Rat für das Studium der Leerheit

Leerheit ist eines der wichtigsten Themen in den buddhistischen Lehren und eines derjenigen, die am schwierigsten zu verstehen sind. Aber wir brauchen uns nicht vor der Leerheit zu fürchten. Wie Shantideva, der große indische Meister, in seinem Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“ schreibt: Wenn wir überhaupt irgendetwas fürchten müssen, dann ist es unsere Unwissenheit, unseren Mangel an Gewahrsein: das, was uns unsere Probleme verschafft. Wir sollten uns nicht vor dem fürchten, was, wenn wir es verstehen, die Ursachen unserer Probleme beseitigt. Sonst ist es, als würden wir statt unsere Feinden – Diebe, Räuber und Mörder – unsere Leibwächter fürchten. Leerheit ist zwar nicht einfach zu verstehen, doch sie ist etwas ganz Natürliches. Warum sollte sie einfach sein? Wäre sie es, dann würde jeder sie verstehen und niemand hätte mehr Probleme.

Die Notwendigkeit, genügend positive Kraft für das Verständnis der Leerheit aufzubauen

Um Leerheit bzw. die Realität zu verstehen, müssen wir eine enorme Menge an positiver Kraft aufbauen – das wird normalerweise „Verdienst“ genannt. Das kann gar nicht genug betont werden. Positive Kraft wird im Grunde dadurch aufgebaut, dass man es unterlässt, destruktiv zu handeln. Dabei geht es nicht einfach nur darum, beispielsweise nicht zu töten – „Ich gehe ja sowieso nicht fischen oder jagen“. Das ist nicht der Punkt. Worum es geht, ist zum Beispiel, wenn ein Moskito sich auf unserem Arm oder unserem Gesicht niederlassen will, davon abzusehen, ihn zu töten, und eine andere, friedlichere, gewaltlose Art zu finden, mit ihm umzugehen. Das ist natürlich etwas anspruchsvoller, und es baut eine Menge positiver Kraft auf.

Wir bauen auch dadurch eine Menge positive Kraft auf, dass wir uns mit etwas Konstruktivem befassen, etwa Dharma-Vorträge besuchen, über die Lehren nachdenken, meditieren und versuchen, so viel wie möglich zu verstehen. Positive Kraft wird zudem aufgebaut, indem wir anderen helfen, soviel wir können, selbst wenn wir auf unserer Stufe oft nicht genau wissen, was wir tun sollen und was eigentlich von größtem Nutzen sein wird. Überdies ist es erforderlich, mit Hilfe von Reinigungsübungen so viel negative Kraft bzw. negatives Potenzial zu beseitigen, wie wir nur können. All das hilft uns, offener zu sein, und trägt dazu bei, dass unser Geist klarer und verständnisvoller wird. Denn wenn unser Geist verschlossen ist – was normalerweise der Fall ist - oder voller Verwirrung ist oder wenn wir ständig destruktiv handeln, uns nicht in positiven Handlungen üben usw. – wie könnten wir dann etwas verstehen, das wirklich so ausgesprochen schwer verständlich ist wie z.B. die Leerheit?

Auch wenn wir versuchen, den Lehren zuzuhören oder uns damit zu befassen, sie zu verstehen, und einfach loslegen, etwa uns einfach hinsetzen und anfangen, ist es schwer, den Übergang zu einem Zustand herzustellen, in dem wir einen wirklich klaren Geist haben, während er noch ganz und gar mit all dem beschäftigt ist, was gerade vorher oder im Laufe des Tages passiert ist. Aus diesem Grund tun wir es oft den Tibetern gleich und rezitieren das Manjushri-Mantra „OM-A-RA-PA-TSA-NA-DHIH“ und im Anschluss daran die letzte Silbe – so: DHIH-DHIH, DHIH-DHIH, DHIH-DHIH –, mit der starken Zielsetzung bzw. Absicht, dass unser Geist klar wird. Wenn wir etwas fortgeschrittener sind, können wir zu diesem Zweck auch verschiedene Visualisierungen durchführen, indem wir uns bildlich vorstellen, dass unser Geist klar wird. Doch wenn es uns nicht leichtfällt, klar zu visualisieren, hat es keinen Zweck, das auf der anfänglichen Stufe zu forcieren; einfach nur das Mantra zu rezitieren ist schon genug.

Wie gesagt ist all das wirklich notwendig. Und insbesondere wenigstens ein bisschen Bodhichitta zu haben ist ebenfalls außerordentlich hilfreich. Damit hängen viele Punkte zusammen. Zunächst einmal: Wenn wir keine starke Motivation haben, hinter der ein starkes Gefühl steht – „Warum will ich das verstehen?“ und „Was will ich mit diesem Verständnis anfangen?“ –, dann investieren wir nicht so viel Energie, wie wir es mit einer starken Motivation tun würden. Und je offener unser Herz für jeden ist – das schließt nicht nur jeden Menschen mit ein, sondern auch jede Kakerlake, einfach alle – und je offener unser Geist für die Erleuchtung ist – unsere Herzen sind es eigentlich, denn wir streben nach Erleuchtung -, je offener wir also dafür sind, d.h. wirklich im Hinblick auf die Allwissenheit eines Buddha denken, die völlig umfassend ist, und je stärker die Motivation ist, umso offener ist unser Geist dafür, dass wir verstehen. Es geht nicht um eine angespannte, begrenzte Haltung – etwa, indem wir denken: „Oh, ich verstehe das nicht, ich bin zu nichts nütze“ oder indem wir in unseren eigenen Vorstellungen befangen sind, die wir bisher aufrechterhalten haben. Wir müssen uns mit dieser positiven Kraft, diesem Bodhichitta, diesem offenen Herzen, dieser Mantra-Rezitation öffnen, versuchen, klarer und aufgeschlossener zu sein. Das ist es, was uns allmählich die Leerheit verstehen lassen wird – ohne das wird es nicht möglich sein.

Diese positive Kraft wirkt dahingehend, dass sie uns ein immer tieferes Verständnis entwickeln lässt, sodass die Ebenen unseres Verständnisses aufeinander aufbauen und sich miteinander vernetzen; wir sehen dann, wie die Dinge sich zusammenfügen. Ich denke, die Art und Weise, wie die positive Kraft wirkt, können wir mittels einer Analogie aus der Physik verstehen. Wenn wir Eis immer mehr Wärmeenergie zu führen, wird es schließlich einen Punkt erreichen, an dem eine so genannte Phasentransformation stattfindet – es wird zu Wasser. Wenn wir dann noch mehr Wärmeenergie zu führen, wandelt es sich in Dampf. Ähnlich verhält es sich in unserem Kontext: Es kann sein, dass wir ziemlich lange auf einer Stufe verbleiben, aber um zur nächsten überzugehen, müssen wir eine enorme Menge von Energie zuführen, nämlich diese positive Kraft. Dann wird sich unser Geisteskontinuum, unser Verständnis – ganz plötzlich – wandeln: „Ah! Ich verstehe!“

Überdies ist es sehr wichtig, sich nie mit unserer gegenwärtigen Ebene des Verständnisses zufriedenzugeben. Solange wir auf dem Pfad noch nicht sehr weit fortgeschritten sind, haben wir noch nicht vollständig oder tiefgründig genug verstanden. Und wir können sicher sein, dass wir so weit fortgeschritten noch nicht sind. Ganz gleich, wie alt wir sind oder wie viele Jahre wir Dharma studiert haben – wir können unser Verständnis immer noch weiter verbessern und präzisieren, d.h. noch mehr studieren und immer noch tiefer gehen. Denn während unser Geist offener wird und wir unerschrockener werden, wird uns klar, wie wichtig das Verständnis ist, und dann können wir zu immer komplexeren und tiefer greifenden Erklärungen übergehen.

Weitere Erfordernisse

Um auf diese Weise fortzuschreiten, müssen wir völlig überzeugt davon sein, dass es überaus wichtig und unbedingt erforderlich ist, die Leerheit zu verstehen. Und wir brauchen die Überzeugung, dass es sich um etwas handelt, was erkannt werden kann, und zwar vollständig erkannt werden kann. Und wir müssen auch überzeugt sein: „Ich kann das vollständig erkennen, ich bin dazu fähig.“ Wenn wir ein niedriges Selbstwertgefühl haben, was bei vielen von uns hier im Westen der Fall ist, so wird das für uns zu einem großen Hindernis werden, etwas, an dessen Überwindung wir mit Hilfe der Lehren unbedingt arbeiten müssen, z.B. mit Hilfe der Lehren über die Buddha-Natur.

Außerdem werden wir nie wirklich imstande sein, die Leerheit gut zu verstehen oder auch nur etwas darüber zu lernen, wenn wir nicht ein gehöriges Maß an Konzentration haben. Unsere Konzentration muss nicht perfekt sein, aber wenn unser Geist ständig abschweift oder wir dauernd dumpf und schläfrig werden, ist es unmöglich, die Leerheit auch nur kennen zu lernen – etwa, wenn wir nicht einmal ein Buch lesen können, uns dabei nicht einmal auf eine Seite konzentrieren können. Wir stellen also fest, dass eine Menge Vorbereitungen vonnöten sind, wenn wir wirklich aus Samsara herauskommen wollen und auch anderen dazu verhelfen wollen. Wenn wir verstehen, dass das lange dauern wird und wir langsam und Schritt für Schritt fortschreiten müssen, dann werden wir die erforderliche Geduld dafür aufbringen.

So lautet die vorbereitende Erklärung, und sie ist meiner Meinung nach tatsächlich sehr wichtig. Wir müssen realistisch sein im Hinblick auf den buddhistischen Pfad und insbesondere hinsichtlich der Entwicklung von Bodhichitta, was etwas unglaublich Schwieriges und Fortgeschrittenes ist, sowie im Hinblick darauf, Verständnis der Leerheit zu gewinnen. Es ist wichtig, dass wir sehr darauf achten, diese Dinge nicht zu bagatellisieren – „Ach, das ist nicht so wichtig“ – oder sie nur mit Worten abhandeln: „Bla bla bla“ und „Ich mache diese Übungen zum Wohle aller Lebewesen“, was in den meisten Fällen ohne jede Bedeutung bleibt, sondern dass wir sie tatsächlich ernst nehmen.

Wenn Sie Lehren über Leerheit oder Bodhichitta usw. hören, die ganz einfach klingen, seien Sie sich bitte darüber im Klaren, dass sie dann äußerst vereinfacht sind. Es ist notwendig, zuerst Vereinfachungen zu hören, sonst bekommen wir keine klare Vorstellung davon, was es überhaupt ist, das wir dann auf tieferer Ebene zu verstehen versuchen. Die anfängliche Vereinfachung ist unbedingt erforderlich; andernfalls streben wir nur nach irgendetwas Mysteriösem, von dem wir gar keine Vorstellung haben, was es ist, und verlieren bald das Interesse. Oder wir kommen vom Wege ab, weil wir keinerlei Vorstellung davon haben, worauf wir überhaupt abzielen.

Wenn wir komplexere Erklärungen hören als wir gegenwärtig verstehen können, müssen wir eine angemessene Einstellung dazu entwickeln. Die angemessene, hilfreiche Einstellung besteht darin, anzuerkennen: „Nun gut, vielleicht kann ich diese Lehren jetzt nicht verstehen, aber es sind außer mir noch andere hier im Raum anwesend und möglicherweise können sie sie etwas tiefer greifend verstehen.“ Daran freuen wir uns mit: „Das ist Klasse!“ Ein jeder wird die Inhalte auf einer anderen Ebene verstehen, und was immer wir davon verstehen können – prima. Es wird immer irgendetwas geben, das wir nicht verstehen; das ist in Ordnung, das ist die Realität, und wir akzeptieren das. Das bedeutet, realistisch zu sein. 

Ganz wichtig ist es, in solchen Situationen nicht das Gefühl zu haben: „Ich bin dumm“. Das kann leicht passieren; viele Leute geraten in diese Falle und dann ist ihr Geist noch verschlossener, weil sie sich selbst einreden, dass sie dumm sind. Aber wir verstehen vielmehr: „Ich bin noch nicht ganz bereit dafür, ich bin noch nicht auf dieser Stufe, ich stehe noch am Anfang meiner Studien.“ Dann können wir es sehr inspirierend finden, komplexere Erklärungen zu hören, und dass es einige Leute gibt, die sie verstehen, statt uns davon deprimieren zu lassen. Statt missgünstig und neidisch darauf zu sein, werden wir motiviert, uns mehr zu bemühen, damit wir auch etwas mehr verstehen können.

Außer wenn wir ein unglaubliches Ausmaß an positiver Kraft in früheren Leben aufgebaut haben, werden wir die Lehren über die Leerheit nicht begreifen, wenn wir es zum ersten Mal hören. Wir sind nicht ganz auf der Höhe der Erkenntnis, die Seine Heiligkeit der Dalai Lama erreicht hat. Mein Lehrer war einer der Lehrer Seiner Heiligkeit des Dalai Lama; er war in jedem Unterricht zugegen, den Seine Heiligkeit besuchte, und er sagte, dass man ihm etwas stets nur einmal zu erklären brauchte und er verstand es sofort. Aber wir sind noch nicht ganz auf dieser Stufe, oder? Er verstand es nicht nur gleich beim ersten Mal, er behielt es auch im Gedächtnis, nachdem er es nur einmal gehört hatte, und man musste ihm nie etwas nochmals erklären. Er behielt es einfach. Einen solchen Geist zu haben, der dazu fähig ist, erfordert ebenfalls ein enormes Ausmaß an positiver Kraft.

Doch der entscheidende Punkt ist: Wenn er daran gearbeitet hat, diese positive Kraft aufzubauen, können wir das auch tun. Geistige Aktivität ist geistige Aktivität; es ist nichts Spezielles an einem bestimmten Kontinuum geistiger Aktivität. Von Belang ist lediglich das Ausmaß an positiver Kraft, das dahintersteht. Wenn wir diese positive Kraft aufbauen, indem wir uns üben – und das werden wir nur tun, wenn wir die starke Motivation und den Wunsch danach haben, indem wir die Notwendigkeit davon erkennen -, dann wird alles immer leichter, nicht nur in diesem Leben, sondern auch in zukünftigen Leben.

Wenn wir zukünftige Leben ernst nehmen, auch wenn wir nicht genau verstehen, wie dieser Vorgang vonstatten geht oder was die buddhistischen Lehren darüber eigentlich besagen – denn auch das ist sehr schwer zu verstehen –, dann verstärkt sich unser Motivationen noch, wenn wir älter werden und uns dem Seniorenalter nähern. Die Gründe verstärken sich, in unserem Bemühen nicht nachzulassen, sondern die Übung unseres Geistes fortzusetzen, um mehr positive Kraft aufzubauen, uns stärker darin zu üben, gute Gewohnheiten zu schaffen, denn das ist es, was unser nächstes Leben und zukünftige Leben wirklich beeinflussen wird. Wenn wir nicht gerade die Alzheimer-Krankheit oder so etwas in der Art haben, können wir immer noch etwas lernen und weitere Fortschritte machen. Eine meiner Schülerinnen in Berlin ist über 80 Jahre alt, aber sie gibt nicht auf. Sie kommt weiterhin zu den Vorträgen, obwohl sie an zwei Krücken geht und es schwierig für sie ist, hin- und zurückzukommen. Aber sie kommt und sie versucht zu verstehen, und das ist für alle sehr inspirierend. 

Vor allem wenn wir jung sind, haben wir eine Menge Arbeit zu bewältigen – also geben Sie bitte nicht auf. Das Leben ist komplex, und wir sollten nicht denken, dass der buddhistische Weg nicht auch komplex wäre. Lehrer weisen auch darauf hin, dass, wenn wir uns zu einem sehr einfachen und schnellen Pfad hingezogen fühlen, in den wir nicht viel Arbeit investieren müssen, dies eigentlich ein Anzeichen von Faulheit ist.

Die Notwendigkeit von Geduld

Aber lassen Sie uns zu unserem Thema zurückkehren, nämlich der Leerheit. Ich möchte lediglich ein paar allgemeine Dinge dazu aufzeigen, die vielleicht eine Grundlage dafür bilden, wenn wir uns die Aufzeichnung später nochmals anhören, uns damit befassen und tiefer auf die Punkte, die ich ansprechen möchte, eingehen. Ich stelle Ihnen die Inhalte nur vor, und bitte seien Sie geduldig: Was sie beim ersten Hören verstehen können – wunderbar; was sie nicht verstehen – auch gut, denn damit können sie sich alleine und mit einem Lehrer weiter beschäftigen und auf diese Weise immer weiter fortschreiten.

In vielerlei Hinsicht besteht der Zweck davon, Lehrer zu Besuch einzuladen, darin, dass sie ein gewisses Ausmaß anderer Themen vorstellen, es vielleicht auf eine etwas fortgeschrittenere Art oder von einem anderen Gesichtspunkt aus erklären. Und weil die Lehrer, die zu Besuch sind, nur für kurze Zeit bleiben, können sie auf die Punkte nicht so lange und ausführlich eingehen, dass jeder alles begreift, denn die Zeit reicht dafür nicht aus. Ein Lehrer, der zu Besuch ist – oder auch unser eigener Besuch bei Vorträgen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama oder anderen großen Meistern – kann uns nur mit Material versorgen, das wir aufnehmen und mit dem wir uns später befassen. In Berlin unterrichte ich beispielsweise einmal wöchentlich Shantidevas Text „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattva“, dessen neuntes Kapitel von der Leerheit handelt, und wir sind nun schon seit zweieinhalb Jahren mit diesem Kapitel beschäftigt und haben erst ein Drittel davon geschafft. Ich sage das nur, um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, dass es Zeit erfordert, wenn man die Leerheit wirklich verstehen möchte – und ich bin gewiss kein Experte für dieses Thema.

Sprachliche Probleme

Eine weitere Schwierigkeit, die wir berücksichtigen müssen, ist das Sprachproblem. Die Sprache, in der das alles eingehend untersucht wird, nämlich das Sanskrit und Tibetisch der Original-Texte, ist unglaublich präzise in ihrer Begrifflichkeit. Die Begriffe für all die verschiedenen Aspekte der Leerheit werden ganz unterschiedlich definiert, und es ist nicht einfach, dafür Entsprechungen in unseren abendländischen Sprachen zu finden. Aufgrund dessen wird es noch schwerer für uns, vor allem wenn wir auch noch irreführende Übersetzungen verwenden, die auf Ausdrücken beruhen, die sich irgendjemand vor 50 oder 100 Jahren als Übersetzung ausgedacht hat, als noch nicht viel Material zur Verfügung stand, das einem helfen konnte, eine bessere Begriffswahl zu treffen. Und wenn man dann aus dem Englischen, in dem nicht die korrekten oder präzisen Begriffe verwendet sind, weiter ins Spanische übersetzt, wird das Ganze noch verwirrender.

Eine Motivation, die für uns daraus entstehen kann, ist, dass, wenn es uns wirklich ernst damit ist und wir unbedingt ein gutes Verständnis entwickeln wollen, mehr und mehr von uns die Original-Sprachen erlernen müssen. Wenn wir nicht gerade ausgesprochen talentiert für Sprachen sind, ist es nicht unbedingt erforderlich, die gesamte Sprache zu lernen, aber was wir wirklich brauchen, sind die Fachbegriffe. Denn die meisten Übersetzer werden, wenn sie uns einen Gefallen tun wollen, zumindest ein Glossar der Begriffe zur Verfügung stellen, die sie übersetzen. Oder, wie ich es auf meiner Website mache, in jedem Artikel die Originalbegriffe erwähnen, damit man sie finden kann, sodass man weiß, wovon die Rede ist. Auf diese Weise wird einem klar, wovon der jeweilige Autor spricht. 

Denn das größte Problem beim Dharma-Studium im Westen und insbesondere bei der Beschäftigung mit der Leerheit besteht darin, dass die Begriffe in jedem Buch, das man darüber liest, unterschiedlich übersetzt sind, sodass man nicht weiß, wie man die verschiedenen Darstellungen miteinander in Verbindung bringen kann. Der einzige Ausweg besteht darin, die Originalbegriffe zu lernen, sodass man sie nachschlagen kann und erkennt: „Aha! Darum geht es hier also“ – sonst ist die Begriffsverwirrung hoffnungslos. Wenn dann Lehrer zu Besuch kommen, die eine hinreichende Ausbildung haben, können Sie sie im Falle von Unklarheiten fragen, von welchem Begriff sie gerade sprechen. Dieses Sprachproblem ist eine große Schwierigkeit, der wir in den westlichen Ländern gegenüberstehen, stimmt‘s? Und obwohl es mit einer Menge Arbeit verbunden ist, die Begriffe zu lernen, sehe ich keine andere Möglichkeit, um das Problem zu lösen, denn man wird nie alle Übersetzer dazu bringen, sich auf eine übereinstimmende Begrifflichkeit zu einigen.

Leerheit im Kontext der vier edlen Wahrheiten

Nun gut. In unserer Besprechung es immer hilfreich, wie ich schon sagte, die Lehren in einen bestimmten Bezugsrahmen zu stellen, und in diesem Fall hier werden wir sie im Rahmen der vier edlen Wahrheiten erörtern. 

  • Dabei geht es um das alles umfassende Leiden. Es beinhaltet die Tatsache, dass unsere befleckten Aggregate – unser Körper, unser Geist, unsere Emotionen usw. – aus mangelndem Gewahrsein der Realität hervorgehen, stets von diesem Mangel an Gewahrsein begleitet sind, und sich deswegen immer weiter so fortsetzen. 
  • Was ist die Ursache dafür? Die Ursache dafür, dass das, ausgehend von mangelndem Gewahrsein, immer so weitergeht, also dass man sich dessen nicht bewusst ist und es sogar noch weiter fortsetzt, besteht ganz offensichtlich darin, dass man sich der Realität nicht gewahr ist. Das ist die wahre Ursache, und das ist es, was all das andere herbeiführt, das alles umfassende Leiden.
  • Die dritte edle Wahrheit ist die wahre Beendigung. Wahre Beendigung wovon wollen wir erreichen? Wir wollen die wahre Beendigung dieses mangelnden Gewahrseins der Realität erreichen, und wenn die Rede von mangelndem Gewahrsein der Realität ist, geht es um mangelndes Gewahrsein der Leerheit. 
  • Was wird Abhilfe dafür schaffen? Ein Geisteszustand, der ein wahrer Pfad ist. Das ist ein Geisteszustand des Pfades, der diesem mangelnden Gewahrsein für immer ein Ende setzt und damit das wahre Leiden für immer beseitigt. Das ist ein Geisteszustand, der ein wahrer Pfad ist und die Leerheit versteht. 

Wir sehen also, wie es in den vier edlen Wahrheiten, in dem, was der Buddha lehrte, überall um die Leerheit geht, nämlich damit, was geschieht, wenn wir sie nicht verstehen, und was geschieht, wenn wir sie verstehen.

Fehlendes Gewahrsein

Worin besteht dieses mangelnde Gewahrsein? Lassen Sie uns zunächst noch einmal auf unsere „ geistigen Hologramme“ zurückkommen – das war der Ausdruck, den wir benutzt haben, um geistige Aktivität zu beschreiben. Was ist geistige Aktivität? Sie ist das Hervorbringen geistiger Hologramme von Objekten; und Hervorbringen eines geistigen Hologramms ist gleichbedeutend damit, dass man ein Objekt erkennt, indem man es sieht oder hört oder denkt, denn was beim Sehen auf die Zellen unserer Augen trifft, ist eigentlich nur Licht. 

Wir haben festgestellt, dass das Hervorbringen von geistigen Hologrammen das ist, was geistige Aktivität ausmacht. Es gibt kein gesondertes „Ich“, das von diesem Vorgang getrennt wäre, all das „macht“ und dafür eine Maschine namens „Geist“ benutzt, um alles in die Wege zu leiten. Es geschieht einfach. Aufgrund unserer Gewohnheit mangelnden Gewahrseins erzeugt unsere geistige Aktivität geistige Hologramme von etwas, das es nicht gibt – beispielsweise, dass es ein davon getrenntes „Ich“ gäbe, welches dies und jenes sieht oder denkt. Und was so schlimm daran ist, ist, dass es sich auch so anfühlt.

Mangelndes Gewahrsein ist ein störender Geistesfaktor. Erinnern Sie sich daran, dass wir im Zusammenhang mit den Aggregaten über die verschiedenen Geistesfaktoren gesprochen haben, die das Hervorbringen geistiger Hologramme begleiten. Das mangelnde Gewahrsein begleitet das geistige Hologramm; es ist eine bestimmte Art, dieses Hologramm kognitiv aufzufassen. 

Auf einer ersten Ebene kann man das so verstehen, dass es einfach nicht weiß, dass das, was es erfasst, nicht existiert: dass es unmöglich ist und dass es sich nicht auf irgendetwas Reales bezieht. Es weiß darüber einfach nicht Bescheid. Das tiefer gehende Verständnis des mangelnden Gewahrseins – die Art, wie das Prasangika-System, das anspruchsvollste philosophische System, es erklärt – besagt, dass es das Objekt verkehrt erkennt, mit anderen Worten, es auf verkehrte Weise erfasst, die entgegengesetzt zur Realität ist. Anders ausgedrückt: Es hält die irrige Auffassung für real, es meint, sie beziehe sich auf etwas Reales. Es ist nicht einfach nur so, dass es nicht weiß, was unmöglich ist, sondern es hält es für möglich.

Negierungs-Phänomene

Wenn wir es mit Aussagen wie: „das ist nicht real, das ist nicht möglich“ zu tun haben und mit der Erkenntnis dessen – und das ist es, was wir erkennen müssen, wenn wir Leerheit erkennen -, dann haben wir es mit negierenden Phänomenen zu tun. Ich werde das später noch erklären. Erinnern Sie sich daran, dass wir darüber gesprochen haben, was existiert und was nicht existiert. Was existiert, kann gültig erkannt werden; was nicht existiert, könnte zwar erkannt werden, beispielsweise etwas Unmögliches wie etwa Eindringlinge aus der fünften Dimension, aber es kann nicht gültig erkannt werden.

Was existiert und somit gültig erkannt werden kann, kann auf unterschiedliche Weise unterteilt werden. Gestern haben wir über die Unterteilung in statische und nicht-statische Phänomene gesprochen. Doch es gibt noch andere Arten, diesen Kuchen aufzuteilen. Eine weitere Art der Unterteilung dessen, was existiert und gültig erkennbar ist, ist die Einteilung in Phänomene, die Bestätigungen sind, und solche, die Negierungen sind. Wir können uns das so vorstellen, dass der Kuchen waagerecht in „statisch“ und „nicht-statisch“ unterteilt und senkrecht in „Bestätigungen“ (sgrub-pa) und „Negierungen“ (dgag-pa) unterteilt wird.

Wir müssen beachten, dass es hier nicht um positiv und negativ im Sinne von konstruktiv oder destruktiv geht. Darum geht es hier nicht. Ein Beispiel für ein bestätigendes Phänomen ist „ein Glas“, ein Beispiel für ein negierendes Phänomen: „kein Glas“. Ich kann also erkennen: „Das ist ein Glas“, und ich kann erkennen: „Das ist kein Glas“. Das ist gültig erkennbar, nicht wahr? Wir bestätigen bloß, in Form einer Affirmation: „Das ist ein Glas.“ Um das zu erkennen, brauchen wir nichts anderes zu erkennen. Anders im Falle von: „Das ist kein Glas“. Wir müssen erst einmal wissen, was ein Glas ist, bevor wir erkennen können: „Das ist kein Glas.“ 

Wir könnten jetzt eine sehr lange Zeit damit verbringen, darüber zu diskutieren, und das wäre wirklich faszinierend, denn dann würden wir auf all die Überlegungen kommen, wie ein Baby lernt. Ein Baby denkt zunächst, dass man alles essen kann, und steckt alles in den Mund, aber es muss lernen „das ist nichts zum Essen“, stimmt‘s?

Es gibt zwei Arten von negierenden Phänomenen. Die eine ist z.B.: „Dies ist kein Apfel.“ Die zweite ist z.B: „Es gibt keine Äpfel auf dem Tisch.“ In der Fachsprache nenne ich sie gerne „ implizierend“ (ma-yin dgag) und „nicht implizierend“ (med-dgag), aber sie werden auch „bestätigend“ und „nicht bestätigend“ genannt. 

Es ist jetzt nicht nötig, hier auf die fachbegrifflichen Einzelheiten einzugehen. Beides, „ Dies ist kein Apfel“ und „Es sind keine Äpfel da auf dem Tisch“ sind negierende Phänomene, aber sie sind unterschiedlich, nicht wahr? Ersteres lässt, nachdem etwas negiert ist, wie ein Boot in seinem Kielwasser, etwas zurück – wörtlich heißt es: es wirft etwas zurück -, nämlich „dies“. Wohingegen „ Es sind keine Äpfel da“ nichts zurücklässt, nachdem „Äpfel“ negiert wurden. Das ist der Unterschied.

Die zweite Art wird nochmals in zwei Unterarten aufgeteilt: „Es sind keine Äpfel da“ und „Es sind keine Eindringlinge aus der fünften Dimension da.“ Ersteres bedeutet: Es ist etwas nicht da, was jedoch vorhanden sein könnte, nämlich Äpfel. Letzteres bedeutet: Es ist etwas nicht da, was unmöglich ist und niemals da sein könnte. Leerheit gehört zu dieser zweiten Art von negierenden Phänomene: Sie ist die völlige Abwesenheit von etwas. Ein reales Objekt, auf das sich das geistige Hologramm bezieht, ist in diesem Fall nicht vorhanden: so etwas gibt es nicht. 

Ein Kind kann ein geistiges Hologramm von einem Monster unter dem Bett haben, und so etwas gibt es nicht; das geistige Hologramm bezieht sich nicht auf etwas Reales. Es beruht nicht darauf, dass man tatsächlich ein Monster unter dem Bett gesehen oder gehört hat und der Geist dann ein geistiges Hologramm hervorgebracht hat. So ist es nicht. Es entspringt nur der Angst des Kindes, es ergibt sich nicht aus einem Monster unter dem Bett.

Unsere geistigen Hologramme von unmöglichen Existenzweisen und unmöglichen Dingen sind lediglich ein Erzeugnis unseres mangelnden Gewahrseins, genauer gesagt, der Gewohnheiten unseres mangelnden Gewahrseins. Sie stammen nicht daher, dass diese Dinge tatsächlich existieren, wie in dem Fall, dass wir sie sehen und dann ein geistiges Hologramm davon entsteht. Aufgrund einer Gewohnheit von Paranoia z.B. projiziert der Geist mentale Hologramme davon, dass alle gegen uns sind. Aber das kann nicht sein. Vielleicht haben ein oder zwei Menschen etwas gegen uns, aber nicht alle, die je existiert haben. Doch die Person mit der Paranoia empfindet das so und glaubt es auch. Für diese Person ist das real. Aber es ist nicht real. Die Wahrnehmung dieses geistigen Hologramms von etwas Unmöglichem bringt sie aus der Fassung, aber es bezieht sich nicht auf irgendetwas Reales. – Diese Beschreibung ist wirklich arg vereinfacht. Aber es ist eine hilfreiche Vereinfachung, zu sagen, dass es bei der Leerheit darum geht, dass wir etwas Unmögliches projizieren und dass dies in Wirklichkeit bloß Projektionen sind. Sie beziehen sich nicht auf etwas Reales.

Um zu erkennen: „Dies ist kein Apfel“, mussten wir wissen, was ein „Apfel“ ist. Um zu erkennen: „ So etwas wie dieses unmögliche Ding gibt es nicht“, müssen wir wissen, was „dieses unmögliche Ding“ ist. Aber etwas Unmögliches können wir nicht gültig erkennen, weil es nicht existiert. Wie können wir also etwas Unmögliches gültig erkennen, um zu erkennen, dass es so etwas nicht gibt? Was man gültig erkennen kann, ist die Erscheinung von etwas Unmöglichem, aber nicht das unmögliche Ding selbst. Deswegen betonte Tsongkhapa, auf den die Gelug-Tradition zurückgeht, mit so viel Nachdruck, dass man das so genannte „Objekt, das zu widerlegen ist“ erkennen muss, bzw. erkennen muss, was verneint wird, um zu erkennen, „dass es so etwas nicht gibt“. Wenn man nicht korrekt identifizieren kann, was es eigentlich ist, das unmöglich ist, wird man die Projektion nie loswerden.

Verschiedene Ebenen von unmöglichen Existenzweisen

Was die Erscheinungen dessen, was unmöglich ist, betrifft, haben wir Projektionen einer Vielzahl verschiedener Ebenen dessen, was unmöglich ist. Es handelt sich nicht nur um die Projektion eines einzigen unmöglichen Dinges. Im Hinblick darauf ist es äußerst hilfreich, die buddhistischen philosophischen Standpunkte – die Lehrsysteme – zu studieren, weil sie uns helfen, Stück für Stück zu verstehen, was unmöglich ist. 

Zuerst wird die gröbste Ebene dessen erklärt. Sobald man diese beseitigen kann, wird die subtilere Ebene der Projektion von etwas Unmöglichem präsentiert. So werden die Erklärungen immer subtiler, während man der Reihe nach die Standpunkte dieser philosophischen Schulen nachvollzieht, sodass man schließlich auch die subtilste Projektion von etwas, das unmöglich ist, loswerden kann. Man kann sich diesen Prozess in Form von mehreren Ebenen der Projektion vorstellen. Erst wenn man, sagen wir, die erste Ebene der Projektion eliminiert hat, wird einem klar, was noch übrig ist. Dann kann man die nächste Ebene der Projektion abstreifen. Ohne diesen Prozess zu durchlaufen ist es wirklich überaus schwierig. 

Wenn man sich gleich mit der tiefsten Ebene von Projektion und deren Negierung befasst, passiert es oft, dass es sich trivial anhört. „Wo ist das Selbst? Befindet es sich in Ihrer Nase, in der Achselhöhle, sitzt es in Ihren Beinen, in Ihrem Magen? Man kann das Selbst nicht finden“ – na großartig! Das ist banal. Es wirkt banal, weil wir nicht all die einzelnen Schritte nachvollzogen und dabei gesehen habe, worum es geht. 

Es ist so ähnlich, wie wenn wir im Winter von draußen aus der Kälte hereinkommen und unsere Kleider ablegen wollen: Zuerst muss man den Mantel ausziehen, dann den Pullover, dann das Hemd und schließlich die Unterwäsche. Man kann nicht nur die Unterwäsche ausziehen. Ich glaube, das ist ein hilfreiches Bild, um uns vor Augen zu führen, wie wichtig es ist – denn es erfordert Geduld und eine lange Zeit -, jedes dieser Systeme durchzugehen und wirklich zu verstehen, wovon da die Rede ist, denn jedes davon ist kompliziert und tiefgründig.

Wir lesen alle möglichen Bücher, die übersetzt worden sind und in denen die Leerheit von der tiefsten Ebene, dem Prasangika-Standpunkt, aus erklärt wird. Nun, an wen richten sich diese Texte? Sie sind für Mönche gedacht, die schon lange Zeit studiert haben. Sie sind für die Leser nicht als erste Einführung in die Leerheit gedacht – das müssen wir begreifen. Tibeter studieren sie in ihrer Schulung nicht als erstes. Sie haben schon viele Jahre studiert, bevor sie diese Materialien in Angriff nehmen – sie haben zuvor nicht bloß Lamrim und solche Themen gelernt, wie wir sie studieren, sondern erheblich schwierigere Inhalte. Es ist zwar ein langer Prozess, aber es ist hilfreich, mit der so genannten einfachen Erklärung der ersten Schule philosophischer Lehrsysteme anzufangen und wirklich zu versuchen, das, was darin gesagt wird, zu verdauen.

Das Beispiel des Vaibhashika

Wie Shantideva sagt: Wenn wir etwas auf einfacher Ebene verstehen können, können wir das als Muster verwenden und dann tiefer und tiefer gehen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Die erste philosophische Schule, die wir studieren, heißt Vaibhashika. Sie zeigt auf, dass es im Grunde zwei Arten wahrer Phänomene gibt. Es gibt Dinge, die fest und stabil zu sein scheinen, und es gibt die Atome, aus denen sie bestehen. Beides ist zutreffend, aber wenn man tiefgreifend und nicht nur vordergründig darüber nachdenkt, stellt sich heraus, dass eine der beiden Wahrheiten – genannt „die zwei wahren Phänomene“ – oberflächlich ist. Oberflächlich ist, dass alles fest und stabil ist, aber das zutiefst wahre Phänomenen sind die Atome. Beides ist gleichermaßen wahr, aber eines ist ein tiefer gehender Gesichtspunkt.

Wenn wir es recht überlegen: „Der Stuhl ist eine Ansammlung von Atomen und mein Körper ist eine Ansammlung von Atomen, also Energiefelder und größtenteils leerer Raum, und trotzdem falle ich nicht durch den Stuhl auf den Fußboden.“ Wenn wir uns klarmachen, was das bedeutet, so sind die Implikationen wirklich außergewöhnlich. 

Davon ausgehend können wir das Muster einer Illusion erkennen. „Es ist eine Illusion, dass der Stuhl und mein Körper etwas Festes sind. Sie erscheinen als etwas Festes, aber das ist noch nicht alles. Tatsächlich sind sie Ansammlungen von Atomen, also handelt es sich um eine Illusion.“ Aber jetzt müssen wir noch den wichtigsten Satz hinzufügen, nämlich: „Trotzdem bleibt die Funktion erhalten, ich falle nicht durch den Stuhl.“ Wenn wir das wirklich verdauen können, nicht bloß sagen „Na klar“, sondern wirklich darüber nachdenken und dieses Wissen einsetzen; wenn wir ohne auszuflippen akzeptieren können, dass die Dinge wie Illusionen sind, weil sie etwas Festes zu sein scheinen, aber nicht sind, und trotzdem funktionieren – wenn wir damit klarkommen und entsprechend mit dem Leben umgehen, dann sind wir so weit, dass wir zur nächsten Stufe, der Ebene einer subtileren Illusion, weitergehen können.

Dieselbe Erkenntnis gilt auch für „meine Stimmung“. „Meine Stimmung erscheint so, als wäre sie etwas Festes, aber eigentlich ist sie eine Ansammlung winzig kleiner Momente, von denen alle verschieden sind. Sie ist also wie eine Illusion und trotzdem hat mir diese schlechte Stimmung den Tag vermasselt.“ 

Bei der Sprache ist es noch erstaunlicher, wie sie funktioniert, denn das, was in jedem Moment stattfindet, ist nichts als ein winziger Teil vom Klang des Buchstabens eines Wortes. Das ist alles, was wir je in einem Moment hören. Im nächsten Moment existiert es nicht mehr. Und nichtsdestotrotz scheint es doch so, als wären die Worte und Sätze, die wir sprechen und die andere sprechen, etwas Festes und Reales, nicht wahr? Das ist wie eine Illusion, und dennoch können wir kommunizieren. 

Denken Sie also bitte nicht über die Vaibhashikas: „Diese erste philosophische Schule ist ja so simpel“, „Ach, das können wir überspringen, das ist doch Kinderkram.“ Sie beinhaltet eine unglaublich profunde Einsicht in die Welt, die wahr ist, und es dauert lange, das wirklich innerlich zu verarbeiten und in der Lage zu sein, das tatsächlich in unserem Leben zu sehen und damit umzugehen. Ich meine, natürlich können wir das lernen wie andere Lehrsysteme auch, das ist nicht das Problem, – aber nur wenn wir es wirklich verdaut haben, sind wir emotional so weit, dass wir zur nächsten Stufe fortschreiten und die nächste Projektion ablegen können.

Das Verständnis von „Alles ist wie eine Illusion, aber nichtsdestotrotz funktioniert es“ ist vergleichbar mit einer Leiter. Wenn wir die Bedeutung auf der ersten Sprosse der Leiter verstehen können, sind wir so weit, dass wir die nächste Sprosse erklimmen können. Oder, kurz gesagt, man muss diese Leiter mit der ersten Sprosse zu erklimmen beginnen, weil die anderen zu schwierig sind. Verständlich?

Dann können wir hier erst einmal aufhören und vielleicht etwas Zeit für Fragen einräumen.

Fragen

Ist die Projektion, die ein kleines Kind von dem Monster unter dem Bett hervorbringt, dasselbe Phänomen, das wir als Erwachsene mit unseren neurotischen Projektionen hervorbringen, oder nicht? Wir lieben jemanden oder wir hassen jemanden – ist das dieselbe Art von Prozess? Ich meine, als Erwachsener sind wir ja lange Zeit konditioniert worden, wohingegen ein Kind nicht so konditioniert ist wie wir. Aber handelt es sich um dieselbe Art von Phänomen oder nicht?

Es ist dieselbe Art von Phänomen. Es handelt sich um etwas, das automatisch auftritt; man braucht dem Kind nicht beizubringen, „ein Monster unter dem Bett“ zu projizieren. Auf einer einfachen Ebene können wir sagen, wir übertreiben. Aber was wir tun, ist, etwas hinzuzufügen, was nicht da ist. Wut übertreibt die negativen Qualitäten von jemandem, sodass er dann zu etwas Abscheulichem wird: „Du hast das zu mir gesagt“ – als würde man damit sagen: „Vergiss alles andere in unserer Beziehung; du hast das zu mir gesagt.“ Wir übertreiben die Wichtigkeit dessen und werden wütend. Wir vergessen dabei die Gesamtbeziehung zu dieser Person.

Oder: „Uh, du hast mich mit diesem besonderen Blick angesehen!“ Und dann übertreiben wir das und fühlen uns nun ganz und gar zu dieser Person hingezogen usw.; wir übertreiben etwas Positives. Und mit mangelndem Gewahrsein sind wir uns dann entweder nicht bewusst, dass dieses überdimensionierte geistige Hologramm nicht der Wirklichkeit entspricht, wir wissen einfach nicht, dass dies nicht wirklich die Realität dessen ist, was die Person ist, oder wir nehmen sogar das Gegenteil an: „Ja! Diese Person ist die zauberhafteste auf der ganzen Welt“ oder „die Schlimmste auf der Welt“. In Wirklichkeit ist es einfach eine Person, die etwas gesagt hat, sonst nichts. Ihre Kultur kann natürlich Übertreibungen fördern.

In jenem Beispiel mit dem Ablegen der Kleidungsstücke, wenn wir nach Hause kommen, hieß es, dass wir nicht mit der Unterwäsche anfangen können. Aber haben diese Lehrsysteme das Ziel, unsere eigenen Ebenen von Projektion zu beseitigen? Zielen die verschiedenen Lehrsysteme darauf ab, uns stufenweise Schritte zu bieten, über die wir die verschiedenen Ebenen unserer eigenen Projektionen loswerden können?

Das ist die Art, wie die Tibeter die Lehrsysteme verstehen, ja. Historisch hat sich allerdings eines nach dem anderen entwickelt, oft an verschiedenen Orten, aber dennoch hat man in Indien an den späteren Klosteruniversitäten bereits begonnen, sie zusammen zu studieren, und die Tibeter sehen sie wirklich als einen abgestuften Weg an. Einige präsentieren sie nur, das muss man zur Kenntnis nehmen. Aber die Absicht ist eigentlich, dass sie einen abgestuften Weg ausmachen; so ist das in den tibetischen Lehren gemeint.

Doch ursprünglich gab es Menschen und Schulen, die nur einem dieser Lehrsysteme folgten, und auf diese Weise wurde es nach China übertragen. Außerdem heißt es – und das ist wichtig -, dass die tiefgründigste, umfassendste Schule nicht unbedingt diejenige ist, die für eine bestimmte Person am meisten geeignet ist. Ich meine, am Ende mag das schließlich der Fall sein, aber wir müssen erkennen: „Vielleicht ist diese Schule, diese Erklärung passend für mich, sie genügt mir und das ist alles, was ich momentan bewältigen kann.“ Das ist in Ordnung, insbesondere, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass es noch tiefer gehende Ebenen gibt. Sie sind alle von großem Nutzen – darauf kommt es an, und wir können auf jeder Ebene große Fortschritte machen. Wir können sie zwar alle studieren, aber wichtig ist auch, sich nicht allzu sehr anzutreiben in Hinsicht darauf, was wir emotional tatsächlich bewältigen können.

Auch wenn man die Prasangika-Texte liest und darin die absurden Schlussfolgerungen aufgezeigt werden, die sich aus den Ansichten der anderen Schulen ergeben, so sagte mein Lehrer, Serkong Rinpoche, doch immer: „Denken Sie ja nicht auch nur für einen Augenblick, diese anderen Schulen wären dumm. Wenn Sie so denken, ist das nur ein Zeichen Ihrer eigenen Arroganz. Buddha hat sie gelehrt, und er lehrte sie, um den Menschen zu helfen.

Wenn wir unter Druck stehen und sehr schnell eine Projektion nach der anderen vornehmen, sodass eine die andere überdeckt, dann können wir nicht anders, nicht wahr? Was können wir tun, um wenigstens den Zug anzuhalten, dass immer noch mehr Projektionen hervorgebracht werden?

Nun, wissen Sie, es gibt vorläufige Maßnahmen, die wir ergreifen können, und so genannte endgültige Maßnahmen. Die Leerheit zu verstehen und dieses Verständnis anzuwenden ist eine endgültige Maßnahme. Aber wie ich bereits erklärt habe brauchen wir ein enormes Ausmaß an Vorbereitung – positive Kraft, Konzentration usw. -, um das anwenden zu können. Zuvor wenden wir vorläufige Maßnahmen an. Die einfachste davon ist, sich auf den Atem zu konzentrieren. Warum? Weil der Atem uns wieder mit dem Körper verbindet und regelmäßig ist. Er mag vielleicht nicht vollkommen gleichmäßig sein, aber er kommt und geht einigermaßen konstant und regelmäßig, und uns darauf zu konzentrieren, hält uns davon ab, uns in all den geistigen Vorgängen zu verlieren, die ablaufen. Es erdet uns. Das wird normalerweise als grundlegendste vorläufige Maßnahme empfohlen. Es wird nicht das Problem lösen und verhindern, dass es je wieder auftritt, aber es hilft uns, zur Ruhe zu kommen, und das ist notwendig.

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