Bei dem sechsten Gelübde geht es darum, den heiligen Dharma aufzugeben. Das bezieht sich darauf, etwas zu leugnen und „leugnen“ heißt nicht nur, etwas zu verneinen, sondern zu versuchen, es zornig zu widerlegen. Wir leugnen etwas oder indem wir unsere Meinung ausdrücken, bringen wir andere dazu es zu leugnen. Worum geht es hier? Was leugnen wir? Wir leugnen, dass es sich bei den schriftlichen Lehren des Shravaka-, Pratyekabuddha- oder Mahayana-Fahrzeugs nicht um die Worte Buddhas handelt (Shravaka und Pratyekabuddha sind die zwei Unterteilungen des Hinayana). Wir versuchen also zu widerlegen, dass es sich hierbei um Worte Buddhas handelt. Wir leugnen und bestreiten mit aller Macht, dass entweder alle Schriften oder nur einige dieser Klassen des Hinayana oder Mahayana die Lehren Buddhas sind. All diese unterschiedlichen Texte der verschiedenen Fahrzeuge, die von Buddha gelehrt wurden, sind dafür da, den Menschen zu Befreiung oder Erleuchtung zu verhelfen – nicht nur den Menschen, sondern allen Wesen – und wenn wir nun behaupten, sie würden nicht von Buddha stammen, sagen wir, sie würden nichts mit Buddhismus zu tun haben. Auf diese Weise würden wir andere entmutigen, bestimmen Lehren zu folgen, die nützlich und geeignet für sie wären.
Dies müssen wir uns etwas genauer ansehen, denn wenn wir es aus einer so genannten wissenschaftlichen, buddhologischen und historischen Sichtweise, auf der Grundlage der Sprachen der verschiedenen Texte betrachten, würden Gelehrte, die in westlicher Methodik geschult sind, argumentieren, viele Schriften des Mahayana und Tantra wären viel später als zur Zeit des Buddha verfasst worden und so könnten sie also nicht vom historischen Buddha stammen. Allerdings wurde keine dieser Lehren zur Zeit des Buddha niedergeschrieben. Alle wurden mündlich übertragen und das bedeutet, die Menschen hatten in dieser Zeit ein unglaubliches Gedächtnis und konnten all die verschiedenen Lehren des Buddhas auswendig lernen – nicht unbedingt nur eine Person ganz allein – und sie wurden auf diese Weise von einer Generation zur nächsten weitergegeben und auswendig gelernt.
Das ist gar nicht so weit hergeholt und abwegig, wenn man sich einmal die modernen Bräuche in tibetischen Klöstern ansieht. Es ist nicht so unglaubhaft, denn auch heutzutage ist jede Abteilung eines Klosters – dabei denke ich an die großen Gelugpa-Klöster – für einen bestimmten Tantra-Text und dessen Rituale verantwortlich. Von allen Mönchen wird verlangt, alle Texte einer bestimmten Gruppe von Texten auswendig zu lernen und wenn man alle Lehren Buddhas aufteilt und jede kleine Abteilung aller Klöster mit einem Sutra beauftragt, kann man sich gut vorstellen, dass es auf diese Weise eine mündliche Überlieferung aller Lehren Buddhas gibt, ohne etwas niederschreiben zu müssen. Auch heutzutage werden in den tibetischen Klöstern tausende Seiten von Texten auswendig gelernt. Dort beginnen sie schon als kleine Kinder damit, in Alter von sieben oder acht Jahren, wenn das menschliche Gehirn am aufnahmefähigsten ist, Dinge auswendig zu lernen. Und dies kann man dann für den Rest des Lebens behalten, wenn man es bereits in so jungen Jahren gelernt hat.
Gemäß der Tradition wurden Hinayana-Texte viel offener rezitiert, als Mahayana-Texte und diese waren viel offener, als Tantra-Texte; aber ungeachtet dessen wurden sie alle auf diese Weise mündlich weitergegeben. Und als sie schließlich niedergeschrieben wurden, bestand eine der Anordnungen Buddhas auch darin, die Lehren in allen verschiedenen Sprachen weiterzugeben, sie also in die eigene Sprache zu übersetzen. Es ist daher keinen Widerspruch, wenn die Sprache, in der ein Text zuerst erschienen ist, auch die Sprache einer bestimmten historischen Periode war, in der er erschienen ist. Einige Texte wurden auf Pali niedergeschrieben, andere auf Sanskrit und wieder andere wurden in einer späteren Version des Sanskrit verfasst. Dies steht im Einklang mit der Vorgehensweise, die Buddha selbst empfohlen hatte und beweist nicht unbedingt, dass die Texte nicht von Buddha stammen würden.
Shantideva selbst widerlegte dies auf exzellente Weise gegenüber jenen, die behaupteten, Hinayana-Texte wären gültig oder authentisch und Mahayana-Texte nicht. Er sagte, man könne jedes Argument, welches genutzt wird, um zu widerlegen, oder um zu versuchen zu widerlegen, dass es sich bei den Mahayana-Texten um authentische Worte Buddhas handelt, auch nutzen, um zu versuchen zu beweisen, dass es sich bei den Hinayana-Texten nicht um authentische Worte Buddhas handelt, denn auch sie stützen sich auf mündliche Überlieferungen und wurden erst Jahrhunderte später niedergeschrieben. In gleicher Weise könne man jedes Argument, welches benutzt wird, um zu beweisen, dass es sich bei den anderen Texten um authentische Worte Buddhas handelt, nutzen, um zu beweisen, dass die Mahayana-Texte von Buddha stammen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um eine gültige Argumentationskette. Und wenn wir untersuchen, warum ein bestimmter Text von Buddha stammen sollte, müssen wir uns ansehen, um was für ein Wesen es sich bei Buddha in den Hinayana-Texten handelt. Wer hat sie gelehrt? Um was für ein Wesen handelt es sich bei dem Buddha, der in den Mahayana-Texten den Mahayana lehrt. Und was für ein Buddha ist der Buddha in den Tantra-Texten, der das Tantra-Fahrzeug lehrt? In allen dreien werden sehr unterschiedliche Beschreibungen Buddhas gegeben.
In den Hinayana-Lehren wird beschrieben, was für eine Art Buddha die Hinayana-Lehren erteilt. Und im Mahayana-Sutra gibt es eine andere Beschreibung zum Buddha, der die Lehren erteilt hat und sogar eine dritte im Tantra. Das sind drei ganz unterschiedliche Beschreibungen dazu, was ein Buddha ist. Der Buddha, der die Hinayana-Schriften gelehrt hat, ist der historische Buddha, der in diesem Leben als Shakyamuni Buddha Erleuchtung erlangt hat und als er ins Parinirvana eingetreten ist, war das sein Ende, das Ende seines geistigen Kontinuums. Und wenn wir nun sagen, das Mahayana-Sutra und das Mahayana-Tantra wurde von Buddha gelehrt, bezieht sich das nicht unbedingt auf den historischen Buddha – oder auf eine Auffassung Buddhas, die Buddha lediglich auf den historischen Buddha limitiert, um genauer zu sein.
Der Buddha, der die Mahayana-Sutran lehrte, ist jemand, der sich nicht nur als der historische Buddha manifestiert hat, sondern schon vor Äonen Erleuchtung erlangte und sich zu jeder Zeit in Millionen von verschiedenen Emanationen, in aller Ewigkeit und in allen möglichen Nirmanakaya- und Sambhoghakaya-Formen manifestieren kann, in Buddha-Feldern lehrt usw. Der Buddha im Mahayana ist nicht nur auf den historischen Shakyamuni Buddha begrenzt. Wir müssen es also aus der Sicht des abhängigen Entstehens betrachten, um zu erkennen, dass der Buddha, der in den Mahayana-Sutren beschrieben wird, der Lehrer der Mahayana-Sutren ist. Es besteht hier also keinen Widerspruch in Bezug auf Buddha, der Mahayana lehrt, auch wenn es sich um Buddha handelt, der in einer anderen Zeit erschienen ist. Wie dem auch sei, gibt es in den Sutren (den Mahayana-Sutren; ich bin mir nicht sicher, ob es auch in den Hinayana-Sutren so ist) einen Buddha, der andere inspiriert zu lehren, der, wie im Herz-Sutra, präsent ist und der am Ende bestätigt, dass es sich um authentische Lehren handelt.
Es gibt viele unterschiedliche Arten von Lehren, bei denen es sich um die Worte Buddhas handelt. Das bedeutet nicht, dass Buddha selbst sie gesprochen haben muss. Wenn wir uns die Beschreibung Buddhas in den tantrischen Texten ansehen, erkennen wir, dass es eine noch breitere Beschreibung dazu gibt, wer und was Buddha ist. Wir haben Buddha als Vajradhara oder Samantabhadra, die ursprüngliche Reinheit der subtilsten Ebene des Bewusstseins im Geist eines jeden, usw. Und es besteht kein Widerspruch dazu, dass Buddha Vajradhara die Lehren anderen in reinen Visionen enthüllt, damit sie niedergeschrieben werden können und so die tantrischen Texte entstehen. Es besteht auch kein Widerspruch dazu, dass jemandem aus der reinen Dharmakaya-Ebene des Buddhas – der Klarheit des subtilsten Geistes – Lehren offenbart werden, entweder in einer reinen Vision oder auf eine andere Weise, denn dies ist der Ursprung des Tantra. Vajradhara hat sie jemandem auf eine gewisse Weise vermittelt und dann wurden sie, für gewöhnlich in einem reinen Land, niedergeschrieben.
Nach der Beschreibung in einigen Tantras erschien Buddha, während er die Prajnaparamita-Sutras auf dem Geiergipfel lehrte, im gleichen Augenblick bei der Dhanyakataka-Stupa in Südindien, als Heruka Chakrasamvara mit vier Gesichtern, und mit jedem dieser vier Gesichter lehrte er eine andere Klasse des Tantra gleichzeitig. Dieser Buddha, der den Tantra lehrte, unterscheidet sich enorm von dem historischen Shakyamuni Buddha. Es ist alles relativ. Welche Art von Buddha jede dieser Klassen von buddhistischen Lehren vermittelt hat – Hinayana, Mahayana-Sutra und Mahayana-Tantra – hängt von der Beschreibung ab, die Buddha in jedem dieser Texte gegeben hat.
Um nun sagen zu können, wer dieser Buddha ist, von dem ein Text stammt, muss man sich die Beschreibung des Buddhas im Text selbst ansehen. Es ist nicht angemessen, Buddha als einen wahrhaft, durch seine eigene Kraft, einmalig existierenden, historischen Buddha zu sehen, der alle verschiedenen Fahrzeuge lehrt. Die Art und Weise, wie man Buddha wahrnimmt, muss auf der Beschreibung des Buddhas im Text beruhen, von dem er stammt. In den Tantras haben wir das umfangreichste Verständnis und die ausführlichste Darstellung von Buddha; und diese Darstellung Buddhas in den Tantras umfasst die Mahayana-Sutra-Beschreibung von Buddha, die ihrerseits den historischen Buddha mit einbezieht, denn er hat sich auch auf diese Weise manifestiert. Wenn wir nun sagen, beim Mahayana handele es sich um ein umfassendes Fahrzeug, bezieht sich dies auch darauf, dass es umfassend in Bezug auf die Beschreibung Buddhas ist; viel umfassender, als die Beschreibung Buddhas, wie wir sie in den Hinayana-Texten finden würden.
Jemand fragte, wie wir wissen können, ob es sich bei einer Lehre, von der jemand behauptet, er hätte sie in einer reinen Vision empfangen, um eine authentische Lehre handelt, die ihm von Vajradhara, Samantabhadra, oder wem auch immer, offenbart wurde. Dafür gibt es ganz klare Richtlinien. Die Lehre einer reinen Vision, oder ein Terma (gter-ma), ein offenbarter Text, ein verborgener Text, muss mit den wesentlichen Punkten der buddhistischen Lehren im Einklang stehen und darf ihnen gegenüber nicht widersprüchlich sein. Das bezieht sich auf die wichtigsten Themen des Buddhismus, wie Zuflucht, Entsagung, Bodhichitta, Befreiung, Erleuchtung, die vier edlen Wahrheiten, alle bedingten Phänomene sind vergänglich, Leiden – all diese grundlegenden Lehren. Damit muss es vereinbar sein.
Natürlich kann es leichte Unterschiede in der philosophischen Interpretation der verschiedenen Punkte geben, aber die grundlegenden Themen müssen die gleichen sein. Und Qualifizierte Yogis und Praktizierende müssen die Verwirklichungen erlangen können, die in diesen Texten beschrieben werden, indem sie den Methoden folgen, wie sie in diesen Schriften dargelegt sind. Ein Text wird also als eine authentische Lehre Buddhas durch Beweisführung für gültig erklärt. Man kann daraus schlussfolgern, dass es sich um eine Lehre Buddhas handelt, wenn der Text alle wichtigen Themen enthält und man durch gültige, einfache Wahrnehmung erkennt, dass jene, die ihn praktizieren, die Verwirklichungen erlangt haben, die in ihm beschrieben werden. Das sind die Kriterien.
Es gibt ein ähnliches Nebengelübde der Bodhisattvas; es heißt: „den Mahayana aufgeben.“ Bei diesem Nebengelübde akzeptieren wir, anders als beim Wurzelgelübde, dass es sich beim Mahayana um die authentischen Lehren, die Worte Buddhas, handelt, aber wir kritisieren bestimmte Aspekte, die wir nicht mögen. Das bezieht sich insbesondere auf all diese ausführlichen Taten Buddhas, die in den Mahayana-Texten beschrieben werden, wie zum Beispiel, dass Buddha sich zur gleichen Zeit in unzählige verschiedene Formen erweitern und so gleichzeitig überall sein kann, dass Buddha alle Sprachen kennt und jeder ihn in seiner eigenen Sprache verstehen kann, wenn er spricht. Und wir sagen: „Das ist absurd. Ich schätze den Mahayana, mir gefällt das ganze Konzept von Bodhichitta, von Liebe und Mitgefühl, aber das ist einfach zu viel.“ Wenn wir auf diese Weise Kritik üben, oder die tiefgreifenden Lehren der Leerheit kritisieren, indem wir sagen: „Das ist zu kompliziert; wer braucht das schon,“ dann handelt es sich hierbei um dieses Nebengelübde.
Es gibt vier verschiedene Arten, die Lehren zu kritisieren. Die erste ist zu sagen, der Inhalt wäre minderwertig. Mit anderen Worten sagen wir, es wäre völliger Unsinn, dass Buddha sich in so viele verschiedene Formen erweitern kann. Minderwertig bedeutet hier einfach: nicht gut, oder dumm. Oder wenn wir beispielsweise die Geschichte von Milarepa hören, der sich verkleinert und in die Spitze eines Yak-Horns eingegangen ist und dazu sagen: „Das ist absurd, es ist eine minderwertige Belehrung, die vielleicht für Nomaden bestimmt ist, aber nicht für anspruchsvolle Menschen.“ Das ist natürlich sehr arrogant. Die zweite Art, die Lehren zu kritisieren, ist zu sagen, die Ausdrucksweise wäre minderwertig – hätte also eine schlechte oder mindere Qualität – und zu meinen, es wäre schlecht geschrieben; die Schreibweise würde keinen Sinn ergeben. Bei der dritten sagen wir, der Autor wäre minderwertig. Es gibt so viele Kommentare und Ähnliches und wir würden behaupten, der Autor wäre nicht gut. Bei der vierten würden wir behaupten, der Nutzen wäre minderwertig, es würde niemandem etwas bringen – zu sagen, Milarepa verschwand in der Spitze eines Yak-Horns, hätte keinen Nutzen für irgend jemanden. Das ist also ein Nebengelübde des Bodhisattvas und wir versprechen es nicht zu tun.
Tatsächlich passiert es oft, dass dieses Gelübde gebrochen wird und man diese Einstellung hat, bestimmte Aspekte der Lehren wären absurd und man möchte sie einfach ignorieren. Wir sind nur an den ansprechenden Teilen der Lehren interessiert und ignorieren die Dinge, die wir nicht wirklich mögen, wie die Lehren über die Höllen oder die Sexualethik. In Tibet gibt es ein Sprichwort: „Sei nicht wie ein alter Mann ohne Zähne, der nur die gekochten Kartoffeln isst, aber das Fleisch ausspuckt.“ Mit anderen Worten, akzeptieren wir nur die Dinge, die leicht zu kauen sind, aber die schwierigen Sachen spucken wir aus.