9 Blickpunkte für positive Einstellung uns selbst gegenüber

Rückblick

In unserer Erörterung, wie wir unsere Einstellung gegenüber uns selbst ausgleichen können, haben wir die verschiedenen Übungen durchgesprochen, die uns helfen, Gleichmut zu entwickeln, und zwar Gleichmut in Bezug auf uns selbst, nämlich im Zusammenhang damit, was wir im Leben getan haben, wie wir uns selbst betrachten und mit uns umgehen, und im Zusammenhang mit verschiedenen Aspekten unseres Körpers und unserer Persönlichkeit. Wenn wir in diesem Kontext von Gleichmut sprechen, so bezieht sich das auf einen Geisteszustand, der frei von störenden Einstellungen oder störenden Emotionen ist. Dieser Geisteszustand ist frei von Abneigung oder Widerwillen (etwa, dass wir uns nicht mögen bzw. eine negative Einstellung haben), andererseits aber auch frei von Anziehung (etwa, dass wir in uns selbst vernarrt sind: „Ich bin ja so wunderbar“) sowie auch frei davon, töricht zu sein, indem wir uns selbst als ein Nichts betrachten und unsere eigenen Bedürfnisse ignorieren. Aber wir müssen aufpassen, dass wir das Ganze nicht missverstehen und denken, damit wäre ein Geisteszustand ohne jede Emotionen gemeint. Das ist keineswegs gemeint.

Das Problem hier hat mit dem Begriffssystem zu tun. In unseren westlichen Sprachen haben wir den Begriff „Emotionen“, und wir schließen vielerlei Dinge in diese Kategorie „Emotionen“ mit ein. In der Sanskrit- und tibetischen Traditionen gibt es jedoch keine solche Begriffskategorie „Emotionen“. Es gibt kein Wort für Emotionen. Stattdessen wird in den Begriffen von Geistesfaktoren gesprochen. Dazu gehören Faktoren, die fast mechanisch funktionieren, z.B. Aufmerksamkeit, Konzentration und Interesse. Zudem gibt es darunter auch verstörende Geisteszustände, destruktive Geisteszustände, wie z.B. Ärger und Gier, und konstruktive Geisteszustände, wie z.B. Liebe, Geduld oder Beharrlichkeit. Diese Art von Kategorien gibt es in jenen Traditionen. Einige Bestandteile dieser Kategorien – die konstruktiven, destruktiven und verstörenden Einstellungen – würden wir als Emotionen einstufen, andere nicht, z.B. unentschlossenes Schwanken oder Unentschiedenheit: „Soll ich dies tun oder soll ich jenes tun?“ Ist das eine Emotion? Wie würden wir das in unserem westlichen Begriffssystem bezeichnen? Diese unterschiedlichen Strukturen für die Analyse unserer Bewusstseinszustände führen manchmal zu Verwirrung, denn wenn wir das Wort „Gleichmut“ hören, meinen wir, das würde bedeuten, es wären keinerlei Emotionen vorhanden. In unserer Erörterung der Entwicklung von Gleichmut gegenüber uns selbst geht es nicht darum, dass wir das beseitigen, was wir positive Emotionen nennen würden, etwa Geduld, Enthusiasmus, Liebe, Mitgefühl, Großzügigkeit usw. So etwas ist in Ordnung. Das sind nicht die Unruhestifter, obwohl sie natürlich mit verstörenden Emotionen vermischt sein können. Mit Liebe kann auch Anhaftung einhergehen. Wir müssen also hier die konstruktiven Emotionen von den destruktiven unterscheiden, genauer gesagt, von dem, was wir verstörende Emotionen nennen würden. Ich möchte hier nicht näher auf die fachsprachlichen Unterschiede eingehen.

Wenn wir uns diese drei Unruhestifter ansehen, die ich gerade erwähnt habe – im Grunde sind das Ärger, Anhaftung und Naivität -, so ist festzustellen, dass im Falle von Anhaftung und Ärger jeweils eine Übertreibung stattfindet. Beim Ärger – und hier geht es im Speziellen um den Ärger, den wir gegen uns selbst richten – übertreiben wir negative Aspekte (z.B. Misserfolge oder Schwachpunkte in unserer Persönlichkeit oder schlechte Stimmungen, in denen wir uns befinden). Wir übertreiben diese Aspekte, wir machen sie zu etwas Feststehendem und verwandeln sie fast in eine Art Monster, während wir all die positiven Dinge, die ihnen entgegenwirken könnten, völlig aus dem Blick verlieren, z.B. unsere Erfolge oder die Stärken unserer Persönlichkeit.

Im Falle von Anhaftung – wir haben dann eine zu hohe Meinung von uns selbst usw. – tun wir genau das Gegenteil. Wir machen unsere guten Eigenschaften oder die positiven Dinge, die in unserem Leben geschehen sind, zu etwas Massivem, übertreiben sie und ignorieren die negativen Aspekte.

Wenn wir töricht sind, indem wir uns als einen Niemand betrachten und unsere Bedürfnisse ignorieren, fallen wir in das andere Extrem und missachten alles, was wir an Qualitäten haben, seien es positive oder negative. Wir lassen sogar außer Acht, dass wir ein menschliches Wesen sind und gewisse Rechte haben.

Mit Gleichmut versuchen wir, einen objektiveren Blickwinkel in Bezug auf uns selbst, unser Leben usw. einzunehmen, ohne irgendwelche Aspekte zu übertreiben oder zu missachten. Wir akzeptieren, dass dies unsere Realität ist und dass keiner dieser Aspekte feststehend oder eingefroren und auf ewig festgelegt ist. Wir können an uns arbeiten, wir können Fortschritte machen, aber zuerst einmal müssen wir akzeptieren, wie die gegenwärtige Situation ist. Wenn wir diesen objektiveren Blickwinkel in Bezug auf uns selbst einnehmen, so hindert uns das keineswegs daran, positive Emotionen wie Liebe, Güte, Mitgefühl, Geduld, Enthusiasmus usw. zu haben. Tatsächlich wird es dadurch viel einfacher, diese positiven Gefühle zu haben, denn wenn wir jene verstörenden Emotionen, insbesondere uns selbst gegenüber, haben, so wirkt das wie eine Blockade. Wenn wir uns über uns selbst ärgern, wenn wir uns nicht mögen, so kann das verhindern, dass wir uns selbst wie auch anderen gegenüber ein warmes Gefühl empfinden.

Uns selbst gegenüber eine positive, gesunde Einstellung entwickeln

Lassen Sie uns zu den nächsten Stufen der Übung übergehen. Auf der Grundlage von Gleichmut – d.h. wenn wir diese verstörenden Emotionen uns selbst gegenüber zur Ruhe gebracht haben – können wir nun daran arbeiten, uns selbst freundlicher gegenüberzutreten und eine positivere, gesündere Einstellung zu gewinnen. Dafür wollen wir versuchen, eine ausgewogene Einstellung gegenüber uns selbst im Laufe unseres gesamten Lebens zu entwickeln.

Wir haben bereits über den Unterschied gesprochen zwischen dem konventionellen „Ich“ – welches tatsächlich existiert: „ich bin hier, ich tue dies und das“ – und dem falschen „Ich“ – der schrecklichen Person, die ich nicht mag, oder der wunderbaren Person, in die ich vernarrt bin, oder dem Niemand, den ich ignoriere. Wenn wir eine freundlichere, positivere Einstellung zu uns selbst entwickeln, so bezieht sich diese auf das konventionelle „Ich“, nicht auf das falsche „Ich“. Sie lautet nicht: „Nun ja, ich kann mich nicht ausstehen, aber ich werde versuchen, ein klein bisschen netter zu mir zu sein; ich werde mich eben mit mir abfinden.“ Oder: „Ich finde mich so toll, und ich werde noch freundlicher mit mir umgehen und werde mir noch mehr gönnen.“ Darum geht es nicht. Auch nicht: „Dieses arme „Ich“, das ein solcher Niemand ist, tut mir so leid. Als Mitleid werde ich ein bisschen nett zu ihm sein, aber tief innen weiß ich, dass ich das nicht verdiene.“ Solche Einstellungen beziehen sich immer noch auf das falsche „Ich“.

Um eine positivere Einstellung gegenüber unserem konventionellen „Ich“ zu entwickeln, müssen wir also unser gesamtes Leben mit einbeziehen. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus werden wir dabei an viele Leben denken, aber in einer leichteren Version können wir auch einfach nur an dieses Leben denken. In diesem Zusammenhang gibt es einige grundlegende buddhistische Gedankengänge, die wir hier anwenden können: „Ich habe ein kostbares menschliches Leben. Ich habe Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln. Selbst wenn ich in einem problembelasteten Teil der Welt, wo es Kriege usw. gibt, geboren bin und aus einer armen Familie stamme, bin ich nichtsdestotrotz ein Mensch, ich habe ein Bewusstsein und Gefühle, und beides kann ich dafür einsetzen, mich weiterzuentwickeln.“ Selbst wenn wir uns äußerlich in einer schwierigen Situation im Leben befinden – sei es bezüglich unserer Umgebung oder Gesellschaft oder sogar, wenn wir gesundheitliche Probleme haben – so sind wir doch am Leben. Wir sind Menschen und nicht irgendwelche Insekten. Und wir sind daran interessiert, uns auf eine Art und Weise weiterzuentwickeln, die wir „spirituell“ nennen können.

Neun Gesichtspunkte

Es gibt neun Gesichtspunkte, unter denen wir uns betrachten und eine ausgewogene Einstellung uns selbst gegenüber entwickeln können. Dabei gibt es gewisse Unterschiede zu dem Gleichmut, über den wir zuvor besprochen haben. Bei dem Gleichmut, der den ersten Schritt ausmacht, handelt es sich um einen Geisteszustand, der frei von störenden Emotionen uns selbst gegenüber ist. Nun geht es darum, wie wir eine positive Haltung, eine gleichmäßig gütige Einstellung gegenüber uns selbst in allen Situationen entwickeln. Der Schwerpunkt liegt hier auf etwas anderem. Wie können wir uns selbst gegenüber freundlicher sein? Damit ist nicht die Art von Freundlichkeit gemein, mit der man Kinder verwöhnt, sondern eine gesündere Art, sich selbst gegenüber eine positive Haltung einzunehmen, auf sich Acht zu geben, angemessen zu essen und zu schlafen, die Grenzen zu kennen, wieviel wir uns zumuten können usw.

Solche Grenzen zu setzen bedeutet hier übrigens zweierlei. Zum einen bedeutet es, Nein sagen zu können, wenn etwas wirklich destruktiv oder schädlich ist, sei es im Zusammenhang damit, wie jemand anderes in einer ungesunden Beziehung mit uns umgeht, oder sei es im Zusammenhang mit einer Tätigkeit, die gefährlich und zwecklos ist. Zum anderen bedeutet es, die Grenzen zu erkennen, wenn etwas im Hinblick auf unsere Arbeit einfach zu viel wird, z.B. die Zeitvorgaben usw. Die Anforderungen sind zu hoch, und wenn wir so weitermachen, wird uns das schaden. Das heißt, wir müssen imstande sein zu sagen: „Es reicht! Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Pause.“

Diese zweite Bedeutungsvariante – zu wissen, wann man eine Pause braucht – ist sehr wichtig, um Enthusiasmus zu entwickeln. Wenn wir uns nie Ruhe gönnen, niemals eine Auszeit erlauben, geht es mit unserem Enthusiasmus rapide bergab, und wir mögen nicht weitermachen, wenn wir wieder an die Arbeit gehen. Andererseits wollen wir uns auch nicht wie ein Kleinkind behandeln. Mein Lehrer zum Beispiel, Serkong Rinpoche, für den ich meistens übersetzte, ließ mich, wenn ich wirklich müde war und das Gefühl hatte, ich könne nicht mehr, immer noch fünf Minuten weitermachen. Er sagte, man könne immer noch fünf Minuten mehr schaffen, egal, wie müde man sei. Man kann nicht noch eine Stunde schaffen, aber fünf Minuten mehr kann man schaffen, damit sich die Grenzen und die Ausdauer erweitern. Auf diese Weise bleibt man nicht auf der Stufe eines Kleinkindes stehen; man wächst. Ich denke, das ist eine hilfreiche Strategie – ob wir nun mit Übersetzen befasst sind oder eine Sportart trainieren oder was auch immer wir tun. Für mich zumindest hat sie sich als hilfreich erwiesen.

1. Es gab Zeiten, in denen ich eine positive Einstellung zu mir selbst hatte

Der erste der neun Gesichtspunkte besteht darin, zu denken: „Zu verschiedenen Zeiten in meinem Leben bin ich freundlich mit mir umgegangen, sei es als Kind oder in meiner Jugend oder wann auch immer. Es gab Zeiten, in denen ich wirklich gut zu mir war. Ob ich nun an dem einen oder anderen Punkt in meinem Leben freundlich mit mir umgegangen bin, sei es vor 15 Minuten oder vor 15 Jahren – es war jedenfalls ein freundlicher Umgang mit mir. Der Unterschied ist nur ein zeitlicher. Das, worauf sich die Freundlichkeit bezogen hat, war trotzdem „ich“. Es ist also eine Tatsache, dass ich nett zu mir war, dass ich mit mir einverstanden war. Ich muss also daraus schließen, dass ich dazu in der Lage bin. Wir denken darüber nach: Es macht keinen Unterschied, wann wir diese positive Einstellung uns selbst gegenüber hatten und gut mit uns umgegangen sind. Wir hatten sie, früher oder später oder mehrmals in unserem Leben, also sind wir dazu imstande.

2. Ich habe öfter eine positive als eine negative Haltung mir selbst gegenüber eingenommen

Der zweite Punkt betrifft einen Einwand, den wir machen könnten, indem wir denken: „Naja, ich hatte nur manchmal eine positive Einstellung. Die meiste Zeit über sah ich mich ziemlich negativ und konnte mich überhaupt nicht ausstehen.“ Aber wenn wir darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass unsere Güte uns selbst gegenüber häufiger und mehr war als die Zeiten, in denen wir uns schlecht behandelt haben. Schließlich habe ich mir jeden Tag in meinem Leben etwas zu essen gegeben (außer als ich noch ein Baby war und von der Mutter gefüttert wurde); ich habe mir die Zähne geputzt, ich habe geschlafen, ich habe getan, was nötig war, um mich um meine grundlegenden Bedürfnisse zu kümmern, sonst wäre ich nicht mehr am Leben. Wir mögen diese Dinge für geringfügig halten, aber tatsächlich sind sie ziemlich wichtig. Ganz gleich, was für ein negatives Gefühl wir uns selbst gegenüber gehabt haben mögen, wir haben trotzdem gegessen, geschlafen, uns angezogen und sind mit dem Leben fertig geworden, nicht wahr? Das ist eine Tatsache, und wenn wir sie genauer betrachten, so zeigt sie, dass wir gut mit uns umgegangen sind. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen sind wir häufiger gut mit uns umgegangen als schlecht. „Ich habe mich zwar vielleicht nicht besonders gesund ernährt, aber ich habe etwas gegessen. Ich habe vielleicht nicht genug geschlafen, aber immerhin habe ich geschlafen.“ Bitte denken Sie darüber nach.

Es ist hier ganz interessant, zu untersuchen, warum wir dazu neigen, die Vorfälle oder Phasen zu betonen, in denen wir uns schlecht behandelt haben. Ich denke, der Grund dafür ist, dass in jenen Phasen eine starke emotionale Komponente – eine verstörende emotionale Komponente – vorhanden war, anstatt dass wir uns einfach nur ernährt usw. haben (das ist ja nicht mit besonders starken Emotionen verbunden, nicht wahr?). Weil jene Emotion stärker ist, vor allem, wenn es eine verstörende Emotion ist, neigen wir dazu, dem in gewisser Weise eine stärkere Realität beizumessen – was natürlich absurd ist. Wie kann ein Geschehnis in unserem Leben realer als ein anderes sein? Sie alle haben ja stattgefunden.

Uns fallen viele Beispiele dafür ein, dass wir nicht gut mit uns umgegangen sind, und weil das mit einer starken verstörenden Emotion einherging, scheinen uns diese Aspekte realer als andere, weniger dramatische Aspekte in unserem Leben. Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir befinden uns in einer ungesunden Beziehung, in der wir schändlich behandelt werden; unser Partner behandelt uns schlecht, spricht gehässig mit uns usw.; es muss gar nicht mal so sein, dass er oder sie uns schlägt. Aber dass wir in dieser Art von Beziehung bleiben, beruht für gewöhnlich auf einem enormen Maß an Anhaftung und Unsicherheit. Wir hängen so an der anderen Person, dass wir nicht Nein sagen wollen, weil wir befürchten, dann verlassen zu werden. „Ich Arme/r, dann bleibt mir gar nichts mehr.“ Wenn wir unser Leben betrachten, scheinen solche Aspekte von größerer Wichtigkeit zu sein als die Tatsache, dass wir uns jeden Tag die Zähne geputzt haben und zur Schule gegangen sind.

Ein anderes Beispiel, das wir anführen können, sind die Menschen, die so viel essen, dass sie fettleibig werden. Meist haben sie eine ziemlich negative Einstellung zu sich selbst und sind so töricht zu denken, dass sie irgendwie darüber hinwegkommen, wenn sie sich das Essvergnügen gönnen. Das ist ziemlich töricht und auch mit Anhaftung vermischt, aber es basiert auf einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl, einer negativen Einstellung zu sich selbst. Oder denken Sie an Magersucht oder Bulimie – Syndrome, die darin bestehen, dass man sich aushungert oder sich gleich nach dem Essen wieder erbricht. Auch diese Syndrome beruhen auf einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl: „Ich muss perfekt sein und ich bin nicht perfekt.“ Man hat dabei eine ziemlich verzerrte Vorstellung, was perfekt ist, und um dieser verzerrten Vorstellung zu entsprechen, geht man so schlimm mit sich um, dass eine Essstörung entsteht.

Obwohl die vielen Male, die wir gut mit uns umgegangen sind, die wir uns angemessen um uns gekümmert haben, wie gesagt emotional nicht dramatisch gewesen sein mögen, sind sie nicht weniger real als jene eher dramatischen emotionalen Geschehnisse. Wenn wir sie objektiv betrachten, überwiegen sie bei weitem die Zeiten, zu denen wir schlecht mit uns umgegangen sind. Lassen Sie uns darüber eine Weile nachdenken, bevor wir weitermachen.

Geht es in dem Vergleich, wie wir gut und wie wir schlecht mit uns umgegangen sind, auch darum, was abläuft, wenn wir Drogen genommen, Alkohol getrunken, Zigaretten geraucht haben, und wussten, dass das negative Handlungen sind? Wenn wir darüber nachdenken – ist das nicht wie eine Spaltung in unserem Geist? Wenn ich zum Beispiel Zigaretten rauche, sagt ein Teil von mir: „Tu das nicht!“, und ein anderer Teil denkt: „Ach mach’s ruhig, rauch eine Zigarette. Heute ist ein schlechter Tag, um sich das Rauchen abzugewöhnen.“ Was passiert da?

In einer Situation, in der wir etwas Selbstzerstörerisches tun, zum Beispiel Drogen nehmen, Alkohol trinken oder rauchen, kann es sein, dass wir zwei widersprüchlicheEinstellungen haben. Einerseits erkennen wir, dass es schädlich ist, aber andererseits hängen wir daran, übertreiben dabei die positiven Wirkungen, die wir durch diese Substanz gewinnen, und ignorieren die Nachteile. Vom buddhistischen Gesichtspunkt aus würden wir die Geistesfaktoren analysieren, die an diesem Geisteszustand beteiligt sind. In diesem Fall wäre es das unterscheidende Gewahrsein, dass Rauchen schädlich für uns ist, und auch unsere Anhaftung daran. Es ist nicht nur so, dass das unterscheidende Gewahrsein nicht stärker als die Anhaftung ist, sondern die Anhaftung scheint zu überwiegen (all diese Geistesfaktoren können in einem Spektrum von sehr schwach bis sehr stark auftreten).

Ebenfalls in diesem Geisteszustand vorhanden ist ein unentschlossenes Schwanken: „Soll ich nicht rauchen?“ „Soll ich noch etwas trinken oder soll ich es bleiben lassen?“ Es besteht also eine Unentschiedenheit – man ist sich unsicher, was man tun soll, was ein beunruhigender Geisteszustand ist – und eine sehr schwache Selbstdisziplin in Bezug darauf, der Anhaftung eine Absage zu erteilen und sich auf die Seite des unterscheidenden Gewahrsein zu schlagen, welches weiß, dass etwas schädlich für mich ist.

In diesem Fall müssen wir das unterscheidende Gewahrsein stärken, d.h. es bestätigen, es uns in Erinnerung rufen, uns seiner gegenwärtig bleiben (Vergegenwärtigung ist der mentale Klebstoff, der uns dabei bleiben lässt). Zudem ist es erforderlich, großes Gewicht auf die Selbstdisziplin zu legen, sodass ich, auch wenn mir nach einer Zigarette oder einem Drink zumute ist, nicht nachgebe und sagen kann: „Na und? Das ist nur die Macht der Gewohnheit, und ich will kein Sklave der Gewohnheit sein.“ Shantideva, ein berühmter buddhistischer Meister aus Indien, hat das gut ausgedrückt. Er sprach im Geiste etwa so zu den verstörenden Emotionen: „Ich bin lange genug euer Sklave gewesen. Ihr habt mir im Laufe der Zeit genug Ärger gemacht und Schaden angerichtet. Die Zeiten, in denen ihr mir all diese Probleme verschafft habt, sind vorbei.“

Es erfordert starke Willenskraft, zu sagen: „Es reicht jetzt!“ Das ist natürlich nicht so einfach, aber es ist anfangs die einzige Möglichkeit, eine selbstzerstörerische Gewohnheit wie z.B. das Rauchen zum Aufhören zu bringen. Natürlich müssen wir die Angelegenheit immer tiefer ergründen und herausfinden was hinter einer verstörenden Emotion steckt, aber der erste Schritt besteht einfach in der Disziplin, in der Selbstkontrolle: „Genug jetzt! Ganz egal, ob ich gerne noch einen Drink hätte – na und?“ Oder auf welche Situation auch immer wir uns beziehen. „Ich würde gern noch ein Stück Kuchen essen, aber ich weiß, dass ich mich bloß wieder vollstopfen will, und eigentlich bin ich schon satt und hatte wirklich genug.“ So sagt man nein, obwohl man natürlich gern noch ein Stück mehr hätte. „Ich würde morgens gern länger im Bett bleiben, aber ich muss aufstehen.“ Es gibt viele Beispiele in unserem Leben, die wir anführen können, um uns klarzumachen, dass wir durchaus die Fähigkeit haben, Selbstdisziplin zu üben – auch wenn wir gern länger im Bett bleiben würden (das geht mit Sicherheit den meisten Menschen so).

Sie sehen: Der springende Punkt ist wirklich der erste der neun Gesichtspunkte – sich klarzumachen dass wir die Fähigkeit haben, gut mit uns umzugehen. Manchmal denken wir: „Ich bin unfähig“, aber das stimmt nicht. Es ist nur so, dass wir die Beispiele bagatellisieren, die zeigen, dass wir durchaus dazu imstande sind.

3. Es ist ratsam, eine positive Einstellung zu haben, weil ich jeden Moment sterben könnte

Der dritte Gesichtspunkt bei der Entwicklung einer ausgewogenen Einstellung zu uns selbst ist, an den Tod zu denken, und zwar insbesondere daran, dass der Tod jederzeit eintreffen kann. Es ist wirklich so: Wir können jederzeit sterben. Wir müssen nicht einmal krank sein. Wir können jederzeit von einem Auto überfahren werden.

Daher denken wir: „Nehmen wir einmal an, mein letztes Stündlein wäre gekommen und dies wären meine letzten Minuten.“ Sagen wir, ich wäre ein Gefangener, dessen Hinrichtung bevorsteht. (Dafür müssen wir nicht unbedingt ein Verbrecher sein; es könnte z.B. Krieg herrschen und wir werden erschossen.) Wie wollen wir unsere letzte Stunde verbringen? Will ich sie damit verbringen, voller Selbsthass zu denken, wie schrecklich ich gewesen bin und wie schrecklich ich bin? Oder mit Selbstverherrlichung? Will ich mich in dieser letzten Stunde mit Eiscreme vollstopfen oder so viel Sex haben, wie ich in dieser letzten Stunde kann? Oder mein Bedürfnis ignorieren, meinen Geist zu beruhigen, bevor ich erschossen werde – etwa einfach ein Buch weiterlesen oder in dieser letzten Stunde irgendeine Zeitschrift durchblättern? Will ich so die letzte Stunde meinem Leben verbringen? Oder fernsehen und dabei verdrängen, dass dies meine letzte Stunde ist? Unsere letzte Stunde mit einer verstörenden Einstellung wie Ärger, übermäßige Anhaftung oder Naivität in Bezug auf uns selbst zu verbringen, wäre eine Verschwendung jeglicher kostbaren Zeit, die uns noch bleibt.

Genauso ist es, wenn wir uns selbst gegenüber eine negative Einstellung haben: Wir verschwenden die Zeit, die uns im Leben noch bleibt, und wir könnten jederzeit sterben. Solche Gedankengänge können uns helfen, stets eine ausgewogene Einstellung gegenüber uns selbst zu entwickeln. In jeder Situation, in der wir uns befinden, werden wir denken: „Ich werde gut mit mir umgehen. Ich werde versuchen, einen ruhigen Geisteszustand zu erlangen und mit mir im Frieden zu sein, denn ich könnte jeden Augenblick sterben.“ So zu denken ist eine Möglichkeit, freundlicher mit uns umzugehen. Darüber denken wir jetzt nach.

4. Ich möchte glücklich sein

Der vierte Gesichtspunkt ist, dass ich glücklich sein möchte und nicht unglücklich (ich glaube, dass trifft wohl auf jeden zu).

Wir denken daran, wie andere Menschen uns behandeln: „Ich mag es nicht, wenn andere mich zurückstoßen oder schlecht behandeln, nicht wahr? Und ich kann es auch nicht leiden, wenn andere sich an mich klammern oder überfürsorglich sind und sich die ganze Zeit Sorgen um mich machen. Es gefällt mir auch nicht, wenn andere mich völlig ignorieren. Wenn andere mich auf solche Arten behandeln, fühle ich mich unglücklich.“

Dann überlegen wir, wie wir uns selbst behandeln: „Wenn ich mich selbst schlecht behandele, bin ich dabei nicht glücklich, oder? Und wenn ich ganz von mir besessen bin und mich dauernd um mich sorge – um meine Gesundheit oder was auch immer, wie ein Hypochonder , so ist es auch kein glücklicher Zustand. Und wenn ich meine Bedürfnisse ignoriere, geht es mir auch nicht gut. Ich möchte nicht, dass andere mich so behandeln – warum sollte ich mich dann selbst so behandeln? Ob mich nun jemand anderes so behandelt oder ich mich selbst – es macht mich nur unglücklich. Im Grunde möchte ich glücklich sein, nicht unglücklich. Unglücklich zu sein ist kein Genuss. Warum mache ich mich dann unglücklich? Es gibt eine Menge andere Leute, die mich unglücklich machen können. Warum mache ich mich auch noch selbst unglücklich?“

Denken Sie darüber nach.

5. Ich habe das Recht, glücklich zu sein

Kommen wir zum nächsten Punkt, dem fünften Gesichtspunkt: „Mein ganzes Leben lang habe ich das Recht, glücklich zu sein und mich selbst gut zu behandeln, nicht nur vorübergehend. Denken Sie darüber nach. „Habe ich das Recht, glücklich zu sein? Habe ich das Gefühl, dass ich es mir verdienen müsste (als ob das eine Art Belohnung wäre)? Oder ist es nicht vielmehr so, dass ich das Recht habe, glücklich zu sein, ungeachtet dessen, was ich tue?“

Das ist wirklich ein interessanter Punkt. Gelangen wir damit zu einer sozialistischen Denkweise, oder handelt es sich einfach um ein grundlegendes Menschenrecht – das Recht, glücklich zu sein? Die grundlegenden Menschenrechte beinhalten nicht unbedingt ein politisches System, das sozialistisch ist, nicht wahr?

6. Ich habe das Recht, nicht unglücklich zu sein

Der sechste Punkt lautet ganz ähnlich: „Mein ganzes Leben lang habe ich das Recht, nicht unglücklich zu sein, und das Recht, mich nicht schlecht zu behandeln; das gilt nicht nur vorübergehend.“

Worum es bei dem fünften und sechsten Punkt geht, ist eine ausgewogene Einstellung im Verlauf meines ganzen Lebens. Es ist nicht so, dass ich nur manchmal das Recht habe, glücklich zu sein und nicht unglücklich zu sein, sondern es ist immer der Fall. Es ist nicht nur so, dass ich glücklich sein möchte und nicht unglücklich sein möchte. Ich habe grundsätzlich das Recht dazu. Das ist kein unangemessener Wunsch. Es ist nicht so, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich glücklich sein möchte.

Lassen Sie uns nun eine Pause machen. In unserer letzten Sitzung werden wir uns dann die letzten drei Gesichtspunkte für die Entwicklung der ausgewogenen Einstellung zu uns selbst anschauen und anschließend die fünf Entschlüsse, die sich daraus ergeben.

7. Die großen Meister sehen mich nicht als wahrhaft schrecklich, wahrhaft wunderbar oder wahrhaft nichtig

Der nächste Punkt, der siebte, lautet: Wenn ich wahrhaft schrecklich oder wahrhaft etwas besonders Wunderbares oder wahrhaft ein Niemand wäre, dann würden die Buddhas und die großen Meister mich auf diese Weise sehen, aber das ist nicht der Fall.

Das ist ein schwieriger Punkt, sofern wir noch nie einen Buddha getroffen haben – und vermutlich haben wir das nicht – und auch nicht in enger Verbindung mit einem bedeutenden spirituellen Meister stehen. Ich hatte jedoch das Glück, einigen wirklich großen spirituellen Meistern nahe zu sein, und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass niemand für sie etwas Außergewöhnliches ist. Alle sind gleich. Sie sind jedem gegenüber gleichermaßen aufgeschlossen.

Ich denke immer an das Beispiel meines eigenen wichtigsten Lehrers, Serkong Rinpoche. Ich habe ihm neun Jahre lang als Übersetzer zur Seite gestanden, bin mit ihm um die Welt gereist, ich war bei seiner Begegnung mit dem vorigen Papst dabei und auch, wenn wir auf der Straße Betrunkene trafen. Er war jedem gegenüber derselbe, sei es dem Papst oder einem Betrunkenen gegenüber. Das Gleiche trifft auf Seine Heiligkeit den Dalai Lama zu, wenn er die Präsidenten unterschiedlicher Länder oder ganz gewöhnliche Menschen trifft. Wenn er bei einer Veranstaltung hereinkommt und die Leute begrüßt, zeigt sich dieselbe Offenheit und dieselbe Wärme. Niemand gilt als etwas Besonderes. Das heißt nicht, dass man jedem gegenüber gleichermaßen kühl und gefühllos ist. Es heißt, dass man aufgeschlossen warmherzig und gütig ist und sich freut, einem jeden zu begegnen.

Ich war immer erstaunt über Serkong Rinpoche, denn während wir viele buddhistische Zentren überall auf der Welt besuchten und es dort meist einen tibetischen Lehrer gab, schien es doch nicht so, als hätte er einen besonderen, besten Freund darunter. Ganz gleich, mit wem er zusammen war, er verhielt sich jedem dieser Lehrer gegenüber so, als wäre er sein bester Freund. Es war wirklich bemerkenswert; er verhielt sich allen gegenüber gleich.

Wenn wir also wahrhaft schrecklich oder wahrhaft etwas besonders Wunderbares oder wahrhaft ein Niemand wären, dann würden die Buddhas und die großen Meister uns als eben dies sehen; aber so ist es nicht. Wenn wir wahrhaft so wären, würden sie uns auf diese Weise sehen. Doch dem ist nicht so. Eigentlich könnten wir zu diesen ersten Punkt auch noch hinzufügen, dass nicht nur die Meister, sondern jeder uns auf diese Weise sehen müsste, aber auch das ist nicht der Fall.

Es ist komisch: Wenn wir das untersuchen, sagen wir oft: „Nun ja, sie kennen mich ja eigentlich nicht. Wenn sie mich kennen würden, wüssten sie, was für ein schrecklicher Mensch ich bin. Aber sie wissen nicht, wie ich wirklich bin.“ Auch dabei identifizieren wir uns wieder mit dem falschen „Ich“. Wir picken uns nur die negativen Aspekte von uns heraus, übertreiben sie und vergessen alles andere über uns. Wie ich schon mehrfach erwähnt habe, hat jeder auch Stärken, und jeder hat Schwachpunkte. Daran ist nichts Außergewöhnliches – ein bisschen mehr von dieser Qualität, ein bisschen weniger von jener, aber nichts Besonderes.

8. Ich habe Qualitäten und Eigenarten, die sich ändern können

Der nächste Punkt, Nummer acht, lautet: Wenn ich wahrhaft ein grauenhafter Mensch wäre – oder wahrhaft ein wunderbarer Mensch oder wahrhaft ein Niemand, der nicht zählt -, dann wäre ich immer so. Es könnte sich nie ändern, und unsere Einstellung zu uns selbst könnte sich auch nie ändern. Aber das ist nicht der Fall. Wenn wir uns unser Leben anschauen, stellen wir fest: Die Umstände ändern sich, und auch unsere Einstellung zu uns selbst ändert sich. Achten Sie einmal darauf, wie unsere Einstellung zu uns selbst ist, wenn wir gute Laune haben, und wie sie ist, wenn wir schlechte Laune haben. Es ist ganz offensichtlich, dass unsere Einstellung sich ändert. Was hier verwirrend ist, ist, dass wir das Gefühl haben, wir wären als Person irgendwie inhärent gut oder inhärent schlecht oder auf inhärente Weise ein Niemand – als ob das unsere wahre Natur wäre, ungeachtet und keineswegs abhängig von unserer Stimmung oder davon, was gerade passiert, oder von unterschiedlichen Phasen in unserem Leben oder von sonst irgendetwas.

Es gibt einen großen Unterschied dazu, wenn wir einfach nur von „mir“ als einer Person sprechen. Eine Person zu sein, ein Individuum, ist ein neutrales Phänomen, wieder gut noch schlecht. Eine Hand ist weder gut noch schlecht. Eine Hand ist einfach eine Hand. Manches, was wir getan haben, mag destruktiv oder negativ gewesen sein, anderes mag positiv gewesen sein; manches, was uns widerfahren ist, war schmerzhaft, anderes war angenehm. Das ist nicht der Punkt. Als Person sind wir jedoch weder gut noch schlecht. Es gehört zu meiner menschlichen Natur, dass ich glücklich und nicht unglücklich sein möchte. So geht es jedem. Und ich habe das Recht – ein grundlegendes menschliches Recht -, glücklich zu sein und nicht unglücklich.

Unzulänglichkeiten können überwunden werden; sie sind nicht etwas, das ewig und unveränderlich wäre. Wenn wir Fehler im Leben gemacht haben – nun, einige kann man beheben; mit anderen müssen wir eben fertigwerden und das Beste daraus machen. Wir können zum Beispiel eine schlechte Investition gemacht und Geld verloren haben. Nun müssen wir das Beste daraus machen. Wenn das Geld weg ist, ist es weg, das können wir nicht ändern. Also versuchen wir, mit der Situation zurechtzukommen. Real ist: „Okay, ich habe Geld verloren. Was mache ich jetzt?“ Oder ich habe einen Fehler gemacht. Das macht mich als Person nicht zu einem schlechten Menschen. Es war ein dummer Fehler, das ist alles. Wir müssen hier „mich“ als Person von dem unterscheiden, was ich getan haben mag (sowie auch von den verschiedenen Merkmalen und Qualitäten, die ich vielleicht habe und die sich den Umständen entsprechend ändern können).

9. Meine Einstellung zu mir selbst ändert sich entsprechend der Situation

Das führt uns zum neunten Punkt. Wenn ich wahrhaft eine schreckliche Person wäre – oder ach so wunderbar, oder ein Niemand -, dann hätte ich mein ganzes Leben lang so sein müssen und nicht nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Situation oder etwas, was passiert ist. Das kann aber nicht sein.

Das Thema ist hier nicht, ob man inhärent wunderbar oder schrecklich usw. ist. Wir sprechen hier von unserer Einstellung uns selbst gegenüber. Wenn ich eindeutig so oder so wäre, müsste ich mir selbst gegenüber immer auf diese Weise eingestellt sein, ungeachtet verschiedener Situationen. Tatsache ist aber, dass meine Einstellung sich verändert und sich in der Vergangenheit in Abhängigkeit von verschiedenen Situationen geändert hat – ich hatte Erfolg, ich habe versagt, ich habe eine gute Wahl getroffen, ich habe eine schlechte Wahl getroffen, eine falsche Entscheidung getroffen.

Es hat also keinen Sinn, diese verstörende Einstellung zu mir selbst beizubehalten: „Ich bin eindeutig so und nicht anders, egal was passiert.“ Das muss nicht so sein. Wir können uns ändern, wenn wir verstehen, dass unser Gefühl uns selbst gegenüber immer von Umständen und Situationen abhängig war, aber grundsätzlich nichts falsch an mir ist; es ist nichts Besonderes an mir. Dann können wir jederzeit eine ausgewogene Haltung uns selbst gegenüber einnehmen, die gleichermaßen freundlich und respektvoll ist. Selbstachtung ist etwas sehr Wichtiges.

Ich denke, dass wir – insbesondere, wenn wir praktizierende Buddhisten sind, aber nicht nur dann - dazu neigen, zu meinen, wir müssten perfekt sein. Wenn wir nicht perfekt sind, denken wir, wir wären schlecht. „Ich tauge nichts. Ich bin ein Versager.“ Aber ich meine, wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass wir noch kein Buddha sind. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch, und ein ganz gewöhnlicher Mensch macht Fehler. Daran, dass ich Fehler mache, ist nichts Besonderes, oder? Was erwarte ich denn? So etwas ist kein Grund, mich zu verabscheuen oder dermaßen schlecht von mir zu denken, bloß weil ich Fehler begangen habe. Es ist völlig unrealistisch zu erwarten, dass ich nie Fehler mache und dass mir bei allem, was ich tue, nie etwas misslingt. Natürlich wird mir manchmal etwas misslingen. Alle misslichen Dinge, die passieren, passieren aufgrund bestimmter Umstände. Aber bei allem, was passiert, bin ich einfach bloß eine Person, ein neutrales Phänomen.

Also versuchen wir unser Bestes und versuchen, aus unseren Fehlern zu lernen, ohne über uns das Urteil zu fällen: „Ich bin so wunderbar“ oder „Ich bin so schrecklich“.