Die Notwendigkeit Asangas Darstellung des Karmas zu überdenken

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Rückblick 

Wir machen mit unserer Diskussion darüber weiter, was Karma tatsächlich bedeutet. Gestern haben wir über die weniger komplexe Darstellung des indischen Meisters Asanga gesprochen, die im Kontext der Chittamatra-Lehrsysteme präsentiert wird. Die wörtliche Übersetzung von Chittamatra lautet „rein geistig“. Wir haben gesehen, dass sich Karma in diesem System auf den Geistesfaktor eines Dranges bezieht. Ein Drang ist der Geistesfaktor, der unser geistiges Kontinuum zu einem bestimmten Objekt und nicht nur zu dem Objekt, sondern zu der ganzen Sache, die in dem geistigen Ereignis mit diesem Objekt stattfindet, hinzieht. 

Das geistige Kontinuum eines Buddhas würde natürlich durch die Kraft des Mitgefühls zu einem bestimmten Objekt in einer bestimmten Zeit gelenkt werden. Hier ist die Rede jedoch von allen begrenzten Wesen, was normalerweise mit „fühlenden Wesen“ übersetzt wird, sich aber auf Wesen bezieht, die nicht nur einen begrenzten Geist, sondern auch einen begrenzten Körper haben, also keine Buddhas sind. Wir können uns nicht in unzählige Formen erweitern und wir leben auch nicht ewig. Ein Buddha ist also kein fühlendes oder begrenztes Wesen. Würde sich die Übersetzung lediglich auf „fühlende Wesen“ beziehen, wäre es vielleicht nicht so einfach zu verstehen, warum ein Buddha kein fühlendes Wesen mehr ist. Jedenfalls sind die Dränge, in unserer Situation als begrenzte Wesen, zwanghaft und das ist es, worum es beim Karma geht.

„Zwanghaft“ bedeutet, keine Kontrolle über etwas zu haben. Diese Dränge sind befleckt, da sie durch störende Emotionen und Geisteshaltungen herbeigeführt und auch von ihnen begleitet werden. Die störenden Faktoren werden als Faktoren definiert, durch die wir unseren geistigen Frieden und unsere Selbstbeherrschung verlieren, wenn sie auftauchen. In diesem System reden wir von einem Zwang, einem Geistesfaktor, der uns dazu bringt, auf bestimmte Weise zu denken, zu sprechen oder zu handeln. Auch das ist befleckt und vermischt mit störenden Emotionen usw. 

Das Karma bezieht sich nicht auf die Handlungen, sondern auf den Zwang, der unsere Taten oder Worte hervorbringt. Laut diesem System ist es keineswegs notwendig damit aufzuhören etwas zu tun, um uns von Karma zu befreien; wir müssen uns lediglich von der Zwanghaftigkeit unseres Verhaltens lösen. 

Wir haben auch gesehen, dass wir nicht einfach nur von Handlungen sprechen können und uns stattdessen auf Pfade des Karmas beziehen, die ein Komplex mehrerer Faktoren sind. Da gibt es eine Basis, auf die unser Verhalten gerichtet ist. Dann gibt es einen motivierenden Rahmen – eine Unterscheidung auf dieser Basis, ein Ziel oder eine Absicht, die auch erfordert, dass wir erkennen, was wir tun wollen, sowie eine motivierende positive oder negative Emotion. Und dann gibt es die Anwendung dessen in unserem Verhalten. Hier ist nicht von dem Wort „Handlung“ die Rede, sondern davon, etwas anzuwenden – den motivierenden Rahmen in Bezug auf die Basis anzuwenden. Und schließlich brauchen wir Mittel, um das beabsichtigte Endziel zu erreichen. 

Wenn wir mit anderen Worten beispielsweise beabsichtigen, jemanden zu töten und auch schießen, aber daneben treffen, haben wir ganz offensichtlich niemanden getötet. Alles, was wir getan haben, ist, auf jemanden zu schießen und unsere Tat ist zu etwas anderem geworden; es war kein Töten. Sagen wir etwas Unwahres und lügen jemanden mit der Absicht an, ihn zu täuschen und der andere glaubt uns nicht, dann haben wir ihn nicht wirklich getäuscht. Unsere Handlung wird zu sinnlosem Geschwätz und im Grunde machen wir uns nur lächerlich. 

Dieser gesamte Komplex durchläuft ein Kontinuum. Da gibt es jene Dinge, die mit dem Beginn der Handlung und dann mit dem Aufrechterhalten und Fortfahren der Handlung einhergehen und schließlich all das, was mit dem Beenden verbunden ist. Der Pfad des Karmas bezieht sich auf all diese Dinge. Karma ist das, was dazu führt: der Drang, zunächst etwas zu denken; der Drang, die physische Handlung auszuführen; der Drang, mit ihr fortzufahren und schließlich der Drang, sie zu beenden. Das wird als getrennt vom eigentlichen Pfad betrachtet und natürlich können sich all die Faktoren, die daran beteiligt sind, im Verlauf dieses ganzen Ereignisses ändern. Das ist ziemlich komplex, nicht wahr?

Warum Tsongkhapa eine weitere und tiefgreifendere Erklärung in Bezug auf Karma angeboten hat 

Was ist nun das Problem mit Asangas Formulierung? Warum hat Tsongkhapa sie abgelehnt und innerhalb der Gelug-Prasangika-Sichtweise eine weitere, tiefgreifendere Darstellung zur Verfügung gestellt. Persönlich halte ich es für äußerst wichtig, diesen Aspekt zu analysieren. Ansonsten lernt man einfach nur, dass es da verschiedene Systeme gibt, aber was damit? Wir können mit dem einen oder dem anderen System arbeiten und es macht keinen großen Unterschied, außer dass eins von beiden komplizierter ist. 

In Asangas System gibt es jedoch ein Problem – etwas, das widerlegt werden muss – und das gilt es zu analysieren. Worin besteht nun das Problem? Wir sollten in Betracht ziehen, dass Asanga diese Sichtweise in Bezug auf Karma im Rahmen des Chittamatra-Lehrsystems präsentiert hat. Das Problem liegt in der Chittamatra-Formulierung des Karmas. Welches ist eins der grundlegensten Merkmale im Chittamatra-System, das hier von Bedeutung wäre? Aus diesem Grund habe ich davon gesprochen, wie wichtig es ist, ein sehr breit angelegtes Studium zahlreicher Aspekte des Dharmas zu haben, wenn wir uns einem bestimmten Thema im Dharma widmen. Auf diese Weise ist man dann in der Lage, Dinge miteinander zu kombinieren und zu einem Verständnis zu gelangen. Ansonsten hat man einfach nur zusammenhanglose Bruchstücke von Informationen. Bei der Lehre des Chittamatra-Systems, die hier von Bedeutung ist, geht es darum, dass Objekt, Bewusstsein und alle Geistesfaktoren in jedem Moment der Wahrnehmung durch einen so genannten „karmischen Samen“ oder eine „karmische Tendenz“ entstehen und das ist das Problem. 

Auch nimmt man an, dass die Sensoren der Wahrnehmung – die lichtempfindlichen Zellen der Augen oder die geräuschempfindlichen Zellen der Ohren – auf die gleiche karmische Tendenz zurückzuführen sind. Sogar der Körper soll jeden Moment aus einem karmischen Samen entstehen. All die Faktoren, über die wir in dem Komplex des Pfades des Karmas gesprochen haben, stammen also im Chittamatra-System von einem karmischen Samen oder einer karmischen Tendenz ab. Das bedeutet, dass sich die Erscheinung der Basis in unserer Wahrnehmung ebenso aus dem gleichen karmischen Samen ergibt, wie unser Geist, all die Geistesfaktoren und das, was wir tatsächlich tun. All das bezieht sich auf eine Sache. 

Gemäß der Prasangika-Sichtweise ist das jedoch nicht korrekt. Im Chittamatra-System wird die äußere Ursprungsquelle geleugnet. Eine Ursprungsquelle ist das, woraus etwas entspringt. In der Chittamatra-Schule leugnet man, dass es äußere existierende Phänomene gibt, wohingegen man in der Prasangika-Schule davon ausgeht, dass es sie gibt. Das ist schon schlimm genug, aber daraus ergibt sich ein weiteres großes Problem. Die andere Frage bezieht sich auf die Körper eines Buddhas. Wie erlangt man den Formkörper und den allwissenden Geist eines Buddhas? Was ist die Ursache oder der Ursprung dafür? Obwohl wir mit anderen Worten im Chittamatra-System eine eigene Erklärung dafür haben, wie man den Körper eines Buddhas erlangt, ergibt sich ein Problem, wenn davon die Rede ist, Objekt und Bewusstsein würden aus der gleichen Quelle entstammen. Hier haben wir ein Problem und brauchen eine andere Erklärung. Im Prasangika-System kann man nicht einfach dieser Chittamatra-Erklärung folgen. Ein weiteres Problem ergibt sich bei der gesamten Formulierung in Bezug darauf, wie alles existiert.

In beiden Systemen vertritt man das Konzept des anhängigen Entstehens, jedoch wird es in beiden unterschiedlich definiert und verstanden. Da gibt es die zwölf Glieder des anhängigen Entstehens, aber darüber werden wir jetzt nicht reden. Sie werden von beiden Systemen, sowie auch vom Hinayana-System akzeptiert, aber die Funktionsweise wird auf verschiedenen Ebenen der Komplexität beschrieben. Wenn wir jedoch Karma und den Zusammenhang mit unkontrollierbar sich wiederholender Wiedergeburt auf einer tiefgreifenderen Ebene verstehen wollen, ist es notwendig die zwölf Glieder zu verstehen. Das ist jedoch nicht unser Thema an diesem Wochenende. 

In der Chittamatra-Schule geht es beim abhängigen Entstehen philosophisch gesehen um die Wechselbeziehung von Ursache und Wirkung, sowie um die gegenseitige Abhängigkeit des Ganzen und seiner Teile. Beim Karma gibt es offensichtlich Ursache und Wirkung, und der Pfad des Karmas ist ein Komplex vieler Dinge. Daher haben wir das Ganze und seine Teile. 

Wie ihr euch vielleicht erinnert, haben wir gestern über eigenständig begründete Phänomene gesprochen. Die Definition dieses Begriffs lautet: „etwas, das eine Handlung ausübt“ und es geht um eine Sache, die selbst-begründet ist, fast so, als wäre sie von sich aus in Plastik verpackt. Sie ist eigenständig und einfach da. Obwohl man komplexe Systeme dieser einzelnen Phänomene haben kann, handelt es sich bei allen um individuelle Phänomene, die von sich selbst umhüllt sind. Auch das Ganze ist ein eigenständig existierendes Ding, wie in dem Beispiel gestern, in dem ich darüber gesprochen habe, wie meine Reise nach Indien einen großen Eindruck auf mich hinterlassen hat. Meine Reise nach Indien bestand aus jeder Menge verschiedener Ereignisse und Dinge, aber als Ganzes hat es eine Funktion ausgeübt. Es ist etwas, das wir als „meine Reise nach Indien“ betrachten können.

Beispiele sind zwar nie wirklich präzise und sollten daher auch nicht bis ins kleinste Detail untersucht werden, aber ein weiteres Beispiel, das wir uns ansehen könnten, wäre ein Schachspiel. All die verschiedenen Bestandteile, die das Karma und die Pfade des Karmas umfassen, sind wie die diversen Figuren auf einem Schachbrett. Sie stehen dort, eine neben der anderen – hier der Bauer, dort der Läufer – als wären sie voneinander getrennt. Jede Schachfigur hat ihre eigene Funktion und Zugmöglichkeit und das Spiel entsteht in Abhängigkeit davon, wie diese Figuren ihre Funktionen ausüben. In diesem Beispiel können wir Ursache, Wirkung und anhängiges Entstehen im Ausgang des Spieles, in Abhängigkeit von all diesen Ursachen und Resultaten der Spielzüge, erkennen. Das Spiel als Ganzes ist in Abhängigkeit aller Teile und dessen, was in jedem Augenblick geschehen ist, entstanden. Außerdem ist das Spiel selbst seine eigene Entität, denn „ich habe das Spiel gewonnen“ oder „ich habe das Spiel verloren“. Es hat eine Funktion ausgeübt, indem es mich glücklich oder traurig gemacht hat – ich bin entweder weitergekommen oder nicht. Es ist ein eigenständig erkennbares Ding – „das Spiel“ – und es ist in Abhängigkeit aller Ursachen, Bedingungen und Teile entstanden, nicht wahr?

Wir können dieses Verständnis natürlich auch auf verschiedene Ereignisse in unserem Leben ausweiten, als wir beispielsweise diesen Job hatten, uns in jener Beziehung befanden usw. Da gibt es all die Elemente, die Interaktionen und die ganze Sache für sich, die es zu einer sehr interessanten Betrachtungsweise von Dingen machen, die sehr hilfreich ist. In diesem System ist Karma ein kleiner Teil in dem ganzen Komplex unserer Erfahrung der so genannten „verhaltensbedingten Ursache und Wirkung“. Die Art und Weise, wie all die Figuren in diesem Beispiel eines Schachspieles funktionieren und in Erscheinung treten, wird in hohem Maße von der einen Figur im Schachspiel, dem Karma, beeinflusst. Der Fokus unserer Bemühungen wird so auf dieses eine individuelle Element gerichtet und unsere Strategie zum Erlangen von Befreiung oder Erleuchtung ist dadurch ziemlich fragmentiert. Es geht darum, sich von diesem Teil, dem Karma, und jenem Teil, der störenden Emotion, zu befreien. Es geht um all diese kleinen Elemente. Denkt einmal darüber nach. 

Wir sollten verstehen, dass all diese verschiedenen Teile zu einem einheitlichen System werden. Wir haben die Chittamatra-Sichtweise des anhängigen Entstehens, der Ursachen, Bedingungen und der zwölf Glieder verstanden. All das ist schön und gut. Wir können sogar erkennen, dass dem Ganzen mangelndes Gewahrsein oder Unwissenheit zugrunde liegt und diese Dinge als etwas begreifen, woran wir arbeiten müssen, um uns davon zu befreien. Das passt sehr schön zu dieser Denkweise, alles in unserer Wahrnehmung würde einem karmischen Samen oder einer karmischen Tendenz entstammen. Aber diese Sicht der Realität ist nicht wirklich fehlerfrei, denn Dinge existieren nicht wie in Plastik verpackt, obwohl es so aussehen oder so erscheinen mag.

Die Definition des Karmas in der Prasangika-Schule 

Wir brauchen also eine Strategie, um unkontrollierbar sich wiederholende Wiedergeburten sowie Schleier zu überwinden, die Allwissenheit oder Erleuchtung verhindern. Diese Strategie darf nicht so fragmentiert sein und sich mit all diesen kleinen Teilen befassen, die eigenständige Dinge sind. Sie alle haben ihre eigene Funktion und interagieren miteinander, aber trotzdem handelt es sich um eigenständig auffindbare funktionierende Dinge. Da es notwendig ist, Karma und seine Wirkungsweise auf unfragmentierte Weise verstehen zu können, wird die Definition im Prasangika-System um einiges erweitert. Hier handelt es sich um viel mehr, als nur um einen karmischen Drang und keines der damit verbundenen Elemente ist eigenständig. Nichts ist wie in Plastik verpackt. Da gibt es diese Madhyamika-Erklärung, in der es darum geht, wie in Plastik verpackte Dinge nie aufeinander einwirken oder eine Funktion ausüben könnten. Nur weil sie nicht wie in Plastik verpackt sind, könnten sie miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig beeinflussen. Und aus diesem Grund funktionieren auch Ursache und Wirkung. Dazu ist es natürlich notwendig, ein Verständnis der Madhyamika-Schule zu haben.

In dieser Analyse des Karmas sind sie immer noch wirksam und treten gleichzeitig, in Abhängigkeit voneinander, im Rahmen eines begrifflichen Bezugssystems auf und das bezieht sich auf das so genannte „geistige Benennen“. Dieser Punkt ist von großer Wichtigkeit und er muss präzise erklärt werden, denn es ist der ausschlaggebende Punkt. Es gibt all diese aktiven verschiedenen Elemente, die wir analysieren könnten. Da gibt es die Basis, die Bewegung und den Drang. Niemand streitet das ab, aber keines von diesen Dingen existiert, einfach ausgedrückt, ganz konkret und kompakt, wie in Plastik eingehüllt. Wie kann man jedoch die Existenz all dieser Elemente begründen und bestätigen? 

Sie wird durch ein begriffliches Bezugssystem erklärt; ein begriffliches Bezugssystem, das Karma, Pfade, Basis, Motivation und all diese Dinge umfasst. Durch dieses begriffliche Bezugssystem wird keines dieser Elemente erschaffen; darum geht es nicht. Auf unserer Ebene können wir es jedoch wirklich nur auf diese Weise verstehen und begründen. Wie kann ich wissen, dass es so ist? Da gibt es dieses begriffliche Bezugssystem und durch dieses begriffliche Bezugssystem kann ich es erklären und verstehen. Das ist die Bedeutung davon, zu sagen, alles entstehe in Abhängigkeit auf geistiges Benennen. 

Leerheit und abhängiges Entstehen in Bezug auf ein begriffliches Bezugssystem 

Hierbei handelt es sich natürlich um ein Fachbegriff und es ist wichtig zu verstehen, was er bedeutet. Alle Aspekte in dem gesamten System entstehen in Abhängigkeit von den begrifflichen Rahmenstrukturen dieses Systems. Es hat nichts mit einer zeitlichen Abfolge zu tun; alles in dem System tritt in Abhängigkeit eines begriffliches Bezugssystem in Erscheinung. Einzig durch das begriffliche Bezugssystem werden die Dinge auf diese Weise begründet. Nichts auf Seiten des Objektes, wie mit Plastik umhüllte Schachfiguren, begründet eine Beteiligung all dieser Dinge. Es ist kein Schachspiel und so gibt es keine erkennbaren Figuren, Schachzüge und Dinge, die ihre eigene, individuelle Funktion innerhalb des Spieles haben. Man kann auf keins dieser Dinge einzeln hindeuten. Denkt einmal darüber nach. Wenn man es sich durch den Kopf gehen lässt, ergibt es einen Sinn.

Sehen wir uns das an einem Beispiel an: Ich mache vielleicht die Erfahrung, jemanden anzuschreien. Im Nachhinein will ich verstehen, was geschehen ist und aus diesem Grund gibt es diese ganze Analyse des Karmas und all der damit verbundenen Komponenten. Was ist nun also passiert? Gab es da diese Heliumballons, die irgendwo in meinem Gehirn aufgetaucht sind? Dieser Ballon war meine Motivation, jener meine Zwanghaftigkeit und dieser war die Person, die ich angeschrien habe. Ist es so geschehen? Es gibt keine Heliumballons in unserem Kopf, auf die wir zeigen und sie als Ballon unserer Motivation oder all die anderen Sachen benennen könnten. Diese Dinge waren damit verbunden, aber es waren keine Heliumballons, die, jeder für sich eingekapselt, miteinander agiert haben. Vielmehr haben wir ein begriffliches Bezugssystem dieser ganzen Analyse und durch das Bezugssystem wird begründet, bewiesen oder bestätigt, dass es da solche Dinge gab. Das ist der Begriff im Tibetischen und auch im Sanskrit. Durch nichts anderes kann bestätigt werden, dass es solche Dinge gab. Durch das begriffliche Bezugssystem selbst wird bestätigt, dass diese Dinge vorhanden waren und es erlaubt uns, sie zu verstehen. 

Wir können sie begrifflich von allen anderen isolieren. Das ist ein weiterer Fachbegriff im Tibetischen. Wir können sie begrifflich isolieren und jeden von ihnen einzeln besprechen, aber das ist ein begrifflicher Prozess, durch den wir sie lediglich verstehen können. Wenn etwas von allem anderen getrennt betrachtet wird, bezeichnet man es als Isolat. Aber es existiert nicht wirklich auf diese Weise, isoliert von allem anderen. Es wird begrifflich isoliert, damit wir es besprechen können, als wäre es eine für sich eingekapselte Entität. Aber das ist es nicht. Das gesamte System kann in Abhängigkeit entstehen, da es frei von für sich eingekapselten Komponenten ist, die so nicht existieren können. Warum ist das so? Weil es nur als begriffliches Bezugssystem in Abhängigkeit entstehen kann. Es ist frei von unmöglichen Existenzweisen und wir verstehen Leerheit und abhängiges Entstehen als gleichbedeutend. Dinge entstehen nur in Abhängigkeit von einem begrifflichen Bezugssystem, weil sie nicht auf unmögliche Weise als individuelle auffindbare Elemente existieren. 

Daher ist das abhängige Entstehen auch das höchste Argument für den Beweis der Leerheit. Und am besten kann man sie anhand der Lehre des Karmas verstehen. Steht uns nun ein viel größeres, in Abhängigkeit entstehendes, System zu Verfügung, um verhaltensbedingte Ursache und Wirkung zu erklären, können wir Dinge hinzufügen und es dementsprechend anpassen, um eine angemessenere Anzahl von Ursachen für den Formkörper eines Buddhas zu haben. Wie ihr euch vielleicht erinnert, bestand darin das Problem in der Chittamatra-Schule, in der sowohl Objekt, als auch Bewusstsein, vom gleichen karmischen Samen stammen müssen. Erweitern wir hingegen unser Verständnis des Karmas auf der Grundlage des abhängigen Entstehens, wird das einen Anteil daran haben, wie wir den Formkörper eines Buddhas erlangen können. 

Die herbeiführende Ursache des Formkörpers eines Buddhas 

Die allgemeine Lehre über die Körper eines Buddhas sagt aus, dass die so genannte „herbeiführende Ursache“ der Formkörper eines Buddhas oder das, was das Resultat herbeiführt, die so genannte „Ansammlung von Verdienst“ ist. Ich nenne sie das „Netzwerk positiven Potenzials“, denn der Begriff „Verdienst“ ist ein westliches Konzept, das zu jeder Menge Missverständnissen führt, wie beispielsweise dem, dass wir etwas verdienen müssten. Unser Verständnis des karmischen Potenzials muss differenzierter sein, um verstehen zu können, wie unbeflecktes positives Potenzial die herbeiführende Ursache für den Formkörper eines Buddhas sein kann. Auch wenn es sich um die herbeiführende Ursache handelt, müssen wir verstehen, was das heißt und wie wir das mit einem anderen wichtigen Punkt im Dharma, der Erklärung der Wiedergeburt, unter einen Hut bringen können.

Worum geht es hier? Es geht darum, dass es einen Strom von Kontinuität gibt und dieser Strom muss dieselbe Wesensnatur beibehalten. Dabei bezieht sich „Wesensnatur“ darauf, um was für eine Art von Ding es sich handelt. Die Wesensnatur von Körpern oder etwas Körperlichem ist, dass nur ein Körper die Quelle eines anderen Körpers sein kann. Same und Eizelle der Eltern sind der Ursprung eines Körpers im nächsten Leben. Und nur der Geist, eine Weise, sich etwas gewahr zu sein, kann im nächsten Leben den Geist entstehen lassen. Er kann nicht aus physischer Materie hervorgerufen werden. Um es mit einfachen Worten der buddhistischen Lehren auszudrücken: physische Materie kann kein vorangegangener Moment eines Stroms von Kontinuität eines geistigen Phänomens sein; und ein geistiges Phänomen kann kein vorangegangener Moment eines Stromes von Kontinuität eines physischen Phänomens sein. 

Der Nutzen des komplexeren Karma-Systems von Tsongkhapa 

Obwohl der Formkörper eines Buddhas nicht eine gewöhnliche Art von physischer Materie ist, handelt es sich dennoch um die Form eines physischen Phänomens. Es ist keine grobe physische Materie, sondern die Form eines physischen Phänomens: er hat eine Farbe und er hat eine Form. Wenn nun die herbeiführende Ursache nach wie vor das Netzwerk positiver Kraft des Formkörpers eines Buddhas ist, worum geht es dann hier? Wie kann man diese zwei Dinge in Einklang bringen? Da gibt es die herbeiführende Ursache der positiven Kraft, die nicht materiell ist und doch muss der Strom von Kontinuität einiger physischer Phänomene materiell sein. 

Um dieses Problem von zwei scheinbar widersprüchlichen Punkten in unserer Analyse innerhalb der Prasangika-Sichtweise des abhängigen Entstehens zu lösen, führt Tsongkhapa, mit einigen Änderungen, Vasubandhus Vaibashika-Sichtweise wieder ein, in der bestimmte Aspekte des Karmas die Form eines physischen Phänomens sind. Bei diesem Punkt geht es darum, dass ein Aspekt des Karmas, in dieser ganzen Sicht des abhängigen Entstehens, die Form eines physischen Phänomens ist.

Ich möchte Tsongkhapas Standpunkt in Bezug auf Karma aus diesem Grund vorstellen und ich möchte untersuchen, warum er sich für diese viel kompliziertere Sichtweise entschieden hat. Wenn wir den Grund dafür und den Nutzen verstehen können, werden wir viel offener demgegenüber sein und versuchen, diese komplexere Darstellung zu verstehen. Ansonsten würden wir vielleicht meinen, es wäre zu kompliziert und wir würden uns fragen: „Wer braucht das? Nehmen wir doch das Einfachere.“ Ich folge also der Strategie, die wir in den meisten Dharma-Abhandlungen finden, nämlich zuerst den Nutzen von etwas zu beschreiben, um jemanden zu motivieren, etwas zu entwickeln und dann mit der eigentlichen Beschreibung der Sache fortzufahren.

Im ersten Kapitel von Shantidevas „Eintritt in das Verhalten eines Bodhisattvas“ wird zunächst Bodhichitta beschrieben und danach all die Methoden, mit denen wir dann daran arbeiten können, Bodhichitta und die weitreichenden Geisteshaltungen zu entwickeln. Zuerst geht es um den Nutzen und daher will auch ich als Erstes den Nutzen und die Vorteile von Tsongkhapas System darlegen. Dann wächst vielleicht euer Interesse daran, den Zusammenhang und die Erklärung zu verstehen. 

Hier gehe ich wieder zurück zu einem meiner wesentlichen Punkte, den auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama immer wieder macht, wenn er einen Vortrag hält. Es geht um die Wichtigkeit, den Dharma zu studieren, ihn zu lernen und sich ihn auf sehr umfassende Weise einzuprägen. Vergegenwärtigung ist das, womit wir etwas aktiv in Erinnerung behalten. Wir speichern nicht nur Informationen in einer Datenbank ab, sondern halten sie mit der Vergegenwärtigung fest und lassen sie nicht los. Haben wir viele verschiedene Aspekte der Dharma-Lehren gelernt, beginnen wir mit der so genannten analytischen Meditation. Im Grunde handelt es sich hier um den Denkprozess, mit dem wir versuchen, uns über etwas klar zu werden. Wir bringen all diese Teile zusammen und versuchen dann, sie zusammenzufügen.

Betrachten wir einmal, was hier zusammengefügt wurde. Da gibt es die Chittamatra-Darstellung des Karmas, Tsongkhapas Betrachtungsweise des Karmas, die Chittamatra-Sichtweise der Leerheit, die Madhyamika-Sichtweise der Leerheit, sowie das System der zwölf Glieder des anhängigen Entstehens. Wir haben die Abhandlung von Vasubandhu über die sechs Arten von Ursachen und vier Arten von Resultaten, die Darstellung der Funktionsweise der Wiedergeburt und wir haben die Logik. All das fügen wir zusammen und versuchen herausfinden, wie es einen Sinn ergeben kann und welche Fragen es aufwirft. Wir müssen uns die Dinge auf eine ganzheitliche Weise ansehen, um irgendetwas in den buddhistischen Lehren richtig verstehen zu können. Die Dinge existieren nicht wie diese einzelnen kleinen Schachfiguren. Unser Verständnis wird in Abhängigkeit von dem begrifflichen Bezugssystem all dieser verschiedenen Aspekte der Lehren entstehen. Das ist ein perfektes Beispiel.

Unser Verständnis wird nicht einfach so entstehen und es wird in der Tat Probleme geben, wenn wir die einzelnen Lehren für sich angehen und sie wie einzelne Schachfiguren betrachten. Meinen wir, es wird abhängig davon entstehen, die Schachfiguren auf angemessene Weise zu bewegen und das Spiel zu gewinnen, wird das nicht funktionieren. Wir mögen auf diese Weise eine bestimmte Ebene des Verstehens erlangen, aber unser Geist ist nicht offen genug, wenn wir beginnen, all die Aspekte des Dharmas wie Schachfiguren zu betrachten. Die Dinge, die uns hier wie Schachfiguren erscheint, sind die Lehren. Die Lehren des Karmas, die Lehren der zwölf Glieder und die Lehren der Leerheit sind jedoch keine Schachfiguren. 

Wir erinnern uns an die Untersuchung des Zusammenhangs der Lehren von Shantideva, von Chandrakirti und der Madhyamika-Schule. Wie könnten sie aufeinander einwirken und wo könnte es eine Verbindung zwischen diesen Lehren geben, um sie zusammenzufügen? Wie wir sehen, ist es notwendig, ein breiteres Verständnis der Leerheit und des abhängigen Entstehens zu haben, um eine tiefere Einsicht in die Lehren zu erlangen. Wir können das Ganze auch als ein Schachspiel betrachten und die Lehren als Figuren auf dem Spielfeld, aber auf diese Weise werden die Lehren keinen wirklichen Kontakt miteinander haben. Wenn wir sie als einzelne Schachfiguren betrachten, die miteinander interagieren, können sie sich nicht richtig integrieren. Das Ganze ist jedoch sehr viel offener. 

Nur mit diesem Verständnis des abhängigen Entstehens aller Faktoren, die mit Karma und den Auswirkungen einhergehen, können wir begreifen, dass das Resultat nicht einfach nur eine weitere Schachfigur auf dem Spielfeld ist. Das Resultat befindet sich nicht innerhalb der Ursache. Können wir auf eine noch nicht stattfindende Ursache schließen, die momentan nicht stattfindet? Ja, aber sie befindet sich nicht innerhalb einer Schachfigur, die dort steht, denn wenn dem so wäre, hätten wir etwas bereits vorab festgelegt und das entspricht nie dem, wie es wirklich ist. Wenn ich über solche Dinge rede, schweife ich meist ein wenig ab. Das sind natürlich Punkte, an denen wir arbeiten müssen und es ist wichtig, dass wir unser dharmisches Verständnis erweitern und festigen. 

Ein weiterer Punkt ist, dass ich im nächsten Teil damit beginnen werde, die Prasangika-Sichtweise des Karmas zu erklären und wie ich euch bereits gewarnt habe, ist sie komplexer als Asangas Darstellung. Ich werde keine Tabellen, Powerpoint-Grafiken oder Ähnliches präsentieren, um es einfacher zu gestalten. Es gibt zwar einige befleckte Gründe dafür, vor allem Faulheit, aber auch ein paar weniger befleckte und einen, der von Mitgefühl geprägt ist, denn wir werden diese Sachen nicht lernen, wenn wir es schon in Tabellenform präsentiert bekommen. In diesem Fall würden wir sie uns einfach ansehen und denken: „Oh ja, sehr schön!“und dann einfach weitermachen. Wenn wir die Dinge hingegen ausarbeiten und die Grafik selbst erstellen müssen, ist es notwendig, zuerst einmal darüber nachzudenken und dann mit dem Lehrstoff zu arbeiten. Auf diese Weise entwickeln wir Ausdauer und ohne Ausdauer, Geduld usw. kommen wir nicht weit. Dharma sollte uns nicht als fertige Mahlzeit auf einem Teller präsentiert werden. Wir sollten sie selbst zubereiten. 

Haben wir durch das Hören die korrekten Informationen bekommen haben, erfordert es Zeit und Mühe, diese Sachen selbst auszuarbeiten. Wovon hängen Zeitaufwand und Bemühung ab? Sie hängen von der Motivation ab. Wenn wir nicht die Motivation dazu haben, es selbst zu ergründen, wird uns das nirgendwohin führen. Wir schulen nicht nur unsere Wissensgrundlage und sammeln Informationen an, sondern auch unseren Charakter, um Geduld, Ausdauer, Motivation usw. zu entwickeln. Das geschieht parallel. Habt ihr je von den zwei Ansammlungen gehört, die man gleichzeitig entwickelt? Da gibt es das Netzwerk positiver Kraft und das des tiefen Gewahrseins, die zusammengefügt werden. 

Das zu verstehen ist harte Arbeit und anstatt darüber zu klagen, sollten wir Verständnis und Wertschätzung dafür haben, warum es so eine harte Arbeit ist. Ansonsten werden wir unseren Charakter nicht entwickeln. Schauen wir uns nur die Biografien der großen Meister an. Marpa hat es Milarepa richtig schwer gemacht und nur dadurch hat er die Motivation und Charakterstärke entwickelt, sich nicht darum zu kümmern, wie schwer es war und es trotzdem zu tun. Die Arbeitsweise der Dharma-Lehrer besteht nicht darin, es uns leicht zu machen. Viele von ihnen machen es uns mit Absicht schwer und dafür muss es einen Grund geben.

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