eine Gesamtheit bestimmter Eigenschaften. Eine dieser Eigenschaften ist, dass sie statisch ist. Dabei geht es hier nicht um „ewig“ – denn auch im Buddhismus wird gesagt, dass das geistige Kontinuum keinen Anfang und kein Ende hat. Selbst das konventionelle „ich“ hat also keinen Anfang und kein Ende, aber dass ist hier nicht gemeint. Hier geht es um ein „ich“, das sich nicht von Augenblick zu Augenblick verändert, sondern immer dasselbe bleibt, d.h. ein „ich“, das von nichts beeinflusst wird und sich ähnlich wie ein Koffer auf einem Laufband durch die Zeit bewegt – von der Kindheit bis zum Alter und von einem Körper weiter zum nächsten.

Es hat keine Teile; das ist die Bedeutung, wenn in diesem Zusammenhang das Wort „eins“ verwendet wird. „Eins“ bedeutet hier, dass das „ich“ eine Art Monolith ist, dass es „teilelos“ ist. Es ist entweder so groß wie das Universum – wie es in der Anschauung „Atman ist Brahma“ zum Ausdruck kommt, also: „Ich bin das Universum“ – oder es ist wie ein winziger Lebensfunke oder so etwas in der Art. Auch das ist eines der dafür aufgeführten Charakteristika: „teilelos“, d.h. monolithisch.

Das dritte Charakteristikum ist, dass es von Körper und Geist getrennt werden kann. Auch da spielt mit hinein: „statisch“. Es ist teilelos, es befindet sich in einem Körper, hat die Kontrolle darüber und benutzt ihn usw., und dann geht es zu einem anderen Körper über. Das ist es, was wir verstehen müssen. Im Buddhismus werden bestimmte Unterscheidungen getroffen, die vielleicht nicht so klar sind; lassen Sie mich dies daher noch etwas hervorheben.

Bestimmte Aspekte einer solchen unmöglichen Seele haben wir in unserer Erörterung der fehlerhaften Betrachtungsweise bereits kennengelernt, etwa im Zusammenhang mit der Meinung, es gäbe ein „ich“, das statisch ist und immer gleich bleibt, beständig ist, von nichts beeinflusst usw., und das wir ganz für sich von allem anderen losgelöst betrachten könnten. Diese Sichtweise kann man uns beigebracht haben oder sie tritt automatisch auf. Das gleiche gilt für die Vorstellung von einem getrennten „ich“ das von Körper und Geist unabhängig wäre – wir können eine christliche Vorstellung oder die Vorstellung eines anderen religiösen Systems von einer Seele haben, die gleichfalls einige dieser Eigenschaften aufweist; so etwas könnte man uns gelehrt haben. Das bringt natürlich Probleme mit sich, mit denen wir uns befassen müssen, denn das kann zu vielerlei störenden Emotionen führen. Doch wenn von dem „auf Lehrmeinungen basierenden Greifen nach einem unmöglichen ‚ich‘“ die Rede ist, ist damit die Kombination jener bestimmten Eigenschaften eines unmöglichen „ich“ gemeint, wie sie in den nicht-buddhistischen indischen Lehrsystemen vertreten wird. Das ist etwas, das einem beigebracht werden muss. Die Gesamtheit all dieser Eigenschaften würde nicht in einer automatisch entstehenden Sichtweise auftreten.

Können Sie soweit folgen? Buddha lehrte ursprünglich vor indischen Zuhörern, deshalb sprach er von dieser speziellen fehlerhaften Sichtweise in Bezug auf Atman bzw. Seele. Aber etliche Aspekte davon kann man auch in anderen Religionen und Philosophien finden, die nicht in Indien beheimatet sind. Wenn wir wissen, worauf sich dieser oder jener Ausdruck bezieht, geraten wir nicht in Verwirrung darüber, was automatisch entstehen kann und was nur basierend auf Lehrmeinungen auftreten kann.

Wir haben zwar jetzt all diese Aspekte, die unterschiedlichen Elemente aufgeführt, aber nun kommen wir zu der Frage: „Wie sollen wir das verstehen, was sich von einem Leben zum nächsten fortsetzt?“ Ich bin kein Experte für christliche Theologie, und ich bin sicher, dass es im Christentum viele unterschiedliche Sichtweisen gibt, was die Beschaffenheit der Seele betrifft, aber auch damit würde der Buddhismus nicht übereinstimmen, insbesondere z.B. damit, dass die Seele von Gott geschaffen ist. Ich bin nicht sicher, ob die christliche Theologie besagt, die Seele sei zwar geschaffen, aber dennoch „ewig“, würde sich nicht verändern, und hat nach diesem Leben nur noch ein weiteres Leben, nämlich im Himmel oder in der Hölle. Das sind vermutlich weitere Sichtweisen, die wir, vom buddhistischen Standpunkt aus, widerlegen müssten.

Ich bringe all diese Punkte zur Sprache, weil es häufig zu allerlei Verwirrung kommt, wenn wir westlichen Menschen diese Materialien studieren. „Gut, zuerst werden die auf Lehrmeinungen basierenden störenden Emotionen beseitigt.“ Es gibt viele störende Emotionen, die auf einer Sichtweise bezüglich des „ich“ beruhen können, die jemandem beigebracht wurde, aber dabei wird nur von Sichtweisen gesprochen, die in nicht-buddhistischen indischen Systemen gelehrt werden, etwa im Hinduismus, Jainismus usw. Deswegen meinen wir: „He – ich habe doch gar keine hinduistischen oder jainistischen Lehrmeinungen gelernt; wieso sollte das also relevant für mich sein?“ „Ich glaube doch gar nicht an so etwas, ich habe noch nicht einmal je davon gehört.“ „Ich habe nie Hinduismus studiert.“

Aber die Sache ist die: Jede der Eigenschaften der Seele, die im Hinduismus oder Jainismus gelehrt wird, ist etwas, das auf einer fehlerhaften Betrachtungsweise beruht. Und wenn wir unsere eigene Vorstellung von einer Seele – oder auch das Gefühl, dass es keine Seele gibt und man nach dem Tod einfach zu nichts würde -, untersucht, zeigt sich, dass dabei andere fehlerhafte Betrachtungsweisen eine Rolle spielen. Der Buddhismus befasst sich mit jeder möglichen falschen Sichtweise, die wir haben können. Es geht nicht nur um falsche Vorstellungen, die im klassischen Indien vertreten wurden.

Somit stellt sich die Frage: „Was bin ich meiner Meinung nach?“ Bin ich eine Seele, bin ich mein Körper, bin ich mein Geist, bin ich irgendetwas anderes? Was bin ich? Was ist es, worauf meine Selbstsucht basiert, jenes „Ich will als erster dran kommen“, „Ich bin das Wichtigste“ oder „Ich sollte in deinem Leben am wichtigsten sein.“ Was sind die Eigenschaften dieses „ichs“?

Denn wenn wir an solch eine Art von „ich“ denken, an irgendein feststehendes Ich, dann bestehen wir darauf, dass es immer seinen Willen bekommen muss. So kommt es dazu, dass man nach etwas greift, zu Anhaftung, zu Gier usw. „Ich bekomme nicht, was ich will“ – also werden wir ärgerlich. Oder wir werden eifersüchtig: „Du liebst mich nicht, du liebst jemand anderen.“ Wir werden arrogant: „Ich bin ja so toll!“, unentschlossen und wankelmütig: „Was soll ich nehmen? Es gibt 150 verschiedene Arten von Müsli – welche davon wird mich glücklich machen?“ „Ich will mir das Richtige aussuchen, das mich glücklich macht: Welchen Computer soll ich mir kaufen? Welches Handy soll ich kaufen? Es stehen Tausende zur Auswahl, und ich möchte das, was richtig für mich ist.“ Was ist dieses „ich“?

Fragen über dem Selbst

Im Christentum versuchen wir ein ethisches „ich“ zu entwickeln, das nicht so viele Dinge haben will. Also wozu das alles? Gegen Selbstsucht anzugehen scheint allen spirituellen Wegen gemeinsam zu sein.

Das ist wahr, aber das Problem, um das es hier geht, ist eines, das wir bereits erwähnt haben, nämlich: Wenn wir eine bestimmte falsche Vorstellung vom „ich“ widerlegen, haben wir damit genug widerlegt? Mit anderen Worten: In anderen Systemen – und selbst im Buddhismus gibt es solche Systeme – widerlegen wir vielleicht bestimmte Eigenschaften, die unmöglich sind, aber wir sind dabei nicht tief genug gegangen und haben noch nicht alles widerlegt, das fehlerhaft ist; es kann immer noch eine subtile Art von Selbstsucht auftreten.

Wir mögen z.B. äußerst großzügig sein und überaus viel für eine andere Person oder unsere Kinder tun, und daher scheint es, als wären wir selbstlos. Aber wir möchten dafür geschätzt werden, wir möchten Dank dafür. Wir erinnern die betreffende Person daran, was wir für sie getan haben: „Ich habe so viel für dich getan und du zeigst gar keine Anerkennung.“ Dem liegt immer noch ein Gefühl von feststehendem „ich“ zu Grunde, auch wenn wir nicht sonderlich selbstsüchtig sind.

Oder wir können uns zum Märtyrer machen: „Ich bin ein Märtyrer, ein Heiliger; ich tue ja so viel für die Welt“, und das wird zu einem großen Ego-Trip. Oder: „Ich muss mich geißeln und kasteien, um meine Selbstsucht zu überwinden, denn ich bin schlecht, weil ich selbstsüchtig bin.“ Klar ist es möglich, aus solchen Motiven großzügig zu sein und anderen zu helfen, aber es handelt sich natürlich trotzdem um einen sehr verstörten Geisteszustand und man bezieht sich dabei immer noch auf ein schuldiges, schlechtes „ich“, ein feststehendes „ich“. Ich führe hier extreme Beispiele an, aber unsere falschen Vorstellungen können auch überaus subtil sein.

Warum müssen wir Atman aufgeben?

Von wesentlicher Bedeutung ist, dass wir nicht das konventionelle „ich“ abstreiten. Ob man es nun „Seele“ nennen will oder „Atman“ – das spielt keine Rolle. Egal, welchen Namen wir ihm geben, Tatsache ist: es gibt ein konventionelles „ich“. Das wird im Buddhismus nicht abgestritten; es wird nicht gesagt, dass gar nichts da ist. Aber der entscheidende Punkt ist: „Wie existiert es?“ Wenn wir kein Gefühl von konventionellem „ich“ haben, sind wir nicht motiviert, irgendetwas zu tun. Warum sollten wir dann Erleuchtung erlangen wollen?

Auf der Grundlage einer korrekten Sicht des konventionellen „ich“ bekommen wir unser Leben in den Griff. Wir stehen morgens auf, ziehen uns an, verdienen unseren Lebensunterhalt, sorgen für uns. Aber gibt es dabei einen Dualismus in Bezug auf das „ich“ im Sinne von „Ich muss für mich sorgen“, so als wären das zwei verschiedene Dinge? Und: „Ich muss mich beherrschen und mich davon abhalten, selbstsüchtig zu sein“, so als wäre der eine Teil von mir der Richter, der Zuchtmeister, und der andere der ungezogene Teil von mir? So etwas kann ziemlich neurotisch werden und führt zu Schuldgefühlen.

In der Psychoanalyse nennt man das „Über-Ich“.

Aber ist das Über-Ich etwas Getrenntes, das ganz für sich existiert? Gibt es zwei „ichs“, von denen das eine das „ich“ und das andere das „Über-Ich“ ist? Das wäre ziemlich seltsam.

Schauen Sie, im Buddhismus spricht man von Geistesfaktoren. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es fünf Aggregate. „Die fünf Aggregate“ sind nur ein Schema zur Klassifizierung zahlreicher Faktoren, die jeden Augenblick unserer Erfahrung ausmachen. Wir haben z.B. „Disziplin“ – das ist ein Geistesfaktor. In einem bestimmten Augenblick gibt es ein Hörbewusstsein, das den Klang des Weckers wahrnimmt; das Hören dieses Geräuschs wird von einer Empfindung begleitet, die möglicherweise nicht sehr glücklich ist, und wir unterscheiden den Klang des Weckers vom Klang der Vögel draußen oder von Verkehrsgeräuschen vorm Fenster. Damit einhergehen können die Geistesfaktoren Trägheit und Ärger – „Ich will nicht aufstehen“ – so als gäbe es ein „ich“, das von all dem getrennt ist und das nun aufstehen muss. Doch gleichfalls kann damit auch der Geistesfaktor auftreten, der die „Absicht“ zum Aufstehen ist, sowie der Geistesfaktor „Disziplin“.

Es sind überaus viele Geistesfaktoren vorhanden, und das ist alles, was von einem Augenblick zum anderen und zum wiederum nächsten passiert. Dafür braucht man kein getrenntes „ich“, das am Steuerpult sitzt, während über Kopfhörer das Geräusch ankommt, und das dann den Knopf „Disziplin“ drückt, sodass daraufhin „Disziplin“ auftritt und wir sagen: „Ich muss mich aus dem Bett bewegen.“ So ist es nicht.

Man steht einfach auf. Man tut es eben, ohne lauter so unsinnige Gedanken wie „Ach, ich will gar nicht aufstehen“ und „Jetzt muss ich mich zwingen, aufzustehen“ und „Warum ich? warum muss ich immer aufstehen?“ Das ist alles Unsinn und wird normalerweise mit einem Gefühl von beträchtlichem Unglücklichsein erlebt.

Vielleicht wird das Hören des Weckers mit einem Gefühl von Unglücklichsein erlebt – na und? O.k., in diesem Moment tritt Unglücklichsein auf. Das macht nichts. Ich hafte nicht daran, ich identifiziere mich nicht damit, und im nächsten Moment stehe ich auf – aufgrund der Gewohnheit von Disziplin, einer bestimmten Motivation oder was auch immer -. Was ist dabei das „ich“? Nun, wer ist aufgestanden? Ich bin aufgestanden; nicht jemand anders. Wir können also dem Kontinuum dieser Abfolge von Augenblicken, die sich aus all diesen Bestandteilen zusammensetzt, die Bezeichnung „ich“ zuschreiben, und es erfüllt seine Funktion. Es ist nicht nur ein Körper, der sich aus dem Bett erhebt; ich stehe auf. Es sind nicht zwei verschiedene Dinge, die aus dem Bett aufstehen: ein Körper und ein „ich“. Etwa: „Mein Körper steht auf, aber ich will nicht mit.“ Man muss ziemlich genau untersuchen: Was ist die Ursache für unser Unglücklichsein, wenn wir morgens aufstehen müssen?

Fragen und Diskussion über Wiedergeburt

Sie kennen zwei Inkarnationen von Serkong Rinpoche. Was hat Sie an den „ersten“ Serkong Rinpoche erinnert? Was für Gemeinsamkeiten haben sie gefunden? Was haben Sie in diesem Kontinuum gefunden, das Ähnlichkeiten mit der früheren Inkarnation hat?

Das eröffnet ein sehr umfassendes Thema. Dazu müssen wir „Kontinua“ betrachten und ein Kontinuum innerhalb eines Lebens. Wenn wir das Kontinuum von „mir“ – oder von jemand anderem, etwa meinem Lehrer Serkong Rinpoche – betrachten, so gibt es im Alter von 60 Jahren wohl keine einzige Zelle im Körper, die noch dieselbe ist wie zu der Zeit, als er ein Kleinkind war. Alles hat sich verändert. Es ist wirklich erstaunlich, wenn man überlegt, wieviel Nahrung dem Körper zugeführt wird und wieviel Abfallprodukte herauskommen und sich klarmacht, dass aus diesem Vorgang der Körper aufgebaut wird. Doch er verändert sich von Augenblick zu Augenblick und nichts bleibt dasselbe. Auch das Ausmaß von Wissen hat sich von Augenblick zu Augenblick verändert, und es ist im Alter von 60 Jahren ganz bestimmt nicht dasselbe wie im Alter von zwei Jahren.

Alles hat sich verändert, und doch gibt es eine Kontinuität; es besteht ein Kontinuum. Die Frage „Wie wird das Kontinuum aufrechterhalten?“ ist sehr umfassend und wird auf vielen verschiedenen Ebenen mit unterschiedlicher Tiefgründigkeit analysiert und erklärt. „Wie bleibt die Individualität erhalten?“ „Ist das Kontinuum zu jemand anderem geworden?“ In Bezug auf zwei Leben handelt es sich um das gleiche Problem wie in Bezug auf ein Leben. Wir haben also ein Kontinuum, das sich von Augenblick zu Augenblick fortsetzt und nichts bleibt dasselbe. Dem können wir die Bezeichnung „eine Person“ – ein Individuum – zuschreiben.

Worauf basiert das? Es basiert auf einer Abfolge von Ursache und Wirkung. Das ist ganz einfach. Ich habe gerade etwas zu essen in den Mund gesteckt, und im nächsten Moment tritt die Empfindung auf, das das Essen hinuntergeschluckt wurde, in den nächsten Momenten dann die Empfindung, dass der Hunger nachlässt usw. Es gibt eine kausale Abfolge. Sie ist sinnvoll, und dieser kausalen Abfolge können wir die Bezeichnung „ich“ zuschreiben.

Wir können diesem Kontinuum auch bestimmte Gewohnheiten zuschreiben. Was ist eine Gewohnheit? „ Ich habe die Gewohnheit, Kaffee zu trinken.“ Was ist das? Ich trinke nicht in jedem Augenblick meines Lebens Kaffee, aber es gibt eine Abfolge verschiedener Ereignisse, in denen ich Kaffee trank, und aufgrund dessen sagen wir, dass es eine Gewohnheit gibt. Es ist eine Art und Weise, etwas zusammenzufassen. Ist die Gewohnheit etwas Feststehendes? Können wir sie finden? Nein. Gibt es sie? Ja. Bringt sie Wirkungen hervor? Ja. Weil ich die Gewohnheit habe, Kaffee zu trinken, werde ich wahrscheinlich auch morgen wieder eine Tasse Kaffee trinken.

Wenn wir von einem Kontinuum sprechen, das sich von einem Leben zum nächsten fortsetzt, z.B. im Falle meines Lehrer Serkong Rinpoche – was finden wir, außer der Tatsache, dass man ihm denselben Namen gibt, für Gemeinsamkeiten? Wovon gibt es eine Kontinuität? Bestimmte Gewohnheiten, bestimmte Veranlagungen. Bei der Betrachtung der persönlichen Geschichte von jemandem, insbesondere über mehrere Leben, zeigen sich vielerlei Gewohnheiten, zahlreiche verschiedene Aspekte; nicht alles wird zur gleichen Zeit auftreten.

Als ich drei Jahre alt war, hatte ich Gewohnheiten, die ich jetzt nicht mehr habe. Das ist ganz offensichtlich. Als Baby hatte ich die Gewohnheit, mir in die Hosen zu machen und mir das Essen um den Mund zu schmieren und ich schaffte wenig davon tatsächlich in den Mund. Es waren Gewohnheiten, die sich wiederholten, als ich ein Baby war. Diese Gewohnheiten habe ich jetzt nicht. So etwas tue ich jetzt nicht mehr – hoffentlich. Serkong Rinpoche hat bestimmte Gewohnheiten, die denen gleichen, die er im früheren Leben hatte – ein bestimmter Sinn für Humor usw.

„Nun, viele Menschen haben Sinn für Humor; das muss also nicht unbedingt die Kontinuität des Sinnes für Humor aus früheren Leben sein“, könnte man einwenden. Aber was mich überzeugt hat, war ein bestimmtes Gefühl von Vertrautheit mit bestimmten Menschen. Sie haben das vielleicht schon erlebt: Sie begegnen jemandem und haben ganz automatisch das Gefühl, als würden sie diesen Menschen schon ewig kennen. Man fühlt sich ihm unwillkürlich sehr nahe – oder in anderen Fällen fühlt man sich jemandem sehr fremd, sehr entfernt und hat sofort eine Aversion gegen diese Person.

Als ich den jungen Serkong Rinpoche erstmals traf, war er vier Jahre alt. Er kam nach Dharamsala, und als ich hereinkam, fragte sein Begleiter, der sich um ihn kümmerte, ihn: „Weißt du, wer das ist?“, und der kleine Junge sagte: „Frag nicht so dumm, natürlich weiß ich, wer das ist“ und er verhielt sich mir gegenüber vom ersten Augenblick an so vertraut, dass eine absolute Wärme und Nähe spürbar war. So verhielt er sich bei anderen Menschen nicht. Und das mit vier Jahren. Als Vierjähriger kann man so etwas nicht vortäuschen. Es war dieses Gefühl von Vertrautheit vorhanden, genau wie es im früheren Leben gewesen war. Es ist natürlich in jedem Moment ein bisschen anders, und dem schreiben wir zu, dass es eine „Vertrautheit“ ist, aber es gibt eine Kontinuität davon. Das war für mich sehr überzeugend.

Es gibt natürlich Geschehnisse, an die er sich vielleicht aus früheren Leben erinnert. Einmal sahen wir eine Videoaufzeichnung einer Unterweisung an, die er in seinem vorherigen Leben gegeben hatte, und er sagte: „Ach ja, ich kann mich erinnern, dass ich das gesagt habe, ich erinnere mich, dass ich mich so verhalten habe.“ Es gibt keinen Grund dafür, dass er mich anlügen würde.

Nun kommen wir zur Erörterung von Nagarjunas Darstellung. Handelt es sich um dieselbe Person, die völlig identisch mit derjenigen aus dem früheren Leben ist? Nein. Ist er völlig anders? Nein, nicht völlig anders. Es ist ein Kontinuum, eine Kontinuität. Gibt es etwas Feststehendes, das sich wie ein Gepäckstück von einem Leben zum nächsten bewegt? Nein. Gibt es ein Kontinuum? Ja, Kontinuität. Also weder dasselbe noch etwas anderes, weder völlig identisch noch völlig verschieden und ohne Verbindung.

Warum sind einige von Rinpoches Erinnerungen aus früheren Leben klarer und andere nicht so klar?

Es ist genauso wie im Hinblick darauf, woran wir uns in diesem Leben erinnern. Erinnern Sie sich an alles, was Sie je im Leben gegessen haben? Können Sie sich auch nur an jedes Wort erinnern, das sie gerade vor einer halben Minute gesagt haben, und jedes Wort genau wiederholen?

Warum erinnern wir uns an dies und nicht an jenes? Das ist eine schwierige Frage. Ich nehme an, es hat damit zu tun, wie interessiert wir an etwas sind und wie viel Aufmerksamkeit wir ihm schenken. Trat zu der Zeit eine starke Emotion auf oder keine sonderlich starke Emotion? Wenn etwas mit einer starken Emotion verbunden war, können wir uns normalerweise besser daran erinnern. Es kann auch sein, dass wir auf etwas treffen, das uns an Früheres erinnert, und wenn wir nicht auf so etwas treffen, das uns daran erinnert, würde es uns nicht einfallen.

Es gibt zahlreiche Faktoren, die eine Rolle dabei spielen, warum wir uns an etwas erinnern - alles hängt von Umständen ab. Das gleiche gilt für Gewohnheiten. Es gibt so viele Gewohnheiten. Nicht alle davon werden im nächsten Leben zu Tage treten – einige werden sich manifestieren, andere nicht. Das hängt alles von den Umständen ab. Wenn ich die Gewohnheit habe, Mangos zu essen, und an einem Ort geboren werde, wo es keine Mangos gibt, werde ich keine Mangos essen. Ich werde nicht einmal daran denken, Mangos zu essen.

Ihre Erklärung überzeugt mich nicht. Die tiefsten Eindrücke in Rinpoches Geist müssten doch diejenigen aus der letzten Zeit seines vorigen Lebens sein, weil sie noch am frischesten sind. Warum sollte er sich an irgendeine Unterweisung erinnern, die er gegeben hat, jedoch nicht an diejenige, die am kürzesten zurückliegt?

Es ist nicht das jeweils letzte Ereignis, an das wir uns erinnern. An manche Dinge erinnern wir uns, an andere nicht. Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Es ist sehr schwierig, genau zu analysieren und zu erklären, warum ich mich an eine spezielle Begebenheit erinnere und an eine andere nicht.

Dann ist das also ganz beliebig?

Nein, man kann nicht sagen, das sei völlig beliebig. Es sind bestimmte Umstände dafür erforderlich. Rinpoche hat sich nicht an alles erinnert. Wir haben viele Videos angeschaut und an ein Ereignis hat er sich erinnert; es erschien ihm also etwas vertrauter. Warum? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was in seinem Geist vorging, als er jene Unterweisung gegeben hat. Sie stellen eine Frage, die sehr schwer zu beantworten ist; es handelt sich um das gleiche Problem wie bei der Frage: Wenn wir seit anfangsloser Zeit so viele karmische Potenziale für alle möglichen Resultate angesammelt haben, warum reift dann in diesem Moment dieses spezielle Potenzial heran und nicht ein anderes?“ Das ist ein ganz ähnliches Thema.

Im Buddhismus wird erklärt, dass nichts ohne Ursache geschieht, denn sonst könnte ja jederzeit alles Beliebige passieren und es gäbe keine Reihenfolge und würde keinen Sinn ergeben, dass etwas Bestimmtes passiert. Das ist jedoch nicht der Fall. Wenn die Dinge von Umständen abhängen – worin bestehen denn dann diese Umstände? Es kann sein, dass ich auf einen Gegenstand treffe, der einem früheren gleicht. Es kann der Einfluss einer Person sein. Es kann der Einfluss des Wetters sein. Es kann sich um den Einfluss von so vielen Faktoren handeln.

Wie kommt es, dass ich mich an den Namen von jemandem erinnere? Es kommt vor, dass ich mich an den Namen einer Person nicht erinnern kann. Ich kenne den Namen, ich weiß, dass ich den Namen kenne, aber ich kann mich partout nicht daran erinnern. Was mache ich dann? Ich gehe das Alphabet durch und sage im Geist jeden Buchstaben auf. Ich spreche innerlich jeden Buchstaben des Alphabets aus, und normalerweise kann ich mich dann erinnern, denn wenn ich mir den Klang des Buchstaben vorstelle, mit dem der Name anfängt, fällt er mir ein. Erst gestern ist mir das passiert. Ich konnte mich nicht an den Namen eines Freundes in Lettland erinnern, also bin ich das Alphabet durchgegangen, und als sich zu dem Buchstaben „K“ kam – „Ach ja, der Name lautet Karlis“. Es können also verschiedene Dinge sein, die uns an etwas erinnern, die uns helfen, uns zu erinnern. Das ist der Umstand, der die Erinnerung auslöst. Wir können das bewusst machen oder es geschieht, weil wir etwas sehen oder auf etwas stoßen, das uns – so nennen wir das in unserer Sprache – an jemanden oder etwas erinnert, und dann fällt es uns ein.

In anderen Fällen muss ich keine solche Methode anwenden. Wenn ich jetzt Massimo oder Claudia sehe, ist die Gewohnheit ist so stark, dass ich nicht erst das Alphabet durchgehen muss, um mich an ihren Namen zu erinnern. Er fällt mir einfach ein. Aber es gibt einen Umstand dafür – ich sehe sie oder ich denke an sie. Dieser Tage zumindest ist es so. In einem Jahr erinnere ich mich möglicherweise nicht mehr daran. „Wer war es doch gleich, der in Italien für mich übersetzt hat? Ich weiß es nicht mehr, es fällt mir nicht ein.“

Interesse ist auch solch ein Faktor. Ich habe einen Freund besucht und vier Monate bei ihm gewohnt. Ich hatte ein eigenes Zimmer, das ich bewohnte, und ich konnte mich nicht erinnern, welche Farbe die Wand hatte. Ich benutzte jeden Tag das Bad, und wir gingen in einen Laden, um einen Duschvorhang zu kaufen; mein Freund fragte mich: „Was für eine Farbe sollen wir nehmen? Was passt zur Wandfarbe?“ – und ich hatte keine Ahnung, wie die Wandfarbe aussah. Obwohl ich jeden Tag im Badezimmer war. Dann fragte mich mein Freund: „Welche Wandfarbe hat denn dein Zimmer?“ Ich hatte absolut keine Ahnung – weil ich überhaupt kein Interesse dafür aufgebracht hatte. Ich wohne auch hier seit einigen Tagen in einem Zimmer und habe wieder keine Ahnung, wie die Wandfarbe ist. Ich habe überhaupt nicht darauf geachtet – wie soll ich mich da erinnern?

Wenn etwas wichtig für uns ist – z.B.: „Wo habe ich mein Auto geparkt?“ -, dann erinnern wir uns. Wenn es uns unwichtig ist – „Ich weiß nicht mehr, wo ich mein Auto geparkt habe“ , haben wir ein ziemliches Problem.

Wenn Sie heute Abend sterben würden, wäre das letzte, was sie getan haben, dieser Vortrag gewesen. Warum würden sie sich dann als zweijähriges Kind nicht daran erinnern?

Es gibt viele Umstände dafür. Ich müsste erst wieder lernen, ich müsste wieder studieren. Die physische Grundlage, das Gehirn usw., wäre noch nicht weit genug entwickelt. Ich hätte nicht die sprachlichen Fähigkeiten, den Vortrag zu wiederholen. Nur dass etwas erst kürzlich geschehen ist, heißt nicht, dass wir uns daran erinnern. Können Sie sich erinnern und Wort für Wort genau wiederholen, was Sie gerade gesagt haben? Oder was Sie gerade gehört haben? Die meisten von uns können das nicht.

Es ist sehr schwierig. Wir müssen wirklich eine starke Absicht dazu haben, um dazu fähig zu sein. Wenn wir z.B. Übersetzer sind, haben wir im Gedächtnis, was der Vortragsredner gerade gesagt hat. Und wenn wir Lehrer sind und jemand uns bittet: „Können Sie das noch mal wiederholen? Ich habe das nicht verstanden“, ist es ziemlich peinlich zu sagen: „Ich weiß nicht mehr, was ich gerade gesagt habe.“ Man muss es im Gedächtnis behalten und imstande sein, es zu wiederholen. Es gibt verschiedene Motivationen dafür. Die Motivation ist wichtig.

Habe ich Sie richtig verstanden: Als Sie dem jetzigen Serkong Rinpoche begegnet sind, haben sie einige Gewohnheiten des früheren Serkong Rinpoche wiedererkannt, aber nicht seine Persönlichkeit?

Ich habe nicht gesagt, dass nichts von seiner früheren Persönlichkeit vorhanden gewesen wäre. Ich habe gesagt, dass es eine Kontinuität gab, aber nicht alles (in einem Leben zu Tage treten muss). Es handelt sich nicht um dieselbe Persönlichkeit, aber – ich habe ja auch nicht dieselbe Persönlichkeit, die ich als Teenager hatte. Manches ist ähnlich und einiges hat sich ziemlich verändert.

Einige Aspekte, z.B. Liebe und Mitgefühl, müssten eigentlich im Leben eines Bodhisattvas kontinuierlich zum Ausdruck kommen. Aber gemäß dem, was Sie gesagt haben, ist das einzige, was sich über dieses Kontinuum erstreckt, eine Abfolge von Ursachen und Wirkungen und sonst nichts.

Ja, alles entsteht aufgrund von Ursachen und Umständen. Was ich versucht habe zu veranschaulichen, war: Wenn ich z.B. 100 sehr liebevollen Menschen begegne, warum ist einer davon das Kontinuum der früheren Inkarnation meines Lehrers und ein anderer nicht? Nur dass jemand voller Liebe und Mitgefühl ist, heißt nicht, dass er die Fortsetzung des Kontinuum einer bestimmten Person aus einem früheren Leben ist.

Bei Tulkus gibt es eine Besonderheit, denn sie werden tatsächlich von jemandem erkannt und bekommen dann denselben Namen – zumindest den allgemeinen Namen; sie haben außerdem auch einen persönlichen Namen, der sie von den anderen Inkarnationen unterscheidet. Und wie wäre es, wenn niemand ihn erkennen würde, wenn er nicht gefunden würde und ich ihm einfach so begegnen würde? Es wäre genauso wie ich es beschrieben habe.

Bei vielen Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe, bestand gleich vom ersten Augenblick an beiderseits eine extreme Vertrautheit und wir fühlten uns einander sehr nahe. Das geschah tatsächlich. Ich habe in einem Saal vor 100 Leuten einen Vortrag gehalten und meine Augen kehrten immer wieder zu einer Person zurück, die ganz hinten im Raum saß. Meine Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu ihr zurück, und nach dem Vortrag kam genau diese Person auf mich zu und fing ein Gespräch mit mir an, und sofort entstand eine enge Freundschaft.

Dem alten Serkong Rinpoche passierte das auch oft. Wir befanden uns in einer Gruppe von Menschen und manchmal sagte er plötzlich zu mir: „Der dort hinten – frag ihn nach seinem Namen.“ Und ganz sicher war dann eine starke Beziehung vorhanden. Man weiß nicht, wie das frühere Leben eines Menschen aussah, das braucht man auch gar nicht, man braucht auch nicht ihren Namen zu kennen usw., aber wir erleben solche Dinge. Ich habe sie jedenfalls erlebt, vielleicht haben Sie auch schon Ähnliches erlebt – diese sofortige Freundschaft, das augenblickliche Gefühl von außergewöhnlicher Nähe zu jemandem. Warum? Beruht das nur auf Begierde, weil man jemanden attraktiv findet? Nicht unbedingt.

Bei Serkong Rinpoche gab es wirklich ungewöhnliche Vorkommnisse, schon als er noch ein ganz kleiner Junge war … Er war im Spiti-Tal geboren, und der alte Serkong Rinpoche war dort fast so etwas wie ein Heiliger gewesen, er hatte den Buddhismus dort wieder belebt usw., jeder hatte ein Bild von ihm im Haus – und dieses kleine Kind, mit eineinhalb oder zwei Jahren, als es gerade erst anfing sprechen zu lernen, ging zu dem Bild, zeigte darauf und sagte: „Das bin ich.“

Als Leute aus seinem Haushalt in der Region umherreisten und nach seiner Reinkarnation suchten, erkannte er einen davon und rannte zu ihm hin. Er flog ihm in die Arme, nannte ihn beim Namen, er erkannte ihn namentlich. Und er wollte dann nichts anderes mehr als mit diesen Leuten mitzureisen nach Dharamsala. Er hatte das Gefühl – so erzählte er mir später -, dass es dort jemanden gab, der wichtig war, den er treffen musste. Es handelte sich um Seine Heiligkeit den Dalai Lama. Als der Junge Spiti verließ, war er vier Jahre alt, und er weinte nicht, verlangte nie mehr nach seinen Eltern. Es war keineswegs so, dass seine Eltern schlecht zu ihm gewesen wären, sie waren sehr gute Menschen. Woher kommt also solch eine Verhaltensweise?

Fügen Sie all das zusammen – ich bin ganz überzeugt, dass dies seine Reinkarnation ist. Ich habe lange, lange über Wiedergeburt nachgedacht. Ich beschäftige mich seit 45 Jahren mit Buddhismus und habe ihn ausgiebig studiert. Doch diese Geschehnisse haben mich über die Grenze der Frage „Glaube ich eigentlich wirklich an Wiedergeburt?“ hinausgebracht. Es ist schwer, ein Bauchgefühl dafür zu bekommen. Man kann intellektuell daran glauben, aber die emotionale Empfindung? Dass es wirklich so ist? Dies hat mich davon überzeugt. Aber ist er dieselbe Person, identisch mit dem Vorgänger? Nein. – So ungefähr verhält sich das.

Nun ist es schon sechs Uhr dreißig geworden, Zeit, für heute Schluss zu machen. Doch vielleicht können wir, bevor wir gehen, nach ein paar Minuten darauf verwenden, einfach nur zu versuchen, das worüber wir gesprochen zu haben, zu verdauen. Lassen Sie uns versuchen, uns zu erinnern – hier ist ein Umstand, der uns dabei hilft, uns zu erinnern. Ich werde Ihnen eine Erinnerungshilfe geben - vielleicht erinnern Sie sich überhaupt nicht mehr, worüber wir gesprochen haben: Wir haben über Leerheit gesprochen – erinnern Sie sich? – und über eine Art von „ich“, die es unmöglich geben kann; darüber, dass es so etwas nicht gibt. Wir meinen vielleicht, so etwas gäbe es, und es kann sich auch so anfühlen, als wäre es so, aber das bezieht sich nicht auf etwas Reales.

Gab es da ein „ich“ – wir können ihm einen Namen geben, Serkong Rinpoche -, das genau dasselbe war, statisch, von einem Leben zum anderen, unbeeinflusst von allem, so dass es sich nun sofort an jedes Wort erinnern müsste, dass er in seinem früheren Leben gesagt hat? Nein, so etwas gibt es nicht. Er wird beeinflusst von Ursachen, Umständen: davon, wo er geboren wurde, bei dem er aufgewachsen ist; und das, was in diesem Leben zu Tage tritt, wird von allen möglichen Faktoren beeinflusst. Gibt es eine Person, „Serkong Rinpoche“, die getrennt von all dem existiert, getrennt von diesen beiden Körpern? Nein. Wo? Was sollte das sein? Gibt es einen Serkong Rinpoche, der sich in dem alten Körper befand, und der sich jetzt in dem neuen Körper befindet? Nein, das ist unmöglich.

Wir neigen dazu zu denken: „Wer werde ich in meinem nächsten Leben sein?“ – als gäbe es einen „ Alex“, der dann in einem Hund wiedergeboren würde – etwa in dem Pudel Fifi. Ich wache auf, ich bin Alex und – „Ach du lieber Himmel“, das ist ja wie in einem Hollywood-Film, „oh Schreck, ich befinden mich im Körper eines Pudels!“ Und alle nennen mich Fifi und verpassen mir rosa Nagellack oder so etwas. – So ist es nicht. Es ist nicht so, dass es ein feststehendes „ich“ gibt, das dasselbe ist wie ich in diesem Leben, nur in einem anderen Körper. So etwas ist nicht möglich.

Also können wir keine Gebete an Serkong Rinpoche richten, weil er nicht mehr da ist.

Es handelt sich um ein Kontinuum, nicht um irgendeinen festen Klotz. Genauso wie bei der Tatsache, dass dieser Stuhl nichts Feststehendes ist und mein Körper nichts Feststehendes ist, und trotzdem falle ich nicht durch den Stuhl. Ganz ähnlich gilt: Obwohl es keinen feststehenden „Serkong Rinpoche“ gibt, der sich wie ein Gepäckstück auf einem Laufband von einem Leben zum nächsten bewegt, kann man trotzdem Gebete an ihn sprechen und es entsteht Nutzen daraus. Shantideva hat über diese Tatsache gesprochen im Zusammenhang mit der Frage: „Wie kann man positive Kraft aufbauen, indem man Gebete an einen Buddha richtet, der schon verstorben ist, oder an einen Stupa?“ In dem Zusammenhang wird das Thema dort erläutert: dass es ein Kontinuum gibt.

Können Sie das präzisieren?

Wir können das präzisieren, ja, genau darum geht es. Das ist der Grund, warum unsere Erörterung hinsichtlich der geistigen Zuschreibung noch nicht zu Ende ist. Wir werden die Besprechung fortsetzen: „Was ist eigentlich ein ‚ich‘, das den sich laufend verändernden Aggregaten zugeschrieben wird?“

Ihre Darstellung von Wiedergeburt klingt ungewöhnlich für mich. Ich habe das jetzt so verstanden, dass es keinen Serkong Rinpoche gibt, der wiedergeboren wird, sondern bloß einige Teile von ihm bzw. ein ganz kleiner Teil von ihm?

Da – eine Nase hat sich reinkarniert!

Ich meine: Es ist nicht Rinpoche, der wiedergeboren wurde, sondern es handelt sich um einen ganz kleinen Teil des Kontinuum?

Nun, ist es ein kleiner Teil, sodass Rinpoche als Ganzes nicht wiedergeboren wurde? Dass sich nicht das Ganze reinkarniert hat, sondern ein kleiner Teil, eine Gewohnheit oder so etwas? Nein. Es gibt ja auch keine Gewohnheit, die sich als ein feststehendes Ding finden lässt. Was ist eine Gewohnheit? Da gibt es nichts Festes, das man auffinden könnte – sei es eine Gewohnheit oder eine Nase oder einen Serkong Rinpoche oder was auch immer -, das von einem Leben zum nächsten geht. Erinnern Sie sich an unser Beispiel für eine Gewohnheit: „Ich habe gestern Kaffee getrunken, ich habe heute Kaffee getrunken, und ich werde morgen einen Kaffee trinken.“ Wie fassen wir das zusammen? Wir sagen, es ist eine „Gewohnheit“. Eine Gewohnheit ist nichts Feststehendes. Genauso gibt es eine Person, die sich von einem Leben zum nächsten fortgesetzt hat, etwas Individuelles.

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