Nichtoffenbarende Formen physischen und verbalen Karmas

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Rückblick auf die offenbarenden Formen physischen und verbalen Karmas 

Wir haben gesehen, dass ein Aspekt des physischen und verbalen Karmas die offenbarende Form ist. Physisches Karma bezieht sich auf die Gestalt des Pfades dieses physischen Karmas, auf die Gestalt des gesamten Komplexes, der die Handlung umfasst, und nicht nur auf die physische Handlung selbst. Das bezieht die Motivation, das damit verbundene Objekt, das Erreichen des Endziels usw. mit ein. Was das verbale Karma betrifft, geht es um den Klang dieses Pfades, wie dem Klang unserer Stimme, wenn wir etwas sagen. Und wiederum umfasst das die Motivation, die Absicht und all die anderen Dinge. 

Versteht ihr, dass hier nicht die Rede von einem Maschinengeräusch ist? Der Klang meiner Stimme, wenn ich spreche, entsteht nicht nur durch die Bewegung meines Mundes, der Zunge und der Luft, die durch meine Lunge und die Stimmbänder strömt. Diese Dinge existieren nicht eigenständig und sind nicht das Gleiche wie ein Geräusch, das von einer Maschine produziert wird. Dieser Klang kann nur mit einer Absicht, einer Wortwahl und einer Motivation, im Zusammenspiel mit dem mechanischen Vorgang der Bewegung meines Mundes, in Erscheinung treten. Der zwanghafte Klang beim Karma ist also ein Komplex all dieser Faktoren.

Das, was die Motivation und all diese anderen Dinge, die ich wahrnehmen kann, offenbart, ist lediglich das Hören des Klangs der Stimme. Die anderen Faktoren kann ich im Grunde nicht wahrnehmen. Deshalb ist der Klang das, was hier für den Strom des geistigen Pfades steht. Durch den Klang können wir diese anderen Dinge erkennen und er offenbart sie oder führt dazu, etwas zu erfahren. Die offenbarende Form des physischen oder verbalen Pfades, oder der physischen oder verbalen Handlung endet, wenn die Handlung zu einem Ende kommt. Höre ich auf zu sprechen, jemanden zu schlagen oder den Hund zu streicheln, ist diese offenbarende Form beendet. 

Definition und Eigenschaften einer nichtoffenbarenden Form 

Es gibt jedoch auch eine nichtoffenbarende Form und auch sie ist Teil der Zwanghaftigkeit des Karmas. Die Definition lautet: eine nichtoffenbarende Form ist die subtile Form eines physischen Phänomens, das durch ein ausgeprägtes konstruktives oder destruktives motivierendes Bezugssystem herbeigeführt wird. Das bezieht sich auf die charakteristische Absicht und die Emotion, durch die sie herbeigeführt wird, jedoch wird sie durch diese Motivation nicht gezeigt oder offenbart. Solch ein Phänomen ist Teil eines geistigen Kontinuums, aber es wird in diesem geistigen Kontinuum nicht empfunden. In unserer westlichen Ausdrucksweise würden wir sagen, es wäre unbewusst. Es besteht nicht aus Teilchen, es degeneriert oder erschöpft sich nicht von einem Augenblick zum nächsten, aber es kann gestärkt oder abgeschwächt werden. Es wird jedoch nicht von Natur aus schwächer, wie die Batterie in einem Recorder. Es kann nur ein Objekt geistiger Wahrnehmung sein und ist entweder konstruktiv oder destruktiv. Das sind die Definition und die Eigenschaften. 

Zusätzlich dazu entsteht es in Abhängigkeit einer offenbarenden Form und setzt sich im geistigen Kontinuum fort, nachdem die offenbarende Form nicht länger gegenwärtig ist. Es wird vom geistigen Kontinuum weitergeführt, bis wir uns entscheiden, diese Handlung niemals zu wiederholen. Solange wir beabsichtigen, den anderen weiter anzuschreien oder jemandem nette Worte zu sagen, wird es fortgesetzt werden. Entscheiden wir uns, den anderen nie wieder anzuschreien, setzen wir der nichtoffenbarenden Form damit ein Ende. Gelübde gehören beispielsweise zu den nichtoffenbarenden Formen. Wenn wir uns beispielsweise entscheiden, nie wieder an der Erleuchtung zu arbeiten oder uns nicht mehr im Bodhisattva-Verhalten zu üben und Bodhichitta aufzugeben, halten wir das Bodhisattva-Gelübde nicht länger aufrecht. Die nichtoffenbarende Form ist dann nicht mehr da. 

Diese nichtoffenbarenden karmischen Formen sind zwanghaft. Sie sind nach wie vor Karma. Mit dem Karma gibt es, wie hier in Bezug auf physisches und verbales Verhalten, den Drang, der den gesamten Pfad hervorbringt, ihn umfasst und auch diese nichtoffenbarende Form enthält, die sich weiter fortsetzt, nachdem wir die Handlung beendet haben. Daher bezieht sich das mit Sicherheit nicht nur auf die Handlung, sondern ist viel mehr als das. 

Nun gilt es sich hinzusetzen und herauszufinden, worauf sich diese nichtoffenbarende Form bezieht. Das ist nicht so einfach. Wir haben diese Definition und sie ist ziemlich komplex. Es muss sich auf eine Sache beziehen, sowie auch auf etwas, von dem wir uns lösen wollen und es gilt nun herauszufinden, was das eigentlich ist. Wir müssen das Objekt der Widerlegung oder, um es fachlicher auszudrücken, das Objekt, von dem wir uns lösen wollen, identifizieren. Solange wir es nicht korrekt identifiziert haben, können wir uns nicht von ihm befreien, sondern beseitigen lediglich etwas anderes. 

Eine Analyse der nichtoffenbarenden Form 

Aus eigener Analyse ist das meine beste Vermutung, worauf es sich bezieht. Ich habe nie eine Erklärung dazu bekommen, die über die Definition hinausgehen würde. Diese Analyse ergibt, meiner Meinung nach, einen Sinn und wir können damit arbeiten. Vor fünf Jahren hätte ich es als eine Art unsichtbare Schwingung beschrieben, wie es beispielsweise gute und schlechte Schwingungen gibt. Jetzt habe ich ein komplexeres Verständnis und in fünf Jahren wird sich das, was ich jetzt erkläre, vielleicht so simpel anhören, wie die Schwingung. All das ist vorübergehend.

Nur ein Buddha ist in der Lage, es völlig fehlerfrei zu verstehen. Jedes Verständnis, das wir haben, bevor wir ein Buddha sind, ist vorübergehend und das gibt viel Hoffnung, denn wir können es immer weiter verfeinern. Auf diese Weise entwickeln wir keine große Anhaftung an unser Verständnis und unsere Einsichten. Wir erkennen, dass es nie völlig fehlerfrei sein wird und vermeiden es so, uns etwas darauf einzubilden und zu meinen, wir müssten nichts mehr lernen. So zu denken ist Teil des Bodhisattva-Gelübdes. Wir können uns in unserem Verständnis immer weiter entwickeln, bis wir ein Buddha sind. 

Mein vorläufiges Verständnis ist, dass diese nichtoffenbarende Form wie eine unsichtbare Form eines neuronalen Pfades ist, der durch die offenbarende Form des physischen Pfades oder den offenbarenden Klang des verbalen Pfades geformt wird und mit ihm übereinstimmt. Sie tritt gleichzeitig und in Abhängigkeit mit der offenbarenden Form auf und begleitet sie. Außerdem wird sie anschließend fortgesetzt. Ich bediene mich hier der Art des Verstehens, das ein Laie in Bezug auf die Hirnforschung hat. Ich bin kein Arzt und daher ist es nicht wirklich korrekt. 

Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken. Wenn wir auf eine bestimmte Weise handeln, gibt es einen gewissen neuronalen Pfad einer Form des Verhaltens, der mit dieser Handlung oder dieser Art des Sprechens auftritt. Gewissermaßen ist er fast wie im Gehirn eingeprägt. Der Pfad ist nach wie vor da, aber die Handlung endet. Er ist praktisch eingetreten und umso mehr wir die Handlung oder die Art des Sprechens wiederholen, desto präsenter ist der Pfad. Er veranschaulicht die Zwanghaftigkeit, mit der wir handeln und sprechen und ist die nichtoffenbarende Form davon. In Bezug auf das Karma handelt es sich hierbei um den unkontrollierten Zwang, eine bestimmte Art des Verhaltens zu wiederholen. Die Rede ist hier von einem Syndrom. 

Aspekte der Zwanghaftigkeit in Bezug auf die nichtoffenbarende Form 

Was sind die Komponenten dieses Zwangs? Da gibt es den zwanghaften Drang, der zur Wiederholung einer bestimmten Form des Verhaltens führt und die Gestalt des Verhaltens selbst. Außerdem gibt es diesen unbewussten Zwang, der sich weiter fortsetzt, der am Werke ist, wenn wir handeln und auch danach noch da ist. Es gibt die unbewusste Zwanghaftigkeit, die Teil eines geistigen Kontinuums ist und die in gewisser Weise unsichtbaren neuronalen Pfaden gleicht, die geschaffen wurden. Das ist der Mechanismus des Zwanges. Wir reden hier über die Wirkungsweise des Karmas und darüber, wie wir uns von ihr befreien können. 

Jeder dieser Aspekte des Syndroms der Zwanghaftigkeit, wird von verschiedenen Faktoren hervorgerufen. Was die Strategie betrifft, gilt es daran zu arbeiten, die karmischen Zwänge und das karmische Verhalten irgendwie zu beenden und diese unbewusste Zwanghaftigkeit, die immer da ist, auf die eine oder andere Weise loszuwerden. Es ist wichtig, mit all diesen Dingen zu arbeiten und zu verstehen, wie sie funktionieren, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und wie sie entstehen. Außerdem ist es notwendig, die weitere Komplexität des gesamten Systems karmischer Ursache und Wirkung zu erfassen, in dem all das beschrieben und eine Strategie aufgezeigt wird. 

Wir müssen Abstand nehmen, unser Verhalten analysieren und uns damit konfrontieren, ein Problem zu haben. Vielleicht bin ich ziemlich zwanghaft. Ich rede ständig auf zwanghafte Weise und wenn mich jemand etwas fragt, fällt meine Antwort viel zu lang aus. Das ist Zwanghaftigkeit. Seine Heiligkeit der Dalai Lama antwortet immer in ein oder zwei Sätzen, damit jeder eine Gelegenheit hat, Fragen zu stellen. Ich gebe jedoch zwanghaft zu jeder gestellten Frage eine ganze Vorlesung. Das ist zwanghaft und ich habe keine wirkliche Kontrolle darüber. Es stellt ein Problem dar, denn nicht jeder kann seine Fragen stellen. Wie erlebe ich es selbst? Ich kann mich nicht kontrollieren und es passiert einfach. 

Ich könnte dem ein „Ich“ zuschreiben und mich in dieser Beziehung als einen zwanghaften Menschen bezeichnen. Es ist ein zwanghaftes Syndrom. Bedenkt jedoch, dass ich dem nicht ein hinduistisches Atman zuschreibe und behaupte, dieses „Ich“ wäre zwanghaft. Ich schreibe dem Ganzen nicht ein eigenständig erkennbares „Ich“ zu. Das wäre das subtile Selbst einer Person, was widerlegt wird. Hier geht es um etwas Konventionelles. Konventionell gesehen bin ich zwanghaft. Welche Art von „Ich“ schreiben wir dem zu? Das ist eine wichtige Frage. Ich schreibe das „Ich“, ein falsches Selbst oder ein unmögliches „Ich“, nicht einem zu negierenden Objekt als jemanden zu, der zwanghaft ist. In der buddhistischen Fachsprache bezeichnen wir es als das „bloße Ich“. Ich schreibe ihm das „bloße Ich“ zu.

Was ist nun die Grundlage dafür, das „Ich“ in dieser Hinsicht als zwanghaft zu bezeichnen? Zuerst einmal stellt jemand eine Frage und in dieser Situation treibt mich der zwanghafte Drang an, mit der Erklärung meiner Antwort zwanghaft immer weiterzumachen. Da gibt es den zwanghaften Drang und den zwanghaften Klang, der in gewisser Weise eine offenbarende Form ist, denn sie offenbart meine Zwanghaftigkeit, nicht wahr? Ich kann mich selbst nicht zurückhalten, mit langen Erläuterungen zu antworten. Aber sogar wenn ich meine Ausführungen beende und mir schließlich klar wird, dass ich endlich den Mund halten sollte, da andere Leute auch etwas fragen wollen, gibt es da immer noch einen unbewussten Zwang. Wenn dann jemand die nächste Frage stellt, werde ich zwanghaft eine weitere lange und komplizierte Antwort geben. Der Zwang, dieser unbewusste Zwang, setzt sich weiter fort. Es ist, als würde meinem Verhalten ein ausgetretener Pfad zugrunde liegen, auch wenn ich gerade nichts tue oder rede. 

Darauf bezieht sich meiner Meinung nach diese nichtoffenbarende Form. Auf dieser Grundlage kann man dann sagen, ich wäre in Bezug auf das Beantworten von Dharma-Fragen ein zwanghafter Mensch. Möchte ich ein effektiverer Lehrer wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama werden, muss ich den Zwang überwinden, der meinen Weg des Beantwortens von Dharma-Fragen formt. Es gibt eine Menge Leute, die Fragen haben, aber meine Fähigkeit, auf alle Fragen einzugehen, ist aufgrund meiner Zwanghaftigkeit begrenzt. Daher ist es notwendig, dass ich mich von diesem ganzen zwanghaften Syndrom befreie. 

Hier geht es nicht um eine Wirkungsweise in Bezug darauf, wie daraus Resultate folgen usw. Das ist eine andere Sache. Das zwanghafte Syndrom selbst beinhaltet den zwanghaften Drang, eine lange Antwort zu geben, sowie die zwanghafte Rede in Bezug auf den Klang meiner Worte, während ich mit meinen Erklärungen immer weiter fortfahre und die unbewusste Zwanghaftigkeit, die ständig da ist und nur darauf wartet, durch etwas ausgelöst zu werden. Es ist jedoch nichts, das man in mir finden und worauf man deuten könnte. Es handelt sich lediglich um ein begriffliches Bezugssystem, mit dem man beschreiben kann, was vor sich geht.

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