Die zwei Wahrheiten im Vaibhashika und Sautantrika

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Die Darstellung der beiden wahren Phänomene im Vaibhashika-System

Im Vaibhashika-System gilt:

  • Oberflächlich wahre Phänomene sind Dinge, deren konventionelle Identität (tha-snyad-du yod-pa’i bdag) wir nicht mehr wahrnehmen können, wenn wir sie mit physischen Mitteln zerlegen oder durch genaue geistige Überprüfung analysieren.
  • Zutiefst wahre Phänomene sind solche, deren konventionelle Identität wir auch dann weiterhin wahrnehmen können, wenn wir sie zerlegen oder analysieren.

Es gibt drei Varianten von oberflächlich wahren Phänomenen:

  • Formen physischer Phänomene die von räumlichen und zeitlichen Teilen abhängig sind, wie z.B. eine Hand oder der Ton von jemandem, der spricht. Wenn wir eine Hand zerlegen und die Muskeln, Venen, Nerven und Knochen betrachten, oder wenn wir ohne sie physisch zu zerlegen an die einzelnen Atome der Hand denken, nehmen wir die Identität der Hand nicht mehr wahr. Wenn wir den Ton der Sprache von jemandem in die Vokale und Konsonanten zerlegen, aus denen er besteht, oder wenn wir auf jeden dieser Bestandteile einzeln hören, nehmen wir nicht mehr die Identität der Wörter oder Sätze wahr, die von ihnen gebildet werden. Wir verstehen ihre Bedeutung nicht mehr.
  • Arten von Gewahrsein, die von zeitlichen Teilen abhängen, wie z.B. ein verbaler Gedankengang. Wenn wir an die einzelnen Mikrosekunden eines Gedankenganges denken, nehmen wir nicht mehr die Identität (mit anderen Worten, die konventionelle Bedeutung) des gesamten Gedankenganges wahr.
  • Nichtstatische Phänomene, die weder physische Phänomene noch Gewahrsein sind, wie z.B. Erwerbungen, Entstehung usw. All diese Phänomene sind von einer Grundlage der Zuschreibung abhängig. Eine Erwerbung kann es nur in Abhängigkeit von etwas geben, das erworben wird; eine Entstehung kann es nur in Abhängigkeit von etwas geben, das entsteht, usw. Wenn wir eine Erwerbung oder eine Entstehung von etwas analysieren geistig in ihre Bestandteile zerlegen, fallen die Erwerbung bzw. die Entstehung auseinander und es bleibt nur das Phänomen übrig, das erworben wurde oder das entstanden ist.

Wenn wir oberflächlich wahre Phänomene oder ihre Grundlagen der Zuschreibung bis in die kleinsten Einzelheiten untersuchen, stellen wir fest, dass sie letztendlich aus kleinsten Teilen zusammengesetzt sind, die selbst keine Teile mehr haben. Sie sind oberflächliche Wahrheiten in dem Sinne, dass sie etwas Tieferes völlig verbergen, nämlich ihre letztendlich kleinsten Teile.

Zutiefst wahre Phänomene umfassen:

  • die vier Elemente, die die Bausteine aller physischen Objekte sind, nämlich Erde, Wasser, Feuer und Wind
  • die fünf Arten von Sinnesobjekten – Sichtbares, Klänge, Gerüche, Geschmack sowie körperliche und taktile Sinnesempfindungen
  • die fünf Arten des primären Bewusstseins – Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist
  • Geistige Faktoren wie Glück, Konzentration, Liebe und Wut
  • die teilelosen Partikel (die kleinsten Materieeinheiten, die erkennbar sind), die physische Objekte wie z.B. eine Hand bilden,
  • die teilelosen Mikrosekunden (die kleinsten Einheiten von Veränderung, die erkennbar sind), die die Erfahrung einer Art von Gewahrsein bilden;
  • statische Phänomene wie z.B. Raum und die Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele in einer Person.

Nach der physischen Zerlegung von irgendwelchen Elementen oder Sinnesobjekten oder geistiger Analyse jeglicher Art von primärem Bewusstsein oder geistigen Faktor, behalten die kleinsten Teile oder kleinsten Momente von ihnen immer noch ihre konventionallen Identitäten. Immerhin ist der geringste Geruch noch ein Geruch und der kleinste Moment der Liebe ist immer noch Liebe. Außerdem, wenn wir teilelose Partikel, teilelose Zeitmomente und statische Phänomene analysieren, können wir ihre konventionelle Identität weiterhin wahrnehmen.

In einem ganz allgemeinen Sinn sind oberflächliche Wahrheiten (oberflächlich wahre Phänomene) also die alltäglichen Objekte, die uns erscheinen, z.B. Hände und die Töne von Sprachsequenzen mit einer Bedeutung. Sie verbergen ganz und gar die tieferen Wahrheiten: Elementen, sensorische Informationen, teilelose Partikel, teilelose Momente, primäre Bewusstsein, geistige Faktoren und statische Tatsachen wie z.B. Raum. Ein weiteres Beispiel für eine oberflächliche Wahrheit ist eine Person. Sie verschleiert die tiefere Wahrheit über diese: das Fehlen einer unmöglich existierenden Seele in der Person.

Man beachte: Alle oberflächlich wahren Phänomene sind nichtstatisch, doch nicht alle nichtstatischen Phänomene sind oberflächlich wahre Phänomene. Denn teilelose Partikel und teilelose Mikrosekunden sind nichtstatische Phänomene und auch zutiefst wahre Phänomene. Mit anderen Worten: Alle statischen Phänomene sind zutiefst wahre Phänomene, aber nicht alle zutiefst wahren Phänomene sind statische Phänomene – zum Beispiel die teilelosen Partikel und teilelosen Mikrosekunden.

Existenzweisen der beiden Wahrheiten im Vaibhashika-System

Anders als die komplexeren Lehrsysteme vertritt das Vaibhashika-System nicht den Standpunkt, dass die beiden Wahrheiten auf unterschiedliche Weise existieren. Gemäß dem Vaibhashika-System haben sowohl die oberflächlichen als auch die tiefsten Wahrheiten substantiell erwiesene Existenz (rdzas-su grub-pa).

„Substantiell erwiesene Existenz“ ist eine Existenz, die dadurch erwiesen ist, dass etwas eine Funktion ausüben kann (don-byed nus-pa). Die Fähigkeit eines Phänomens, eine Funktion auszuüben, rührt daher, dass es eine substantielle Entität ist (rdzas, Skt. dravya). Eine Hand sowie die teilelosen Partikel, die sie bilden, und ihr Raum üben die Funktion aus, zumindest als kausale Bedingung für ihre Wahrnehmung zu wirken – denn sie alle können gültig erkannt werden. Somit vertritt das Vaibhashika -System als einziges den Standpunkt, dass alle existierenden Phänomene substantiell erwiesene Existenz haben. Es gibt also nichts, dessen Existenz bloß dadurch erwiesen wird, dass es durch begriffliche Wahrnehmung (rtog-pas btags-pa-tsam-du grub-pa) zugeschrieben wird – denn alle existierenden Phänomene sind substantiell erwiesen.

Der Begriff „rdzas“, der hier als „substantielle Entität“ übersetzt wird, hat auch die Bedeutung einer Ursprungsquelle. Eine Ursprungsquelle ist dasjenige, aus dem etwas herkommt, bei einem Laib Brot zum Beispiel der Backofen. Wenn etwas eine substantiell erwiesene Existenz hat, dient es als Ursprungsquelle für seine gültige Wahrnehmung. Als Ursprungsquelle von dessen gültiger Wahrnehmung zu dienen ist also die elementarste Funktion, die alle existierenden Phänomene erfüllen. Ihre Ursprungsquelle ist nicht auf Seiten des Geistes, der sie wahrnimmt. In diesem Sinne dienen existierende Phänomene als äußere ursächliche Bedingung für ihre Wahrnehmung.

Ferner haben alle existenten Phänomene wahrhaft erwiesene Existenz (bden-par grub-pa, wahre Existenz). Denn gemäß dem Vaibhashika-System hat etwas wahrhaft erwiesene Existenz, wenn es die Fähigkeit hat, eine Funktion auszuüben, und alle existierenden Phänomene haben diese Fähigkeit.

Eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomene im Vaibhashika-System

Alle Phänomene, die oberflächliche oder tiefste Wahrheiten sind – und damit alle nichtstatischen und statischen Phänomene – haben substantiell erwiesene Existenz. Doch anhand einer anderen Unterscheidung können sie danach unterteilt werden, auf welche Weise sie erkennbar sind: Sie sind entweder durch Zuschreibung erkennbar oder eigenständig erkennbar.

Durch Zuschreibung erkennbare Phänomene (btags-yod, durch Zuschreibung existierende Phänomene) sind diejenigen gültig erkennbaren Phänomene, die von der tatsächlichen Wahrnehmung von oder durch etwas anderes abhängig sind. Ihre Wahrnehmung erfordert die Wahrnehmung der Teile, von denen sie abhängig sind.

Oberflächliche Phänomene, die Formen physischer Phänomene oder Arten von Gewahrsein sind, sind durch Zuschreibung erkennbar. Das Vaibhashika-System vertritt den Standpunkt, dass unbegriffliche Sinneswahrnehmung durch direkten Kontakt mit dem Objekt stattfindet, ohne dass ein geistigen Aspekt des Objekts als Medium dafür erforderlich wäre. Aus diesem Grund gilt: Wenn ein aus Teilen zusammengesetztes Objekt gültig erkannt wird, muss die Wahrnehmung zugleich die Teile, von denen das Objekt abhängig ist, als Objekt erfassen.

Eigenständig erkennbare Phänomene (rang-rkya thub-pa’i rdzas-yod, eigenständig erkennbare substantiell existierende Phänomene) sind diejenigen erkennbaren Phänomene, die für ihre tatsächliche Wahrnehmung (dngos-bzung) nicht von der tatsächlichen Wahrnehmung von etwas anderem abhängig sind. Ihre Wahrnehmung ist nicht von der Wahrnehmung von Teilen oder der Grundlage der Zuschreibung abhängig.

Statische Phänomene, teillose Partikel, teillose Momente und nichtstatische Einflussvariablen, die nicht mit Form oder Gewahrsein kongruent sind, sind eigenständig erkennbar. Zum Beispiel, nicht mit Form oder Gewahrsein kongruente Einflussvariablen, z.B. der Erwerb eines neuen Hauses, sind von einer Grundlage der Zuschreibung abhängig – dem neuen Haus, das erworben wird. Außerdem gilt: Der Erwerb des neuen Hauses und das neu erworbene Haus beginnen gleichzeitig zu existieren (bzw. entstehen gleichzeitig). Trotzdem vertritt das Vaibhashika-System als einziges den Standpunkt, dass der Erwerb eine separat wahrnehmbare substantielle Entität (rdzas) ist. Der Grund dafür ist, dass der Erwerb laut Vaibhashika-System ein separates substantiell erwiesenes Phänomen ist, welches das neu zu erwerbende Haus bewirkt. Die Wahrnehmung des Erwerbs des neuen Hauses ist also nicht von der Wahrnehmung des neuen Hauses abhängig, das erworben wird.

Da auch Personen nicht mit Form oder Gewahrsein kongruente Einflussvariablen sind, sind auch sie eigenständig erkennbar. Die Anhänger des Vaibhashika-Systems vertreten, dass eine Person die bloße Ansammlung (ein Netzwerk) der fünf Aggregate ist, denen sie zugeschrieben wird. Die Person ist als solche eigenständig erkennbar, denn wenn man eine Person sieht, sieht man nicht die gesamte Ansammlung der Aggregate, der sie zugeschrieben wird. Umfassender gesagt, vertreten die Vaibhashikas die direkte Wahrnehmung von Phänomenen. Das heißt: Die Wahrnehmung eines Objekts erfordert ein Bewusstsein, das in direkten Kontakt damit tritt, und nicht eine Wahrnehmung mittels eines dazwischengeschalteten geistigen Hologramms (rnam-pa, geistiger Aspekt). Obwohl die Person der bloßen Ansammlung der Aggregate zugeschrieben wird, hat das Bewusstsein, wenn man eine Person wahrnimmt, also eine direkt damit in Kontakt tretende Wahrnehmung der Person und nicht eine Wahrnehmung der gesamten Ansammlung der fünf Aggregate, welche die Grundlage sind, der die Person zugeschrieben wird. Aus diesem Grund vertritt das Vaibhashika-System nur eine Ebene der Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Person, nämlich die Abwesenheit einer Existenz der Person, welche unabhängig von den Aggregaten, denen sie zugeschrieben wird, als statische, monolithische Entität erwiesen wäre (rtag-cig rang-dbang-can-gyis grub-pa). Das Vaibhashika-System vertritt nicht die subtile Abwesenheit einer unmöglich existierenden Seele der Person, d.h. die Abwesenheit einer Existenz der Person, welche als substantielles, eigenständig erkennbares Phänomen erwiesen wäre.

Kurz: Gemäß dem Vaibashika-System sind sowohl oberflächlich wahre Phänomene als auch zutiefst wahre Phänomene substantiell existent. Alle zutiefst wahren Phänomene sind sowohl substantiell existent als auch eigenständig erkennbar, während jedoch nicht alle substantiell existenten, oberflächlich wahren Phänomene durch Zuschreibung erkennbar sind – einige substantiell existente, oberflächlich wahre Phänomene, nämlich die nicht mit Form oder Gewahrsein kongruenten Einflussvariablen, sind auch eigenständig erkennbar.

Die Unterteilung der beiden Wahrheiten im Sautrantika-System: Objektive Entitäten und metaphysische Entitäten

Es gibt zwei Sektionen von Vertretern des Sautrantika-Systems – die Sautrantika-Anhänger der Schriften (lung-gi rjes-‘brang-gi mdo-sde-pa) und die Sautrantika-Anhänger der Logik (rigs-pa’i rjes-‘brang-gi mdo-sde-pa). Die Sautrantika-Anhänger der Schriften beschreiben die beiden Wahrheiten auf dieselbe Weise wie die Vaibhashikas. Die Sautrantika-Anhänger der Logik entwickelten die Definitionen aus dem Vaibhashika-System dahingehend weiter, dass sich die beiden Wahrheiten auf zwei andere Gruppen von Phänomenen als im Vaibhashika-System beziehen. Betrachten wir nun ihre Darstellung. Um die Erläuterung zu vereinfachen, werden wir die Sautrantika-Anhänger der Logik einfach als Sautrantika bezeichnen.

Gemäß Sautrantika gilt:

  • Die Existenz oberflächlich wahrer Phänomene ist lediglich dadurch begründet, dass sie durch begriffliche Wahrnehmung (rtog-pas btags-pa-tsam-du grub-pa) zugeschrieben sind. Es fehlt ihnen die Fähigkeit, Funktionen auszuüben und somit fehlt ihnen die substantiell erwiesene Existenz. Mit anderen Worten, sie dienen nicht als Ursprungsquelle für ihre gültige Wahrnehmung. Die Ursprungsquelle für ihre gültige Wahrnehmung ist auf Seiten des Geistes, der sie wahrnimmt. Die oberflächlich wahren Phänomene umfassen alle statischen Phänomene.
  • Die Existenz der zutiefst wahren Phänomene ist von der Seite ihrer eigenen jeweiligen Bestehensweise her begründet (rang-gi sdod-lugs-kyi ngos-nas grub-pa), ohne davon abhängig zu sein, dass sie durch Worte oder begrifflicher Wahrnehmung zugeschrieben werden. Sie haben die Fähigkeit, Funktionen auszuüben, und somit substantiell erwiesene Existenz. Sie dienen als die Ursprungsquelle ihrer gültigen Wahrnehmung, und sie umfassen alle nichtstatischen Phänomene.

Oberflächlich wahre Phänomene werden als metaphysische Entitäten (spyi-mtshan, allgemein charakterisierte Phänomene) eingestuft – wörtlich: Phänomene mit allgemein definierenden Eigenschaften. Sie sind die erscheinenden Objekte (snang-yul) nur der begrifflichen Wahrnehmungen – obwohl sie nicht die tatsächlichen kognitiven Erscheinungen (snang-ba) in diesen Wahrnehmungen sind.

Das erscheinendes Objekt einer Wahrnehmung ist das direkte Objekt (dngos-yul), das in einer Wahrnehmung erscheint, als ob es sich direkt vor dem Bewusstsein befände (blo-ngor), das es wahrnimmt. Kategorien allerdings haben keine Gestalt oder Form und können daher nicht tatsächlich „erscheinen“. Sie sind wie statische Abstraktionen, die nur in einer begrifflichen Wahrnehmung erscheinen können, wenn sie einer Grundlage der Zuschreibung zugeordnet (darauf projiziert, als Bezeichnung hinzugefügt) werden, die eine Gestalt bzw. Form hat, z.B. einem Sinnesobjekt. Das Sinnesobjekt (ein zutiefst wahres Phänomen) ist also das, was tatsächlich erscheint, und zwar durch einen vollkommen transparenten geistigen Aspekt (ein geistiges Hologramm), der das Sinnesobjekt repräsentiert. Das Sinnesobjekt ist jedoch in der begrifflichen Wahrnehmung durch die teilweise transparente Kategorie verschleiert, denn das erscheinende Objekt direkt vor dem Bewusstsein ist die Kategorie.

Zutiefst wahre Phänomene sind objektive Entitäten (rang-mtshan, individuell charakterisierte Phänomene) – wörtlich: Phänomene mit individuell definierenden Eigenschaften. Sie sind die erscheinenden Objekte ausschließlich der unbegrifflichen Wahrnehmungen – obwohl sie das sind, was sowohl in der unbegrifflichen als auch in der begrifflichen Wahrnehmung erscheint.

[Siehe: Objekte der Wahrnehmung: Die Gelug-Darstellung]

Ferner sind oberflächlich wahre Phänomene etwas, dessen Existenzweise einer logischen Analyse nicht standhält. Wenn wir z.B. die Kategorien analysieren, mit denen wir an den Ort denken, wo wir leben – etwa als „mein Zuhause“, „gemütlich“, „schön“, „teuer“ usw. – dann stellen wir fest wir, dass sie nicht auffindbar sind, nicht objektiv außerhalb unseres begrifflichen Denkprozesses existieren. So eliminiert die Analyse unsere Projektionen und wir finden diese oberflächlichen Wahrheiten nicht mehr.

Die zutiefst wahren Phänomene sind etwas, dessen Existenzweise der logischen Analyse standhält. Der Ort selbst, an dem wir leben, hält der Analyse stand. Ganz gleich, wie viel wir analysieren – die Analyse zerstört nicht den tatsächlichen Ort, an dem wir leben. Nachdem wir mit Logik analysiert haben, stellen wir fest, dass dieser Ort weiterhin auffindbar und objektiv außerhalb unseres begrifflichen Denkprozesses existiert.

Zu den zutiefst wahren Phänomenen gehören nicht nur Sinnesobjekte wie farbige Formen, Gerüche, Geschmack und physische Empfindungen, sondern auch alltägliche, allgemein bekannte Objekte (‘ jig-rten-la grags-pa), die Daten verschiedener Sinneswahrnehmungen umfassen, wie z.B. eine Hand. Und ebenso umfassen die zutiefst wahren Phänomene nicht nur einzelne Momente der Sinneswahrnehmung oder momentane Töne von Vokalen und Konsonanten, sondern auch alltägliche, allgemein bekannte Objekte, die sich über einen gewissen Zeitraum erstrecken, sowie Wörter und Sätze, die sich über Sequenzen von momentanen Geräuschen erstrecken.

  • Das Sautrantika-System akzeptiert, ebenso wie das Vaibhashika-System, teilelose Partikel und teilelose Momente von Gewahrsein, doch das Sautrantika-System vertritt den Standpunkt, dass sie dieselbe Art wahrer Phänomenen sind wie die Formen physischer Phänomene und Gewahrseinsarten, die sie umfassen, nämlich zutiefst wahre Phänomene.
  • Gemäß den anderen Traditionen – denjenigen, die nicht der Gelug-Tradition angehören – sind hier die alltäglichen, allgemein bekannten Objekte, die sich über verschiedene Sinnesdaten und über einen gewissen Zeitraum erstrecken, oberflächlich wahre Phänomene.

Eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomene im Sautrantika-System

Wie wir gesehen haben, unterscheidet das Sautrantika-System die zweierlei wahren Phänomene danach, ob ihre Existenz durch ihre Fähigkeit, eine Funktion auszuüben, substantiell erwiesen werden kann. Die Existenz jener Phänomene, die nicht die Funktion erfüllen können, als Ursprungsquelle ihrer gültigen Wahrnehmung zu dienen, ist lediglich dadurch begründet, dass sie durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben werden. Diese Unterscheidung deckt sich jedoch nicht mit der Unterteilung in eigenständig erkennbare Phänomene und durch Zuschreibung erkennbare Phänomenen.

Das Sautrantika-System definiert die eigenständig erkennbaren und durch Zuschreibung erkennbaren Phänomene auf dieselbe Weise wie das Vaibhashika-System, doch es interpretiert die Definitionen ganz anders. Die eigenständig erkennbaren Phänomene werden als gültig erkennbare Phänomene definiert, deren tatsächliche Wahrnehmung (dngos-bzung) sich nicht auf die tatsächliche Wahrnehmung von etwas anderem oder durch etwas anderes stützen muss. Durch Zuschreibung erkennbare Phänomene sind diejenigen gültig erkennbaren Phänomene, die für ihre tatsächliche Wahrnehmung von der tatsächlichen Wahrnehmung von etwas anderem oder durch etwas anderes abhängig sind. Ihre Wahrnehmung erfordert eine unmittelbar vorhergehende oder gleichzeitige Wahrnehmung ihrer Grundlagen der Zuschreibung.

  • „Tatsächliche Wahrnehmung“ bezieht sich auf manifeste (mngon-gyur) Wahrnehmung, ganz gleich, ob sie dabei explizit (dngos-su rtogs-pa) oder implizit (shugs-la rtogs-pa) begriffen werden.
  • In der manifesten Wahrnehmung eines kognitiven Objekts lässt das Bewusstsein einen geistigen Aspekt entstehen, der das Objekt repräsentiert. Das kognitive Objekt erscheint durch diesen Aspekt sowohl der Person als auch dem Bewusstsein der manifesten Wahrnehmung. Sowohl die Person als auch das manifeste Bewusstsein nehmen das Objekt wahr.
  • Ein Objekt zu „begreifen“ bedeutet, es korrekt und mit Gewissheit als „dieses“ und nicht „jenes“ zu bestimmen (nges-pa). Beim explizitem Begreifen erscheint in der Wahrnehmung der geistige Aspekt des begriffenen Objekts; beim implizitem Begreifen erscheint ein derartiger geistiger Aspekt nicht. Im Vaibhashika-System wird kein solcher Unterschied zwischen explizitem und implizitem Begreifen gemacht, da es den Standpunkt vertritt, dass die Wahrnehmung direkt mit ihrem Objekt in Kontakt tritt und es in dieser Weise direkt wahrnimmt. Das Sautrantika-System dagegen vertritt den Standpunkt, dass die Wahrnehmung, in der ein Objekt erscheint, mittels eines geistigen Aspekts des erscheinenden Objekts stattfinden muss – so etwas wie ein geistiges Hologramm des Objekts.
  • „Tatsächliche Wahrnehmung von etwas anderem“ bezieht sich z.B. darauf, dass man sowohl unmittelbar vor als gleichzeitig mit der Wahrnehmung des Phänomens tatsächlich die Grundlage der Zuschreibung des Phänomens wahrnimmt.

Weil also das Sautrantika-System gegenüber dem Vaibhashika-System eine derart veränderte Interpretation der Definitionen der beiden Arten erkennbarer Phänomene und der beiden wahren Phänomene vornimmt, kommt das Sautrantika-System zu einer nahezu gegenteiligen Auffassung davon, welche Phänomene als eigenständig erkennbare Phänomene gelten.

Physische Phänomene und Gewahrseinsarten sind eigenständig erkennbare Phänomene. Sie werden wahrgenommen, ohne dass sich die Wahrnehmung dafür auf vorangehende oder gleichzeitige Wahrnehmung von irgendetwas anderem zu stützen braucht. Wir können z.B. eine Hand sehen oder an eine Hand denken, ohne dass unsere visuelle Wahrnehmung oder unsere begriffliche geistige Wahrnehmung der Hand erst eine farbige Form oder fünf Finger wahrnehmen muss, bevor sie eine Hand erkennt. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir eine Hand wahrnehmen können, ohne gleichzeitig einige sinnlich wahrnehmbare Qualitäten (yon-tan) oder einige physische Teile wahrzunehmen. Es bedeutet nur, dass es nicht notwendig ist, einige Sinnesqualitäten oder physikalische Teile zu erkennen, bevor wir eine Hand erkennen.

  • Nach Ansicht der Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa sind das Ganze, seine Teile und seine sinnliche Qualitäten separate, unterschiedliche substantielle Entitäten und daher separate, unterschiedliche Ursprungsquellen für ihre gültige Wahrnehmung. Wenn dies nicht der Fall wäre und sie alle eine einzige substantielle Entität wären, dann würde dies zu der absurden Folgerung führen, dass eine Wahrnehmung, z.B. eine visuelle Wahrnehmung, eine Hand mit all ihren sinnlichen Qualitäten gleichzeitig erkennen müsste – nicht nur eine farbige Form, sondern auch taktile Beschaffenheit, Geruch, Geschmack und ggf. Klang. Oder wir müssten, wenn wir eine Hand sehen, notwendigerweise all ihre Teile sehen – und wenn wir nur einen Teil einer Hand sähen, dann würden wir keine Hand sehen.
  • Nach Ansicht der Lehrbuch-Tradition von Panchen sind das Ganze, seine Teile und die sinnlichen Qualitäten dieselbe substantielle Entität. Andernfalls würde sich die absurde Folgerung ergeben, dass man eine Hand ganz allein für sich wahrnehmen könnte, unabhängig davon, dass man eine ihrer sinnlichen Qualitäten oder einen ihrer Teile wahrnimmt.

Nicht mit Form oder Bewusstsein kongruente Einflussvariablen und statische Phänomene sind durch Zuschreibung erkennbare Phänomene.

  • Wir können beispielsweise die Bewegung einer Hand nicht sehen oder an sie denken, ohne eine unmittelbar vorhergehende Wahrnehmung der Hand in einer Position und eine gleichzeitige Wahrnehmung der Hand in einer zweiten Position wahrzunehmen.
  • Wir können nicht in Begriffen der statischen Hörkategorie und der statischen Bedeutungs-/Objektkategorie „Hand“ an ein individuell substantiell existierendes Objekt mit fünf Fingern denken, ohne zuerst den individuellen Gegenstand mit fünf Fingern wahrzunehmen und dann sowohl den individuellen Gegenstand und die Kategorie „Hand“ wahrzunehmen.
  • Die Hand und die Bewegung der Hand sind dieselbe substantielle Entität, wohingegen die Hörkategorie und die Bedeutungs-/Objektkategorie weder dieselbe substantielle Entität wie die Hand noch eine andere substantielle Entität als die Hand sind. Der Grund dafür ist, dass die Bewegung substantiell erwiesene Existenz hat: Sie hat die Fähigkeit, eine Funktion zu erfüllen. Kategorien hingegen haben eine Existenz, die nicht substantiell erwiesen ist: Es fehlt ihnen die Fähigkeit, eine Funktion auszuführen.

Kurz: Gemäß dem Sautrantika-System sind alle zutiefst wahren Phänomene substantiell existent, wohingegen keine oberflächlich wahren Phänomene substantiell existent sind – sie alle sind durch Zuschreibung existent. Alle durch Zuschreibung existierenden oberflächlich wahren Phänomene sind durch Zuschreibung erkennbar, doch sind nicht alle substantiell existenten zutiefst wahren Phänomene eigenständig erkennbar - nämlich die nicht mit Form oder Bewusstsein kongruenten Einflussvariablen sind ebenfalls durch Zuschreibung erkennbar.

Existenzweisen der beiden Wahrheiten im Sautrantika-System

Existenz, die durch die Selbstnatur von etwas begründet ist und Existenz, die von der eigenen Seite des Phänomens aus begründet ist

„Existenz, die durch die Selbstnatur des Phänomens begründet ist“ (rang-bzhin-gyis grub-pa, auffindbar erwiesene Existenz, inhärente Existenz) und „Existenz, die von der eigenen Seite des Phänomens aus begründet ist“ (rang-ngos-nas grub-pa) sind synonyme Fachbegriffe (don-gcig). Wenn ein Phänomen eine dieser beiden Arten von Existenz hat, dann hat es auch die andere und umgekehrt. Beide Existenzweisen werden definiert als Existenz, die dadurch begründet ist, dass man das Bezugsobjekt – das tatsächliche „Ding“ auf das sich ein Name oder Begriff bezieht (btags-don) – auffindbar ist, wenn man danach sucht, und zwar auffindbar auf Seiten des Objekts, das benannt wird. Diese Definition wird von allen Lehrsystemen akzeptiert.

Gemäß dem Sautrantika-System haben alle gültig erkennbaren Phänomene – sowohl oberflächlich wahre als auch zutiefst wahre Phänomene – eine Existenz, die durch ihre Selbstnatur und von ihrer eigenen Seite her begründet ist. Wenn wir nach dem eigentlichen „Ding“ suchen, auf das man sich mit dem Namen oder der Kategorie „Hand“ bezieht, dann finden wir auf Seiten der Hand oder der Kategorie eine tatsächliche Hand oder eine tatsächliche Kategorie „Hand“, die benannt wird und deren Existenz als gültig erkennbares Phänomen dort von ihrer eigenen Seite aus begründet ist.

Durch individuell definierende Eigenschaften begründete Existenz

Ferner wird die Existenz der oberflächlich wahren und der zutiefst wahren Phänomene durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet (rang-gi mtshan-nyid-kyis grub-pa), die auf ihrer eigenen Seite auffindbar sind. Diese individuell definierenden charakteristischen Merkmale dienen als Grundlage dafür, dass sie mit den Namen, Wörtern und Begriffen für die jeweiligen Phänomene und ihre Qualitäten benannt werden können.

Man beachte: Obwohl die Existenz der oberflächlich wahren Phänomene (metaphysischen Entitäten) dadurch begründet ist, das sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben werden, schließt dies nicht aus, dass ihre Existenz sowohl durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, die auf ihrer eigenen Seite auffindbar sind, als auch dadurch, dass sie bloß durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben sind. Das Wort „bloß“ schließt hier nur aus: „nicht durch begriffliche Wahrnehmung zugeschrieben“.

Existenz, die als individuell charakterisiert begründet ist

Nach der Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa ist im Sautrantika-System die durch individuell definierende Eigenschaften begründete Existenz nicht gleichbedeutend mit Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist (rang-mtshan-gyis grub-pa). Der Begriff „individuell charakterisiert“ ist derselbe wie derjenige, der oben als „objektive Entitäten“ übersetzt wurde. Nur individuell charakterisierte Phänomene (objektive Entitäten, zutiefst wahre Phänomene) haben eine Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist. Obwohl die Existenz metaphysischer Entitäten (oberflächlich wahre Phänomene, allgemein charakterisierte Entitäten) durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, ist ihre Existenz nicht als individuell charakterisiert begründet.

Nach der Lehrbuch-Tradition von Panchen ist im Sautrantika-System die Existenz, die durch individuell definierende charakteristische Merkmale begründet ist, gleichbedeutend mit der Existenz, die als individuell charakterisiert erwiesen ist. Panchen benutzt hier den Begriff „ individuell charakterisiert“ in einem allgemeineren Sinne nicht nur für objektive Entitäten (zutiefst wahre Phänomene), sondern auch für metaphysische Entitäten (oberflächliche wahre Phänomene, allgemein charakterisierte Entitäten).

Als wahrhaft begründete Existenz und Existenz, die als zutiefst wahres Phänomen begründet ist

Laut Lehrbuch-Tradition von Jetsunpa gilt im Sautrantika-System:

  • Als wahrhaft begründete Existenz (bden-par grub-pa, wahre Existenz) ist gleichbedeutend mit Existenz, die als letztendliches Phänomen erwiesen ist (don-dam-par grub-pa); und letztendliche Phänomene (don-dam-pa) sind synonym mit zutiefst wahren Phänomenen (don-dam bden-pa). Alle zutiefst wahren Phänomene (objektive Entitäten, nichtstatische Phänomene) haben also als wahrhaft begründete Existenz (erwiesene Existenz als wahre Phänomene). Sie alle können eine Funktion ausüben.
  • Die Existenz oberflächlich wahrer Phänomene (metaphysische Entitäten, statische Phänomene) dagegen ist nicht als wahrhaft begründet (bden-par ma-grub-pa, nicht-wahre Existenz). Es fehlt ihnen an wahrer Existenz, da sie nicht als letztendliche Phänomene erwiesen sind (don-dam-par ma-grub-pa). Der Grund dafür ist, dass sie keine Funktion ausüben können und bloß durch Worte und Begriffe zugeschrieben sind. Aus diesem Grund haben oberflächliche Phänomene eine als fälschlich begründete Existenz (rdzun-par grub-pa, falsche Existenz) – mit anderen Worten, ihre Existenz ist als Existenz fälschlicher Phänomene erwiesen.

Laut Lehrbuch-Tradition von Panchen gilt im Sautrantika-System:

  • Als wahrhaft begründete Existenz ist gleichbedeutend mit Existenz, die von der eigenen Seite des Phänomens aus begründet ist. Also ist sowohl die Existenz der oberflächlich wahren als auch die der zutiefst wahren Phänomene als wahrhaft begründet. Diese Art, den Begriff „als wahrhaft begründete Existenz“ zu verwenden, ist dieselbe wie im Vaibhashika-System.   
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