Interview mit Mingyur Rinpoche

Study Buddhism besuchte Yongey Mingyur Rinpoche während seinen Belehrungen in Palpung Changchub Dargyeling in Wales, um etwas über die Kraft des Geistes zu erfahren, sowie über die Anwendung von Gewahrsein im täglichen Leben und die kraftvollen Methoden zum Überwinden von Ängsten und niedrigem Selbstwertgefühl.
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Ich werde vom Dharma-Künstler Tashi Mannox durch die wunderschönen Täler von Wales gefahren, auf schmalen Landstraßen, vorbei an wilden Pferden und unzähligen Schafen. Wir befinden uns auf unserem Weg nach Palpung Changchub Dargyeling, einem Dharmazentrum in der Karma-Kagyü-Tradition, welches sich vor der Haustür des atemberaubenden Brecon Beacons Nationalparks befindet, um einen angesehenen Meditationsmeister zu treffen: Yongey Mingyur Rinpoche.

Yongey Mingyur Rinpoche ist der Sohn von Tulku Urgyen Rinpoche, der als einer der größten Dzogchen-Meister seiner Zeit gilt. Schon im Kindesalter fühlte sich Mingyur Rinpoche mit einem Leben der Kontemplation verbunden und meditierte oft in Höhlen, die sein Dorf an der Grenze von Nepal und Tibet umgaben. Im Jungendalter hatte er bereits mehrere traditionelle Meditationsretreats abgeschlossen. Während einem Dreijahres-Retreat im Alter von 13 Jahren überwand er die Panikattacken, die ihn seit seiner Kindheit plagten. Im Jahr 2011 verlies Mingyur Rinpoche sein Kloster in Bodh Gaya und verbrachte über 4 Jahre als wandernder Yogi, der durch den Himalaya zog.

Yongey Mingyur Rinpoche gibt Belehrungen, Bild von Facebook/mingyur.rinpoche

Mingyur Rinpoche ist der Abt des Tergar Osel Ling Klosters in Kathmandu, Nepal, sowie des Tergar Rigzin Khachö Targyé Ling Klosters in Bodh Gaya, Indien. Zusätzlich zu seiner umfangreichen Basis in Meditation und buddhistischer Philosophie, hatte er Zeit seines Lebens ein Interesse an Psychologie und Wissenschaft, und ist ein Berater des „Mind and Life Institutes“, der an laufenden Studien der neuralen und physiologischen Auswirkung der Meditation teilnimmt.

Heutzutage ist er viel auf Reisen, erzählt seine Geschichte und hilft Menschen, ihre Probleme mit der Magie der Meditation zu überwinden.

Study Buddhism: Als ein Kind litten sie unter ernsthaften Ängsten und Panikattacken. Im Westen werden Panikattacken oft mit Tabletten bekämpft, aber sie entschieden sich, sie durch Meditation zu besiegen. Könnten Sie ihre Erfahrungen mit Ängsten und wie Sie sie überwunden haben mit uns teilen?  

Mingyur Rinpoche: Als ich jung war, hatte ich ständig Gefühle der Panik. Ich versuchte so viele Dinge, um von meiner Panik auf eigene Weise frei zu werden, aber nichts half. Dann fragte ich meinen Vater, mir Meditation beizubringen. Er sagte mir: „Versuche nicht, sie zu verhindern oder loszuwerden und versuche nicht, dass sie sich dir geschlagen gibt. Lass deine Panik einfach da sein und verbinde dich mit deinem Gewahrsein.“

Ich habe mich dann zunächst durch meinen Atem mit meinem Gewahrsein verbunden, mit dem Wissen ein- und auszuatmen. Langsam habe ich dann mein Gewahrsein mit meinem Körper verbunden, den Empfindungen innerhalb des Körpers von Kopf bis Fuß. Die Natur der Empfindung ist Wissen, welches Gewahrsein ist. Mit diesem Gewahrsein sind schlechte Empfindungen in Ordnung und gute Empfindungen sind ebenfalls in Ordnung.

Fühle ich Panik, habe ich eine Empfindung. Betrachte ich die Empfindung, ist die Panik nicht mehr so verfestigt. Sie ist wie ein Baumstamm, der im Ozean schwimmt. Der Ozean ist das Gewahrsein, der Baumstamm die Panik.

Mein Vater sagte mir, es gäbe zwei wichtige Ursachen der Panik. Eine ist Abneigung – ich habe panische Angst davor, in Panik zu geraten: ich mag meine Panik nicht! Die Zweite ist Begehren – das Begehren, frei von dieser Panik zu sein. Diese Zwei sind wie ein Gaspedal und eine Bremse. Fährt man mit einem Auto, braucht man ein Gaspedal und eine Bremse. Ohne dies Zwei kann man nicht fahren.

Hinter all den Ängsten stecken diese zwei Dinge. Mein Vater sagte: „Versuche nicht, die Panik zu blockieren. Begrüße sie einfach, lass sie da sein und verbinde dich mit Gewahrsein.“ Das tat ich und es hat wirklich geholfen. Doch nach wie vor hatte ich die Gewohnheit zu versuchen, meine Panik loszuwerden.

Mit 13 Jahren ging ich dann in einen langen Retreat. Ich dachte, wenn ich in ein Retreat gehe, wird meine Faulheit nicht zum Vorschein kommen, denn als ich jung war, gab es natürlich Faulheit in mir. Ich mochte die Vorstellung von Meditation, aber nicht die Praxis der Meditation! Ich ging also in den Retreat und meine Faulheit folgte mir – ganz überraschend! Und nicht nur das, meine Faulheit und die Panik wurden gute Freunde und meine Panik wurde noch schlimmer. Dann dachte ich: „Gut, von nun an werde ich nicht versuchen, meine Panik loszuwerden, sondern lernen, mit ihr zu leben. Mein ganzes Leben ist in Ordnung, auch wenn es da Panik gibt. Ich werde sie als einen Lehrer nutzen, als eine Stütze für mein Gewahrsein.“

Das tat ich. Ich nutzte meine Panik als eine Stütze für mein Gewahrsein. Das heißt, wenn die Panik kommt, bin ich mir gewahr über das Gefühl der Panik. Dann kann ich Gewahrsein sehen. Die Essenz der Panik ist im Grunde Wissen. Wissen ist Gewahrsein. Das tat ich und nach ein paar Tagen hatte ich diese Symptome: mein Herz bebte, ich hatte dort ein Gefühl der Anspannung, mir war schwindelig, aber ich war ziemlich glücklich. Wenn die Panik kam, empfand ich eine Art der Aufregung und Freude: gut, wunderbar! Schließlich wurde die Panik mein Freund, mein Lehrer. Ein paar Wochen später passierte etwas: meine Panik verschwand! 

In unserem Leben haben wir zahlreiche Herausforderungen, Probleme, Hindernisse, viele Dinge. Ich nutze das Problem oder Hindernis als eine Stütze für das Gewahrsein, als eine Stütze für Liebe und Mitgefühl. Fühle ich beispielsweise Panik hochkommen, meditiere ich über meinen Atem. Ich atme ein und atme aus. Ich meditiere über die Panik. Wenn die Panik kommt, gibt es viele Empfindungen in unserem Körper. Wir sind uns dieser Empfindungen gewahr. Konfrontieren wir uns mit der Panik und sind uns über die Empfindungen gewahr, sind die Empfindungen nicht mehr beängstigend.

Wenn wir zum Beispiel den Fluss sehen, heißt das, wir befinden uns außerhalb des Flusses. Sehen wir also die Panik, befinden wir uns nicht mehr in der Panik. Dennoch fließt der Fluss weiter und die Panik geht vielleicht weiter, aber das ist in Ordnung. Es ist aufregend und wird gegebenenfalls zu einer Ursache, Gewahrsein zu bewahren. Dann entwickeln wir Gewahrsein und dieses Gewahrsein ist größer als die Panik.

Natürlich sagen manche Menschen: „Der Geist besteht nur aus chemischen Bestandteilen und Neuronen. Stimmt etwas nicht mit der Chemie, nehme ich einfach eine Medizin, um das Problem zu beheben. Was können wir dazu sagen? Viele Wissenschaftler forschen heutzutage und natürlich können wir Medikamente nehmen.

In der meditativen Tradition glauben wir, dass Körper und Geist sich gegenseitig stützen. Der Körper ist wie ein Pferd und der Geist ist wie der Reiter. Medikamente zu nehmen hilft also. Haben wir aber Probleme und nehmen Medikamente, hilft uns das nur vorübergehend. Das Problem wird wieder zurückkommen.

Arbeiten wir aber wirklich mit unserem Geist und meditieren, werden unsere geistigen Probleme dadurch geheilt werden und nie wieder zurückkommen. Diese Heilung ist anhaltend. Es ist eine wahre Heilmethode.

Yongey Mingyur Rinpoche in der Natur meditierend, Bild von Facebook/mingyur.rinpoche
Ihre Geschichte ist so interessant und ich bin mir sicher, dass viele Menschen einen Bezug dazu finden können. Aber die Weise, wie Sie mit Ihrer Panik umgegangen sind, indem Sie sich mit ihr angefreundet haben, geht völlig gegen alles, was wir von Natur aus machen würden. Heutzutage gibt es so viele Menschen, die neben Ängsten und Panikattacken auch unter niedrigem Selbstwertgefühl leiden, was sich durch unrealistische Lebenserwartungen, wie sie in den sozialen Medien von Meinungsbildnern festgelegt werden, noch verschärft. Was wäre das Gegenmittel für diese Arten von Problemen mit dem Selbstwertgefühl?

Das ist wahr. Heutzutage haben viele Leute Probleme mit dem Selbstwertgefühl und Ängste. Meiner Meinung nach gibt es zwei Gegenmittel, die hier wichtig sind: Wertschätzung und Dankbarkeit. 

Als ich jung war, sagte mir mein Vater, dass jeder eine grundlegende angeborene Güte und Potenzial hat. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit meinem Vater auf einem Berg in Kathmandu in einer Einsiedelei war, wo er einen kleinen Raum mit einem riesigen Fenster hatte. Von dem Fenster konnte man ein Nonnenkloster sehen, in dem es viele Hunde gab. Auf der anderen Seite des Zimmers gab es einen hübschen Altar mit einem wunderschönen Bild Buddhas.

Eines Tages sahen wir aus dem Fenster uns bemerkten dort unten viele Hunde, und mein Vater sagte: „Sie haben eine grundlegende angeborene Güte.“ Er sagte, die Natur der Hunde, meine Natur und die Natur des wunderschönen Buddhas wären gleich.

Zuerst dachte ich: „Hmm, meine Natur und die Natur der Hunde mögen dasselbe sein, aber könnte meine Natur der des Buddhas gleichen? Das glaube ich nicht!“ Ich dachte, mein Vater benutzte einfach nur schöne Worte, um mich glücklich zu machen.

Schließlich erhielt ich eine Menge Belehrungen und versuchte, diese Buddha-Natur zu würdigen und zu erkennen. Es gab so viele Dinge, die ich in mir selbst entdeckte. Es war erstaunlich!

Zahlreiche Wissenschaftler sagen auch, dass wir, wenn wir zehn Eigenschaften in uns haben, von denen neun positiv und eine negativ ist, sehen wir normalerweise nur die eine negative, dramatisieren sie und übersehen die neun positiven Eigenschaften in uns. Mein Ratschlag ist also, jeden Tag Tagebuch zu führen und fünf Dinge aufzuschreiben, die man in seinem Leben schätzt. Es geht um ganz einfache Dinge, wie: 

„Ich atme, wie wunderbar!“

„Ich bekomme ein schönes Essen, großartig!“

„Ich habe Familie und Freunde, phantastisch!“ 

Jeden Tag schreiben wir einfach nur fünf Dinge auf. Ich denke, das hilft wirklich, eine Wertschätzung für unser Leben zu haben.

Sie meinen also, diese Erkenntnis, die Sie hatten, dass unsere wahre Natur und die wahre Natur eines Hundes und die des Buddhas von der gleichen Essenz sind, kann jenen von uns tatsächlich helfen, die Probleme mit dem Selbstwertgefühl haben? Geht es darum, die Realität und unser wahres Potenzial in einem anderen Licht zu sehen?

Was ist die Realität und was ist unsere wahre Natur? Diese zwei gehören im Grunde zusammen. Die eigentliche Realität ist das, was wir als unsere wahre Natur bezeichnen. Wir alle sind grundsätzlich gut. Jeder hat Gewahrsein, welches frei, echt, friedlich und rein ist. Und nicht nur das, wir haben auch Liebe und Mitgefühl. Da gibt es Weisheit, Fertigkeiten, Talente, so viele Dinge in uns. Jeder von uns ist einzigartig und wir können fast alles tun, was wir wollen, weil es in uns so viel Potenzial gibt.

Aber das Problem ist, dass wir es nicht erkennen. Wir wissen nicht, wie wir uns mit unserem Potenzial oder grundlegenden angeborenen Güte in uns verbinden können. Das ist die Realität. Wie verbinden wir uns mit unserer wahren Natur? Durch Erkennen. In der Tradition der Meditation wird uns beigebracht, wie wir uns mit ihr in Verbindung setzen können. Wie können wir uns beispielsweise mit unserem Gewahrsein verbinden? Wir beginnen mit dem Atem, wir kennen unseren Atem – Gewahrsein bedeutet hier Kennen, reines Erkennen – und dieses reine Erkennen kann mit oder ohne Gedanken stattfinden, mit guten Gedanken, schlechten Gedanken, positiven Emotionen, negativen Emotionen. Nichts davon kann unser Gewahrsein verändern.

Es mag ein schwerer Sturm in der Luft liegen, aber das verändert die Natur der Luft oder des Raumes nicht. Ein blauer Himmel mit einer strahlenden Sonne verändert auch nicht die Natur des Raumes und macht sie nicht besser. Ein blauer Himmel mit strahlender Sonne ist wie eine positive Emotion oder ein positiver Gedanke und der Sturm ist wie eine negative Emotion oder ein negativer Gedanke. Normalerweise verlieren wir uns in den Wolken oder im Sturm. Würden wir jedoch wissen, wie wir uns mit dem Gewahrsein selbst verbinden könnten, wäre das von großem Nutzen.

Als ich jung war, hatte ich viele Stürme oder äußerst starke Panik und verlor mich stets darin. Als ich jedoch lernte, mich mit dem Gewahrsein selbst zu verbinden, erlaubte ich der Panik, einfach in dem Gewahrsein zu sein. Ich hatte also Panik, aber trotz allem hatte ich Gewahrsein. Für mich war das Gewahrsein mehr als die Panik, mehr als die Emotionen. Und nicht nur das, es gab auch Liebe und Mitgefühl. Wir alle haben diese Liebe und dieses Mitgefühl 24 Stunden am Tag, aber wir erkennen sie nicht. Wir verfügen auch 24 Stunden am Tag über Weisheit. Es geht lediglich darum zu wissen, wie wir uns mit ihnen verbinden. Es ist nicht notwendig, irgendetwas zu machen. Es ist einfach da, wir müssen es nur erkennen.

Anfangs war der Buddha wie wir, ein ganz normaler Mensch, voller Verwirrung und Leiden. Doch Buddha begann, seine wahre Natur, die wir als „Buddha-Natur“ bezeichnen, zu erkennen. Wir glauben, sie ist die Essenz von uns allen, rein, frei und bereits erleuchtet. Doch wir müssen sie erkennen.

Der Buddha erkannte sie durch Gewahrsein, Mitgefühl und Weisheit. Erkennen wir unsere angeborene Güte, können sich all die erleuchteten Qualitäten manifestieren: grenzenlose Weisheit, grenzenlose Liebe, grenzenloses Mitgefühl, grenzenlose erleuchtete Aktivitäten. Das ist es, was wir als einen Buddha bezeichnen und diesen Zustand nennen wir Erleuchtung.

Ich weiß, dass viele Ängste und Probleme mit dem Selbstwertgefühl durch einen Wunsch, erfolgreich zu sein, entstehen. Soziale Medien, die für gewöhnlich nur die positiven und schönen Teile des Lebens zeigen, zwingen uns in Wirklichkeit eine verzerrte Wahrnehmung von Erfolg auf. Was ist für uns ein erfolgreiches Leben?

Was bedeutet es denn, erfolgreich zu sein? Es hängt davon ab, was wir erwarten und was für uns die Bedeutung von Erfolg ist.

Es könnte sein, dass Erfolg für manche Leute mit materiellen Objekten verbunden ist. Für manche könnte es Frieden sein, für andere nur ihre Interessen und für einige Leute heißt es, lediglich einfache Dinge zu haben.

Für mich ist die wichtigste Bedeutung von Erfolg, dass etwas sinnvoll ist. Etwas, dass ein Nutzen für alle oder für andere ist, was mit dem eigenen Herzen, mit dem inneren Selbst verbunden ist, was Liebe, Mitgefühl, Weisheit, Gewahrsein ist. Es ist etwas, das in uns keinen Konflikt darstellt, wenn wir es tun, und so fühlen wir uns glücklich bei allem, was wir erreichen.

Yongey Mingyur Rinpoche im Himalaya, Bild von Facebook/mingyur.rinpoche

Was immer wir tun, wird schließlich effektiver, einflussreicher und wir erreichen mehr. Auch wenn wir eine kleine Sache machen, sollte sie mit unserem Herzen verbunden sein und das ist dann meiner Meinung nach einer der Maßstäbe, ob es erfolgreich ist oder nicht. Wenn man etwas nicht mag, es aber trotzdem tut, mag man vielleicht erfolgreich sein, aber auf einer bestimmten Ebene führt es dann vermutlich zu großen Konflikten in unserem Leben und wir werden leiden.

Man kann eine Menge Geld machen, aber nicht glücklich sein. Tun wir jedoch etwas mit dem Herzen, mag es beispielsweise etwas langsam vorangehen, aber schließlich werden wir so viel mehr erreichen. Der Erfolg hängt also von uns ab. 

Was lehrt uns der Buddhismus noch, neben den Gefühlen der Dankbarkeit und der Wertschätzung, über die Sie vorher gesprochen haben, sowie der Methode, alles mit dem Herzen zu tun, was Sie gerade erwähnten, um ein glückliches Leben voller Freude zu führen? 

Eines der wichtigsten Dinge der buddhistischen Praxis, der buddhistischen Lehren, ist die Meditation: was ich „Gewahrsein“ nenne. Wir sollten Gewahrsein lernen. Gewahrsein ist unsere grundlegende Natur. Jeder hat dieses Gewahrsein, was frei, gegenwärtig, echt und rein ist. Erstens geht es also um Gewahrsein, zweitens um Liebe und Mitgefühl und drittens um Weisheit. So kann man sich der buddhistischen Praxis nähern, mit diesen drei Punkten.

Heutzutage ist der Buddhismus wirklich wichtig, denn im Moment wird die Welt immer komfortabler. Auf der materiellen Ebene gab eine große Entwicklung. Beruhend auf wissenschaftlichen Daten sagt man, dass wir momentan die niedrigste Rate an Gewalt in der menschlichen Geschichte haben. Was die mentale Ebene betrifft, haben wir aber große Furcht und Ängste, und materielle Dinge helfen uns da nicht weiter. Für mich ist somit der Buddhismus von großem Nutzen, wenn ich wirklich glücklich sein will. Er hat mein Leben verändert und es transformiert.

Ich bin heute hier wegen buddhistischer Meditationspraxis. Für mich besteht die Vorstellung davon, glücklich zu leben, darin, zunächst herauszufinden, was Freude oder Glück ist. Diesen Sinn von Zufriedenheit, den Sinn von Freude, der im Innern entsteht und nicht völlig von äußeren Umständen abhängig ist: wie kann man ihn finden? Für mich geschieht es durch Gewahrsein, durch Wertschätzung, durch Dankbarkeit, die Praxis von Liebe und Mitgefühl.

Wir müssen also mit Meditation beginnen, mit Gewahrsein, und Sie haben uns erzählt, wie Ihnen das geholfen hat, Ihre Ängste zu überwinden. Als ein weltbekannter Meditationsmeister haben Sie zahlreiche lange Meditationsretreats abgeschlossen und unermüdlich weltweit Belehrungen gegeben. Wo können jene anfangen, für die Meditation etwas Neues ist?

Wie können wir uns mit Gewahrsein verbinden? Das ist ziemlich schwierig, weil es so einfach ist!

Was wir in der buddhistischen Welt Gewahrsein nennen, ist wie Raum – frei, gegenwärtig, echt und rein. Am Anfang können wir ein einfaches Objekt nehmen, wie den Atem, um uns mit dem Gewahrsein zu verbinden.

Wie tut man das? Man ist sich einfach darüber bewusst, dass man atmet. In diesem Moment atmen wir gerade. Sind wir uns also darüber bewusst, dass wir gerade atmen, ist das Gewahrsein, genauer gesagt Atemgewahrsein.

Aber viele Menschen missverstehen Meditation und denken, Meditation wäre an nichts zu denken, nur zu atmen, alle Gedanken und Emotionen zu unterbinden und sich zu konzentrieren. Oder sie meinen, es ginge um Glückseligkeit, Frieden, Offenheit. Das sind alles Missverständnisse der Meditation.

Das Grundlegende ist, natürlich beim Atem zu bleiben und dann alle Gedanken oder Emotionen, die hochkommen, da sein und wieder gehen zu lassen. Solange man nicht den Atem vergisst, ist alles in Ordnung. Alle Gedanken oder Emotionen, die in unseren Geist kommen, spielen keine Rolle. Alles ist erlaubt, es ist völlig frei. 

Der Anfangspunkt ist, sich gewahr zu sein und beim Atem zu bleiben. Dann gehen wir schrittweise zurück zu unserem Körper und zu unserem Geist, und erkennen schließlich die innewohnende Qualität des Geistes.

Am Ende sehen wir mit vollem Gewahrsein das ganze Bild. Man kann mit dem Raum oder dem Himmel sein. Das bedeutet nicht, Gedanken und Emotionen unterbinden zu müssen. Dem Himmel ist es erlaubt, Wolken zu haben. Alle Arten von Wolken sind zulässig: schöne Wolken, hässliche Wolken, Gewitter oder ein blauer Himmel mit strahlender Sonne; es ist das gleiche. Dann wird das Leben wunderbar!

Wie kann die Meditation für Menschen wie mich, die keineswegs fortgeschrittene Praktizierende sind, hilfreich in unserem alltäglichen Leben sein? 

Vor etwa sechs oder sieben Jahren bin ich einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt von Meditierenden und Nichtmeditierenden im „Waisman Center Laboratory“ der University of Wisconsin beigetreten. Dort gab es einen Kasten, auf den man seine Hand legen musste und der heißes Wasser produzierte. Dann sagten sie: „In zehn Sekunden wird es heiß an deinem Handgelenk werden“, und überwachten das Gehirn mit einem EEG und anderen Gerätschaften.

Sie fanden heraus, dass die Meditierenden einen ruhigen Geist bewahrten, als sie hörten, dass ihr Handgelenk in zehn Sekunden brennen würde. Und als das Wasser kam, wurde es sehr heiß, doch es gab keine großen Bewegungen im Geist. Die Nichtmeditierer hingegen fingen sofort an nachzudenken, sobald sie hörten, dass ihr Handgelenk in zehn Sekunden heiß werden würde. Sie dachten: „Oh, ich werde mich verbrennen. Was soll ich tun? Vielleicht werde ich eine Blase bekommen.“ Und sogar als es nicht mehr heiß war, grübelten sie immer noch darüber nach.

Es ist nicht nur so, dass wir frühere schlechte Erfahrungen in die Gegenwart bringen, sondern springen auch in die Zukunft, machen uns zu große Sorgen über die Zukunft und verlieren den gegenwärtigen Moment. Wir können ihn nicht genießen. Aus diesem Grund werden wir weniger Kreativität haben und weniger Klarheit, um zu sehen, was die Realität ist.

Es ist genauso, wie wenn es heiß werden wird: wir sind überwältigt und können die Dinge nicht klar deuten. In ähnlicher Weise können wir auch die Gegenwart nicht klar erkennen. Meditation hilft wirklich, nicht nur Frieden und Ruhe zu bewirken, sondern auch einen Geist, der geschmeidig und flexibel ist. Unser Geist wird somit äußerst nützlich.

Ich bin mir sicher, die meisten von uns würden gern einen nützlichen Geist haben. Können Sie uns erklären, was der Geist aus der buddhistischen Perspektive tatsächlich ist?

Der Geist ist Denken, Fühlen. Wer fragt denn, was der Geist ist? Es ist der Geist, der fragt. In der Regel sagen wir, der Geist ist wie der Chef. Der Geist leitet uns. Was immer wir sehen, was immer wir erfahren, unser Geist beurteilt. Beruhend auf unseren früheren Erfahrungen, beruhend auf unseren Glaubensvorstellungen, beruhend auf dem, was wir gelernt haben, beurteilen wir: „das ist gut, das ist schlecht, das ist richtig, das ist falsch.“ Und nachdem wir beurteilt haben, erfahren wir.

So ist beispielsweise Panik eine Angst, eine große Quelle von Leiden. Aber wenn wir die Panik wirklich einladen, so wie ich die Panik zu meinem Freund gemacht habe, werden wir nach einer Weile nicht mehr das Gefühl haben, die Panik wäre eine schlechte Sache. Die Panik zu beobachten half mir, mich mit meinem Gewahrsein zu verbinden und dadurch entwickelte ich ein positives Gefühl ihr gegenüber.

Normalerweise haben wir in unserem Leben Positives und Negatives, Leiden und Glück. Alles dreht sich um unseren Geisteszustand. Für gewöhnlich mache ich Scherze darüber. Manche Menschen wollen ins Fitnessstudio gehen und suchen nach einem Parkplatz direkt vor der Tür. Können sie keinen finden und müssen weit weg parken, beschweren sie sich. Jeder Schritt ist Leiden. „Heute habe ich so ein Pech, dieser gemeine Typ hat mir den Parkplatz weggenommen.“ Dann gehen sie ins Fitnessstudio und was tun sie, wenn sie dort sind? Sie laufen auf einem Laufband. Und nun ist plötzlich jeder Schritt mit Glück verbunden: „Ich habe viel Geld für das Fitnessstudio bezahlt und werde Kalorien verbrennen, abnehmen und es wird gut für meine Lungen und für die Haut sein!“ Das Laufen ist das gleiche! Draußen wird das Laufen zu einer Ursache des Leidens und das Laufen auf dem Laufband zu einer Ursache des Glücklichseins.

So macht unser Geist sich die Welt. 

Es gibt eine Vielzahl an wissenschaftlichen Forschungen über die physischen und geistigen Nutzen einer regelmäßigen Meditationspraxis, ganz zu schweigen davon, was der Buddha darüber sagte. Ich weiß aber aus meiner eigenen Erfahrung und vielleicht durch meine eigene Faulheit, dass es wirklich schwer sein kann, die Meditation zu einer Gewohnheit zu machen. Ich neige dazu, etwas für eine Weile zu machen und dann wieder noch länger damit aufzuhören. Welchen Rat würden sie jemandem wie mir geben?

Manchmal haben wir für eine bestimmte Praxis, eine bestimmte Meditation, ein gewisses Projekt, eine echte Inspiration, aber dann machen wir nach einer Weile nicht weiter. Wir empfinden es als langweilig.

Im Buddhismus haben wir die so genannte „Sicht, Meditation und Anwendung“. In der Wissenschaft oder der Sprache der Psychologie bezeichnen sie es als „ABC“. „A“ bedeutet „affect“ oder Gemütsregung, „B“ bedeutet „behavior“ oder Verhalten und „C“ bedeutet „cognition“ oder Wahrnehmung.

Wahrnehmung und Sicht haben die gleiche Bedeutung, es geht dabei um Verständnis. Gemütsregung und Meditation haben ebenfalls die gleiche Bedeutung, sie müssen aus dem Herzen kommen. Und Verhalten und Anwendung sind das gleiche.

Wollen wir uns wirklich transformieren, sind wir kognitiv inspiriert, wir verstehen. Praktizieren wir, fühlen wir uns auf der Herzebene, auf der emotionalen Ebene sehr gut. Daher sind C (cognition oder Wahrnehmung) und A (affect oder Gemütsregung) gut. Das Problem ist jedoch B (behavior oder Verhalten) – die Ebene der Anwendung. Aus diesem Grund ist es notwendig, Gewohnheiten zu entwickeln. Wir müssen die Kraft unserer Gewohnheiten erkennen. 

Will man eine neue Gewohnheit schaffen, sollten man sich anfangs nicht zu viel vornehmen. Wenn ein Zug mit großer Kraft angerollt kommt, ist es unmöglich, ihn in die richtige Richtung zu drehen. In ähnlicher Weise sollten wir zunächst etwas langsamer werden. Dann ändern wir die Richtung ein wenig und danach kann man schneller und schneller werden.

Zuerst versucht man, eine formelle Meditationspraxis aufzubauen, die recht kurz sein sollte. Eine neue Gewohnheit zu schaffen, dauert 30 Tage. Überlebt man eine 15-minütige Meditation pro Tag für 30 Tage, wird es leichter. Das ist bereits der Beginn einer neuen Gewohnheit.

Nach drei Monaten wird die Gewohnheit zu etwas Festem. Dieses Schaffen von neuen Gewohnheiten ist außerordentlich wichtig, das ist das Erste. Zweitens benötigen wir Kreativität. Wenn wir Meditation praktizieren, müssen wir die Meditationstechniken abwechseln. Diese Woche richten wir unser Gewahrsein auf den Atem, aber nach einiger Zeit ist es ermüdend, und so ändern wir etwas. Wir achten auf die Empfindungen in unserem Körper. Fühlt es sich gut und frisch an, haben wir eine besondere Verbindung zum Gewahrsein des Körpers. Aber ein paar Tage später langweilt es uns. Wie können wir mit dem Gewahrsein bei unseren Empfindungen bleiben? Beispielsweise könnten wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, Klänge zu hören.

Wir sollten also selbst kreativ sein, um mit den Höhen und Tiefen unserer Meditationspraxis zurechtzukommen. Das ist ein wirklich guter Rat! Funktioniert das auch andersherum? Welchen Einfluss hat meditatives Gewahrsein auf unsere Kreativität? 

Eines der wichtigsten Dinge in unserem Leben ist die so genannte „Unbeständigkeit“. Das Leben ändert sich, aber normalerweise haben wir einen starren Geist. Wir wollen glauben, dass alles fest und beständig ist, was die Entwicklung unserer Kreativität hemmt.

Sind wir offen gegenüber dem Leben, das veränderlich und unbeständig ist, werden wir unseren Geist und unser Herz öffnen, was gut für die Kreativität ist. Besonders wenn wir in meditativem Gewahrsein bleiben, zeigt das eine innewohnende Qualität in uns, die Kreativität. Wir haben neue Ideen. Ist unser Gehirn voller Müll, wie eine Festplatte, die voller Viren und wertlosem Zeug ist, gibt es keinen Raum für neue Ideen. 

Ist unser Geist reiner und mehr mit reinem Gewahrsein verbunden, gibt es mehr Raum für Kreativität.

Wenn wir meditieren, sollten wir uns zunächst auf unseren Atem, auf Empfindungen richten. Über kurz oder lang wir unser Geist mit dem Gewahrsein selbst im natürlichen Zustand des Geistes sein. Dann wird Kreativität, Weisheit und alles andere spontan kommen, besonders, wenn wir diese Dinge entwickeln wollen. Unsere Motivation ist ein entscheidender Faktor. Meditieren wir mit der Absicht, ein Gelehrter zu sein, wird sich das Potenzial unserer geistigen Qualitäten auf mühelosere Weise spontan entwickeln. Wollen wir künstlerisch tätig sein, verweilen wir in Gewahrsein. Was immer wir fühlen – wir erforschen es lediglich und kontrollieren es nicht. 

Manchmal vergessen wir vielleicht das Gewahrsein und dann versuchen wir, wieder zurückzukommen. Am Anfang ist es nicht so leicht, weil es etwas Neues für uns ist. Nach einiger Zeit öffnet es uns dann ganz spontan neue Türen.

Yongey Mingyur Rinpoche führt eine Gruppenmeditation an, Bild von Facebook/mingyur.rinpoche

Wollen wir Meditation mit Kunst verbinden, sollten wir zunächst die Motivation entwickeln: „Ich möchte Kunst und Meditation zusammen praktizieren, um mir selbst und natürlich meiner Familie, meinen Freunden und allen Wesen zu nützen, damit sie sich mit ihrer wahren Natur verbinden und frei sein können.“ Diese Art der Motivation ist wirklich wichtig.

Danach kann man es tun, indem man im Gewahrsein verweilt. In diesem Zustand erforscht man das, was man gerade tut – Malen, Entwerfen, Modellieren – indem man auf sein Herz und auf seine Intuition hört und einfach dabei ist. Und diese spontane Kreativität mag kommen und dann zu mehr Kreativität führen.

Sie haben schon erwähnt, dass sie an einigen wissenschaftlichen Studien zur Meditation teilgenommen haben. Sie interessieren sich sehr für die Wissenschaft und das Studium des Geistes, sowohl aus einer buddhistischen als auch aus einer westlichen Perspektive, und sie sind ein Berater am Mind and Life Institute. Wo treffen sich aus Ihrer Erfahrung buddhistische und westliche Schulen der Psychologie und wo gehen sie auseinander?

Wenn ich nicht Mingyur Rinpoche wäre und ein anderes Leben geführt hätte, wäre ich vielleicht Wissenschaftler geworden. Als ich jung war, hatte ich ein großes Interesse für die Wissenschaft. 

Ich hatte die große Chance, viele westliche Psychologen, Sozialwissenschaftler und Neurowissenschaftler, wie Francisco Varela, zu treffen, die zu meinem Vater kamen, um Meditation zu erlernen.

Tatsächlich glauben viele Menschen, dass der Buddhismus eine Form der Psychologie ist. Was sind nun also die Unterschiede? Für mich ist der wichtigste Unterschied, dass wir im Buddhismus wirklich auf einer fundamentalen Ebene in unsere grundlegende, wahre Natur schauen.

Wir glauben an Liebe und Mitgefühl, und daran, dass es sogar in der Meditation eine Motivation geben muss, nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen zu helfen. In der westlichen Psychologie gibt es zahlreiche Studien und Einzelheiten über die Wahrnehmung, das Gedächtnis und wie all das miteinander verbunden ist, doch die grundlegende Motivation besteht lediglich darin, Wissen anzusammeln und die Therapie besteht dann nur im eigenen Nutzen.

Im Buddhismus haben wir einen Pfad: mit unserer Praxis und dem Ansammeln von Erfahrungen haben wir ein unbegrenztes Potenzial zu wachsen. Dagegen gibt es in der westlichen Psychologie einige Beschränkungen. Es gibt keinen wirklichen schrittweisen Pfad, doch sie kann trotz allem auch äußerst nützlich sein. 

Ich denke, eine tiefere Antwort würde vielleicht etwas anders aussehen. Im Buddhismus gehen wir über die Konzepte hinaus. Das letztendliche Ziel der Praxis besteht darin, den konzeptuellen Geist zu nutzen, um uns mit dem Gewahrsein, unserer inneren, angeborenen Güte zu verbinden und letztlich über die Konzepte, über Subjekt und Objekt, hinauszugehen.

In der westlichen Wissenschaft wurden viele bedeutende Dinge entdeckt, die uns momentan von großem Nutzen sind, doch man ist nicht über die Konzepte hinausgegangen. Das ist es, was ein westlicher Wissenschaftler von der buddhistischen Psychologie lernen kann.

Wenn wir darüber diskutieren, können wir, meiner Meinung nach, auf vielen Ebenen zusammenarbeiten. Es gibt viele Fälle, in denen wir in der westlichen und der buddhistischen Philosophie der Meditation über die gleiche Sache reden, doch unterschiedliche Terminologie benutzen, die aus verschiedenen Perspektiven stammt. Doch heutzutage kommen wir uns in vielfacher Hinsicht immer näher.

Vielen Dank Rinpoche, dass Sie Ihre persönlichen Erfahrungen und überaus nützlichen Gegenmittel für die vielen drängenden Probleme der heutigen Zeit mit uns geteilt haben.
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