Fehlerhafte Betrachtungsweisen des Körpers

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Aryadeva war ein großer indischer Meister und er wurde in Sri Lanka geboren. Es gibt zwei verschiedene Berichte darüber, wie er geboren worden sein soll. Entweder, dass er in eine königliche Familie hineingeboren wurde oder dass er aus einem Lotus geboren wurde, so wie das auch bei Guru Rinpoche erzählt wird. Er lebte irgendwo zwischen der Mitte des 2. und der Mitte des 3. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Er wurde in recht jungem Alter Mönch und studierte die kompletten Sutra-Erklärungen, den Tripitaka. Er verließ dann später Sri Lanka und ging nach Südindien, um dort mit Nagarjuna zu studieren. Nagarjuna war natürlich der größte Meister seiner Zeit in Indien zu dieser Zeit. Und in dieser Lebensphase befand er sich in Südindien und war am, also gab dem König Udayibhadra Belehrungen. An diesen König schrieb er eben auch diesen Brief an einen Freund und diese Kostbare Girlande. Aryadeva war der engste und größte Schüler Nagarjunas und empfing von ihm all die Madhyamaka-Lehren.

Aryadeva begleitete Nagarjuna, um mit ihm zu studieren und studierte mit ihm in Shri Parvata. Das ist ein heiliger Berg über, oberhalb des heutigen Nagarjunakonda in Andhra Pradesh. Dieses Gebiet gehörte eben auch zum Einflussbereich dieses Königs. Das befindet sich relativ nah, in der Nähe von Amaravati und, was der Ort ist, an dem der Buddha sich als Kalachakra manifestiert und das Kalachakra-Tantra gelehrt hat. Was eben auch die Gegend war, in der Seine Heiligkeit der Dalai Lama vor nicht allzu langer Zeit eine Kalachakra-Einweihung gegeben hat. Dieser Bereich in Südindien, in Andhra Pradesh, ist die Region, in der die Mahayana- und Tantralehren als Erstes erschienen und ist deshalb ein sehr berühmtes Gebiet natürlich dann aus diesem Grund und war ein sehr stark buddhistisch geprägtes Gebiet zu dieser Zeit.

Vorher war Nagarjuna viele Jahre in Nordindien gewesen, im Kloster Nalanda, wo er der Abt gewesen war. Zu dieser Zeit gab es einen Shiva-Anhänger namens Matrcheta, und der forderte alle zur Debatte heraus und war sehr geschickt und sehr clever damit. Es gelang niemandem, ihn in der Debatte zu besiegen. Es ging dann eben eine große Herausforderung an alle buddhistischen Meister, wer denn kommen würde, um zu versuchen, diesen Matrcheta zu bezwingen. Aryadeva nahm dann eben diese Herausforderung an. 

Auf dem Weg begegnete Aryadeva einer alten Frau. Diese alte Frau benötigte, oder sie war bemüht, bestimmte außerkörperliche magische Kräfte zu gewinnen. Dafür benötigte sie das Auge eines gelehrten Mönches und Aryadeva, also muss dann wohl eine Art magischer Ritus gewesen sein oder so was. Aryadeva war aber von Mitgefühl bewegt und nahm deshalb ein Auge raus und gab es ihr. Das, was sie, das einzige, was sie damit aber tat, war es auf den Boden zu tun und es mit einem Stein zu zerschmettern. Sein Mitgefühl war aber sehr stark, so dass er sich davon also nicht entmutigen ließ. Offensichtlich war er wirklich ein sehr großer Bodhisattva. In allen Beschreibungen von da an wird er aber eben als ein Einäugiger beschrieben.
 
Aryadeva ging eben nach Nalanda und forderte dort diesen Matrcheta heraus. Er war sowohl in der Lage ihn in der Debatte als auch in einem Wettbewerb von außergewöhnlichen Fähigkeiten zu bezwingen. Diese Wettbewerbe gehörten dann immer dazu halt. Er meinte halt, er könne mit seinem Auge mehr sehen als der andere mit den drei Shiva-Augen sozusagen. Dieser Matrcheta wurde dann ein Schüler Aryadevas. Das war die Regel bei diesen Wettstreiten, dass der Unterlegene eben dann zum System des anderen übertreten musste. Er wurde ein relativ bekannter Schüler sogar und änderte seinen Namen in Ashvaghosha und schrieb dann die Fünfzig Verse über den Guru. Das ist ein Text, in dem halt erklärt wird, wie ein Schüler sich gegenüber einem tantrischen Meister verhalten sollte. Und auch das zeigt recht deutlich, dass Aryadeva ein tantrischer Meister auch gewesen sein muss, was er eben auch war. In der Tat ist es so, dass Nagarjuna und Aryadeva sehr bekannte Kommentare zum Guhyasamaja-Tantra geschrieben haben und sehr frühe Kommentare zu diesem Tantra.

Aryadeva blieb lange Zeit in Nalanda und kehrte aber später dann wieder zu Nagarjuna nach Südindien zurück. Nagarjuna übertrug ihm dann seine gesamten Lehren bevor Nagarjuna dann verschied. Aryadeva gründete sehr, sehr viele Klöster in Südindien und lehrte sehr umfassend. Dadurch, durch seine Aktivitäten und durch die Aktivitäten Nagarjunas wurde halt das, wurden die Mahayana-Erklärungen und insbesondere auch die Madhyamaka-Sichtweise in Indien etabliert.

Der berühmteste Text Aryadevas ist eben der Text, den auch Seine Heiligkeit besprechen wird und mit dem wir uns hier beschäftigen. Dieser ist einer der berühmtesten oder bekanntesten Texte über die Madhyamaka-Ansicht oder Sichtweise der Leerheit. Der volle Titel ist Vierhundert Verse über die Handlungen des Yoga eines Bodhisattva, kurz ist es aber, oder in Kurzform ist es aber immer als die Vierhundert Verse bekannt.

Aryadevas wichtigster Schüler war Rahulabhadra. Rahulabadhras Schüler war dann wiederum Chandrakirti. Chandrakirti schrieb einen der bekanntesten Kommentare über Aryadevas Vierhundert Verse. Chandrakirti schrieb auch einige sehr wichtige Madhyamaka-Texte, unter anderem Madhyamakavatara, also Ergänzung zu Nagarjunas Wurzelversen über den Mittleren Weg, was Nagarjunas grundlegendster oder wesentlichster Madhyamaka-Text ist. Die Vierhundert Verse zusammen mit dem Kommentar von Chandrakirti wurden dann in Tibet aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt. Das wurde von Patshab Lotsawa durchgeführt Ende des 11. Jahrhunderts, was dann also zur neuen Überlieferungsperiode gehört. Patshab Lotsawa war eben ein sehr bekannter Übersetzer und übersetzte die Hauptwerke Nagarjunas, Aryadevas und auch Chandrakirtis ins Tibetische. Und nicht nur diese Madhyamaka-Texte übersetzte er, sondern andererseits auch viele Texte über das Guhyasamaja-Tantra. Laut der Darstellung der Gelug-Tradition ist er derjenige, der hauptsächlich dafür verantwortlich ist oder verantwortlich war, die Prasangika-Sichtweise des Madhyamaka in Tibet zu etablieren.

Heutige Gelehrte sind da natürlich vielleicht etwas vorsichtiger, einfach weil es so ist, dass der Begriff Prasangika ein Begriff ist, der in Indien nicht verwendet wurde. Aber diese bestimmte Interpretationsrichtung wurde eben sehr stark von Patshab Lotsawa in Tibet etabliert. Das bedeutet, dass in der alten Übersetzungsphase oder in der Zeit als der Buddhismus eben in Tibet etabliert wurde durch die Arbeit von Guru Rinpoche, was dann die Grundlage für die Nyingma-Tradition darstellte, dass zu dieser Zeit die Prasangika-Sichtweise noch nicht nach Tibet überliefert worden war. Das fand erst mit der neuen Übersetzungsperiode statt. 

Und selbst als Prasangika sich dann in Tibet etabliert hatte, entstanden oder seitdem gibt es zwei sehr verschiedene Interpretationen, wie das zu verstehen ist. Die eine davon ist ein Überbleibsel, ein Ergebnis der Nyingma-Tradition oder der frühen Nyingma-Sichtweisen, wo es so erklärt wird, dass es bei Prasangika keine positiven Annahmen gibt, sondern nur widersprüchliche Logik verwendet wird, um begriffliche Zustände oder Begriffsbildung des Geistes zu beseitigen. Diese Erklärungsweise, die findet man heutzutage in den Nicht-Gelug-Traditionen, also Sakya, Nyingma und Kagyü, wo eben Prasangika auf diese Weise erklärt wird. 

Die Gelug-Erklärungsweise unterscheidet sich recht stark davon. Laut der Gelug-Interpretation ist es so, dass Prasangika diese Form von Logik – die Argumentation mit absurden Schlussfolgerungen – benutzt, um das Greifen nach einer wahrhaft von sich aus existierenden Logik zu beseitigen und das ist und nach wahrhaft existierenden Argumentationsfolgen, aber trotzdem meinen die Gelugpas, dass es bei Prasangika positive Behauptungen oder Annahmen gibt. Das ist eine wichtige Unterscheidung, denn wenn man vielleicht nur innerhalb der einen oder innerhalb der anderen Tradition studiert, dann denkt man vielleicht, dass die Art und Weise, wie man Prasangika dort studiert, die einzige Möglichkeit ist, wie Prasangika interpretiert werden kann – und das ist nicht der Fall.

Es gibt zwei wesentliche Kommentare zu diesen Vierhundert Versen, und die sind auch in diesen zwei verschiedenen Erklärungsstilen von Prasangika oder entsprechen diesen zwei Erklärungsstilen von Prasangika. Der frühere Kommentar kommt von Rendawa, das ist einer der Lehrer Tsongkhapas gewesen, und er erklärt eben Prasangika auf diese Weise, dass es laut Prasangika keine positiven Annahmen zu treffen gilt. Der andere Kommentar kommt von Gyaltsabje, der ein Schüler Tsongkhapas war, und er erklärt es eben aus, von, nach, anhand der Gelug-Sichtweise. Der zufolge ist es so, dass Prasangika durchaus einige Annahmen trifft. Es gibt also keine Garantie, in welcher Weise Seine Heiligkeit diesen Text erklären wird, ob’s dies, ob er’s von, von dem, nach der einen Variante oder nach der anderen Variante oder vielleicht auf beide Weisen erklären wird.

Es ist wichtig zu verstehen, was für Texte diese sogenannten Wurzeltexte sind. Also Wurzeltexte sind diese sehr, sehr knapp gefassten frühen indischen Texte. In diesen Texten werden sehr, sehr viele Pronomen benutzt letztlich „dies“ und „jenes“. Diese Texte werden als Wurzeltexte bezeichnet, weil sie eine Wurzel darstellen, von denen viele Zweige des Verständnisses hervorwachsen können und weil sie verschiedene Traditionen und Interpretationen erlauben, die auf Grundlage dieser Texte eben entstehen können und sich auf diese autoritativen Texte stützen können. 

Wenn man Übersetzungen dieser Wurzeltexte liest, dann ist es oft so, dass die Übersetzer dann in Klammern noch zusätzliche Textteile einfügen, die dann eben die Objekte, auf die sich die Worte „dies“ oder „jenes“ beziehen, eben explizit erkennbar machen, aber und dann vielleicht die Grammatik eben leicht entsprechend anpassen, so dass es zu diesen Hinzufügungen passt. Aber dann muss man sich vor Augen halten, dass das eben dann auf einem bestimmten Kommentar beruht und dass man anhand eines anderen Kommentars eben auch vielleicht andere Worte noch in diesem Wurzeltext ergänzen könnte und die Grammatik vielleicht ein kleines wenig, klein wenig anders anpassen könnte, um einem anderen Kommentar zu entsprechen. Das ist also sehr wichtig zu verstehen. 

Wenn man das nicht, nicht im Hinterkopf behält, dann kann es sein, dass man eben sehr verwirrt wird, wenn man verschiedene Übersetzungen oder verschiedene Kommentare zu diesen Texten liest. Auch wenn man diese Texte vielleicht auf eine bestimmte Art und Weise erklärt wird, bedeutet das nicht, dass die anderen Übersetzungen und Kommentare vielleicht nicht genauso berechtigt sind und genauso möglich sind.

Bei Seiner Heiligkeit kann man vorher nicht sagen, wie er vorgehen wird. Manchmal ist es so, dass er eine große Menge von, von Interpretationen zu jedem Vers erklärt, wie er auf diese Weise oder auf jene Weise interpretiert werden kann, und manchmal ist es aber auch einfach so, dass er die Verse nacheinander durchgeht und jeweils eine Interpretation liefert. Ich weiß eben nur darauf hin, damit ihr nicht, damit wir nicht verwirrt sind, wenn Seine Heiligkeit vielleicht dann zu einzelnen Versen verschiedene Interpretationen liefert. 

Diese Art und Weise Texte zu schreiben, die gilt halt nicht nur für diesen Text, sondern die meisten der großen indischen Texte sind auf diese Art und Weise verfasst. Selbst tibetische Meister haben auf diese Art und Weise Texte geschrieben. 

Zusätzlich ist es auch noch so, dass diese Texte in der Regel in Versform verfasst wird und dass sie einem relativ komplizierten schwierigen Versmaß folgen und eben poetische Strukturen einhalten. Und das ist sowohl im Tibetischen als auch im Sanskrit dann so bei diesen Texten. Und dann ist es natürlich so, dass verschiedene Kurzformen verwendet werden und dass generell alles auf eine sehr knappe Art und Weise ausgedrückt werden muss, um eben poetisch ausgedrückt werden zu können.

Ich habe jetzt hier der Tradition des Kloster Vikramashila gefolgt, wie er diese Erklärungen angefangen hat aufzubauen. Dort ist es so, dass man zuerst ein Stück Hintergrund zu dem Autor des Textes liefert, dann zu dem Text selbst ein Stück Hintergrund, damit die Zuhörer eben einen Respekt für die Quelle und für den Text selbst entwickeln können. Und auch hier kann man nicht sagen, wie Seine Heiligkeit vorgeht. Die Lamrim-Texte sind immer so aufgebaut, insbesondere bei Tsongkhapa. Seine Heiligkeit folgt dem vielleicht und vielleicht auch nicht. 

Die Nalanda-Tradition von Erklärungen ist so, dass sich die, dass man sich vorgestellt hat, dass der Lehrer ein Buddha ist, einfach aus dem Grund, weil er die Erklärungen des Buddha übermittelt, dass man selbst ein Arya-Bodhisattva ist und in einem, sich in einem reinen Bereich befindet. und das ist in diesem Fall kein Tantra, das ist einfach Mahayana, auch wenn es natürlich bei Tantra, tantrischen Erklärungen sicherlich besonders betont worden ist. Jetzt zum eigentlichen Text.

Der Text hat 16 Kapitel, die je aus 25 Versen bestehen, was dann insgesamt eben 400 Verse ergibt. In den ersten Kapiteln wird erklärt, wie man positive Kraft auf, also in den ersten acht Kapiteln, in der ersten Hälfte wird erklärt, wie man positive Kraft aufbaut, indem man Fehlverständnisse über die konventionelle Wahrheit beseitigt und indem man damit störende Emotionen und Einstellungen überwindet. In der zweiten Hälfte ist es dann so, dass eine Erklärung über die korrekte Sichtweise der tiefsten, tiefsten Wahrheit, also der Leerheit gemäß Prasangika-Verständnis, aufgezeigt wird. Kurz gesagt ist es also so, in der ersten Hälfte wird ein Verständnis der konventionellen Wahrheit oder der relativen Wahrheit vermittelt, und auf dieser Grundlage kann man dann positive Kraft aufbauen, mit deren Hilfe man die endgültige oder tiefste Wahrheit verstehen kann. Dieses Verständnis der tiefsten Wahrheit wird dann eben in der zweiten Hälfte des Textes erklärt.

Es ist ein sehr tiefgehender Text und er ist auch recht schwer verständlich, vor allem was die zweite Hälfte betrifft. Und Seine Heiligkeit wird diesen Text also in, in einigen Tagen eben durchgehen. Es ist klar, dass dann der Text nun nicht im vollen Detail an allen Stellen abzudecken ist. Es ist, man kann nicht sagen, wo Seine Heiligkeit den Schwerpunkt setzen wird, ob bei dem einen Kapitel oder bei dem anderen Kapitel, bei diesem Aspekt des Textes oder vielleicht bei dem ersten Text, Aspekt des Textes oder bei dem zweiten Aspekt des Textes. Es kann gut sein, dass Seine Heiligkeit viele Verse dann zwischendurch einfach liest ohne sie besonders zu erklären, oder nur einige Aspekte herausgreift, die er vielleicht für von Interesse hält. Es ist einfach nicht möglich, einen Text von dieser Tiefe eben innerhalb so einer kurzen Zeit vollständig und überall sehr detailliert abzudecken. 

Als ich diesen Text in Dharamsala in der Library of Tibetan Works and Archives studiert hat, da war es so, dass der Text für ein Jahr studiert wurde und zwar mit fünf Unterrichtseinheiten pro Woche. Insofern sollte man also nicht entmutigt sein, wenn Seine Heiligkeit dann vielleicht recht schnell zu Werke geht, das ist dann einfach in so ner Situation nötig.

Wenn man sich, wenn man noch mal an die Biographie Aryadevas zurückdenkt, dann ist er ja eben auch ein berühmter Debattierer gewesen und hat eben auch mit verschiedenen nichtbuddhistischen Schulen in Indien debattiert, nicht nur mit der Schule dieses Matrcheta, sondern eben auch mit anderen. 

In der zweiten Hälfte des Textes sind dann eben auch viele Widerlegungen von Annahmen anderer, nichtbuddhistischer Schulen enthalten. Es wird also auch nicht die Zeit sein, dass Seine Heiligkeit dann erst mal die Aussagen dieser anderen Schulen im Detail erklären kann, auf die sich diese Widerlegungen dann eben beziehen. Es ist nicht nur so, dass Aryadeva nichtbuddhistische Schulen widerlegt, er widerlegt auch die anderen Schulen außer der Prasangika-Schule im Buddhismus selbst. Insofern ist es also sollte man also nicht allzu frustriert sein. Dann kann es eben sein, dass Seine Heiligkeit vielleicht einfach nur erzählt, ja „die Samkyas zum Beispiel behaupten dies und Aryadeva widerlegt das dann auf die und die Art und Weise“, „die Nyayas behaupten dann jenes“ und usw. Insofern braucht man also eine Menge Hintergrund für einen Text von dieser Tiefe.

Bei diesen, bei diesen Widerlegungen der verschiedenen nichtbuddhistischen und auch anderer buddhistischer Schulen kann man sich dann vielleicht fragen, was denn eigentlich die Relevanz dieser Widerlegungen ist. Da sollte man sich in Erinnerung rufen, dass es zwei verschiedene Arten von störenden Emotionen und Einstellungen gibt. Die eine Art ist die Form, die auf, ja auf Erklärungen oder auf Lehren beruht und die andere ist die Form, die automatisch entsteht. Störende Emotionen und Einstellungen, die auf Lehren oder Lehrmeinungen beruht, das sind eben Einstellungen, die entstehen, weil man eine bestimmte Erklärung gehört hat. Das können Erklärungen von nichtbuddhistischen Systemen sein oder auch Erklärungen der unteren buddhistischen Lehrmeinungen. Automatische, automatisch entstehende störende Emotionen sind eben diejenigen, die bei jedem vorhanden sind, einschließlich bei Tieren.

Wenn man dann bestimmte Sichtweisen eben vielleicht selbst für sich annimmt, zum Beispiel wie jetzt eine Seele existiert auf eine bestimmte Art und Weise, dann kann es sein, dass man sehr viel Anhaftung an diese Sichtweise entwickelt oder dadurch Stolz entwickelt. Es kann sein, dass man geistige Engstirnigkeit und Ignoranz entwickelt; es kann sein, dass dadurch Ärger entsteht und dass man dann vielleicht alle, die eine andere Meinung haben, eben an irgendwelche Pfähle binden und verbrennen lassen möchte usw. 

Also ist es so, dass man erstmal diese auf Lehrmeinungen beruhenden falschen Ansichten überwinden muss, um dann die Voraussetzung zu haben, tatsächlich ein Verständnis oder tatsächlich diese, diese automatisch entstehenden störenden Emotionen zu überwinden, das heißt, man muss erst Sichtweisen überwinden, die verkehrt sind oder fehlerhaft oder nicht ausgefeilt genug und erst danach kann man an die automatisch entstehenden störenden Emotionen herangehen, und das ist die Art und Weise, wie es also und die, die eben bei uns allen dann vorhanden sind. Zum Beispiel ist es so, dass ein Hund, ja, sozusagen automatisch ärgerlich wird, wenn man ihm seinen Knochen wegnimmt. Und das ist dann das, was man als Zweites angehen muss. Und wir könnten natürlich auch Anhaftung aufgrund von Sichtweisen entwickeln, die wir eben im Westen gelernt haben, die keine indischen Sichtweisen haben. Also es sind diese Formen von Widerlegungen schon relevant. 

Dann wollen wir jetzt zu den eigentlichen Kapiteln des Textes kommen. In den ersten vier Kapiteln zeigt Aryadeva eben, wie man verschiedene fehlerhafte Betrachtungsweisen überwinden kann. Es geht da also um verschiedene Sichtweisen der konventionellen Wahrheit, die fehlerhaft sind und deren Überwindung er lehrt. Und dass man, also diese vier, das sind vier Sichtweisen: dass man also unbeständige, dass man Dinge, die von Natur aus unbeständig sind als von Natur aus beständig ansieht. Dass man Dinge, die von Natur aus leidhaft sind als von Natur aus mit Glück verbunden betrachtet. Dass man Dinge, die von Natur aus unrein sind als von Natur aus rein betrachtet. Und dass man Dinge, denen ein unmögliches Selbst und eine unmögliche Seele fehlt, so betrachtet, als wären sie mit einem unmöglichen Selbst und einer unmöglichen Seele versehen. Diese vier Widerlegungen führt Aryadeva am Beispiel des Körpers durch. Er widerlegt dort eben, zeigt dort eben, dass der Köper unbeständig ist und nicht beständig, dass er eben leidhaft ist und nicht Glück, dass er, dass er unrein ist und eben nicht rein und dass er frei von einem unmöglichen Selbst ist und kein unmögliches Selbst besitzt. 

Letzteres erklärt er am Beispiel des Stolz auf das, des Stolzes auf das eigene Selbst. Und er führt diese Widerlegungen in dem Fall durch, ohne im Detail dann auf die einzelnen Widerlegungen eines unmöglichen Selbstes an einzugehen an dieser Stelle. Das ist also der Inhalt der ersten vier Kapitel, eben jeweils ein Kapitel für jede dieser vier verkehrten Sichtweisen.

Wenn man also sich fragt, was diese fehlerhafte Betrachtungsweise eigentlich ist, dann ist es keine störende Emotion oder Einstellung, sondern es ist ein bestimmter Geistesfaktor, von dem dies ausgeht. Dieser Geistesfaktor kann man auf verschiedenste Arten und Weisen bezeichnen, aber es ist eine bestimmte Art und Weise, wie man die Aufmerksamkeit auf etwas lenkt oder wörtlicher, wie man etwas auffasst. Man kann eben Dinge auf verschiedenste Art und Weisen auffassen. Da ist die Rede davon, dass man Dinge immer und immer wieder sich geistig oder ja, sich vergegenwärtigt, geistig erfasst oder dass man Dinge mit sehr viel Bemühung erfasst oder ohne Bemühung erfasst. 

Diese verschiedenen Arten des Betrachtens oder der Erfassensweise, die werden bei, werden bei Erklärungen erklärt, wo es darum geht, konzentrative Versenkung zu entwickeln. Andererseits gibt es aber eben auch Einteilungen von diesen, von diesen verschiedenen Erfassungsweisen, die sich darauf beziehen, wie man ein Objekt inhaltlich erfasst. Also ob man es als beständig oder unbeständig erfasst, ob man es eben als, als rein oder als unrein betrachtet usw. Diese Form von Betrachtungsweise kann eben entweder mit der Wirklichkeit übereinstimmen oder sie kann nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, das heißt sie kann entweder korrekt oder sie kann inkorrekt sein. Wenn man sich also fragt, wodurch diese inkorrekte Betrachtung, diese inkorrekten Betrachtungen dann zustande kommen, dann ist es erst mal so, ach so, nee. Es ist so, dass diese fehlerhafte Betrachtungsweise also die Ursache darstellt für das Auftreten der eigentlichen störenden Emotionen.

Das heißt, wenn man den Körper als beständig betrachtet, dann kann eben sehr leicht Anhaftung entstehen. Wenn dann kann man sich natürlich fragen, woher diese fehlerhafte Betrachtungsweise selbst kommt, und die beruht eben auf Naivität, auf geistiger Engstirnigkeit, auf Ignoranz, Unwissenheit, gibt es viele Worte dafür. Es gibt erst mal die Gewohnheiten des Greifens nach, nach fehlerhaften Erscheinungen, die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise erscheinen lassen in der Regel, also vor allem lassen sie eben Dinge als wahrhaft existent erscheinen. Man kann, kann sagen, dass genauso wie die Dinge eben als wahrhaft existent erscheinen durch die Gewohnheit des Greifens nach wahrer Existenz, dass eben genauso aufgrund von Unwissenheit oder Nicht-Gewahrsein die Dinge auch konventionell auf eine verkehrte Art und Weise erscheinen, dass sie eben beständig erscheinen beispielsweise statt unbeständig. Das sind eben dann bestimmte Arten, wie man Dinge erfasst oder begreift.

Es ist also sehr wichtig, dass man hier versteht, dass es da zwei verschiedene Anteile gibt: wenn einem zum Beispiel eine bestimmte Form sehr, sehr angenehm, sehr, sehr anziehend vorkommt, dann ist das noch nicht das gleiche wie eine störende Emotion. Also man kann zum Beispiel denken: „oh, der Körper ist so toll“ oder „die Person sieht so toll aus, sehr, sehr sexy“, das bedeutet aber noch nicht, dass man begehrliches Verlangen hat. Das ist also der zweite Schritt. Man kann also erst mal denken: „Ja, ist sehr schön. – Na und?“ ungefähr. Das ist also sehr wichtig, diesen Unterschied zu kennen. 

Wenn man sich dann von störenden Emotionen befreit, ist es also auch so, dass das in zwei Stufen vor sich geht. Dass man zuerst die störenden Emotionen selbst beseitigt, und dass man dann diese fehlerhafte Erscheinungsweise überwindet. Beispielsweise eben dass Dinge, die, ach so, und dass ist eben, dass ist eben vergleichbar mit, ach so, ja. Okay. Hier an dieser Stelle befreit man sich aber eben nicht von ner Erscheinung einer fehlerhaften Existenzweise, sondern man wird, befreit sich hier von einer fehlerhaften konventionellen Betrachtung, was die Dinge selbst sind, eben weil man denkt, dass sie rein sind statt unrein, dass sie beständig sind statt unbeständig usw.

Es ist also wichtig, wie man, wie sich der, wie sich der Prozess der geistigen Entwicklung hier vollzieht. Wenn man diese, diese störenden Emotionen überwinden, überwinden möchte, wenn man also beispielsweise bemüht ist, begehrliches Verlangen und Anhaftung an körperliche Objekte, an angenehme Körper zu überwinden, dann, dann kann es sein, dass man nach ner gewissen Zeit eben nicht mehr so starkes begehrliches Verlangen empfindet. Wenn man mit Personen konfrontiert ist, die man angenehm findet, dass man dann eben nicht mehr sofort den Impuls hat, mit ihnen zusammenzukommen, mit ihnen dies und jenes zu tun. Aber es ist trotzdem noch eine gewisse Gewohnheit davon in einem vorhanden. 

Das wird bedeuten, dass bestimmte Körper für einen, je nachdem, was für, womit man eben aus Gewohnheit vertraut ist, trotzdem sehr attraktiv und sehr sehr sexy für einen aussehen werden und das man dann zwanghaft versucht sein wird, beispielsweise diese Personen auf der Straße oder in der U-Bahn usw. zu betrachten. Das ist einfach zum Beispiel etwas, was einfach aufgrund von Gewohnheiten passiert. Wenn dies eben passiert, dann bedeutet‘s trotzdem nicht, dass man an dieser Stelle eben in Besessenheit verfallen muss und beispielsweise eben besessen den anderen Personen nachkucken muss oder eben besessen jetzt in irgendwelches Verlangen verfallen muss, wo man denkt: „Ach, wenn ich doch mit der Person zusammen sein könnte“ und „wenn ich nur dies und jenes machen könnte“.

Es ist also sehr, sehr wichtig, das für die Geistesschulung zu verstehen. Auch bei Ärger ist es das gleiche oder wenn man sehr ängstlich vielleicht ist. Da ist es also sehr wichtig, auch Geduld mit sich selbst zu haben. Diese Geduld entstehteben, indem man sich klar macht, auf welche Art und Weise die Schulung nach und nach verläuft, abläuft, wenn man sich von diesen störenden Emotionen befreien möchte. Zuerst ist es also so, dass man diese störenden Emotionen selbst überwindet. Danach erst kann man sich dann an diese fehlerhafte Betrachtungsweise heranmachen.

Wie gesagt, es wird eben, werden eben hier vier fehlerhafte Betrachtungsweisen nacheinander, nacheinander widerlegt. Die erste bezieht sich eben auf die Beständigkeit. Das erste Kapitel heißt dann „Das Aufzeigen von Methoden, um sich selbst vom Greifen nach dem Körper als beständig zu befreien“, und hier versucht man also die Betrachtungsweise zu überwinden, mit der man eben den Körper als beständig überwindet. Man macht sich eben klar, dass der Körper nicht ewig währt, dass er unbeständig ist und versucht sich eben, also versucht eben den Körper korrekt zu betrachten, zu verstehen, dass er eben nicht beständig, sondern unbeständig ist.

In diesem Kapitel bespricht Aryadeva zuerst den Tod also als Beispiel für die grobe Unbeständigkeit. Und er weist eben darauf hin, dass uns der Tod gewiss ist, dass wir, dass einfach jeder sterben muss und dass wir mit jedem Augenblick dem Tod näher und näher kommen – sehr ähnlich wie Shantideva das später dann auch in seinem Text schreibt.

Der Zeitpunkt des Todes ist andererseits eben ungewiss und Aryadeva warnt eben vor der naiven Vorstellung, dass man ewig leben könnte. Diese Diskussion ist an der Stelle auch sehr ähnlich wie die in Nagarjunas Brief an einen Freund. Diese Texte sind also alle sehr frühe Quellen für die verschiedenen Themen, die dann später in den Lamrim-Texten diskutiert werden und für die berühmten Zitate, die dann dort auftauchen. Und viele der grundlegenden Lamrim-Meditationen gehen auf solche Passagen zurück, hier eben ist es die Meditation über Tod und Unbeständigkeit.

Die Unbeständigkeit des Körpers wird von Aryadeva nicht nur auf den eigenen Körper bezogen erklärt, sondern er dehnt es eben auch auf geliebte Personen aus. Er weist darauf hin, dass es wichtig ist, dies zu verstehen. Er macht das eben deutlich am wahrscheinlich schwierigsten Fall, mit dem man konfrontiert werden kann, nämlich dem Tod des eigenen Sohnes oder Kindes. Er weist darauf hin, dass es sehr, sehr wesentlich ist, Anhaftung zu überwinden, einfach weil Anhaftung letztlich nur Leid bewirkt.

Einfach weil es so ist, dass Trennung das natürliche Ergebnis des Zusammentreffens ist und das natürliche Ende jedes Zusammentreffens. Auch bei den eigenen Kindern ist es eben so, dass ihr Leben letztlich nur kurz ist. Es wird zwangsläufig so sein, dass entweder man selbst als erstes dahinscheiden muss oder das Kind zuerst verscheidet. Dies gilt eben für die eigenen Kinder, aber es gilt auch bei der Familie und noch mehr vielleicht bei Partnerschaften oder ähnlichem.

Wenn man nicht mehr am eigenen Körper anhaftet, dann, sagt Aryadeva, ist es eben so, dass man, ja dass man, dass man nichts zu fürchten braucht, wenn der Tod kommt und dass man eben mit dieser Einstellung auch sich freudig in den Wald zum Retreat zurückziehen kann. Shantideva schreibt also sehr Ähnliches in seinem Kapitel über geistige Stabilität bzw. Konzentration und er weist dort darauf hin, dass das größte Hindernis für Konzentration eben Anhaftung ist, vor allem Anhaftung an den Körper und, so wie er sagt, eben auch noch Anhaftung an kindische Menschen. Wenn wir uns eben vormachen, wir würden ewig leben, dann ist es einfach so, dass wir auch intensive Meditationspraxis immer weiter aufschieben. Aber es ist einfach so, dass wir die konventionelle Wahrheit über uns selbst verstehen müssen, unsere Unbeständigkeit verstehen müssen. Es ist einfach so, dass wir nur kurz leben, dass diese kostbare Menschengeburt nur kurz währt und dass der Tod jederzeit kommen kann. Deshalb müssen wir also diese Gelegenheit jetzt nutzen.

Im zweiten Kapitel spricht Aryadeva dann über Methoden, mit denen man das Greifen nach dem Körper als etwas Angenehm überwinden kann. Und es ist so, dass der Körper unbeständig ist. Aber trotzdem betont Aryadeva, dass wir uns um ihn kümmern müssen. Andererseits erklärt Aryadeva, dass der Körper wie ein Feind ist, weil er eben Leid und Schmerz bringt so wie auch Vergnügen und Glück bewirkt.

Dann kommt ein Vers, der sehr bekannt, sehr berühmt ist, und in dem heißt es, dass es sehr leicht ist, sehr einfach ist, Leid und Unglück zu erfahren, und sehr, sehr schwierig Glück zu erfahren. Der Grund dafür ist, dass die Ursachen für Leid sehr viele sind und die Glücksursachen dagegen sehr wenige. Wenn das der Fall ist, dann ist doch die Frage, warum wir nur an das Glück denken und das Unglück nicht in Betracht ziehen, obwohl es doch eigentlich das größere Gewicht hat.

Aryadeva diskutiert dann ganz bestimmte Leiden, und zwar Hunger, Krankheit, Alter und Tod, diese Form von Leiden, wie sie eben oft in buddhistischen Texten diskutiert werden und die der Körper mit sich bringt. Wenn der Körper solche Leiden bewirkt, dann ist doch die Frage, warum wir dem Körper eigentlich so zugetan sind.

Es ist so, dass diese Probleme eben mit zunehmendem Alter sich sogar noch verstärken, mit dem Alter erfährt man mehr Schmerzen, man wird kränker, nach und nach beginnen die Sinne zu versagen, man hat zunehmend Furcht vor dem Tod, der einem näher oder dem man näher kommt. Es ist also nicht so, dass der Körper eben deshalb mit fortschreitendem Alter angenehmer würde, sondern es ist eben eher so, dass er unangenehmer wird, dass man mehr Schwierigkeiten hat. Und hässlich wird er auch.

Dann stellt Aryadeva wie Frage, was eigentlich unser Glück und Unglück bestimmt. Aryadeva weist eben darauf hin, dass das unser Geist ist. Bei samsarischen Lebewesen ist es aber so, dass unser Geist oder unser Denken wiederum kontrolliert wird von Leiden und Unglück. Man kann ja mal drüber nachdenken, wie viel Zeit wir zum Beispiel damit verbringen uns zu beschweren und dass wir eben sagen „Dies ist nicht gut und jenes sollte anders sein und das ist schleckt und das ist unangenehm“ und so weiter. 

Es gibt nichts, was so zu störenden Emotionen, oder ja, was so stark zu störenden Emotionen beiträgt wie dies eben. Deshalb ist es auch gut. Dieses Unglück sorgt dann eben wieder dafür, dass verstärkt störende Emotionen auftreten und die wiederum sind eine Ursache dafür, dass wir zusätzliches Unglück und Leid erleben. Wie oft ist es so, dass wir eben, wenn es uns schlecht geht, noch denken, „Ach, wie unglücklich bin ich“. Andererseits wie selten denkt man „Oh wie glücklich bin ich grad mal“. Eben diese Einstellung sorgt dafür, dass das Leid die störenden Emotionen und die störenden Emotionen wiederum Leid hervorbringen. Insofern ist es also sehr wichtig, eine realistische Einstellung zum eigenen Körper zu finden.

Aryadeva weist darauf hin, dass der Körper aus den vier Elementen besteht, also das ist Erde, Feuer, Wasser und Wind, und dass es die Natur dieser vier Elemente ist, miteinander im, ja, im Konflikt zu stehen. Aus diesem Grund ist es ganz natürlich, dass mit dem Körper dann auch Leid verbunden ist, wie eben dass wir uns teilweise, dass uns teilweise zu heiß oder zu kalt ist.

Aryadeva weist hin, weist darauf hin, dass es unangebracht wäre negative karmische Handlungen zu begehen in der Hoffnung, dass wir dadurch zeitweiliges und letztlich sowieso nicht befriedigendes körperliches Glück erfahren könnten wie zum Beispiel wenn wir dann fortgehen um uns zu betrinken vielleicht oder unangebrachtes sexuelles Vergnügen suchen und so weiter. Bei den geringen körperlichen Annehmlichkeiten, die man erlebt, beispielsweise wenn man sich befriedigt fühlt, nachdem man gutes Essen gegessen hat oder wenn man ein sexuelles Erlebnis hat, dann könnte man ja auf dieser Grundlage denken, dass der Körper eben doch mit Glück verbunden ist, aber dort ist es wiederum so, dass das Leid des Wandels ins Spiel kommt. Es ist einfach so, dass diese Formen von Glück niemals anhaltend sind, dass sie niemals ausreichend sind und dass man immer wieder dann noch mehr möchte. Aryadeva, diesen Punkt des Leids des Wandels bespricht Aryadeva nicht direkt, aber es ist so, dass man ihn hier mit verstehen sollte oder dass er aus dieser Diskussion folgt.

Was Aryadeva allerdings sagt, ist dass wenn wir den Körper als Quelle von Glück betrachten, dass wir dann niemals die Anhaftung an den Körper überwinden werden. Mit dem Körper ist es so, dass er unbeständig ist. Unbeständige Dinge haben es von Natur aus an sich, dass sie Schaden erfahren und dass sie letztlich auseinander fallen. Das gilt eben auch für den Körper, weil er unbeständig ist. Insofern ist es also unausweichlich, dass der Körper letztlich mit Leiden und mit schädigenden Umständen zusammentrifft wie eben alle anderen unbeständigen Dinge auch. Und wenn man stirbt, dann ist es ja in der Regel nicht so, weil man mit Glück zusammentrifft. Man stirbt ja nicht vor lauter Glück, sondern in der Regel stirbt man eben, weil man mit Leiden und mit körperlichem Schaden zusammentrifft, beispielsweise eben Krankheit und Alter und solchen Dingen. Aus diesem Grund ist der Körper also Leiden, was der ersten Edlen Wahrheit entspricht.

Im dritten Kapitel werden dann Methoden erklärt, mit denen man sich vom Greifen des Körpers als etwas Reinem, ja, als etwas Reinem befreien kann. Aryadeva fragt dann, warum man eigentlich am eigenen Körper hängt oder jetzt auf heterosexuelle Männer bezogen am Körper von Frauen. Das ist der Grund dafür und warum man sie als was Angenehmes betrachtet. Der Grund dafür ist, dass man sie eben als etwas Reines betrachtet. Das ist aber eine verkehrte Ansicht. Aryadeva weist darauf hin, dass man also kein dauerhaftes, kein bleibendes Glück aus körperlicher Anziehung erfahren kann.

Dann kommt eben ein Vers, der sehr bekannt ist, nämlich dass sogar Hunde ihre Partner anziehend finden, was ist also an der Person so besonders, die man selbst reizvoll findet.

Es mag zwar sein, dass Menschen auch positive oder gute und anziehende Eigenschaften haben, aber sie haben eben andererseits auch unattraktive Anteile oder Merkmale, die man dadurch, die man eben nicht vergessen sollte andererseits. Es mag zwar sein, dass eine Person äußerlich attraktiv ist, aber der Mageninhalt oder der Inhalt des Darms, die sind eben nicht so besonders anziehend.

Mit der Person, an der man haftet, wird man nicht zusammenbleiben können und die, das Glück, was man dort erlebt oder erfährt ist kein, ist nicht das überragende Glück, das vom Buddha gelehrt wurde. Hier verknüpft Aryadeva diese Diskussion eben wieder mit der Diskussion über die Unbeständigkeit, die er zuvor schon besprochen hat. Das heißt, hier wird die Diskussion eben mit der Diskussion des Körpers als etwas verbunden, was keine Quelle von bleibendem Glück ist, von dauerhaftem Glück.

Dann kommt eine Diskussion, die sehr der Diskussion von Shantideva in seinem Kapitel über Konzentration ähnelt, wo eben auch besprochen wird, wie der Körper beschaffen ist. Hier wird eben gesagt, dass man sich vor Augen halten sollte, wie das, wie viel, ja, Unrat im Körper des anderen, im Körper des Partners enthalten ist. Und Aryadeva weist deshalb darauf hin, dass es doch absurd ist, an einem Gefäß voller Exkremente so sehr anzuhaften.

Er verwendet da ein sehr bekanntes Beispiel, bei einigen Menschen ist es so, dass sie sogar Vergnügen daran finden, wenn sie beim, wenn sie sich erbrechen müssen, in einen goldenen Topf sich erbrechen können.

Shantideva hat sehr viel später gelebt. Aryadeva hat Mitte des zweiten bis Mitte des dritten Jahrhunderts ungefähr gelebt, Shantideva hat Anfang des achten Jahrhunderts gelebt. Aber es ist trotzdem so, wenn man sich auch zum Beispiel den Brief an einen Freund von Aryadevas Lehrer Nagarjuna ansieht, dass viele Zitate, viele Themen, die dort besprochen werden und auch die Art und Weise, wie bestimmte Themen besprochen werden, sehr ähnlich sind und dass diese Texte auch Quellen sind für das, was Shantideva später erklärt hat.

Aryadeva weist darauf hin, dass man das Innere des Körpers niemals rein bekommen wird, egal wie oft man das Äußere des Körpers auch waschen mag. Geshe Dhargyey hat das dann in leicht anderer Form ähnlich ausgedrückt, und meinte dann eben sogar, dass man also ein Stück Exkrement waschen kann so viel man will und dass es niemals sauber wird. Indirekt ist das auch ein Stück, ja, Spott über die Hindu Vor, hinduistischen Vorstellungen, dass man sich eben im Ganga-Fluss waschen kann und dadurch seine negativen karmischen Kräfte beseitigen kann. Das ist also das Kapitel, mit dem, wo besprochen wird, wie man sich vom Greifen nach dem Körper als rein befreit.

Das vierte Kapitel ist dann das Aufzeigen von Methoden, um sich selbst vom Greifen nach dem Körper als mit einem unmöglichen Selbst versehen befreien kann, über dieses man stolz ist. Wenn jetzt von einem unmöglichen „Selbst“ die Rede ist, dann gibt es viele verschieden tiefe Verständnisebenen, was ein, wie ein so ein unmögliches „Selbst“ denn vermeintlich beschaffen wäre. Die allgemeinste Form, wie man ein solches Selbst dann vielleicht sich vorstellt, ist, dass man die Vorstellung eines Selbst hat, das aus bestimmten nichtbuddhistischen Lehrsystemen kommt.

Dort gewinnt man eine bestimmte Vorstellung basierend auf diesen Erklärungen, dass man ein solches Selbst hat und entwickelt dann eben vielleicht Stolz bezogen auf dieses Selbst. Die wesentliche Vorstellung in den indischen nichtbuddhistischen Systemen ist, dass es also eine Seele oder ein sogenanntes Atman gibt, welches statisch ist, also sich niemals verändert. Wenn man diesen Begriff statisch im Sinne von beständig übersetzt, dann ist es vielleicht, also was oft getan wird, dann wird das ein bisschen irreführend, dann könnte man also vielleicht denken, das ist ewig. 

Im Buddhismus ist es allerdings auch so, dass das Bewusstseinskontinuum, aufgrund dessen man das Selbst benennen kann, etwas ist, was anfangslos, also schon immer, existiert. Und auch endlos. Dass bei dem Unmöglichen Selbst oder der unmöglichen Seele ist es aber so, dass, dass man dort der Meinung ist, dass es ein also statisch ist, was also unveränderlich ist. Es wird weiterhin angenommen, dass es keine Teile hat und dass es vollkommen unabhängig ist. 

Wenn also eine solche Seele oder ein solches Selbst dann, also es, entweder wird dann gesagt, dass dieses Selbst die Größe des gesamten Universums besitzt wie zum Beispiel, wenn man dann so Vorstellungen hat, dass Atman Brahman ist oder andererseits gibt es auch Vorstellungen, dass das Selbst vielleicht die Größe eines allerkleinsten Teilchens hat wie so ein Lebensfunke. 

Jedenfalls sind diese verschiedenen Schulen der Meinung, dass das Selbst vollständig von den Aggregaten getrennt ist. Wenn das Selbst also dann von Leben zu Leben geht, dann ist es vollkommen unabhängig von einem Körper oder einem Geist, mit dem es verbunden wäre. Das ist dann die Vorstellung eines Selbst, die man sich vielleicht zu eigen machen könnte und aufgrund derer man dann vielleicht Stolz entwickeln könnte, indem man dann denkt „Ach, ich bin doch so toll“ und so weiter. Das wäre dann eine auf Lehren, auf Lehrmeinungen basierende falsche Vorstellung eines Selbst.

Dann gibts andererseits auch diese automatisch auftretende Form des Greifens nach einem unmöglichen „Selbst“. Wenn also die besteht darin, wenn wir denken, dass das „Selbst“ einer Person ganz für sich ganz losgelöst und eigenständig erkannt werden kann und so dass wir also denken, das Selbst oder das „Ich“ einer Person kann unabhängig von den Aggregaten, von Körper und Geist erfasst werden. Wenn wir also an eine bestimmte Person denken, dann fühlt es sich so an, dass wir an diese Person denken können oder auch die Person wahrnehmen können unabhängig davon, dass wir jetzt grade den Körper sehen oder die Stimme hören oder etwas in der Art und Weise. Und wenn man mit ner bestimmten Person telefoniert, dann denkt man wirklich „Ich rede jetzt mit Monica“ oder „Ich rede jetzt mit Daniel“. Man denkt nicht „Ich spreche mit einem Körper, der bestimmte Klänge produziert und auf dieser Grundlage kann ich das Ich von Monika oder Daniel benennen“. 

Genauso wenn man einen Körper einer anderen Person sieht, dann denkt man wirklich „Ich sehe jetzt Ursula“, „Ich sehe jetzt Christian“. Man denkt nicht „Ich sehe einen bestimmten Körper und auf dieser Grundlage kann ich Ursula oder Christian dann zuschreiben“. Oder man denkt eben „Ich kenne diese Person. Ich kenne Marianne. Ich kenne den und den“. Und was kenne ich? Ich kenne vielleicht bestimmten Hintergrund, ich kenne die Persönlichkeit, ich kenne vielleicht die Geschichte der Person und so weiter. Und auf dieser Grundlage kann ich dann die eigentliche Person benennen, kann die Person zuschreiben.

Die Vorstellung, dass wir aber die Person unmittelbar, unabhängig von so einer Zuschreibung und solchen Grundlagen erfassen könnten, das ist dann das automatisch auftretende Greifen nach einem unmöglichen Selbst. Aufgrund einer solchen falschen Vorstellung kann sich dann natürlich auch zum Beispiel Stolz entwickeln und wir können uns dadurch selbst auf diese falsche Art und Weise auffassen. Wir denken dann zum Beispiel „Ich kenne mich selbst“. Oder wenn wir in den Spiegel kucken, so denken wir „Ich sehe mich im Spiegel“, „Ich höre meine Stimme auf dem Anrufbeantworter“, „Da ist ein Bild von mir, das bin ich“. Das sind eben Sichtweisen, die sind in dieser Form offensichtlich verkehrt.

Monika hatte dann so den leichten Einwand gebracht, wenn man sich allerdings jetzt nicht erkennen würde, dann wär ja auch eine gewisse geistige Störung vorhanden. Es aber darum nicht geht. Es geht nicht darum, dass man sich nicht erkennen sollte, sondern hier geht’s eben darum, dass wir die Vorstellung haben, da ist eine Person, die unabhängig von der Benennungsgrundlage oder von verschiedenen Benennungsgrundlagen existieren könnte. Und das ist eben eine falsche Sichtweise und an dieser Stelle, ja, haben wir so eine solide Vorstellung der Person als wäre sie eben eine eigenständige solide Sache. Wenn ich zum Beispiel ein Foto von jemandem sehe, dann sehe ich eigentlich nur einzelne Bildpunkte, die die Form eines Körpers angenommen haben oder widerspiegeln und das konventionelle „Ich“ der jeweiligen Person wird dann eben auf Grundlage dieser farbigen Punkte benannt. Aber diese Bildpunkte sind ja nicht mal der Körper selbst, oder?

Das ist also wirklich ein ziemlich wichtiger und ziemlich tiefgründiger Punkt und es ist sehr wesentlich, dass wir für uns selbst das durcharbeiten und schauen, wie entstehen eigentlich störende Emotionen in Abhängigkeit von diesen falschen Sichtweisen. Wenn wir zum Beispiel denken „Ich bin unglücklich“ oder „Ich bin so toll“ oder „Du bist so toll“, „Du bist so fürchterlich“, dann ist es doch so, dass wir hier, ach so, ja, und hier geht’s darum, dass wir nicht davon reden, wie das Selbst, dass nicht so sehr davon die Rede ist, wie das Selbst existiert, sondern eher, wie man das Selbst, auf welche Art und Weise man das selbst erkennen kann. Natürlich, wenn man versteht, auf welche Art und Weise das Selbst zu erkennen ist, dann folgt indirekt daraus auch, auf welche Art und Weise das Selbst existiert, aber hier geht’s eben speziell darum, um die Art und Weise, wie man das Selbst erkennen kann und nicht wie das Selbst an sich existiert.

Wenn wir zum Beispiel denken „Ich bin so besonders toll“, dann ist die Frage, was ist eigentlich die Grundlage dieses Gedankens. Da wissen wir vielleicht, ja, „Ich hab dies gemacht und das und jenes“. Aber wenn wir eben denken „Ich bin so toll“, dann scheint es uns so, als ob da noch so irgendein „Ich“ ist, was völlig unabhängig ist von dem, was wir eben getan haben und so weiter. Oder ganz genauso, wenn wir denken „Ach, ich bin so traurig“, dann haben wir eben ein bestimmtes Geisteskontinuum und das wird vielleicht begleitet von Traurigkeit, während wir beispielsweise die Wand ankucken oder während wir irgendwas denken und so weiter. 

Auf dieser Grundlage kann man das konventionelle „Ich“ zuschreiben. Und kann dann eben sagen „Darüber denke ich gerade nach“. Aber es gibt auch viele andere Dinge, auf deren Grundlage man die Person zuschreiben könnte. Ganz genauso wenn man jetzt denkt „Ach du bist so fürchterlich“, dann ist doch erst mal die Frage, ja was ist denn eigentlich so fürchterlich? Die Körper, der Körper, die Stimme, die Handlung der anderen Person und so weiter. Genauso wenn man denkt „Ach, du bist so toll“. 

In der Regel ist es aber so, dass man das Gefühl hat, man würde über die Person an sich denken, ganz losgelöst. Ganz, an sich nachdenken, ganz losgelöst von irgendwas anderem. Und ohne irgendwas anderes zu berücksichtigen. Es ist allerdings, wenn man sich überlegt, so, dass eben ständig noch Dinge mit dabei im Spiel sind, während man denkt „Ja, die andere Person ist so schlecht oder ist so“ was immer, dass wir gleichzeitig Dinge sehen oder hören und so weiter. Wenn wir also diese falsche Sichtweise haben, dass die Dinge aber ganz unabhängig von ihrer Grundlage existieren oder eine Person unabhängig von ihrer Grundlage existiert, dann können eben solche Einstellungen wie Ärger oder Stolz oder Anhaftung etc. entstehen.

Das unmögliche Selbst, nach dem man in der, laut der Prasangika-Schule automatisch greift, ist allerdings etwas noch subtileres als wir es jetzt hier besprochen haben, aber dazu kommen wir dann später in den letzten acht Kapiteln. Eine der Schwierigkeiten, die sich bei der Diskussion oder bei den Erklärungen Seiner Heiligkeit ergeben werden und bei der Tiefgründigkeit dieser Erklärung ist, dass es viele verschiedene Arten eines unmöglichen Selbst gibt. 

Es gibt viele verschiedene Arten von falschen Sichtweisen und viele verschiedene Arten von unmöglichen Existenzweisen, viele unmögliche Selbste oder Formen von unmöglicher Seele und die werden im Tibetischen und im Sanskrit alle mit verschiedenen Fachbegriffen bezeichnet. Da hat sich dann eben so ne, ein spezieller Jargon, so eine spezielle Redeweise rausgebildet. Sogar selbst im Tibetischen und im Sanskrit, die vielleicht erst mal nicht besonders selbsterklärend ist. Es ist dann so, dass eben manche diese Definitionen in den einzelnen verschiedenen Lehrmeinungssystemen dann jeweils auswendig gelernt haben, was der jeweilige Begriff in den bestimmten Lehrsystemen bedeutet. Denn es ist so, dass Begriffe beispielsweise wahre Existenz oder andere solche Worte eben je nach Kontext und je nach Lehrmeinungssystem was anderes bedeuten. Wenn man dann eben so ein Stück, so ein Fetzen davon hört und Seine Heiligkeit das vielleicht andeutet, dann weiß eine Person, die diese Definition eben beispielsweise gelernt hat, auf welches System oder welche Ansichten sich Seine Heiligkeit an der Stelle ganz genau bezieht und wovon er grade redet.

Bei dem, bei diesem aus sich heraus existierenden „Selbst“ ist es so, dass dies zum Beispiel oft als „substanzielles Selbst“ übersetzt wird. Das ist allerdings eine Übersetzung, die zumindest die Bedeutung nicht voll herüberbringt, obwohl es wörtlich in dem Begriff im Tibetischen enthalten ist. Es ist also ein Selbst, was, es ist also ein substanzielles Selbst, das, jedenfalls dieses eigenständige Selbst ist also ein Selbst, was substantiell existiert und auf seinen eigenen Füßen stehen kann, so wird es ausgedrückt eben in dem Sinne, dass es für sich selbst wahrnehmbar ist. Wenn man also dann diese ganzen Worte hört und diese ganzen Jargon hört, dann sollte man sich davon also nicht allzu sehr abschrecken lassen, weil es einfach so ist, dass der Übersetzer und auch Seine Heiligkeit natürlich dann nicht in der Lage sein wird, jeden dieser Begriffe vollständig zu erklären. Aber es steckt hinter diesen Begriffen eben sehr, sehr viel dahinter. Das ist auch der Grund, warum man eben sehr, sehr viel studieren muss und sehr tiefgehend studieren muss, um diese Leerheitserklärung vollständig zu verstehen.