Leiden als Glück und unrein als rein

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Wir haben über unsere fehlerhafte Betrachtungsweise im Hinblick darauf gesprochen, dass die Dinge sich verändern. Wir meinen z.B., eine Beziehung würde ewig dauern, aber in Wirklichkeit geht sie irgendwann zu Ende. Und während sie noch andauert, meinen wir, sie wäre statisch und würde sich nicht verändern, aber in Wirklichkeit ändert sie sich von Augenblick zu Augenblick.

Unser Glaube, dass diese Projektionen unserer fehlerhaften Betrachtungsweise korrekt sind, kann auf etwas beruhen, das uns beigebracht wurde. Wir lesen in Romanen und sehen in Hollywood-Filmen, dass man am Ende für immer glücklich sein wird, und so entwickeln wir falsche Erwartungen. Das kann auf bestimmten Lehrinhalten beruhen; aber selbst wenn wir wissen, dass das, was uns eingeredet wurde und woran wir geglaubt haben, falsch und absurd ist, und verstehen, dass das Leben kein Märchenfilm ist, wollen wir es trotzdem noch nicht so recht akzeptieren. Es tritt immer noch automatisch eine fehlerhafte Betrachtungsweise auf. Wenn wir uns überprüfen, merken wir, dass wir eine Menge Widerstände dagegen haben, wirklich zu akzeptieren, was wir als unmöglich erkannt haben.

Wenn wir weiter nachforschen, finden wir heraus, dass es noch andere Arten fehlerhafter Betrachtungsweisen gibt, die sich gewissermaßen gegenseitig unterstützen und die falsche Vorstellung nähren, dass etwas statisch wäre und sich nicht verändern würde. Warum halte ich eine Beziehung für dauerhaft, statisch usw.? Weil ich sie als glückliche Beziehung betrachte: „Ich habe eine glückliche Beziehung“ und „Es macht mich glücklich, mit dir zusammen zu sein.“ Der nächste Schritt ist, zu verstehen, dass wir eine weitere fehlerhafte Betrachtungsweise haben – die so genannte Betrachtungsweise von „Leiden als Glück“.

Was bedeutet das eigentlich? Es hat viel mit diesen Veränderungsprozessen zu tun. Wir meinen z.B.: „Die Hand meines Liebsten zu halten, ist Glück; es macht nicht glücklich.“ Nun, wenn es uns wirklich glücklich machen würde, sollte das für immer gelten. Aber je länger wir jemandes Hand halten, umso unbequemer wird es mit der Zeit. Man möchte etwas anderes. Man möchte nicht die nächsten 20 Jahre an der Hand des anderen festkleben. Die Hand beginnt zu schwitzen und es wird ziemlich ungemütlich. Wenn unser Liebster unablässig unsere Hand oder einen anderen Körperteil streichelt, wird die Haut wund. Das Wohlgefühl verwandelt sich in Schmerz. Wenn wir mit jemandem das Bett teilen und ihn umarmen, schläft uns bald der Arm ein und es wird höchst unbequem. Wenn das alles wahres Glück wäre, müsste es uns umso glücklicher machen, je länger wir es erleben, aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Es handelt sich also um eine falsche Betrachtungsweise, nämlich dass so etwas wahres Glück wäre – obwohl es sich doch verändern und aufhören wird.

Ganz gleich, wie sehr wir jemanden lieben – wenn wir zu lange beieinander bleiben, fängt er an, uns auf die Nerven zu gehen. „Bitte, ich muss jetzt mal eine Weile allein sein.“ Wir möchten nicht, dass er uns auf die Toilette folgt. Auch eine derartige falsche Betrachtungsweise kann auf erlernten Leitsätzen beruhen: Man hat uns eingeredet, etwas Bestimmtes wäre wahres Glück: „Wenn Sie dieses Auto kaufen, werden sie wahrhaft glücklich sein“ usw. Es kann sein, dass man uns so etwas eingeredet hat; solch eine Betrachtungsweise kann aber auch automatisch auftretenden. Das alles heißt nicht, dass es Glück nicht gibt und dass im Buddhismus gelehrt würde, alles wäre mies und schrecklich. Aber wir müssen die Realität der Dinge verstehen und keine übertriebenen Vorstellungen hegen: „Es ist sehr schön, mit dir zusammen zu sein, aber …“

Die Dinge verändern sich, und was wir für einen glücklichen Zustand halten, können wir genießen. Doch letztlich wird er uns nicht zufriedenstellen. Er wird sich ändern, wir werden frustriert sein usw. Es sind immer noch allerlei Probleme damit verbunden. Wenn wir etwas immerzu haben, langweilt es uns. Möglicherweise essen wir sehr gern Eis, aber wenn wir jahrelang nichts anderes zu essen hätten, würden wir dessen sehr bald überdrüssig. Das ginge uns allen so. – All das beschreibt die fehlerhafte Betrachtungsweise von „Leiden als Glück“.

Lassen Sie uns das untersuchen, lassen Sie uns noch etwas Zeit darauf verwenden, darüber nachzudenken. Was betrachten wir eigentlich als „Glück“? Hegen wir übertriebene Vorstellungen davon oder was tun wir da? Wie ist unsere Einstellung dazu? Versuchen Sie, die Verbindung zwischen unserer Erwartung von Glück und der falschen Vorstellung zu verstehen, die wir eventuell in Bezug darauf haben, dass etwas dauerhaft wäre und immer gleich bliebe. Wir können diese Zusammenhänge mit unserer Erörterung der Leerheit verknüpfen, obwohl diese Untersuchung noch nicht im Rahmen einer Untersuchung der Leerheit stattfindet. Aber was wir verstehen müssen, ist die übertriebene Vorstellung und dass sie es ist, die wir loswerden müssen. Wir übertreiben etwas, und dann meinen wir, die Realität würde dieser Übertreibung entsprechen.

Diskussion über Glück

Was verstehen wir unter Glück?

Das bringt uns zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Handelt es sich um das Gefühl „Oh, wie herrlich“, sodass wir die Straße entlangtanzen und ein Lied trällern, oder eher um eine Art Zufriedenheit: „Naja, so gut ist es auch wieder nicht, aber das ist schon in Ordnung, ich werde den Mund halten und damit zufrieden sein“? Wie definieren wir eigentlich Glück? Das ist eine wichtige Frage.

Zunächst einmal ist Glück eine Empfindung. Es handelt sich um die Empfindung eines bestimmten Ausmaßes an Glück oder Unglücklichsein. Auf diese Weise erleben wir die Reifung unseres Karmas. Das ist eine sehr interessante Definition bzw. Erklärung. Infolge dessen, dass wir destruktiv gehandelt haben, erleben wir etwas – sei es das Zusammensein mit jemandem, ein Gespräch, einen Anblick, Musikhören – mit einem Gefühl von Unglücklichsein; und als Resultat konstruktiven Verhaltens erleben wir es mit einem Gefühl von Glück. Das ist eine allgemeine Darstellung: Worum geht es, einfach im konventionellen Sinne, wenn wir von Glück oder Unglücklichsein sprechen? Woher kommt es?

Glück wird näher bestimmt als ein Gefühl, das wir, wenn wir es erleben, fortsetzen möchten, und Unglücklichsein als ein Gefühl, das wir, wenn wir es erleben, zum Aufhören bringen möchten. Wir reden hier von einer ganz natürlichen Angelegenheit. Es geht hier nicht um Begierde. Das Wort „Begierde“ geht eigentlich auf ein Sanskrit-Wort zurück, das – in unseren Zusammenhängen meist aus dem Tibetischen – als „Begierde“ übersetzt wird. Die eigentliche Bedeutung des Sanskrit-Wortes ist „Durst“. „Ich muss diesen Schmerz loswerden“, „Ich muss dieses Glück unbedingt festhalten.“ Doch um eine solche Übertreibung geht es hier

nicht, sondern wir sprechen nur darüber, dass „Glück“ im konventionellen Sinne das Gefühl ist, bei dem wir empfinden: „Es wäre schön, wenn es andauern würde“, und Unglücklichsein mit dem Gefühl verbunden ist: „Ich möchte das loswerden.“

Das ist noch nicht die übertriebene Vorstellung von Glück als „das Allerschönste überhaupt“, und Unglück als „entsetzlich, ganz entsetzlich“. Es tritt einfach natürlicherweise auf. Wenn wir hier von fehlerhafter Betrachtungsweise sprechen, so ist das etwas, das auf Übertreibung beruht, darauf, dass wir meinen, das Glück, das wir erleben, würde ewig dauern. Das tut es nicht. Es wird frustrierend sein.

Auch das Unglücklichsein dauert natürlich nicht für immer. Doch weil wir lieber glücklich als unglücklich sind, haben wir Probleme mit der maßlosen Übertreibung von Glück. Und es ist nicht nur die Übertreibung von Glück, das wir erleben – denn möglicherweise sind wir nicht sehr oft glücklich -, sondern wir haben auch die entsprechenden Erwartungen bzw. Hoffnungen: „Wenn ich nur die ganze Zeit mit meinem Geliebten zusammen sein kann, werde ich glücklich sein“ oder „Wenn ich eine Unmenge Geld auf dem Konto hätte, wäre ich glücklich.“

Es gibt natürlich noch vieles mehr, was wir über Glück und Unglücklichsein und wie man damit umgeht sagen könnten, aber das müssen wir uns für ein andermal aufheben. – Sie hatten eine Frage?

Alle Lebewesen wünschen sich Glück bzw. möchten glücklich sein. Wenn z.B. ein Tier Nahrung für seine Jungen findet, ist es glücklich, und ihm „auch nur eine Happen Nahrung zu geben“ bewirkt, dass wir dadurch positives Potenzial ansammeln, und führt zu Glück. Stecken wir in unserer Besprechung von Glück nicht bei den geistigen Verunreinigungen oder negativen Geisteszuständen fest?

Deswegen habe ich hier auf den Unterschied hingewiesen. Im konventionellen Sinne gibt es Glücklich- und Unglücklichsein. Jeder möchte glücklich sein und niemand möchte unglücklich sein. Aber bei unserem Thema, der fehlerhafte Betrachtungsweise, geht es darum, wie wir das Glück betrachten, wie unsere Einstellung dazu ist und was unsere Erwartungen in Bezug darauf sind. Worauf es ankommt, ist, keine übertriebenen Vorstellungen zu haben und es nicht fälschlich als „ooh – fantastisch“ anzusehen.

Fehlerhafte Betrachtungsweise ist genau das, was der Begriff aussagt. Nehmen wir z.B. Demokratie und Freiheit – was beinhaltet das? Es beinhaltet, dass man vielerlei Wahlmöglichkeiten hat. Man wählt das, was man möchte. Unter den wissenschaftlichen Studien, die Seine Heiligkeit der Dalai Lama mitfinanziert, gab es eine Untersuchung zum Thema Glück. Es wurde festgestellt, dass man, je mehr Wahlmöglichkeiten man hat, umso unglücklicher wird. Wenn es 150 verschiedene Sorten Seife oder Getreideflocken im Laden gibt, steht man ratlos davor – „Ich weiß nicht, was ich nehmen soll – ich weiß nicht, welches das Beste ist.“ Wir meinen, es würde uns glücklich machen, dass wir bekommen können, was wir möchten, doch was passiert? Man wählt etwas aus und dann denkt man: „Das andere wäre vielleicht doch besser gewesen“, und so ist man nie richtig zufrieden mit dem, was man hat. Man stellt es immer in Frage.

Das Gleiche passiert, wenn es 600 verschiedene Fernsehsender gibt, die man empfangen kann – man findet etwas, das man sehen möchte, aber dann denkt man: „Vielleicht kommt auf einem anderen Sender etwas noch Besseres“. Je mehr Auswahl besteht, umso unzufriedener wird man. Das hat etwas mit Erwartungen zu tun. Wenn es so viel Auswahl gibt, meint man, irgendetwas davon müsse perfekt sein. Aber es gibt nichts, das vollkommen ist. Diese ganze Auswahl zu haben – etwas, das eigentlich leidvoll ist -, betrachten wir als Glück. Es werden Kriege geführt, dies in den Ländern zu ermöglichen, die so etwas nicht haben. Das ist absurd. Warum ist es so? Weil wir die fehlerhafte Betrachtungsweise haben, das wäre Glück.

In meinem Leben war eigentlich alles in Ordnung, ich habe von meinen Eltern und auch von Freunden viel Liebe erfahren, und alles, was ich wollte, ist wahr geworden, aber trotzdem wache ich jeden Morgen auf und denke: „Was mache ich eigentlich hier?“ Ich habe viele materielle Dinge erlangt, aber nicht Glück. Und wenn ich jetzt verlieren würde, was ich habe, wäre ich gar nicht so traurig darüber. Jetzt ist es Wahrheit, was mich glücklich macht. Glück ist, wenn ich einen Schimmer von Wahrheit erkenne, wenn ich Wahrheit ans Licht treten sehe.

Das spricht eine andere Ebene der Erörterung an. Es gibt so genanntes „beflecktes Glück“ und „unbeflecktes Glück“. Wenn etwas befleckt ist, hat es normalerweise einen Makel. Es gibt Glück, das mit Verwirrung verbunden und somit befleckt bzw. makelhaft ist. Es ist vermischt mit Verwirrung, mit mangelndem Gewahrsein in Bezug darauf, wie es tatsächlich existiert usw. Und das wird letztlich unbefriedigend sein, zum Problem werden usw. Aber es gibt auch eine Art von Glück, die nicht mit Verwirrung verbunden ist. Es entsteht nicht aus Verwirrung und es bringt keine weitere Verwirrung mit sich.

Wenn wir darüber sprechen, was dauerhaftes Glück ist, so heißt es im Buddhismus: Dauerhaftes Glück kommt dadurch zustande, dass man die Verwirrung davon ablöst, durch die Trennung von dem, was normalerweise als „Unwissenheit“ übersetzt wird, also von „mangelndem Gewahrsein“. Das ist wie ein Gefühl von Erleichterung, so als würde man zu enge Schuhe ausziehen, und von dieser Einengung befreit zu sein, ist Glück. Dabei geht es jedoch nicht um eine vorübergehende Trennung von Einschränkungen oder Bedingtheiten. Es ist nicht so, wie wenn ich etwas esse und dann eine Zeit lang keinen Hunger mehr habe, aber irgendwann doch wieder hungrig werde. Das ist es nicht, wovon hier die Rede ist. Das ist bloß die Art von problematischem Glück, von der ich schon gesprochen habe. Aber nun geht es um einen Zustand, in dem unsere Verwirrung, unser mangelndes Gewahrsein und all das für immer verschwunden ist und nie wieder auftreten wird. Das ist dauerhaftes Glück. Das ist etwas anderes; hier sprechen wir über eine andere Ebene.

Das Glück, „Wahrheit“ zu erkennen, ist natürlich etwas, das im Buddhismus auch beschrieben wird. Aber man muss dafür wirklich sehr tief gehen, denn wir könnten ja denken, wir hätten die Wahrheit erkannt, obwohl wir dabei noch nicht tief genug gegangen sind, und dann sind wir später manchmal äußerst enttäuscht und frustriert. Das ist ein ganz wichtiger Punkt in den buddhistischen Lehren: niemals zu denken: „Jetzt habe ich genug erkannt“, bevor man zum Buddha wird. Das Verständnis geht fortschreitend immer tiefer. Oftmals denken wir, wir wären mit einem Problem fertig geworden und hätten dieses Problem nun nicht mehr. Oder wir denken: Wenn künftig ein Problem auftritt, werde ich recht gut damit fertig werden können.“ Aber wenn es dann tatsächlich passiert, merken wir, dass es doch nicht so einfach ist.

Lassen Sie uns ein paar Augenblicke damit verbringen, zu überlegen: „Habe ich eine falsche Einschätzung von Glück?“ Falls wir eine übertriebene Vorstellung von Glück bzw. von dem haben, was wir für Glück halten, versuchen wir, sie auseinanderzunehmen und zu erkennen: „Eigentlich ist es so nicht“. Wir genießen, was wir haben, erkennen aber zugleich, dass das kein höchstes Glück ist, sich verändern kann usw. Und wir versuchen, nicht naiv zu sein und zu denken, diese Erkenntnis wäre im Leben leicht umzusetzen. Im tatsächlichen Leben ist das nicht einfach, weil wir so häufig automatisch danach greifen, dass dieses Glück andauert und dass es höchstes Glück wäre, dass es „mich wirklich und wahrhaftig glücklich machen würde“. Dieses Greifen tritt automatisch auf, insbesondere in Bezug auf andere Menschen.

Vielleicht hängen wir nicht so sehr an materiellen Gegenständen, aber was andere Menschen und Liebe betrifft, so ist das eine heikle Angelegenheit. Es wird dann sehr persönlich. „Ich möchte, dass du mich liebst.“ Ist das Glück? Was ist das? Die Frage ist sehr interessant. „Dass du mich liebst“ – ist das Glück oder Leiden? Wir reden nun von einem bestimmten „du“, der Person, von der wir möchten, dass sie uns liebt. Ist das Glück oder ist das Leiden? Was meinen Sie?

Liebe beinhaltet das Potenzial bzw. das Risiko künftigen Leidens - vergleichbar mit dem Verzehr von Fugu, einem japanischen Kugelfisch, der giftig und sogar tödlich sein kann, wenn er falsch zubereitet wird.

Richtig, von jemandem geliebt zu werden oder jemanden zu lieben bringt das Risiko von Schmerz mit sich, falls er oder sie uns nicht mehr liebt. Was ist mit den Erwartungen der anderen Person, die damit verbunden sind, dass sie uns liebt? Zum Beispiel, dass sie erwartet, wir sollten für sie da sein, wann immer sie es sich wünscht? Dass sie erwartet, wir wären vollkommen und würden perfekt zu ihr passen?

In den buddhistischen Standardlehren heißt es, dass es Leiden gibt und das Leiden des Leidens.

Das bezieht sich darauf, dass man physischen Schmerz erlebt und überdies auch noch geistigen Schmerz. Es gibt verschiedene Grade der Intensität von Leiden, das ist richtig. Aber was sind unsere Erwartungen in Bezug darauf, von jemandem geliebt zu werden? Erwarten wir, dass er oder sie diese Liebe so zum Ausdruck bringt, wie wir es uns wünschen? Was ist, wenn jemand sie nicht zum Ausdruck bringt? Und soll er sie ständig zum Ausdruck bringen? Soll er uns andauernd sagen, dass er uns liebt, um das immer wieder zu bestätigen? Wie oft muss er es uns sagen?

So schön es auch sein mag, das Gefühl zu haben, dass wir von jemandem geliebt werden – worin besteht es eigentlich? Wie sind unsere Erwartungen? Die meisten von uns wissen, was für ein schreckliches Gefühl es ist, wenn wir spüren, dass der andere uns nicht mehr liebt und wir diese Liebe verlieren. Was heißt es, von jemandem geliebt zu werden? Wie kommt es, dass es für uns nicht zählt, von jemandem geliebt zu werden, an dem uns nichts liegt? Wir möchten von einer bestimmten Person geliebt werden. Von jener anderen geliebt zu werden ist also kein Glück, aber von dieser einen, ganz Bestimmten geliebt zu werden ist Glück. Das ist doch seltsam. Von meinem Hund geliebt zu werden reicht nicht aus.

Manchmal schon.

Manchmal, ja. Aber sind wir damit zufrieden? „Nun gut, meine Mutter liebt mich. Aber das ist auch schon alles.“ – All das sind Dinge zum Nachdenken. Es gibt keine unmittelbare klare Antwort, aber das sind die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen sollten. Was wir überwinden wollen, ist die fehlerhafte Betrachtungsweise, die auf übertriebenen Vorstellungen beruht.

Warum halten wir es für Glück, „mit dir zusammen zu sein“? Der nächste Schritt betrifft die fehlerhafte Betrachtungsweise, etwas „Unreines als rein“ anzusehen – so lauten die Worte, die in diesem Zusammenhang verwendet werden. Der Satz, den ich in diesem Zusammenhang gern verwende, lautet: „Wenn es die Tasse von meiner Liebsten ist, ist sie sauber. Wenn es die Tasse der Putzfrau ist, ist sie schmutzig.“ „Es macht mir überhaupt nichts aus, mit meinem Liebsten aus einer Tasse zu trinken, aber mit der Putzfrau oder dem Säufer auf der Straße möchte ich nicht aus einer Tasse trinken. Die ist schmutzig. Aber wenn es sich um die Tasse von meinem Liebsten handelt, ist sie sauber.“ Das ist merkwürdig, oder?

„Wenn ich meinen Liebsten küsse und mit der Zunge seinen Mund berühre, ist das etwas Reines, es ist Glück.“ Aber wenn ich das mit dem Betrunkenen auf der Straße machen würde – wäre das Glück, wäre das etwas Reines? „Oh, der Mund meiner Liebsten ist ganz rein“, und deswegen fühlen wir uns glücklich. Das ist ziemlich seltsam. Es ist eine andere Art von fehlerhafter Betrachtungsweise. Wenn wir darüber nachdenken, finden wir es selbst komisch. Sich selbst mit den Fingern in den Mund zu fassen und etwas aus den Zähnen zu pulen oder sogar in der Nase zu bohren ist vollkommen in Ordnung, aber was ist, wenn uns jemand anderes den Finger in den Mund stecken würde? Unser Finger ist sauber, der Finger von jemand anderem schmutzig? Es ist wirklich sonderbar, nicht wahr? Mir selbst kann ich in der Nase bohren, aber nicht jemand anderem. Das wäre schmutzig. Meine eigene Nase ist o.k.

Meine Nase ist nicht sauber, aber sie ist meine – das ist der Unterschied.

Ah, ich verstehe, das ist der Unterschied – na dann …! Es ist eigenartig – vom objektiven Gesichtspunkte aus ist es das Gleiche. Das bringt uns zur nächsten Art fehlerhafter Betrachtungsweise. Sie hat mit dem umfassenden Thema von „ich“ und „mein“ zu tun und darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Es stimmt, dass die vier Arten fehlerhafter Betrachtungsweisen miteinander in Verbindung stehen – und zwar die fehlerhafte Betrachtung von etwas Unbeständigem als statisch, von Leiden als Glück, von etwas Unreinem als rein und von etwas, das kein getrenntes Selbst hat, als etwas, das ein feststehendes, getrenntes, Selbst hat.

Etwas Schmutziges für rein zu halten kann auf erlernten Grundsätzen beruhen. Wir können dafür ein Beispiel aus Indien heranziehen: „Wenn ein Brahmane das Essen mit der Hand auftischt, wie es in Indien üblich ist, dann ist das für mich eine saubere Angelegenheit, aber wenn ein Unberührbarer das täte, wäre es eine schmutzige Angelegenheit.“ So etwas kann also auf einer bestimmten Doktrin, auf Lehrmeinungen beruhen, oder es kann von selbst aufkommen. Niemand hat uns gelehrt, dass die Tasse unseres Liebsten etwas Reines ist und die Tasse jenes Betrunkenen dort etwas Schmutziges. Das ist ein interessantes Thema. Empfindet ein Baby das auch so unterschiedlich? Eigentlich nicht. Interessanterweise bringt man kleinen Kindern bei, was schmutzig ist. Bringt man ihnen auch bei, was sauber ist? „Steck das nicht in den Mund, das ist dreckig!“ Bringt man ihnen auch bei: „Steck das ruhig in den Mund, es ist sauber“?

Lassen Sie uns darüber nochmals im Zusammenhang mit Beziehungen nachdenken. Man kann solche Untersuchungen auf zahlreichen verschiedenen Ebenen durchführen. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus befasst man sich mit dem umfassenden Thema „Körper“. Wir halten ihn für rein und schön, aber ist er immer noch rein und schön, wenn man die Haut davon abschält? Wenn man den Mageninhalt betrachtet – ist der rein und schön? Die Speisen sind so köstlich und rein, doch wenn wir sie in den Mund nehmen und wieder ausspucken, sind sie dann immer noch köstlich und rein? Es gibt im Buddhismus zahlreiche solche Themen, die untersucht werden.

Das Ergebnis davon ist nicht, dass man seinen Körper nun für schlecht und eklig usw. hält und dann eine starke Abneigung gegen den Körper hat und ihn hasst oder so etwas in der Art. Darum geht es nicht. Es geht darum, keine übertriebenen Vorstellungen zu haben. Es ist wichtig, sich das in Erinnerung rufen. Eine fehlerhafte Betrachtungsweise ist eine Übertreibung von etwas. Man macht eine große Sache aus etwas und erkennt eigentlich die Realität nicht – die konventionelle Realität, davon ist hier die Rede. Warum sind wir so glücklich, mit unserem Liebsten zusammen zu sein? Warum sind wir so glücklich, seine Hand zu halten? Warum sind wir so glücklich, mit ihm das Bett zu teilen und nicht mit jemand anderem? Weil wir ihn für etwas Besonderes halten. „Dies ist etwas Schönes, etwas Reines, es ist Glück.“ – Ich hoffe, Sie merken, dass all diese Überlegungen zu der Erkenntnis führen, dass diese Faktoren etwas mit dem Geist zu tun haben, zu dem Verständnis, dass diese Aspekte damit verknüpft sind, wie wir die Dinge betrachten. Darauf läuft es hinaus.

Lassen Sie uns einen Augenblick darüber nachdenken, und zwar im Hinblick auf diese fehlerhafte Betrachtungsweise von etwas Unreinem als rein.

Haben Sie Fragen?

Fragen

Sie haben „Leiden als Glück betrachten“ und „etwas Unreines als rein betrachten“ als zwei verschiedene Schritte erklärt. Sind sie ohne Verbindung miteinander oder betreffen sie dieselbe Angelegenheit?

Sie stehen in Verbindung miteinander. Wir können wahrscheinlich auch Beispiele finden, in denen sie nicht unbedingt beide an der Situation beteiligt sind. Aber wir können Situationen finden, in denen alle diese Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel: Man liegt mit seiner Liebsten im Bett und denkt, das würde immer so bleiben, obwohl das natürlich nicht der Fall ist. Man kann meinen, das sei Glück, obwohl einem in Wirklichkeit der Arm einschläft, weil die andere Person darauf liegt und man sich eigentlich umdrehen will, aber damit würde man sie aufwecken und das Ganze wird ziemlich unbehaglich. Oder man liegt eng beieinander, „so rein, so glücklich“, und dann fängt man an zu schwitzen. Ist das immer noch Glück, immer noch rein? Diese Aspekte stehen miteinander in Verbindung.

In diesem Beispiel kann auch die vierte falsche Betrachtungsweise eine Rolle spielen: „Du bist es“, also ist es etwas Besonderes. Wenn ich hier mit jenem Betrunkenen liegen würde oder mit dem Hund, wäre das nicht das Gleiche. Meine Betrachtungsweise ist: „Es ist ja mit dir, also ist es etwas Besonderes, es ist Glück und es ist etwas Reines.“

Aber nicht immer treten diese Aspekte zusammen auf. „Es ist Sommer, und das ist für mich Glück.“ Das steht nicht in Verbindung mit der Einschätzung: Ist Sommer nun etwas Reines oder nicht? Aber ist er Glück? Wenn das der Fall ist, dann sollte er auch dann noch Glück sein, wenn es 45 Grad heiß ist; aber das trifft offensichtlich nicht zu. In Bezug auf den Sommer hat die Betrachtungsweise nichts mit rein oder unrein zu tun. Aber wenn wir Sommer für Glück halten, sollte er Glück sein, egal wie heiß es ist. Oft allerdings spielen die hier erwähnten Betrachtungsweisen zusammen, und das sind eigentlich die interessanteren Beispiele, weil es sich dabei meist um die Situationen handelt, die am stärksten emotional besetzt und verstörend und mit der meisten Anhaftung verbunden sind.

Gibt es außer dem Körper noch andere Beispiele für rein und unrein?

Wenn mein Zimmer unordentlich und das Bett nicht gemacht ist, ist das o.k., es ist nicht unsauber. Aber wenn das Zimmer von jemand anderem so aussieht, insbesondere das meiner Kinder, dann ist das verdreckt, und ich bin ziemlich verärgert. Wenn ich meiner Hose eine Woche lang getragen habe, ist das in Ordnung, sie ist noch sauber und ich kann sie nochmal anziehen. Aber die Hose von jemand anderem, der sie eine Woche lang getragen hat, ist schmutzig; die würde ich nicht tragen wollen. Man kann viele Beispiele finden, aber das mag genügen.

Es gibt viele solche Situationen, und oft haben sie etwas mit der nächsten Betrachtungsweise zu tun: Es geht um eine ganz besondere Person. „Wenn mein Liebster das Essen kocht, ist es sauber“, darauf vertrauen wir. Aber wenn jemand anderes kocht, haben wir kein Vertrauen. Vielleicht hat er das Geschirr nicht richtig abgewaschen. Wenn ich den Teller abwasche, halte ich ihn nur unter kaltes Wasser und wische mit dem alten Lappen darüber, der schon den ganzen Monat in Gebrauch ist – das ist sauber. Wenn jemand anderes das macht, ist es dreckig.

Wie wär’s mit: „Wenn ich bei meiner Mutter esse, ist das eine Sache, aber wenn ich bei meiner Schwiegermutter esse, ist das etwas ganz anderes“?

Ja, genau. Dieses Restaurant ist sauber, jenes Restaurant ist verdreckt, permanent, statisch …

Vielleicht stimmt das?

Vielleicht stimmt es dieses Mal, aber ist es statisch, ist es immer so? „Alles, was ich in diesem Restaurant esse, macht mich glücklich.“ Ich finde das echt komisch, weil man es wirklich beobachten kann. Ich gehe in ein bestimmtes Restaurant; ich mag es nicht, wenn es zu viel Auswahl gibt. Wenn es zu viel Auswahl gibt, macht mich das wirklich unglücklich, daher neige ich dazu, in einem Restaurant dasselbe Gericht zu bestellen. Ich habe etwas gefunden, das ich in diesem Restaurant gern esse, und das bestelle ich; doch eines Tages bestelle ich es – und: „Probier mal, da ist zu viel Salz dran.“ Der Koch hatte vergessen, dass es schon gesalzen war und hat es nochmals gesalzen, oder der Koch war krank und jemand anderes hat gekocht. Aber wir haben die Erwartung, dass es beglückend sein wird, in diesem Restaurant zu essen, und zwar immer, und dass sich das nicht ändert.

Normalerweise sind die Situationen wesentlich komplexer, und jeden Tag geschieht etwas anderes, das die Qualität unserer Erfahrung beeinflusst, selbst wenn wir in dasselbe Restaurant gehen. Ist es nicht zu sehr vereinfacht, nur zwischen sauber und unsauber zu unterscheiden, während noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen?

Das ist sehr wahr, aber worum es hier geht bzw. warum wir uns diese Einstellungen anschauen, ist: Wenn wir erwarten, das Restaurant wäre immer dasselbe und immer sauber und das Essen dort immer köstlich und beglückend, dann hängen wir sehr daran: „Ich möchte unbedingt dort hingehen.“ Wir hegen eine starke Hoffnung bzw. Erwartung. Und wenn diese Hoffnung, diese Erwartung nicht erfüllt wird, werden wir sehr ärgerlich und sind enttäuscht und frustriert. Das ist es, was wir vermeiden möchten: das Leiden, das aus diesen Erwartungen herrührt und aus der Einschätzung, dass es immer so wäre, wie es war, immer beglückend usw. Dinge verändern sich. Es stimmt, was Sie sagen – sie verändern sich.

Wenn ich zu Hause große Probleme habe und vorhabe, mich zu betrinken oder irgendwelche Drogen zu nehmen in dem Glauben: „Das wird mich beglücken“ – also bitte, das wird kein Glück sein. Das Problem verschwindet nicht, bloß weil man betrunken oder berauscht von irgendeiner Droge ist. Das wird andere Probleme mit sich bringen – ist es also Glück? Wird es mich tatsächlich glücklicher machen, wenn ich Schokolade esse, weil ich unglücklich bin? Wie lange wird dieses Glück dauern? Was erwarte ich mir davon, wenn ich Schokolade esse?

Es kann helfen – vielleicht, kann sein. Zum Beispiel: „Ich mag gern Schokolade, und wenn ich in einer wirklich miesen Stimmung bin, dann esse ich ein Stück Schokolade, aber: Ich erwarte nicht, dass dadurch ein Wunder geschieht.“ Wenn wir uns klar machen: „Gut, das wird mir möglicherweise ein vorübergehendes Glück verschaffen, vielleicht aber auch nicht“, dann genießen wir es, wenn es klappt, und wenn nicht, dann eben nicht, und machen weiter mit dem, was wir gerade tun.

Das Wesentliche ist: „Übertreiben Sie nicht.“ Wenn wir eine übertriebene Vorstellung haben und etwas projizieren, das völlig unrealistisch ist, so wird das dazu führen, dass wir Probleme bekommen und unglücklich sind. Genau darum geht es im Buddhismus – wie man Leiden loswird. Aber bisher haben wir hier von den groben und offenkundigen Formen dessen gesprochen. Wenn wir zur Erörterung der Leerheit kommen, wird die Untersuchung immer subtiler; aber zuerst müssen wir uns mit diesen gröberen Ebenen befassen.

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